Frank Peter Zimmermann spielt seine Stradivari verliebt wie am ersten Tag  

Wiener Symphoniker, Frank Peter Zimmermann, Jakub Hrůša, Ludwig van Beethoven, César Franck,  Wiener Konzerthaus

 

Wiener Symphoniker
Frank Peter Zimmermann Violine
Jakub Hrůša Dirigent
Ludwig van Beethoven Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61
César Franck Symphonie d-moll M 48
Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 7. Juni 2017

von Mirjana Plath

Er hatte seine große Liebe verloren. Frank Peter Zimmermann musste sich vor zwei Jahren von seiner Violine „Lady Inchiquin“ des Geigenbauers Antonio Stradivari trennen. Der Leihvertrag des Instruments war ausgelaufen, auf neue Bedingungen konnten sich die Beteiligten nicht einigen. Anfang dieses Jahres konnte Zimmermann seine Geige wieder in die Arme schließen. Er erhielt sie als Leihgabe der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, in deren Besitz sie sich nun befindet.

Am Mittwochabend präsentierte der gebürtige Duisburger die wertvolle Geige beim Internationalen Musikfest im Wiener Konzerthaus. Zusammen mit den Wiener Symphonikern und dem tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša spielte er Ludwig van Beethovens Konzert für Violine und Orchester in D-Dur.

In Beethovens einzigem Violinkonzert kann der Solist das ganze Klangspektrum seines Instruments vorführen. Von den tiefen Tönen bis in die höchsten Lagen auf der E-Saite stellt Beethoven alle Register der Geige zur Schau. Diese Vorlage schöpft Zimmermann voll aus. In seinem Spiel fließen die schnellen Läufe energiegeladen nach oben. Dort angekommen zeigt der Geiger den einzigartigen Charakter der „Lady Inchiquin“. Die Stradivari klingt dann wie ein schwingendes Weinglas, über dessen Rand ein Finger fährt. Sie singt klar und warm ihre Melodie, ohne in diesen schwindelerregenden Höhen jemals grell zu quietschen. In den tiefen Saiten präsentiert sie sich stark und raumfüllend. Der schnelle Wechsel zwischen den Lagen und die Doppelgriffe lassen vergessen, dass zeitweise nur ein einziges Instrument diese Musik erschafft, während das Orchester schweigt.

Zimmermann zeigt, wie viel Spaß ihm seine Geige bereitet – ja, er spielt seine Stradivari verliebt wie am ersten Tag. Im dritten Satz legt er sich so kraftvoll in die Saiten, dass nicht einmal die vereinten Kontrabässe seine Klanggewalt überdecken können. Diese Freude steckt an. Gleichzeitig vergisst der 52-Jährige nie, dass er Teil eines großen Orchesters ist. Spielerisch wendet er sich den anderen Musikern zu. Gegenseitig werfen sie sich ihre Einsätze zu und führen melodiöse Unterhaltungen.

Achtzig Jahre nach Beethovens Violinkonzert schrieb César Franck seine erste und einzige Sinfonie in d-Moll. Beethoven hatte die Epoche der späten Klassik dominiert und für die Gattung der Sinfonie neue Standards gesetzt. Damit überschattete er wie eine große, dunkle Wolke seine Nachfolger. Viele Komponisten kämpften mit dem scheinbar unübertrefflichen Vorbild. Auch César Franck spürte diesen Druck, als er 1888 seine Sinfonie fertigstellte. Sein Publikum nahm das Werk nicht nur wohlwollend auf. Zu Recht aber hat sich die Komposition in den Konzertsälen bis heute durchgesetzt.

Nach der Pause führen die Wiener Symphoniker eben dieses Werk von Franck auf. Dunkel und bedrohlich eröffnen die Kontrabässe, Celli und Bratschen den ersten Satz in einem langsam pochenden Lento. Hrůša dirigiert die Sinfonie im Geist der Romantik. Er lässt das Orchester zu riesigen Fortissimi aufbrausen und leitet die Spieler mit raumgreifenden Bewegungen an. Er hüpft an den Höhepunkten hoch in die Luft und befeuert mit seiner Körpersprache das Spiel der Musiker.

Auch die Streicher schöpfen die romantische Anlage der Komposition voll aus. Das Vibrato der linken Griffhand erweitern sie zu extremen Tonbebungen. Dieses Zittern ist so stark, dass es kaum mehr vom Tremolo der rechten Bogenhand zu unterscheiden ist, in das die Streicher unmerklich übergehen. Das Orchester posaunt laut und gigantisch die Musik von Franck heraus.

Der zweite Satz im Allegretto schlägt ins Gegenteil dieser Klangwucht um. Zusammen mit einer Harfe tupfen alle Saiteninstrumente leichte Pizzicati, über denen das Englischhorn eine lyrische Melodie entfaltet. Die Musiker flüstern ihre Melodien im leisesten Pianissimo, verlieren dabei aber nie an Klarheit und Verständlichkeit.

Im dritten Satz kostet das Orchester seine Synkopen genüsslich aus und zieht das Publikum unaufhaltsam in seinem Sog mit. Es bereitet den Musikern ein unüberhörbares Vergnügen, alles aus ihren Instrumenten zu holen und die Dynamik bis ans Limit zu steigern. Sie setzen die überschwängliche Lautstärke des ersten Satzes fort und bringen die Sinfonie damit zu einem fulminanten Schluss.

Das Konzert der Wiener Symphoniker zeigte zwei Einzelgänger aus den Œuvres von Beethoven und Franck. Sowohl Beethovens Violinkonzert als auch Francks Sinfonie sind die einzigen Werke, die die Komponisten für die jeweilige Gattung geschrieben haben. Auch die Grundtonarten D-Dur und d-Moll stehen in einem engen Verhältnis zueinander. Das Internationale Musikfest stellte damit zwei interessante Werke einander gegenüber. Das Orchester, das bei Beethoven noch eine klassische Zurückhaltung walten ließ, überschlug sich bei Franck in den romantischen Extremen von zärtlicher Ruhe und lautstarker Klangmacht.

Mirjana Plath, 8. Juni 2017, für
klassik-begeistert.at

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.