Hervorragender Papageno entzückt mit Wiener Charme und Dialekt an der Volksoper Wien

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte
Wiener Volksoper, 22. September 2017
Papageno Marco Di Sapia
Papagena Johanna Arrouas
Tamino Szabolcs Brickner
Pamina Anita Götz
Königin der Nacht Gloria Rehm
Sarastro Andreas Mitschke
Alfred Eschwe Dirigent
Helmut Lohner Regie
Johan Engels Bühnenbild
Marie-Jeanne Lecca Kostüme
Friedrich Rom Lichtdesign

von Jürgen Pathy

Die „Zauberflöte“ kann im Haus am Gürtel auf eine glorreiche und lange Geschichte zurückblicken. Auf große Namen auf und hinter der Bühne. Die weltweit am öftesten auf die Bühne gebrachte Oper zählt seit jeher zum Pflichtprogramm des Repertoiresystems der Wiener Volksoper.

Bereits am 3. Oktober 1906 erfolgte zur Vorfeier des Namensfestes von Kaiser Franz Joseph I. die Erstaufführung des bunten, zirkusartigen Meisterwerkes von Wolfgang Amadeus Mozart.

Seither durchlief Mozarts Huldigung an das Freimaurertum eine Vielzahl an Neu-Inszenierungen. Aktuell darf das verwöhnte Wiener Publikum jene aus dem Jahr 2005 genießen – entsprungen aus der Feder der 2015 im Alter von 82 Jahren verstorbenen Theater-Größe Helmut Lohner.

Somit kann diese Zauberflöte nicht nur als Vermächtnis des großen Genies der Wiener Klassik gesehen werden, der in seinem Todesjahr 1791 neben diesem „Singspiel“ parallel noch an der ein wenig außer Mode geratenen Opera Seria „La Clemenza di Tito“ arbeitete – es würdigt auch die allseits beliebte, gefeierte und unvergessliche Bühnengröße des ehemaligen Direktors des Theater an der Josefstadt.

Vorweg: Bühnenbild, Licht und Kostüm sind ein unvergesslicher, spektakulärer Augenschmaus. Bombastisch! Bestens geeignet für Jung und Alt. Das aufwendige, kolossale, ja fast wagnerianisch anmutende Bühnenbild spielt im Zusammenschluss mit Licht und Kostüm mit der Phantasie des informierten Zusehers: mit dem freimaurerischen Weg der Erleuchtung. Beeindruckend regt die Lichtregie durch ein exakt pointiertes Wechselspiel von gleißendem Licht und Dunkelheit das Publikum an, den erleuchtenden Weg der Aufklärung hautnah zu durchleben. Verblüfft den Besucher mit präziser Kunstfertigkeit. Die trotzdem nicht überladene Bühne ist gespikt mit mystischer ägyptischer Symbolik. Dieses bildstarke Spektakel alleine macht den Besuch bereits lohnenswert.

Einen imponierenden und höchst-erfreulichen Eindruck hinterlassen auch sparsam eingestreute Tonband-Einspielungen, die nicht nur das audiophile Ohr, sondern den ganzen Körper durchströmen – verantwortlich für dieses Intermezzo sind gewieft im Hohlraum unter dem Saal verteilte Subwoofer-Boxen. Sie künden dem Publikum im Parterre durch drohendes Grollen und Donnern bereits frühzeitig von der nahenden Bedrohung: der „Königin der Nacht“…

…dargeboten von der jungen Berlinerin Gloria Rehm, deren überwältigende Bühnenpräsenz von der ersten Sekunde spürbar wird. Der gewichtigen, aber kurzen Rolle der hinterlistigen Verführerin bietet sich kein Luxus der Gewöhnungsphase: Zwei Arien, die jedes Kind erkennt, müssen rasch und prägnant in Fleisch und Blut übergehen! Die Haus-Debütantin reüssiert mit einem Top-Auftritt – sie hat ein interessantes Timbre gepaart mit der notwendigen Beweglichkeit einer meisterhaften Koloratur-Sopranistin. Mit ihrer ersten Arie „O zittre nicht, mein lieber Sohn“ strahlt sie mit dem imposanten Bühnenbild um die Wette. Bei der enorm anspruchsvollen Arie „Der Hölle Rache“ offenbaren sich trotz hoher Tessitur minimale Probleme – bei den hohen Tönen fehlt es an Agilität, der erwünschte Fluss gerät minimal ins Stocken. Das kann den hochklassigen Gesamteindruck keineswegs mindern. Zu Recht genießt Gloria Rehm nicht nur den lauten Schluss, sondern auch verdienten Szenen-Applaus.

Der zu Beginn unerfahrene Tamino, der im Laufe des Abends etliche Wasser – und Feuerprüfungen durchwandern muss, eröffnet stimmlich nervös und schwächelnd. Mit fortweilender Dauer gewinnt der von Szabolcs Brickner gemimte fürstliche Jüngling mehr Sicherheit und kann schlussendlich stolz auf einen gelungenen Auftritt zurückblicken. Der 37 Jahre alte Ungar zählt zum Ensemble der Volksoper und wird diese Saison in weiteren Partien zu bestaunen sein: als Alfred in „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ab 26. September 2017, als Tenor im Ballett „Romeo et Juliette“ von Davide Bombana) ab 9. Dezember 2017 (Premiere) sowie als Guido, Herzog von Urbino, in der Operette „Eine Nacht in Venedig“ Operette  von Johann Strauß ab 10. Jänner 2018.

Seine geliebte Tamina verkörpert ein weiteres Ensemblemitglied: Anita Götz. Die junge Wienerin, Trägerin zahlreicher Preise, gibt sich keine Blöße und bietet eine bravouröse, rosige Gesellin, die der Liebe und Erleuchtung wegen Tamino bei den Prüfungen nicht von der Seite weicht. Jugendlicher Esprit gepaart mit zuckersüßer Ausstrahlung und einer sattelfesten Stimme adeln sie – eine wirklich gut gewählte Besetzung. Operetten-Fans werden ihr charmantes Wesen auch noch ab 26. September 2017 als Adele in der „Fledermaus“ von Johann Strauss und als Helene, Haushaltshilfe bei Pappenstiels, in der Operette „Der Opernball“ von Richard Heuberger bewundern dürfen, wo sie mit Sicherheit zu entzücken wissen wird: ab 17. Februar 2018.

Weniger erfreulich hingegen die zahme, zahnlose Darbietung des stimmlich schwächelnden Sarasto Andreas Mitschke. Seine Bass-Stimme war mit der elementaren Rolle des Fürsten schwer überfordert: kein Volumen. Selbst beim besten Willen kann ihm das Orchester nur schwer beiseite stehen, hat Mozart dieser Partie doch einige Momente der Blechbläser-Begleitung gewidmet. Hierfür wäre jedoch ein volles und tragfähiges Organ von Nöten, mit dem der freischaffende Hesse an diesem Abend nicht dienen kann. Auch wenn im Laufe des 2. Aufzuges eine Steigerung wahrnehmbar wurde, war das zu wenig. Schade! Hätte man doch gerne die zum Freimaurer-Bekenntnis hochstilisierte Arie „In diesen heiligen Hallen“ satt und durchdrungen bis in die letzten Reihen vernehmen wollen.

Selbiges unerfreuliche Schicksal teilten die Drei Damen. Ihnen mangelte es nicht an der erforderlichen Wucht und Lautstärke, jedoch an erwünschter deutlicher Aussprache und sicherem Auftreten. Ein zu operettenhafter Gesangsstil tat das Übrige. Ohne englisch-sprachige Übertitel wäre das bedauernswerte Publikum zum Fischen im Trüben verurteilt gewesen. In einem deutsch-sprachigen „Singspiel“ mit gesprochenen Rezitativen darf man auf jeden Fall eines fordern – deutliche Artikulation.

Zurück zu wohltuenden Erlebnissen. Was wäre eine gelungene Zauberflöten-Vorstellung ohne einen phänomenalen Papageno? Die Hälfte wert! Davon zeugen katastrophale Fehlbesetzungen, die auf Tonband festgehalten wurden und für jedes Auge und Ohr auf DVD oder youtube zu entdecken sind. Öfters wurden zwar erstklassige, grandiose Stimmen engagiert aber die entscheidenden schauspielerischen, komödiantischen Fähigkeiten sträflich vernachlässigt – nicht im Haus am Gürtel.

Die eindeutig beste Darbietung lieferte an diesem spritzig-vergnügten Freitagabend der Bariton Marco di Sapia, der den etwas tollpatschigen, aber besonders liebenswerten Naturburschen Papageno bravourös zu mimen verstand. Der gebürtige Genuese, wohnhaft in Wiens Umgebung, vermochte mit seinem glaubhaften Wiener Dialekt den kompletten Saal zu entzücken und zu verzaubern. Regelmäßig entlockte er dem Publikum einen aufheiternden Lacher und sorgte für Jahrmarktsstimmung – selbst ohne ein Wort zu sagen, wirkte sein theatralisches Gebaren stets amüsant. Sein menschliches Instrument besitzt genügend Ausdruckskraft, um dieser Partie seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Grandios! Mit Freude kann das Wiener Publikum weiteren Saison-Darbietungen des 40-jährigen entgegenfiebern: als Bud Frump in „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ (Musical / Franz Loesser) ab 25. Oktober 2017; als Graf Danilo Danilowitsch, Gesandschaftssekretär, in „Die lustige Witwe“ (Operette / Franz Lehar) ab 9.November 2017; als Paul Wimmer, Bankier in „Der Opernball“ sowie als Benozzo in „Gasparone“ (Operette / Carl Millöcker) am 2. Juni 2018 (Premiere).

Papagena bot einen gelungenen, farbenfrohen Auftritt. Als alte Hexe mit Buckel verkleidet, sorgte sie für ausgelassene Stimmung und ein bestens gelauntes Publikum. Besonders die jungen Zuschauer riss sie mit ihrer grandiosen schauspielerischen Darbietung mit. Ihr Auftritt zeugte von großer Verwandlungskunst – alte grimmige Hexe, aber auch hinreißend ausgeflipptes Weibsbild mit rosa Haupthaar bereiteten der Wienerin Johanna Arrouas keine Mühe.

Eine geringe Anzahl von Kindern im Volksschulalter wurden von Papageno und seiner Papagena derart gut unterhalten, dass sie die volle Distanz von beinahe drei Stunden Spielzeit ohne jegliches Störgeräusch auf die Bühne starrend verweilten. Selbiges Verhalten konnte man von einigen erwachsenen Besuchern, die während der Pause zu viel dem Zigarettenkonsum gefrönt hatten, bedauerlicherweise nicht behaupten – zum Leidwesen aller Anwesenden herrschte kurzfristig sehr viel Gehuste und nervöse Unruhe. Ärgerlich!

Das über weite Strecken stilvoll harmonisierende Ensemble, geleitet vom Wiener Alfred Eschwe, assistierte den gesanglichen Darbietungen nicht zur Gänze ideal – einige Momente ließen die erforderliche Sensibilität des Maestros vermissen, um die ein oder andere Passage wohlwollend-zart mit betörender Orchester-Musik zu untermalen. Nichtsdestotrotz bekam Eschwe polternden Schluss-Applaus – in Summe zu Recht.

Unter dem Strich war es ein fröhlich-freudiger und kurzweiliger Opern-Abend, der Lust auf weitere behagliche Vorstellungen machte. Einige Sänger und Sängerinnen werden diese Saison in weiteren Rollen zu bewundern sein. Sollte ein Besuch der charmanten, ständig ein wenig jammernden Donaumetropole auf dem Plan stehen, darf ein Abstecher in das honorige Haus am Wiener Gürtel auf keinen Fall fehlen.

Wer das zauberhafte, possenhafte Musik-Theater inklusive Weltklasse-Lichtdesign und –Weltklasse-Bühnenbild noch live miterleben möchte, dem bieten sich noch zwei Termine an: Samstag, 30. September, und Donnerstag 5. Oktober 2017.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 23. September 2017, für
klassik-begeistert.at

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