„Santa Aria“ und ein Riesen-Teddybär in der Ungarischen Staatsoper in Budapest

Suor Angelica und Gianni Schicchi in Budapest,

Suor Angelica und Gianni Schicchi in Budapest

von Charles E. Ritterband

Bis 2019 finden die Vorstellungen der Ungarischen Staatsoper (Magyar Állami Operaház) wegen Renovierungssarbeiten nicht im prachtvollen, historischen Opernhaus am Andrasi-Boulevard, sondern in der „Volksoper“, dem vom Budapester Stadtzentrum etwas weiter entfernten Erkel-Theater (Erkel Szinhas), statt. Dieses größte Theater Ungarns wird regelmäßig für Vorstellungen der Staatsoper eingesetzt; 1953 erbaut, hat es den Charme der vom Kommunismus geprägten 1950er-Jahre-Architektur.

Hier besuchten wir eine der Vorstellungen von Giacomo Puccinis „Il Trittico“ – an diesem Abend mit den Einaktern Suor Angelica (Angelika Nover) und Gianni Schicchi. „Schwester Angelica“ spielte trotz der düsteren Handlung in einem lichten Klosterhof, in den sich plötzlich ein roter Luftballon verirrte und vom Schnürboden herab auf die Bühne schwebte – sichtlich ein Relikt von einer anderen, heitereren Opernvorstellung. Die Inschrift „Santa Maria“ prangte in großen Lettern am Rand der Kulisse – und wurde dann für Gianni Schicchi gleichsam recycelt, nur dass nunmehr das „M“ fehlte. Nach der Pause stand da tatsächlich nur noch „Santa Aria“. Aber das war nur der erste von einer Reihe witziger Einfälle der Regie.

Die „Santa Aria“ der Tochter Gianni Schicchi, Lauretta, die jeder kennt und liebt – „O mio babbino caro“ – wurde von Orsolya Safar mit großer melodiöser Hingabe gesungen und vom Publikum mit dem an diesem Abend einzigen Szenenapplaus bedacht. Peter Kalman gab einen sehr witzigen Gianni Schicchi. Doch an seiner Stelle lag im Totenbett des Erblassers Buoso Donati – ein riesiger Teddybär und das Testament war statt in einer Pergamentrolle irgendwie an einen kleineren Teddybär angeheftet und wurde dort von einem kleinen Jungen verlesen. War das abmontierte „M“ noch irgendwie witzig, zumal es ja Kontinuität zwischen den beiden Einaktern signalisierte, war die Sache mit den beiden Teddybären ein Regieeinfall zuviel, noch dazu ein dämlicher und nicht sehr plausibler.

Das Bühnenbild der „Schwester Angelica“ gab den (nunmehr vom verirrten roten Luftballon befreiten) Rahmen, in dem sich Figuren in prachtvollen Renaissance-Kostümen bewegten – die Oper spielt ja auch im Florenz des Jahres 1299, was bei anderen Inszenierungen fast immer in Vergessenheit gerät. Das Budapester Opernorchester, brillant wie immer, unter der Stabführung von Peter Kalman. Traditionsgemäß rhythmischer, begeisterter Applaus im nicht sehr gut besuchten Erkel-Theater.

 

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband lehrt an den Universitäten Wien, Innsbruck und Krems sowie an den Fachhochschulen für Wirtschaft, Wien, und am Joanneum Journalismus und Unternehmenskommunikation. Er geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

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