Vollkommen klavierverrückt

Tigran Hamasyan, Piano,  Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal

Tigran Hamasyan Piano
Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal, 19. April 2017

von Leon Battran

Tigran Hamasyan versteht es zu faszinieren. Er tut einfach das, was er am besten kann und am liebsten macht: Er sitzt am Klavier und spielt seine Musik. Dazu beatboxt er und summt ätherisch, auch ein Synthesizer kommt zum Einsatz. Das Klavier spielt jedoch die Hauptrolle in seiner One-Man-Show. Er spielt es mit inniger Versunkenheit und zieht das Publikum im Kleinen Saal der Hamburger Laeiszhalle in seinen Bann.

Tigran Hamasyan ist eine Ein-Mann-Kapelle. Die Improvisationslust des 29 Jahre alten Armeniers mischt sich mit virtuoser Brillanz und Sounddesign. Neben dem Steinway ist ein Synthesizer installiert. Hamasyan entlockt dem Instrument sphärische Akkorde, die er live aufzeichnet und abspielt, um darüber am Flügel eine spannende Komposition zu entspinnen. Dazu lässt der Pianist einen hauchig-hohen textlosen Gesang erklingen, der mit rhythmischem Zungenschnalzen abwechselt.

Jedem im Konzert wird klar, dieses schmächtige Wunderkind des Jazz ist vollkommen klavierverrückt. Wenn er spielt, ist er mit jeder Faser seines Körpers in der Musik, seinem Element. Er geht voll mit, musiziert mit dem ganzen Körper. Er beugt sich ganz tief über die Klaviertastatur, gräbt sich förmlich darin ein. Seine Kompositionen interpretiert der Armenier hautnah und unmissverständlich persönlich. In einem einzigen Stück geht er durch ein ganzes Leben mit allen Höhen und Tiefen hindurch.

Was er spielt, ist nicht beliebig. Seine Hände scheinen immer wieder aus dem Tempo auszubrechen, aber sein Kopf wippt mit, metrisch akkurat wie ein Taktstock. Manche Stücke erinnern an die europäische Kunstmusik, klingen entfernt barock mit ihren klassischen Kadenzen und opulenten Trillern, andere entfalten einen mitreißenden spritzig-poppigen Drive.

Die Klaviertastatur macht sich Hamasyan in ihrer vollen Bandbreite mit allen Registern zu eigen. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten vermag er aufs Genaueste einzusetzen. Er lässt Arpeggien wie wildes Wasser fließen und formt sie zu weiten Melodiebögen zusammen. Die hohen Noten perlen wie Eisregen. Sein farbenreiches Spiel pulsiert, ist voller Emotion und Leben. Mal bekommt man die volle Klanggewalt des Konzertflügels zu spüren, dann wieder ist sein Spiel so feinfühlig und verträumt, dass die Dame in Reihe 5 Platz 2 in wohligen Schlummer fällt.

Mal scharf rhythmisch mit elektrisierendem Groove; mal klangmalerisch wogend mit feinfühligen Melodien, die auf strudelnden Harmonien schwimmen: In seiner Musik schafft sich Tigran Hamasyan eine ganz eigene Welt. Sie steckt voller Energie und Einfallsreichtum und scheint sich jeder Genre-Etikettierung zu entziehen. Wenn Jazz Freiheit bedeutet, dann ist es am Ende wohl genau das – und doch so vieles mehr!

Außer der Klassik und dem amerikanischen Jazz ist auch die armenische Volksmusik seiner Heimat eine große Inspirationsquelle für Hamasyan. Dabei immer spürbar: ein eigener musikalischer Wille. Es ist das jazzige Moment, das seine Kompositionen vereint, die Liebe zur Improvisation und Entwicklung. Und die gedankliche Tiefe.

Er improvisiert minutenlang über einen simplen Ostinato-Bass, ohne dass es langweilig wird. Ja, es beeindruckt ungemein, wie er sich kleinste unscheinbare Motive hernimmt, mit unbändiger Variationslust bearbeitet und daraus Sinfonien erschafft.

Bravo! Das Publikum ist sich einig: Der Mann ist tüchtig. Das letzte reguläre Stück dauerte schon zwanzig Minuten, war das weitaus längste. Trotzdem wird der Künstler nicht entlassen, ohne vorher noch einmal eine knappe halbe Stunde Zugabe zu spielen. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen, stehen auf und jubeln. Es ist nicht das typische Klassikpublikum, viele junge Leute sind darunter. Und dieser Applaus lässt so manchen Abend im Großen Saal im Vergleich blass aussehen.

Leon Battran, 21. April 2017 für
klassik-begeistert.de

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