Die Wiener Symphoniker und ein deutscher Maestro berauschen in Höchstform, ein Jungstar entzaubert

Wiener Symphoniker, Jan Lisiecki, Sebastian Weigle,  Wiener Konzerthaus

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 10. November 2017
Wiener Symphoniker

Jan Lisiecki, Klavier
Sebastian Weigle, Dirigent
Wolfgang Amadeus Mozart,
 Konzert für Klavier und Orchester C-Dur K 467 (1785)
Frédéric Chopin, Nocturne c-moll op. 48/1 (1841)
Hans Rott, Symphonie Nr. 1 E-Dur (1878-1880)

von Jürgen Pathy
Foto: CBS Music

Der Jungstar Jan Lisiecki hat die großen Erwartungen nicht erfüllen können. Am Freitagabend gastierte der ECHO-Klassik-Gewinner 2017 im Wiener Konzerthaus. Mit im Gepäck hatte er Wolfgang Amadeus Mozarts Meisterwerk, die Klaviersonate Nr. 21 in C-Dur.

Der 22 Jahre alte Kanadier erschien souverän auf der Bühne und setzte sich ruhig und gelassen an sein Arbeitsgerät: den schwarzen Flügel, der keinen Mozart‘ schen Zauber zu verbreiten mochte an diesem Abend. Lag es nur am konservativ intonierten Konzertflügel oder doch auch am farb- und ausdruckslosen Spiel des jungen Pianisten?

Der 29 Jahre alte Mozart (1756 – 1791) befand sich Mitte der 1780er-Jahre am schöpferischen und wirtschaftlichen Zenit seiner Karriere. Seine sogenannten Akademien spülten eine Menge Dukaten in die Kassen, und er zelebrierte ein Leben in Hülle und Fülle. Am 10. März 1785 wurde das C-Dur Klavierkonzert im Nationaltheater nächst der k.k. Burg (Altes Burgtheater) uraufgeführt – am Klavier saß der Meister höchstpersönlich. Nur einen Tag zuvor hatte er das Werk vollendet, für Kadenzen blieb keine Zeit. Kein Problem für Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart: Seit jüngstem Kindesalter verblüffte der Wunderknabe mit seinen Improvisationskünsten in vielen Adelshäusern Europas.

Diese beiden Solokadenzen waren es auch, mit denen Jan Lisiecki an diesem Abend zu überzeugen wusste: technisch perfekt und scheinbar mühelos schüttelte er sie aus den Ärmeln. Die restliche Darbietung fiel durchschnittlich aus. Obertöne: Fehlanzeige. Nuancierte Farben waren stärker auf dem Cover des Programmhefts zu finden, nicht im prächtigen Großen Saal des ehrwürdigen Wiener Konzerthauses.

Der zweite und langsame Satz – ein Andante – entschädigte ein wenig für den misslungenen Start. Die zarte Melodie der Streicher ließ erahnen, in welcher göttlichen Verfassung Wolfgang Amadeus Mozart sich befunden haben musste – mindestens ein Engel auf jeder Schulter haben den Meister zu diesen himmlischen Klängen animiert. Das Orchester verzauberte mit göttlicher Grazie – es lag nicht an den  Wiener Symphonikern und dem Dirigat des Berliners Sebastian Weigle, dass dieser Zauber phasenweise verflog.

Die Befürchtung liegt nahe, dass der Klavierstimmer und Lisiecki bei der Intonierung des Klaviers auf Nummer sicher gehen wollten: der Flügel klang etwas undeutlich und gedämpft – fast wie das Klavier eines Musik-Konservatoriums, das mindestens ein bis zwei Dutzend Studenten nutzen müssen und das deshalb ohne jegliches Risiko gestimmt wurde. Ohne Risiko, ohne Grenzgang, ist es unmöglich außergewöhnliche Musik zu erschaffen!

Als Zugabe gab der Jungstar die düstere Nocturne op. 48/1 von Frédéric Chopin (1810 – 1849): ein dunkles, lyrisches Gedicht – melancholisch, farbenreich und dramatisch sollte es klingen. Für seine CD mit Chopin-Werken  wurde dem Sohn polnischer Einwanderer der ECHO Klassik verliehen – das ließ Hoffnung aufkeimen. Lisiecki spielte brav und sauber. Frédéric Chopins gefühlsbetonte Nocturnes erfordern jedoch mehr: farbenfrohe, lyrische Klang-Malerei – nur so können sie deren emotionale Wirkung völlig entfalten.

Die französische Musikzeitschrift Diaposon lobte Lisiecki als „Virtuosen bar jeder Manieriertheit mit einer kraftvollen und vor allem unwiderstehlich natürlichen Spielweise“. Etwas Manieriertheit hätte dem jungen Pianisten an diesem Abend nicht geschadet, um mit seinem Spiel aus der Masse der Jungpianisten hervorzustechen. Einem Vladimir Horowitz wurde bei jeder Gelegenheit Manieriertheit vorgeworfen… er war der größte Pianist aller Zeiten!

Bitte, liebe Pianisten: „Nähert euch der Grenze des Absturzes; entfernt alle Sicherheitsnetze – wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“

Zu Höchstform auflaufende Wiener Symphoniker unter der präzisen, schweißtreibenden Stabführung des 1961 geborenen Ausnahmedirigenten Sebastian Weigle,  Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt – bei den Bayreuther Festspielen leitete der gebürtige Berliner von 2007 bis 2011 eine Neuproduktion von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ (Regie: Katharina Wagner) –, entschädigten allemal für die etwas frustrierende erste Hälfte des Abends. Mit der 1. Sinfonie Hans Rotts (1858 – 1884) sorgte das Wiener Ensemble für unvergessliche Momente.

Das Klangspektrum dieses gigantischen Werks reicht von Georg Friedrich Händels (1685 – 1759) „Ombra mai fu“ bis zu dem beeindruckenden Anfangsgebrumme in Richard Wagners (1813 – 1883) „Das Rheingold“. Die Fülle an Farben, an gigantisch aber dennoch weichen Blechbläsern und sphärischen Klängen verwandelten den Raum in eine 55 Minuten dauernde berauschende Klangwolke, aus der man nicht mehr erwachen wollte.

„Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen: zu solchem Fluge erhebt sich sein Genius schon in dieser Ersten Symphonie…….die ihn – es ist nicht zu viel gesagt – zum Begründer der neuen Symphonie macht, wie ich sie verstehe“, lobte kein Geringerer als Gustav Mahler (1860 – 1911) den österreichischen Komponisten und Organisten. Mahler zitierte in einigen seiner eigenen Sinfonien aus Hans Rotts wegweisendem Werk: in der zweiten, dritten, fünften als auch in seiner siebten.

Es sollte Rotts einzige Sinfonie bleiben: vier Jahre nachdem er das höchst anspruchsvolle Werk vollendet hatte, verstarb der Anton-Bruckner-Schüler in einer Heilanstalt an Tuberkulose – ruhmlos, geisteskrank, 25 Jahre jung. Die Musikwelt kann den großen Verlust des Wieners nur erahnen.

Letztendlich war es ein gigantisches Konzerterlebnis, für das hauptsächlich die großartig aufspielenden Wiener Symphoniker und das taktvolle Dirigat des „Dirigenten des Jahres 2003″ verantwortlich waren. Für den jungen Solisten sei das Bonmot des großen Pianisten Arthur Schnabel erwähnt: „Mozart ist für Kinder zu leicht und für Erwachsene zu schwer.“

Genießen Sie das außergewöhnliche Dirigat des Sebastian Weigle in der Wiener Staatsoper: ab 15. Juni 2018, in „Lohengrin“, der traumhaft schönen Oper von Richard Wagner.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 12. November 2017,
für klassik-begeistert.at

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