Der Große Saal der Elbphilharmonie wird zur Kathedrale, zum Tempel geistlicher Musik

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Witold Lutosławski, Musique funèbre
Wolfgang Amadeus Mozart Requiem d-Moll KV 626
NDR Elbphilharmonie Orchester
Balthasar-Neumann-Chor und –Solisten
Anna Lucia Richter Sopran
Wiebke Lehmkuhl Alt
Lothar Odinius Tenor
Tareq Nazmi Bass
Thomas Hengelbrock Dirigent
Elbphilharmonie Hamburg, 6. Oktober 2017

von Leon Battran

Diese Musik ist schlichtweg überwältigend. Orchester, Chor und Solisten brillieren und sorgen für eine Sternstunde am Elbufer. Der Große Saal der Elbphilharmonie wird zur Kathedrale, zum Tempel geistlicher Musik. Zu hören ist Mozarts letztes Werk: eine Totenmesse wie gleißendes Licht.

Vorangestellt ist Mozarts Requiem eine moderne Trauermusik des polnischen Komponisten Witold Lutosławski. Seine Musique funèbre widmete Lutosławski Béla Bartók. Die Uraufführung fand am 26. März 1958 in Katowice statt. Am heutigen Abend funktioniert sie prima als instrumentales Vorspiel zu Mozarts großer Totenmesse. Stilistisch bildet sie einen krassen Gegensatz, aber die gemeinsame Thematik verbindet die beiden Werke.

Lutosławskis Trauermusik schraubt sich vom minimal instrumentierten Pianissimo hinauf bis zur vollständigen orchestralen Klanggewalt. Am Schluss formt sich aus mächtigen, flimmernden Cluster-Akkorden ein Unisono zusammen und nimmt erneut das Kanon-Motiv vom Anfang auf. Andreas Grünkorn mit dem Solocello lässt das Werk empfindsam ausklingen. Ein Hauch von Vergänglichkeit weht durch den Großen Saal der Elbphilharmonie.

Wirklich zum Schluss scheint die Musik aber nicht zu kommen, denn attacca schließt Mozarts monumentaler Introitus nahtlos an die ersterbende Musique funèbre an – ein dramaturgischer Kunstgriff: Die hohe Anfangsspannung lädt das Werk geradezu elektrisch auf. Der Einsatz des Chors sorgt für Gänsehaut.

Der 1991 von Thomas Hengelbrock ins Leben gerufene Balthasar-Neumann-Chor agiert ebenso feinfühlig wie klangmächtig. Das Kyrie steigert sich noch einmal merklich und endet mit einer geballten Kraftansammlung, die sich im Dies irae bei kühnem Tempo entlädt und stürmt und beinahe Überhand zu nehmen droht. Überwältigende Klangpracht auch im Rex tremendae.

Die Akustik im Großen Saal tut das Ihrige hinzu: Keine Gesangslinie geht in der polyphonen Verflechtung der Stimmen unter. Das Klangbild gleicht einer musikalischen Zwiebel, deren Schichten durchsichtig und klar umrissen sind.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Thomas Hengelbrock präsentiert sich von Anfang an als grandiose Klangformation, die wie ein einziger Körper akkurat und exakt zusammenwirkt. Die akzentuierte von Bartók beeinflusste moderne Klangsprache Lutosławskis beherrschen die Spieler ebenso wie den liturgisch-würdevollen Schein, in dem Mozarts Opus ultimum erstrahlt.

Im Jahr 1791 starb Mozart, ohne dass er das Requiem vollenden konnte. Die Partitur wurde nach Mozarts Tod durch Franz Xaver Süßmayr vervollständigt. Nur der Introitus ist von Mozart komplett auskomponiert und instrumentiert. Die weiteren Sätze wurden von Mozart lediglich skizziert und durch Süßmayr ergänzt oder ganz neu komponiert.

Nicht immer epochal orchestral; stellenweise werden auch ganz sanfte Töne angeschlagen. Das von Süßmayr komponierte Benedictus erklingt luftig weich und lieblich – ganz im Stil eines Mozartschen Andantes – und bietet den Solisten eine glänzende Bühne.

Und die waren heute erste Sahne, allen voran die Sopranistin Anna Lucia Richter. Die gebürtige Kölnerin sang anschmiegsam, tröstlich, zart, mit einer engelsgleichen Klarheit. Ihr sublimer Sopran ging geradewegs unter die Haut und sorgte dort fortwährend für warme Schauer.

Sehr gut auch Wiebke Lehmkuhl. Die Altistin sang mit mehr Vibrato als ihre Kollegin. Ihr Timbre entfaltete dabei eine sehr angenehme fruchtig-dunkle Note. Der Tenor Lothar Odinius vermochte in der Akustik der Elbphilharmonie nicht ganz aufzugehen, während der Deutsch-Ägypter Tareq Nazmi mit seiner erfrischend-energischen Bassstimme punkten konnte.

Thomas Hengelbrock stellte aufs Neue unter Beweis, dass er zu den herausragenden und charismatischsten Dirigenten der Gegenwart gehört. Spricht die Musik auch für sich – Hengelbrock empfindet sie sichtbar mit und fügt ihr mit seinem leidenschaftlichen und transparenten Dirigat eine optische Ausdrucksseite hinzu.

So ging dieser wunderbare Konzertabend schon nach etwas mehr als einer Stunde zu Ende. Nach lautstarkem, einhellig begeistertem Applaus rundete Bachs Choral Du, o schönes Weltgebäude das Programm ab. Die Zuschauer hätten trotzdem gerne noch länger ausgehalten.

Am 7. und 8. Oktober jeweils um 20 Uhr findet die Aufführung erneut in der Elbphilharmonie statt. Am 20. November um 20 Uhr sendet NDR Kultur einen Mitschnitt des Konzerts.

Leon Battran, 7. Oktober 2017, für
klassik-begeistert.de

3 Gedanken zu „Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem, Witold Lutosławski, Musique funèbre, NDR Elbphilharmonie Orchester, Balthasar-Neumann-Chor und -Solisten, Anna Lucia Richter, Wiebke Lehmkuhl, Lothar Odinius, Tareq Nazmi, Thomas Hengelbrock,
Elbphilharmonie Hamburg“

  1. Sehr geehrter Herr Battran
    sehr gute Rezension,
    wir hatten am gleichen Tag in Hamburg Abschied von einer lieben Freundin genommen.
    Auch sie mochte die Elphi und daher war das Requiem für uns eine traurig-wunderbare erste Begegnung mit diesem Raum.
    Suchtpotential – und richtig, die 75 min waren eindeutig zu kurz. 🙂
    Von meiner Seite noch die Anmerkung, dass es nicht viele Chöre auf dieser Welt gibt,die diesen Bach- Choral besser intonieren – wenn überhaupt.
    Das war Chor-Klang-Kunst par excellence.
    Rainer Brenner

    1. Lieber Herr Brenner,

      ganz herzlichen Dank für diesen Eindruck.
      Ich stimme Ihnen zu: Die Interpretation des Chorals war außergewöhnlich – feiner und inniger geht es nicht.
      Insgesamt ein kompakter, aber ganz intensiver Konzertabend.

      Herzliche Grüße
      Leon Battran

  2. Ich besuchte die Aufführung dieses Programms am Samstag, dem 7. Oktober und genoss ein wirklich wunderbares Konzert. Einhellige Begeisterung und minutenlanger Applaus im Großen Saal der Elbphilharmonie, die sich an diesem Abend tatsächlich in einen Sakralbau verwandelte – ein wahres Mekka der Musikliebhaber, das auch regelmäßige längere Pilgerreisen ansonsten entschieden säkular verorteter Zeitgenossen unbedingt lohnenswert erscheinen lässt.

    Chefdirigent und Mozart-Experte Thomas Hengelbrock ganz in seinem Element, ein über weite Strecken perfektes Zusammenspiel von NDR Elbphilharmonie Orchester und Balthasar-Neumann-Chor, gekrönt von dem genialen Gesang göttlich guter GesangssolistInnen – herauszuheben ist hier in der Tat Anna Lucia Richter, deren glasklarer, lupenreiner Sopran die Zuhörer nachhaltig in ihren Bann zog und in andere Sphären entführte.

    Wenn es überhaupt eine Einschränkung gibt, dann betrifft diese nicht die Künstler, sondern die nahezu perfekte – vielleicht schon zu perfekte – Akustik des Großen Saals der Elbphilharmonie: Während Mozarts Requiem optimal zur Geltung kam, wurden einige der sublimsten Pianissimo-Passagen von Lutosławskis Musique funèbre durch mehrere Huster zur Unzeit in ihrer Wirkung beeinträchtigt bis entwertet. Der Segen der nach technischer Maßgabe perfektionierten, nahezu nachhalllosen Akustik gerät so leider zum Fluch, denn sie setzt eine Besucherdisziplin voraus, die im Konzertalltag nur selten anzutreffen sein wird. Möglicherweise hat die doch eigentlich so ausgefeilte Optimierungsmaschinerie von Elbphilharmonie-Akustikpapst Yasuhisa Toyota derlei Profanes wie schietwetterbedingten Hustenreiz einfach nicht mit auf der Rechnung gehabt.

    Erwähnt werden sollte noch, dass in der Aufführung teils historische Instrumentierung (Barcokbögen, und Blechbläser) zum Einsatz kam – eine Hengelbrock’sche Spezialität, der sich ja bekanntermaßen mit Vorliebe auf dem Gebiet der Alten Musik verdingt.

    Nimmt man das an diesem Abend Gehörte (und auch Gesehene) zum Maßstab, so sind die Fußstapfen groß, in die der designierte Chefdirigent Alan Gilbert im Jahr 2019 treten wird. Thomas Hengelbrock hat hier jedenfalls nachhaltige Werbung in eigener Sache gemacht.

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