Warum der Dirigent Lionel Bringuier ein guter Läufer wäre

Tonhalle-Orchester Zürich, Lionel Bringuier, Igor Levit,  Wiener Konzerthaus

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 9. April 2018

Tonhalle-Orchester Zürich
Lionel Bringuier, Dirigent
Igor Levit, Klavier
Johannes Brahms, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-moll op. 15
Hector Berlioz, Symphonie fantastique. Episode de la vie d’un artiste op. 14

von Mirjana Plath

Hätte Lionel Bringuier nicht die Musik zu seinem Beruf gemacht, wäre er vielleicht Läufer geworden. Der französische Dirigent scheint die hohen Geschwindigkeiten zu lieben. Das zeigte er am vergangenen Montag, als er mit dem Tonhalle-Orchester Zürich zu Gast im Wiener Konzerthaus war. Gemeinsam mit dem Starpianisten Igor Levit präsentierte er Johannes Brahms‘ Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 in d-Moll, danach spielte das Orchester Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique.

Das Tonhalle-Orchester Zürich eröffnet Brahms‘ 1. Klavierkonzert sehr pompös. Die dramatischen Triller in den Streichern schrauben sich tosend in die Höhe, von Beginn an klingt ihr Spiel laut und bombastisch. Die Stimmengewalt ist überwältigend, Bringuier reißt die Zuhörer durch sein feuriges Dirigat mit. An manchen Stellen überbieten sich die Instrumentengruppen allerdings in der Lautstärke. Dann verlieren sie ihren differenzierten Klang und verkleben zu einem großen Wirrwarr.

Etwas mehr Ruhe bewahrt der Pianist. Igor Levit gilt als Ausnahmetalent. Er war schon in jungen Jahren als Musiker erfolgreich und wurde mit Preisen überhäuft. Trotzdem wirkt er bescheiden und sogar ein bisschen schüchtern, als er auf die Bühne tritt. Selbst beim Applaus – mit dem er überhäuft wurde – lächelt er ganz zurückhaltend. Am Klavier tritt er bestimmt auf, lässt aber auch lyrische Momente aufblitzen. Er spielt mit viel Pedaleinsatz. Dennoch verschwimmen die Töne nicht, Levit setzt klare Zäsuren in seinen Läufen.

Weiter geht das Konzert mit der Symphonie fantastique. In seinem Programm stellt das Tonhalle-Orchester Zürich damit zwei frühe Werke von Komponisten zusammen. Sowohl Brahms als auch Berlioz komponierten die beiden Stücke in ihren Zwanzigern. Die Symphonie fantastique war ein großer Erfolg für den jungen Berlioz, sie ist bis heute eine der beliebtesten Kompositionen des französischen Tondichters. Darin erzählt Berlioz eine Geschichte, die er in einem Programm zu der Musik verschriftlicht hat.

In diesem zweiten Stück des Abends zeigen die Musiker, dass sie auch zartere Melodien spielen können. Der erste Satz beginnt mit lyrischen Passagen, zögerlich und sanft erklingt die „idée fixe“ zum ersten Mal. Dieses Leitmotiv zieht sich durch alle fünf Sätze der Symphonie. Es ist das Erkennungszeichen für die Geliebte, die dem Protagonisten der Geschichte den Kopf verdreht.

Im zweiten Satz finden sich die Zuhörer in einem Ballsaal wieder. Bringuier dirigiert den Walzer sehr schnell. Berlioz überschrieb diesen Satz mit den Worten „Allegro non troppo“ und forderte damit ein geschwindes, aber dennoch nicht allzu schnelles Tempo. Der Anmut einer tänzerischen Ballszene geht bei Bringuiers Interpretation verloren. An Phrasenenden hätte ein kurzes Innehalten der Musik gut getan.

So hetzt das Orchester weiter zum dritten Satz. Die ländliche Idylle, die Berlioz dort beschreibt, vertonen die Holzbläser ausdrucksstark und gemächlich. In der Geschichte stellen sie zwei Hirten dar, die in einen ruhigen Dialog treten. Das ist eine schöne Ruhepause nach dem Walzer. Über den vierten Satz eilt das Orchester dann in den abschließenden Hexensabbat. Nun passt das höllische Tempo, das Bringuier vorgibt. Die Musiker wüten heftig, wie es das dramatische Programm verlangt. Berlioz beschreibt hier den Traum einer Walpurgisnacht. Gespenster und Zauberer tanzen in der Geschichte auf. Dafür erscheinen irrwitzige Klänge im Orchester. In den Bläsern sterben die Töne kläglich ab, grotesk verspottet die Musik den Protagonisten. Halsbrecherisch schnell und laut beendet Lionel Bringuier diesen Satz. Fulminant entlässt er das atemlose Publikum aus der Traumwelt der Symphonie fantastique.

Mirjana Plath, 10. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: Rupert Steiner

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