Ein Unterhaltungskünstler verzaubert mit Niveau

Stefan Mickisch, Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart,  Theater an der Wien

Stefan Mickisch: Die Zauberföte von Wolfgang Amadeus Mozart
Vortrag mit Klavierbegleitung
Theater an der Wien, 29. Jänner 2017

Stefan Mickisch ist ein Genie. Er schafft es, dass sich Jung und Alt, Frau und Mann, Menschen mit und ohne Magister gleichermaßen von ihm unterhalten fühlen. Wer der deutschen Sprache mächtig ist und ein Ohr für Klassik hat, der muss Stefan Mickisch lieben.

Der Pianist, Klassik-Begeisterte und Klassik-Erklärer hat am Sonntagabend im Theater an der Wien vor fast ausverkauftem Hause 1100 Zuhörern mit Worten und Klaviermusik erklärt, wie genial und unsterblich Wolfgang Amadeus Mozart und seine Jahrtausend-Oper „Die Zauberflöte“ sind.

Die zwei Stunden mit dem gebürtigen Oberpfälzer aus Bayern sind dabei wie im Fluge vergangen. Niemandem war auch nur eine Spur langweilig. Und wenn Stefan Mickisch einmal Noten suchte oder – ganz selten – eine Taste auf dem Steinway-Flügel daneben griff, so machte ihn das umso menschlicher, umso nahbarer.

„Kein Werkerklärer kann ihm das Wasser reichen, weder ein toter, noch ein lebendiger“, schreibt die Wiener Staatsoper. „Wer Mickisch kennt, kommt, wer Mickisch nicht kennt, muß kommen!“ ergänzt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ).

Ausnahmsweise ist der Text im Programmheftchen einmal nicht übertrieben, wenn es heißt: „Profundes Wissen, Spontaneität, Schlagfertigkeit, Humor und Spiritualität bilden neben der Pianistik wichtige Säulen in der Vermittlungsarbeit Stefan Mickischs. Er zieht Querverbindungen zur Philosophie und anderen Wissensgebieten. Er verfolgt einen universellen Ansatz, vernetzt Werke und Komponisten untereinander und zeigt vergleichend Strukturen auf, die vorher in dieser Art nicht gesehen und gehört wurden.“

Wunderbar war es, zu hören, wie der wohl begabteste Komponist der Musikgeschichte bei anderen Zeitgenossen und verstorbenen Musikern Anleihen nahm, ja: klaute. Und wie andere Superstars der Musikgeschichte bei Wolfgang Amadeus Mozart klauten.

Stefan Mickisch deckte die Plagiate und Anleihen schonungslos und mit viel Humor auf – ja, seine größte Stärke liegt darin, dass er in den bisweilen immer noch ein wenig steifen Klassik-Betrieb Begeisterung, Humor, (Selbst-)Ironie und Lässigkeit bringt. Mickisch ist tiefgründig und cool. Seine Sätze sitzen. Sein Lächeln verzaubert. Er ist ein Entertainer im besten Sinne des Wortes.

Nun, die Plagiate. Ja, da klaute der liebe Wolfgang Amadeus vom lieben Wiener Kollegen Franz, dem Schubert-Franz. Das „Heidenröslein“ von Schubert findet sich fein verändert in Monastros Gesang in der „Zauberflöte“. Und auch ein großer Meister aus Deutschland, Richard Strauss, bediente sich des „Heidenrösleins“ noch in seinem „Rosenkavalier“.

Sogar fürs Vorspiel, erst wenig Tage vor der Uraufführung am 30. September 1791 fertiggestellt, bediente sich Mozart der Musikschöpfungen von Zeitgenossen: bei Muzio Clementi (* 23. Januar 1752 in Rom; † 10. März 1832 in Evesham, England), ein italienischer Komponist, Pianist und Musikpädagoge, ferner auch Dirigent, Klavierbauer und Musikverleger. Mozart übernahm ohne Wenn und Aber Themen aus dessen Klaviersonate B-Dur Op. 24 Nr. 2 aus dem Jahre 1781. Wolferl hatte das Werk am Heiligabend 1781 im Beisein Kaiser Franz Josefs II. gehört – behielt die Melodie zehn Jahre im Kopf und verarbeitete sie in seinem Vorspiel. „Es liegt kein Diebstahl vor“, schrieb Mozart an den Urheber, „dieses Thema befindet sich weiter in Deiner Klaviersonate.

Und Mozart fledderte natürlich den Fundus der Nummer eins unter den Komponisten: Johann Sebastian Bach. Sein Choral ist fast ein originaler Bach: Barock mit ein wenig Mozart-Flockigkeit. That’s all.

Ja, aber dann klauten natürlich auch die ganz Großen beim Genie Wolfgang Amadeus Mozart – und es macht Stefan Mickisch eine diebische Freude, diese Linien dem Publikum zu präsentieren. Er zeigt die Linien zu Ludwig van Beethovens „Waldstein-Sonate“, zu dessen Thema der 5. Sinfonie, zu Johannes Brahms, Antonín Dvorák, zu Bedrich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“, zu César Francks Prélude aus dessen „Aria et final“ und zu Carl Orffs „Carmina Burana“.

Und dann Wagner, Richard Wagner. Den kennt Stefan Mickisch ja in- und auswendig! Von 1998 bis 2013 gab er mehr als 450 Einführungsmatineen bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth. Mickisch ist Kult in Sachen Wagner. Seine Klaviereinspielungen und Erklärungen zu der phantastischen (!), vierteiligen ARTE-Produktion „Der Ring“ sind Monumente in Sachen intelligenter Fernsehgeschichte. Schauen Sie sich bitte unbedingt auf YouTube den ersten Teil, „Das Rheingold“, an: https://www.youtube.com/watch?v=S0yBURu6WdM

Well, und der gute Meister Wagner war auch so frank und frei und nahm ein paar Anleihen bei Mozart. Das schälte Mickisch wunderbar heraus an diesem Abend, der das Label „Unterhaltung“ wirklich verdiente. Wagner bediente sich fast eins zu eins für eines der zentralen Tannhäuser-Themen aus Mozarts „Zauberflöte“. Und bei den „Meistersingern von Nürnberg“ im ersten Aufzug sowie im Vorspiel von „Tristan und Isolde“ saugte der gebürtige Leipziger auch Honig beim Salzburger Wunderkind.

Nebenbei erfuhr der Zuhörer an diesem Abend noch, dass der Librettist der Zauberflöte, Emanuel Schikaneder, und Mozart ganz dicke waren. Schikaneder höchst persönlich sang bei der Uraufführung den Vogelfänger Papageno. Das erste Mal erklang Mozarts Wunderwerk übrigens nicht im Theater an der Wien, sondern im Theater auf der Wieden, dem Freihaustheater.

Mozart starb zehn Wochen nach der Uraufführung der Zauberflöte. Zehn Jahre später ließ Schikaneder, wie Mozart bei seinem Tode bettelarm, nach eigenen Plänen binnen zwei Jahren das Theater an der Wien errichten – damals das technisch beste Theater Europas. Nach der Eröffnungsoper „Alexander“ auf ein eigenes Libretto mit der Musik von Franz Teuber erfolgte im Januar 1802 gleich eine üppige Neuinszenierung: „Die Zauberflöte“.

Seit Schikaneders Aufführung ist „Die Zauberflöte“ in mindestens sechs Inszenierungen im Theater an der Wien gezeigt worden. Und Stefan Mickisch freute sich 215 Jahre später, dass „dieses wunderbare Opernhaus binnen zwei Jahren erbaut worden ist und wir hier heute immer noch sitzen und musizieren. Der Berliner Flughafen ist immer noch nicht fertig.“

Andreas Schmidt, 30. Januar 2017
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