Bravo-Orkan für Anna Netrebko in der Mailänder Scala

Umberto Giodano, Andrea Chénier, Anna Netrebko,  Teatro alla Scala

Wer das Glück hat regelmäßig Opernaufführungen an der Wiener Staatsoper beizuwohnen, ist überwältigt, wenn er den prachtvollen Zuschauerraum der Mailänder Scala betritt: Deutlich voluminöser, weist er mehr Sitzplätze (2.030) auf als das Haus am Ring (1.709) – statt der Ränge hat die Scala ausschließlich Logen und Galerien, angeordnet in sechs Stockwerken, was dem Haus eine erhabene Eleganz verleiht.

Die historische Verbindung zu Wien personifizierte die Herrscherin Maria Theresia, die die Scala 1778 anstelle der Kirche Santa Maria alla Scala in der Hauptstadt der damals österreichischen Lombardei errichten ließ. In Wien wurde Maria Theresia 2017 gründlich gefeiert – die Herrscherin wurde 1717 vor fast 301 Jahren in Wien geboren.

Am zweiten Tag im neuen Jahr bildete sich in der Via Filodrammatici schon früh am Morgen eine Menschenschlange. Mehr als 200 Opernfreunde waren gekommen, in der Hoffnung, noch eines der begehrten Tickets für den Abend zu bekommen.

Auf der Bühne stand die derzeit beste Sängerin der Welt: Anna Jurjewna Netrebko, geboren in Krasnodar, 46 Jahre alt, Sopranistin. Die Russin mit österreichischem Pass sang die Maddalena di Coigny in Umberto Giordanos Oper „Andrea Chénier“, uraufgeführt im Teatro alla Scala in Mailand am 28. März 1896 – Verismo vom Feinsten in einem der bedeutendsten Opernhäuser der Welt.

Anna Netrebko ist jene Sängerin, die ihr Publikum zu berühren vermag wie keine andere. Am Dienstagabend sang der Weltstar mit einer Hingabe und Vollkommenheit, mit einer Intensität und Energie, die sprachlos machte. Das war in weiten Passagen Gänsehaut pur!

Das war Annamagic! Ganz herzlichen Dank, verehrte Frau Netrebko, Sie machen die Menschen glücklich!

„Wie elegant, wie sensibel, wie ausdrucksstark, wie sie mit jeder Note spielt, diese als Ton in die Luft wirft, balanciert, moduliert, wie sie Pianissimi ins Auditorium zaubert, aber stets so, dass selbst der zarteste Hauch den ganzen Raum erfüllt – all das ist meisterhaft“, schrieb „Der Kurier“ über die außergewöhnliche Sangeskunst der Frau Netrebko trefflich.

Anna Netrebkos Gesang entspannt. Ihre satte, frauliche Tiefe und ihre strahlende Höhe sind vom Piano bis zum Forte gleichermaßen stark; ihr Timbre ist mittlerweile so abgedunkelt, dass es (fast) wie ein Mezzo klingt, ihre strahlenden Spitzentöne sind ungebrochen, ihre Phrasierungen sind traumhaft schön. Gleichzeitig überragt sie alle Darsteller mit ihrer Präsenz. Sie kommt auf die Bühne, und die gehört ihr fast allein. Es gleicht einer Explosion, wenn sie ihre Energie zum Glühen bringt.

„Netrebko ist ja immer noch und immer wieder den Bohei wert, den man um sie macht“, schrieb Der Tagesspiegel über Anna Netrebko. „Die Batterie, die diesen Sopran befeuert, erscheint in manchen Momenten eher wie ein Kernreaktor.“ Ihre Stimme werde stets getragen „von einer purpurnen, rotglühenden, vulkanischen Unterströmung“.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung jubelte: „Diese Sängerin ist den erhöhten Eintrittspreis dreifach wert. Jeder Ansatz, jedes Crescendo, jede Geste, jedes Pianissimo, jeder Triller: Es passt.“

Es war auch an diesem Abend überwältigend, wie Anna Netrebko Spitzentöne ansteuerte und dann ein Diminuendo bis fast zur Lautlosigkeit ausformte – das war Stimmkunst in vollendeter Form. „Netrebkos Stimme ist makellos, zärtlich, die Koloraturen freizügig girrend, aufblühend“, schrieb die Berliner Morgenpost.

Höhepunkt des Abends war die Arie „La mamma morta“ / „Die Mutter starb“, bei der man eine Stecknadel hätte fallen hören, so leise war es im Saal. Anna Netrebko sang mit ganz viel Gefühl, zum Weinen schön. Allerdings kommt ihre Stimme als Adriana Lecouvreur in Francesco Cilèas gleichnamiger Oper, als Leonora in Guiseppe Verdis „Il trovatore“ oder als Aida in Verdis gleichnamiger Oper – umwerfend schön gesungen bei den Salzburger Festpielen 2017 – noch besser zur Geltung!

http://klassik-begeistert.de/francesco-cilea-adriana-lecouvreur-anna-netrebko-piotr-beczala-elena-zhidkova-wiener-staatsoper/

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Giuseppe Verdi, Il Trovatore, Anna Netrebko, Roberto Alagna, Ludovic Tézier, Luciana D’Intino, Marco Armiliato, Wiener Staatsoper

Der Tenor Yusif Eyvazov, der Ehemann Anna Netrebkos, gab den Andrea Chénier. Der 40-Jährige ist Sohn eines Universitätsprofessors aus Aserbaidschan, in Algerien geboren und aufgewachsen im aserbaidschanischen Baku. Keine Frage: er bekommt die prestigeträchtigen Rollen in Wien, Berlin und Mailand nur, weil seine Frau an seiner Seite singt. Ein großer Tenor ist er nicht – es gibt sicher 30 Tenöre auf der Welt, die Andrea Chénier besser singen können als er.

Eyvazovs Timbre ist gewöhnungsbedürftig. Seine Stimme klingt metallisch hell, sein Vibrato ist eng. Im ersten Akt blieb er blass und schien nicht richtig eingesungen – auch im September 2017 als Manrico bei „Il trovatore“ an der Wiener Staatsoper war der Tenor bei zwei Aufführungen, die klassik-begeistert.de verfolgte, im ersten Akt noch nicht richtig bei Stimme.

Ein glänzender Darsteller ist Eyvazov nicht, aber er traf fast jeden Ton haargenau, auch die Spitzentöne. Das Publikum dankte es ihm mit großem Schlussapplaus. Der Tenor beschränkt sich auf wenige Rollen des italienischen Repertoires, verfügt über ein passables Stimmmaterial und wird sich noch weiterentwickeln.

Kribbelfeeling wie seine Liebste erzeugt er nicht: „Herr Netrebko“ ist ein Sänger, kein Künstler. Frau Netrebko ist eine Künstlerin.

Zur traditionellen Inaugurazione der Spielzeit im „Allerheiligsten der Oper“ am Sankt-Ambrosius-Tag des 7. Dezember 2017 hatte es elf Minuten Schlussapplaus gegeben, bei der zweiten Aufführung gar 13 Minuten. Il Giorno beschrieb Anna Netrebko als „die neue Callas“. Bei dieser siebten Vorstellung war das Publikum restlos begeistert und applaudierte 10 Minuten – der Brava-Orkan für den Weltstar war enorm. Buhs für Eyvazov gab es im Gegensatz zu den ersten beiden Abenden nicht – der Tenor freute sich wie ein Schneekönig.

Noch etwas stärkeren Applaus als für Eyvazov gab es für den italienischen Bariton Luca Salsi, 42. Er überzeugte vollends als Carlo Gérard und glänzte vor allem im hohen Register. Makellos, strahlend und voll erklangen seine Töne.

Unter der Leitung des Mailänders Riccardo Chailly, 64, Musikdirektor des Teatro alla Scala und ehemaliger Chefdirigent des Gewandhausorchesters Leipzig, zeigte sich die Stärke des altehrwürdigen, 1778 gegründeten Orchestra del Teatro alla Scala. Das Orchester brachte die Nuancen des Verismo-Sounds von ganz zart bis wuchtig-dramatisch phantastisch herüber – Chailly bekam viele Bravos. Auch der wunderbare Coro del Teatro alla Scala bekam für seine phantastischen Chöre viel Beifall.

Die historisierende Inszenierung von Mario Martone vermag zu gefallen. Was die ehrwürdige Neue Zürcher Zeitung schreibt, bleibt ihr Geheimnis: Man blicke „vier Akte lang allenfalls auf ein szenisches Arrangement, dessen Ausstattung obendrein – was ist bloß los mit der guten alten Scala? – glanzlos wirkt und die historische Authentizität eines Kostümschinkens von anno dazumal versprüht“.

Nein, diese lebendige Inszenierung mit tollen Kostümen passt zum historischen Stoff der Französischen Revolution. Regiepreise wird das Stück zwar nicht bekommen, aber für die meisten der meist über 55 Jahre alten Besucher war diese Inszenierung genau die richtige.

Am 5. Januar 2018 läuft „Andrea Chénier“ in dieser Saison das letzte Mal. Wenn Sie in Mailand sind: Stellen Sie sich früh morgens an die Scala-Kasse und hoffen Sie auf Ihr Glück. Oder kaufen Sie eine Karte bei einem Schwarzhändler.

Andreas Schmidt, 3. Januar 2018, für
klassik-begeistert.de

8 Gedanken zu „Umberto Giodano, Andrea Chénier, Anna Netrebko,
Teatro alla Scala“

    1. Sehr geehrter Herr Mohrmann,

      hat nicht auch ein Kritiker das Recht, von einer Gesangsleistung einmal restlos begeistert zu sein? Anna Netrebko singt zur Zeit in der Form ihres Lebens – davon konnten sich auch die Fernsehzuschauer im August 2017 überzeugen, als ARTE Giuseppe Verdis „Aida“ von den Salzburger Festspielen ausstrahlte. Sollten sie Anna Netrebko noch nicht live gehört haben, empfehle ich Ihnen, einen Abend mit ihr zu besuchen – am besten einen Opernabend. In Berlin wird Sie im Juni/Juli 2018 die Lady Macbeth in Verdis „Macbeth“ singen. Gewöhnlich sind an den Aufführungstagen immer auch bezahlbare Karten vor der Staatsoper Unter den Linden zu bekommen.
      Mit herzlichen Grüßen
      Andreas Schmidt
      Herausgeber
      klassik-begeistert.de

  1. Guten Tag, war das Ihr erster Besuch in Mailands großem Opernhaus, ob des Erstaunens zur Größe des Zuschauerraums? Dann sei Ihnen der Enthusiasmus nicht genommen, gerne wüsste ich aber, wie sich die Liste der 30 Andrea-Chénier-Tenöre, die Sie im Gepäck haben, liest. Mir fällt maximal einer ein, und der ist nicht verlässlich. Da meine Generation Corelli, del Monaco, Bergonzi, auch Tucker live hörte, mehr erste Besetzungen gab es damals nicht, freue ich mich schon auf Ihre Antwort.
    Mit freundlichen Grüßen
    Fred Keller

    1. Sehr geehrter Herr Keller,
      vielen Dank für Ihre Mail. Es war mein zweiter Besuch in der Scala – man
      darf sich doch sicher über den schönen Saal freuen… Das ist schon ein magischer Ort. Haben Sie Herrn Eyvazov einmal live gehört? Ich hatte jetzt bereits fünf Mal das „Vergnügen“. Er ist, da sind sich fast alle Kritiker einig, nur mit einer mittelmäßigen, manchmal knapp guten Stimme ausgestattet. Das können viele Tenöre – auch junge, unbekannte – rund um den Globus besser als er. Aber diese Sänger haben keine Frau an ihrer Seite, die Netrebko heißt und ihnen die Pforten zum Olymp öffnet.
      Mit herzlichen Grüßen
      Andreas Schmidt
      Herausgeber
      klassik-begeistert.de

      1. Sehr geehrter Herr Schmidt,

        Ich habe Herrn Eyvazov mindestens so oft wie Sie, wenn nicht öfter, gehört. Mit wem hätten Sie den Chénier in Mailand besetzt?

        Bedenken Sie, Rossini war mit seiner Frau unterwegs, und sie wurde in seine Opern eingebaut, die MET-Diva Emmy Destinn reiste mit ihrem singenden Gatten, der Mann von Joan Sutherland dirigierte Opern in den Olympstätten, Fiorenza Cossotto hat mit ihren Mann Ivo Vinco gearbeitet, so tun es heute Diana Damrau und Mann, der MET-Direktor Gelb lässt seine Frau dirigieren, Jonas Kaufmann fädelte seine Frau in ein Plattenprojekt ein, und die Liste wäre zum Fortsetzen nie komplett. War aber in Ihrem Beitrag vom zweiten Scala-Besuch nicht Thema.

        Mit freundlichen Grüßen
        Fred Keller

        1. Sehr geehrter Herr Keller,

          na, um nur einmal einen Namen zu nennen, der polnische Tenor Piotr Beczala wäre sicherlich eine bessere Wahl gewesen. Ich habe ihn im November 2017 in der Wiener Staatsoper zweimal an der Seite von Anna Netrebko als Maurizio, Conte di Sassonia, in Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ erlebt und schrieb: „Fast ebensoviel (!) Applaus wie Anna Netrebko bekam der Tenor Piotr Beczala. Was für ein magischer Auftritt! Der Pole wurde mit jeder Faser von Minute zu Minute vollkommener, gab wirklich alles und überzeugte mit einer umwerfenden Strahlkraft, bezauberndem Schmelz und schönster Italianià.“
          Mit herzlichen Grüßen
          Andreas Schmidt
          Herausgeber
          klassik-begeistert.de

          1. Guten Tag,
            jetzt lese ich also statt der angekündigten 30 möglichen Chenier-Tenöre EINEN. Piotr Beczala, der nach seinem verunglückten Scala Debüt verkündete, er werde an dem Theater nicht mehr singen, wäre zur fraglichen Periode auch nicht verfügbar gewesen.
            Mit freundlichen Grüssen,
            Fred Keller

  2. Ich habe Ihnen doch nicht Ihr Recht abgesprochen, begeistert zu sein. Nur finde ich das sehr übertrieben. Wenn jemand eine Kritik so beginnnt wie Sie, und sich für die Einrichtung eines Hauses begeistert, bin ich noch skeptischer. Im Übrigen werde ich mich hüten, in die von Ihnen angepriesene Vorstellung zu gehen, zumindest solange, wie dieser ehemalige Tenor als ihr Gatte angepriesen wird. Dann noch das übrige Personal, angefangen vom Dirigenten bis zum Regisseur, macht mich nichts neugierig. Sie hätten mal gestern in die Deutsche Oper Berlin zu „Le Prophète“ von Giacomo Meyerbeer gehen sollen, da hätten Sie eine Überraschung erleben können.
    Uwe Mohrmann

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