Kontrastprogramm im Theater an der Wien

Von Bergs „Wozzek“ über Händels „Giulio Cesare in Egitto“ zu Beethovens „Leonore“

 

von Charles E. Ritterband 

In der bewährten Regie von Robert Carsen hat das Theater an der Wien Alban Bergs „Wozzeck“ auf die Bühne gebracht. Ein Bunker in grünen und braunen Tarnfarben (Ausstattung Gideon Davy) mit Vorhängen aus Militärstoff und sich hebenden und senkenden Schnüren gab bedrückend plastisch Klaustrophobie und Trostlosigkeit wieder – genauso wie es Büchners Figur „Woyzeck“ empfunden haben muss.

Carsen gibt das Beklemmende des Stücks gnaden- und illusionslos wieder. Das dramatische Fragment war im Jahr 1836 entstanden – ein Dutzend Jahre vor dem Revolutionsjahr 1848. Demütigung und Erniedrigung des „Underdog“ konnten durch die Autoritäten (Offizier und Arzt) schranken- und hemmungslos praktiziert werden, so als ob es nicht Jahrzehnte zuvor eine französische Revolution und eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gegeben hätte.

Die Inszenierung im Theater an der Wien hinterlässt den Besucher erschlagen und erschüttert – die fast zwei Jahrhunderte seit der Entstehung von Büchners Drama scheinen wirkungs- und spurenlos verstrichen zu sein.

Der Bariton Florian Boesch, 46, geboren in Saarbrücken, zeigt die vielen widersprüchlichen Facetten in der Figur des Wozzeck virtuos auf – Leiden an der Welt und an den Menschen, Fragilität, Autodestruktivität und stets aufs Neue ausbrechende Brutalität, eine „sich in den Wahn hineinphilosophierende Existenz“, wie es jemand treffend formuliert hat.

Oft manövriert sich dieser Wozzeck hart an den Rand der Bühne, über den jähen Abgrund des Orchestergrabens. Dies steigert die Unmittelbarkeit dieser Figur, der Boesch auch vokal Kraft und Glaubwürdigkeit verleiht. Charismatisch der sadistische Doktor (der Bass Stefan Cerny, ein gebürtiger Wiener) und der britische Tenor John Daszak als hirnloser Hauptmann und aggressiver Machtmensch. Erschütternd hoffnungslos und stimmlich solide die Marie der US-amerikanischen Sopranistin Lise Lindstrom.

Effektvoll die Wiener Symphoniker unter dem Briten Leo Hussain, Jahrgang 1978, und musikalisch wie schauspielerisch dramatisch der bewährte Arnold Schönberg Chor, pöbelnd, gewalttätig und ausschweifend in Tarnuniformen.

Nur scheinbar sanfter ging es beim „Giulio Cesare in Egitto“ zu, einer konzertanten Aufführung, bei der die ungarische Sopranistin Emöke Baráth, Jahrgang 1985, als unvergleichliche Vleopatra glänzte, die einem auch schauspielerisch großartigen Giulio Cesare (der US-amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo, 46) gegenüberstand.

Hervorragend spielte die Academia Bizantina unter dem Italiener Ottavio Dantone, 57; die in diesem Stück unvermeidlichen Längen wurden aufgewogen durch das göttliche „Va tacito e nascosto“ des Julius Cäsar, begleitet von der Barocktrompete, der unvergleichliche warme Klänge entlockt wurden.

Unter dem souveränen, hochmusikalischen Dirigat des Belgiers René Jacobs, 71 – der glücklicherweise im „Theater an der Wien“ oft zu bewundern ist – war kurz darauf, ebenfalls als konzertante Aufführung, Beethovens „Leonore“ in der Version 1805 zu hören. Die in Sindelfingen geborene Sopranistin Marlis Petersen, Jahrgang 1968, die von der Zeitschrift „Opernwelt“ vor drei Jahren zum dritten Mal zur Opernsängerin des Jahres gekürt wurde, gab eine großartige, stimmlich überragende Leonore. Ihr als Partner bot der deutsche Tenor Maximilian Schmitt wunderbare Momente als verzweifelter Häftling im dunklen Verlies; als stimmgewaltiger Bösewicht der Don Pizarro des in Norwegen geborenen Bassbaritons Johannes Weisser, Jahrgang 1980.

Hervorragend der Rocco des russischen Basses Dimitry Ivashchenko und mit klaren Koloraturen und humorvollen Nuancen die Marzelline der US-amerikanischen Sopranistin Robin Johannsen, der als hoffnungslos in sie verliebter Pförtner Jaquino, der Tenor Johannes Chum, gebürtiger Steiermärker, gegenüberstand.

Der Journalist und Klassikliebhaber Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

 

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