Gemaltes und Ohrenbetäubendes von den Tonkünstlern im Musikverein

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Yutaka Sado, Musikverein Wien, Goldener Saal

Musikverein Wien, Goldener Saal, 7. April 2018
Tonkünstler-Orchester Niederösterreich

von Thomas Genser

Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter Chefdirigent Yutaka Sado spielt im Musikverein ein facettenreiches Programm und holt sich hierfür Unterstützung aus nah und fern. Neben Sopran Carolyn Sampson und Schauspielerin Ruth Brauer-Kvam brilliert vor allem der Geiger Emmanuel Tjeknavorian. Abermals ist der Goldene Saal voll besetzt, wenn das Orchester eine seiner drei Residenzen beehrt.

Zur Eröffnung bedient man sich eines Meisters, der immer funktioniert. Die Geschichte zu Beethovens Fidelio und den verschiedenen Versionen und Overtüren muss nicht aufs Neue aufgerollt werden. So viel sei gesagt: Die hier gespielte Leonoren-Overtüre Nr.3. op.72b ist von den vier erhaltenen mit Abstand am häufigsten im Konzertsaal zu hören. Und das nicht ohne Grund: Auf die signalartigen Eröffnungsschläge betritt man Beethovens Opernwelt, die Sado äußerst plastisch ausgestaltet. Im Adagio wird die Tiefe der Kerkergemäuer spürbar, der nachfolgende Hauptteil lässt Triumph, Freiheit und Lebensbejahung förmlich schmecken.

Sado dirigiert die Overtüre, die dem Gefühl nach eine Sinfonie im Kleinformat ist, mit überaus bewegter Körpersprache. Bei den crescendi beugt er sich tief hinab, in den hymnischen Passagen springt er ausgelassen auf und ab. Er hat den Orchesterapparat komplett in der Hand und verkörpert die Musik selbst. Viel Pathos – dem Charakter der Musik aber angemessen. Für die geniale Interpretation gibt es stürmischen Beifall. Auch für Flötist Walter Schober, der das Freiheitsthema behutsam über dem Rest des Orchesters schweben lässt.

Wenn Beethoven immer funktioniert, dann lässt sich das noch mehr über Mozart sagen. Für das 5. Violinkonzert, das Türkische, laden die Tonkünstler Emmanuel Tjeknavorian als Solisten ein. Der 23 Jahre alte Wiener mit armenischen Wurzeln gilt als Nachwuchshoffnung. In der laufenden Konzertsaison debütierte er auf renomierten Bühnen im In- und Ausland und kooperierte mit führenden Orchestern. Außerdem ist er am gleichen Tag geboren wie Jahrhundertgeiger Yehudi Menuhin, wenn auch 79 Jahre später. Das Geburtsdatum ist aber nicht das Einzige, das sich die beiden teilen.

Weltniveau zeigt Tjeknavorian schon zu Beginn des Allegros. Jugendliche Spritzigkeit komplementiert er mit höchster Präzision, wenngleich er in seinen Spielpausen verlegen zu Boden blickt. Spätestens in seiner Kadenz ist es ungetrübt zu hören: Jeder Triller, jeder Lauf, jeder Doppelgriff sitzt. Im Publikum herrscht andächtige Stille. Emmanuel Tjeknavorian sieht sich, wie er im Einführungsvortrag zum Konzertabend selbst sagt, als „Maler, der mit dem Bogen zeichnet”. Seiner Leinwand, dem Orchester, begegnet er aber auf Augenhöhe.

Im träumerischen Adagio und dem finalen Rondosatz kommt es zu geistreichen Episoden der Interaktion. Musikalische Frage-Antwort-Spiele erklingen vor allem im Finale, dessen alla turca-Mittelteil den Menuett-Rhythmus durchbricht und nach Moll wechselt. Die vermeintlich türkische Melodie entnahm Mozart einer ungarischen Volksweise, die Tjeknavorian dementsprechend mit der Inbrunst eines Teufelsgeigers meistert. Wie ein leises Klatschen klingt die col-legno-Begleitung der Celli und Bässe. Dieses folgt wenig später umso lauter. Als Zugabe liefert er im Duo mit Konzertmeister Chiril Maximov eine kurze Version von Das klinget so herrlich aus der Zauberflöte. Die Bearbeitung für zwei Geigen stammt von Mozart selbst und leitet die Pause ein.

Kaddish lautet der Name von Leonard Bernsteins dritter Sinfonie. Das Werk ist aber mehr als das. Es ist – je nach Lesart – Chorstück, Requiem, Melodram. Inhaltlich kreist es um die Sorgen und Nöte des Glaubens und gibt ein starkes Bekenntnis zum Leben ab. Zusätzlich zum Orchester bringen sich der Wiener Singverein, die Wiener Sängerknaben, Ruth Brauer-Kvam und Carolyn Sampson aus England in Stellung. Es wird eng auf der Bühne. Yutaka Sado, selbst jahrelang Assistent von Bernstein, findet gerade noch Platz am Podium.

In der dreiteiligen Anlage des Werkes folgt auf jeden Satz ein Kaddish, eine Art hebräisches Vaterunser, das vom Chor vorgetragen wird. Die vom Komponisten modellierten Klanglandschaften sind gleichsam phänomenal wie ohrenbetäubend: Auf Summchöre folgen Schlagwerk- und Percussion-Einlagen, abrupte Tuttischläge, urplötzlich springt der gesamte Chor auf. Bernstein komponierte Musik, die alle nur möglichen menschlichen Empfindungen anspricht, das Schock- und das Überraschungsmoment werden stets auf Neue ausgereizt. Über all dies wacht Dirigent Sado, der an diesem Abend in Höchstform ist.

Die Sprechstimme ist der zentrale Akteur in dieser Sinfonie. Brauer-Kvam kann dabei mit sprachlicher Flexibilität überzeugen, obwohl ihr Mikrofon nicht unbedingt zur Sprachverständlichkeit beiträgt. Carolyn Sampson, die ab dem zweiten Kaddish hinzutritt, sorgt mit angenehmen Timbre und wohltuendem Vibrato für zwischenzeitliche Linderung. Ihren Schwerpunkt auf Musik des Barock merkt man ihr jedoch an, richtig wohl fühlt sie sich zwischen den Tonkünstlern nicht.

Im sehr ausgedehnten Finale glänzen vor allem die Blechbläser und Konzertmeister Maximov, der sich eine kurze solistische Einlage mit Sprecherin Brauer-Kvam teilen darf. Das finale Kaddish bringt schließlich versöhnliche Töne in den Streichern, vom Orgelbalkon herab tönen die Sängerknaben engelsgleich. Eine gewaltige Schlussfuge steigert sich zum Höhepunkt, der erneut mit markerschütternder Lautstärke hereinbricht. Im Publikum sieht man zugehaltene Ohren und Blicke auf Armbanduhren. Dennoch gibt es respektablen Schlussapplaus und obligate Blumensträuße für die beiden Damen.

Thomas Genser, 8. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: Peter Rigaud

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.