Wiener Konzerthaus: François Leleux begeistert sowohl als Dirigent als auch an der  Oboe

Wiener KammerOrchester, Antoine Tamestit, François Leleux,  Wiener Konzerthaus

Foto: Thomas Kost (c)
Wiener Konzerthaus
, 16. Mai. 2018
Wiener KammerOrchester
Antoine Tamestit, Viola
François Leleux, Oboe, Dirigent

  • Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie C-Dur, KV189k
  • Johann Nepomuk Hummel: Potpourri für Viola und Orchester, op. 94
  • Ludwig August Lebrun: Konzert für Oboe und Orchester d-moll, op. 2
  • Joseph Haydn: Sinfonie C-Dur L’Ours, Hob. I/82

von Thomas Genser

Am Tag zuvor begleiteten sie unter Chefdirigent Stefan Vladar noch die Premiere von Così fan tutte in der Kammeroper, heute stehen sie auf der Bühne des Wiener Konzerthauses: Die Rede ist vom Wiener KammerOrchester. Das Programm an diesem Abend kreist um Mozart, Haydn und deren Zeitgenossen. Während Solo-Bratschist Antoine Tamestit eine eher karge Vorstellung abliefert, begeistert François Leleux sowohl als Dirigent als auch an der  Oboe.

Das Konzert im Großen Saal öffnet mit Mozarts früher C-Dur-Sinfonie aus den Jahren 1773/74. Unverkennbar ist der jugendliche Esprit im Kopfmotiv und den unterbrechenden Spannungspausen. Die schlanke Besetzung des Orchesters resultiert in einem hochtransparenten Klang – selten kann man einzelne Linien so plastisch heraushören. Leider auf Kosten der Dynamik: Im forte und im fortissimo ist das Orchester schlichtweg nicht laut genug. Leleux illustriert die Einsätze und deren Intensität zwar sehr klar, hat aber zu wenig Personal zur Verfügung.

Dagegen ist das Andante, das der Franzose am Pult mit Samthandschuhen streichelt, angemessen intim. Herrlich anzuhören das imitatorische Spiel der beiden Geigensektionen. Das folgende Menuett bildet einen kräftigen Kontrast, trotz gemächlicher Tempowahl. Eine Prise mehr Druck hätte dem Solohorn dabei nicht schlecht getan. Wie ein Wirbelsturm kommen die Violinen im Finale herein – Leleux muss das wilde Presto mit der Pose eines Verkehrspolizisten immer wieder abstoppen. Er verteilt Hiebe links und rechts und zeigt dabei italienisches Temperament statt französischer Noblesse.

Teil der eher mageren Konzertliteratur für Bratsche ist das folgende Potpourri für Viola und Orchester des Mozartschülers Johann Nepomuk Hummel. Mager ist leider auch die Interpretation von Antoine Tamestit, der als Solist im Schatten des Orchesters stehen bleibt. Dieses, nun um Flöte, Fagotte und Pauken aufgestockt, ist der wahre Träger des musikalischen Geschehens. Tamestit trägt die einkomponierten Opernthemen von Mozart und Rossini vor, nicht mehr und nicht weniger. Dienst nach Vorschrift in Reinform.

Virtuos ist Hummels Komposition zugegebenermaßen nicht – mehr zu erwarten als das bloße Herunterspielen von Thema um Thema wäre von einem Solisten wie Tamestit aber dennoch gewesen. Für Abwechslung sorgt zwischendurch das KammerOrchester. Die kurzweiligen Zwischenspiele, mal als Bläser-Intermezzo mit Jagdhornrufen, mal nach Art eines Streichquartetts, können das Geschehen auflockern. Gefallen findet die Unterhaltungsmusik aber allemal: Nach amtlichem Applaus spielen Tamestit und Leleux, letzterer an der Oboe, Mozarts Vogelfänger als Zugabe.

Mit selbigem Instrument erscheint Leleux auch nach der Pause, gilt es doch Lebruns Oboenkonzert d-Moll darzubieten. Die Lebensdaten des gebürtigen Mannheimers Ludwig August Lebrun (1752-1790) können auf einen flüchtigen Blick beinahe mit den Mozartschen verwechselt werden. Auch Tonart und Charakter des nun Dargebotenen erinnern stark an dessen d-Moll-Klavierkonzert. Ungeachtet dessen überzeugt Leleux nach Strich und Faden! Zwischen der Rolle des Solisten und der des Dirigenten gleitet er mühelos hin und her. Sein Ausdruck ist weich, aber nicht zu weich, die Solokadenz äußerst farbenreich und rezitativisch.

Im zweiten Satz umrahmen Pizzicati Leleuxs Spiel sehnsuchtsvoll. Dieser hält sich stark zurück, könnte aber fast ein wenig mehr riskieren. Einer gehauchten Gesangsstimme gleich verhallt das hohe f am Satzende. Höhepunkt des Oboenkonzertes ist das D-Dur-Finale, wo der Orchesterklang wieder so transparent ist, dass das Klappern von Leleuxs Fingern auf den Grifflöchern hörbar wird. Dass manche seiner Läufe ein wenig verwaschen klingen, ist ob des hohen Tempos nicht verwunderlich – weiters stören tut dies aber nicht. Chapeau!

Zum Ende erklingt Haydns L’Ours-Sinfonie, die trotz ihres Entstehungsjahres 1786 stellenweise an die Musik des Barock erinnert. Eine beschwingte Fanfare mit starkem Paukeneinsatz durchzieht den ersten Satz. Fagotte brummen, Streicher hacken und Leleux – nun gänzlich zurück am Pult – ist voll Elan. Das Allegretto zeichnet ein langer Spannungsbogen aus, der gegen Ende langsam aufgeht. Nach Art eines Variationensatzes wechselt das Thema zwischen Dur und Moll und lässt das vertraute Thema mit Fokus auf die Streicher stets aufs Neue erklingen.

In festlich-barockem Kleid erscheint der dritte Satz, in dem Flöte und Oboe entzücken. Das modulierende Trio leitet der Dirigent mit geschickter Hand zurück nach C-Dur. Und schließlich tritt der Tanzbär auf: Das finale Vivace ist eine Verquickung von Sinfonie und Volkslied. Melodie und Begleitung erwecken mit der schleiferartigen Bewegung den Eindruck eines Dudelsacks. Wenn man meint, der Satz sei schon vorbei, setzt der Tanz wieder von Neuem an. Ein typisches Beispiel für den Humor von „Papa Haydn”, den der ebenfalls väterliche François Leleux mit viel Gespür und Charme übermittelt.

Thomas Genser, 17. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

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