Die MITTWOCH–PRESSE – 16. OKTOBER 2019

Foto: Lieder von Krieg und Liebe © Ingo Höhn / Luzerner Theater
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Die MITTWOCH–PRESSE – 16. OKTOBER 2019

Wiener Staatsoper
Christian Thielemann sei Dank!….
In ungeahnt süßem Ton weinen die Celli, in selten gehörter Vollendung posaunen die Mittelstimmen, und die Bässe brummen, als würde sich das „Rheingold“ mit voller Wucht über dem Graben ergießen. Selbst teils falsch intonierende Holzbläser und ein zu Beginn inhomogenes Geiger-Ensemble tun der Freude keinen Abbruch. Bereits während der beiden Pausen bricht das Publikum in Jubelstürme aus. Thielemann begeistert die Massen wie im Augenblick nur noch sein russisch-griechisches Pendant aus Perm – der als Scharlatan verrufene Teodor Currentzis! Eine Eine Brise Moschus da, ein wenig bitter-süße Edelschokolade dort und ein kräftiger Schuss Opium hinten dran, hätten vermutlich selbige Wirkung, die jedoch nicht allen wohl bekommt.
Jürgen Pathy berichtet aus der Wiener Staatsoper
Klassik begeistert

Goldener Rathausmann für Jonas Kaufmann
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20191015_OTS0111/goldener

Jonas Kaufmann singt in Wien bald wieder Oper
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„Frau ohne Schatten" wandelt in göttlichen Sphären – Christian Thielemann sei Dank!

Foto: © Matthias Creutziger
Wiener Staatsoper,
14. Oktober 2019
Richard Strauss, Frau ohne Schatten

von Jürgen Pathy

Oh süßer Duft, oh himmlischer Duft. In diesen göttlichen Sphären ist man geneigt zu apostrophieren, wenn Christian Thielemann und das Staatsopernorchester mit Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ zum Rundumschlag ansetzen. Egal ob kammermusikalischer Zauber wie über weite Strecken dieser 1919 uraufgeführten Märchenoper oder feurige Eruptionen wie in den Zwischenspielen – was da Montagabend wieder einmal aus dem Graben der Wiener Staatsoper strömte, entbehrt jeglicher Rechtfertigung über die teils absurde Inszenierung des Franzosen Vincent Huguet. Vergessen der splitternackte Jüngling, die teils schwach in Szene gesetzten Protagonisten oder die aus dem zeitlichen Kontext gerissenen Geistesblitze wie drei Neonröhren, die über einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs prangen. Christian Thielemann und dem Orchester sei Dank! „Richard Strauss, Frau ohne Schatten,
Wiener Staatsoper, 14. Oktober 2019“
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Sommereggers Klassikwelt 5/2019:
Von der Kunst des richtigen Hustens

Der unsterbliche Humorist Loriot führte bereits 1982 einen als Hustensymphonie bezeichneten Sketch in der Philharmonie Berlin auf. Erstaunlich, wie weit die Evolution des Hustens seither voran geschritten ist. Der frühere Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, reagierte besonders genervt auf diese Störung der Konzentration. Unvergesslich sind mir einzelne Gelegenheiten, wo er vom Pult aus einem hartnäckigen Huster einen Blick zuwarf, der hätte töten können.

von Peter Sommeregger

Jeder Mensch kennt die Situation: auch in den unpassendsten Momenten kann es passieren, dass sich ein plötzlicher Hustenreiz einstellt. Der kultivierte Mensch hält sich die Hand vor den Mund, räuspert sich eventuell, um den Hustenreiz zu stoppen. In den meisten Fällen hilft das.

Besonders unangenehm ist es natürlich, wenn  besagter Hustenreiz während eines Konzerts oder einer Opern/Theateraufführung auftritt. Der sozial denkende Mensch versucht, die Störung der ebenfalls  Anwesenden möglichst gering zu halten. In einem großen Konzertsaal wie der Berliner Philharmonie, die über eine ausgezeichnete Akustik verfügt, wird nicht nur der Vortrag der Künstler sehr gut hörbar, sondern leider auch alle Arten von akustischen Beimischungen, von denen Husten das störendste und unangenehmste ist. „Sommereggers Klassikwelt 5/2019,
klassik-begeistert.de“
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Unzählige Kanäle kämpfen um unsere Aufmerksamkeit: Händels Messias als Nummernrevue in München

Ich  habe schon lange ein Problem mit einer bestimmten Art von Regietheater. Vor allem, wenn energisch gekürzt, umformuliert, dazugeschrieben wird. Da kann ich auch mal renitent werden wie ein Hardcore-Wagnerianer.

Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 13. Oktober 2019
Georg Friedrich Händel, Der Messias

„Besonders aber lasst genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So dass die Menge staunend gaffen kann,
Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seid ein vielgeliebter Mann.
Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!“
Goethe, Faust, Vorspiel auf dem Theater

von Gabriele Lange

Je nach Perspektive kann man einen solchen Abend in München ganz unterschiedlich erleben. Für den geschätzten Kollegen Frank Heublein war die Inszenierung eine spannende Erfahrung – für mich als auf die Musik fokussierte Händel-Begeisterte eher eine schmerzvolle. Und das weckte meinen Hang zum Sarkasmus.

Am besten gebe ich es gleich zu: Manchmal bin ich ganz schön konservativ. Wenn es um Kunstwerke geht, die mir etwas bedeuten, neige ich zum Purismus. Deshalb habe ich schon lange ein Problem mit einer bestimmten Art von Regietheater. Vor allem, wenn energisch gekürzt, umformuliert, dazugeschrieben wird. Da kann ich auch mal renitent werden wie ein Hardcore-Wagnerianer.

Darf der das? Doch, klar… „Georg Friedrich Händel, Der Messias,
Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 13. Oktober 2019“
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Die DIENSTAG–PRESSE – 15. OKTOBER 2019

Foto: Szene aus Barrie Koskys „The Bassarids“ an der Komischen Oper Berlin (Komische Oper Berlin / (c) Monika Rittershaus)

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Die DIENSTAG–PRESSE – 15. OKTOBER 2019

Berlin/ Komische Oper
Sturzdämmernd: Premiere von Hans Werner Henzes THE BASSARIDS an der Komischen Oper: Hütet euch, Söhne, wenn die Mütter tanzen gehen!
Henze, wie eine Reporterlegende einst rief, wo ist Henze? Im Berliner Konzert- und Opernleben der letzten Jahre jedenfalls kaum mehr zu entdecken. Jetzt aber haben sich an der Komischen Oper Berlin zwei Musiktheater-Babos (um mal wieder diesen schönen Begriff eines bekannten Rappers namens Strafzettel zu zitieren) Hans Werner Henzes The Bassarids vorgeknöpft: Barrie Kosky inszeniert – ein bisschen. Vladimir Jurowski dirigiert – immens.
https://hundert11.net/sturzdaemmernd/
Attisches Theater ohne lustvollen Exzess: Henzes „The Bassarids“ an der Komischen Oper Berlin

Neue Musikzeitung/nmz.de
THE BASSARIDS von Hans Werner Henze

https://www.freitag.de/autoren/andre-sokolowski/the-bassarids-von-hans-werner-henze#
Henzes „Bassariden“-Oper in Berlin: Kampf zwischen Rausch und Verstand

Deutschlandfunk
„The Bassarids“ an der Komischen Oper Berlin: Duell zwischen Rausch und Vernunft

BR-Klassik

Cardiff/ Welsh National Opera
„Rigoletto“ im Weißen Haus – Eine intelligente und musikalisch vollendete Umsetzung an der Welsh National Opera
Vor nicht allzu langer Zeit sah ich im Linzer Musiktheater eine hervorragende und sehr eigenwillige Inszenierung von Verdis Rigoletto – im Trump-Tower. Das wurde konsequent und mit viel Ironie umgesetzt – bis zum (nicht existierenden) Stockwerk, der Mordszene im Untergeschoss und der strohblonden Perücke des Herzogs (als Trump-Imitator).
Charles E. Ritterband berichtet aus der Welsh National Opera
Klassik-begeistert

Cardiff: Beifallsstürme für eine „Carmen“ im Slum
Spanisches Flair, bunte Farben, Flamenco-Exotik und überschäumende Lebensfreude – das gibt es in dieser Inszenierung: Genau zehn Minuten lang. Auf dem sehr attraktiven, sonnenüberströmten, in orange- und goldgelbtönen gehaltenen Bühnenvorhang nämlich.
Dann öffnet sich dieser Vorhang, um das Bühnenbild freizugeben. Und da ist nichts mehr von Lebensfreude zu sehen, nichts von farbenfroher spanischer Flamenco-Herrlichkeit. Da ist nur noch das graue, deprimierende Halbrund einer Art Arena zu sehen, bestehend aus Betonelementen, elenden winzigen Wohnungen mit Aircondition-Geräten und zum Trocknen aufgehängter Wäsche. Tristezza.
Charles E. Ritterband berichtet aus der Welsh National Opera
Klassik-begeistert

Klagenfurt
Lebendiger Sängerstreit in statuarischer Szenerie
Richard Wagners Tannhäuser eröffnete die aktuelle Spielzeit am Stadttheater. Die Oper, in Klagenfurt vor dreißig Jahren zuletzt auf dem Spielplan, stellt nicht nur an kleinere Häuser hohe Ansprüche. Die vom Publikum bejubelte und der Kritik gelobte Klagenfurter Produktion überzeugte musikalisch und sängerisch.
DrehpunktKultur „Die DIENSTAG–PRESSE – 15. OKTOBER 2019“ weiterlesen

Cardiff: Beifallsstürme für eine "Carmen" im Slum

Foto: © Bill Cooper

Welsh National Opera WNO, Cardiff,
6. Oktober 2019

Georges Bizet, „Carmen“
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévi,

von Charles E. Ritterband

Spanisches Flair, bunte Farben, Flamenco-Exotik und überschäumende Lebensfreude – das gibt es in dieser Inszenierung: Genau zehn Minuten lang. Auf dem sehr attraktiven, sonnenüberströmten, in orange- und goldgelbtönen gehaltenen Bühnenvorhang nämlich.

Dann öffnet sich dieser Vorhang, um das Bühnenbild freizugeben. Und da ist nichts mehr von Lebensfreude zu sehen, nichts von farbenfroher spanischer Flamenco-Herrlichkeit. Da ist nur noch das graue, deprimierende Halbrund einer Art Arena zu sehen, bestehend aus Betonelementen, elenden winzigen Wohnungen mit Aircondition-Geräten und zum Trocknen aufgehängter Wäsche. Tristezza. „Georges Bizet, Carmen,
Welsh National Opera, 6. Oktober 2019“
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"Rigoletto" im Weißen Haus – Eine intelligente und musikalisch vollendete Umsetzung an der Welsh National Opera

Foto: © Richard Hubert Smith

Welsh National Opera WNO , Cardiff
4. Oktober 2019

Giuseppe Verdi, Rigoletto

von Charles E. Ritterband

Vor nicht allzu langer Zeit sah ich im Linzer Musiktheater eine hervorragende und sehr eigenwillige Inszenierung von Verdis Rigoletto – im Trump-Tower. Das wurde konsequent und mit viel Ironie umgesetzt – bis zum (nicht existierenden) Stockwerk, der Mordszene im Untergeschoss und der strohblonden Perücke des Herzogs (als Trump-Imitator).

Fern von Linz, im Millennium Center in der walisischen Hauptstadt Cardiff hat die Welsh National Opera ganz Ähnliches unternommen – ebenso konsequent, klug und wirkungsvoll. „Giuseppe Verdi, Rigoletto,
Welsh National Opera, 4. Oktober 2019“
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Die MONTAG–PRESSE – 14. OKTOBER 2019

Foto: Die Bassariden © Monika Rittershaus / Komische Oper Berlin
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Die MONTAG–
PRESSE – 14. OKTOBER 2019

Berlin/ Komische Oper
„Die Bassariden“ – eine Premierenkritik
https://www.freitag.de/autoren/andre-sokolowski/the-bassarids-von-hans-werner-henze

Nikolaus Bachler: „Eitelkeiten habe ich gern“ Bezahlartikel
Er sei kein Intellektueller und kein Stratege, sagt der Intendant der Bayrischen Staatsoper, Nikolaus Bachler. Intuition sei seine große Stärke. Der Steirer wird ab 2022 Dirigent Christian Thielemann als künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg nachfolgen. Das sorgte medial für große Aufregung. Nicht jedoch bei Bachler. „Ich bin in meinem Tun schon gefestigt“, sagt er.
https://www.diepresse.com/5705335/nikolaus-bachler-eitelkeiten-habe-ich-gern

Dresden
„Fidelio“ zum Mauerfall: „Sie können Herren Ihrer Geschichte werden“
Vor 30 Jahren inszenierte Christine Mielitz Beethovens „Fidelio“ in Dresden als subversive Geschichte aus einem Staatsgefängnis. Jetzt wurde die Inszenierung wiederaufgeführt. Und Joachim Gauck hielt eine Rede.
Die Welt.de

London
Händels „Agrippina“ an der Royal Opera London als musikalische Farce leuchtet in Barrie Koskys High-Tech-Inszenierung….
Das Bühnenbild ist eiskalt, ein fast unerträglich nüchtern-zweckhaftes Bürohaus aus Glas, Chrom und Stahl mit aufwendig verschiebbaren Elementen auf Rollen und klinisch weißen Intérieurs. Eine Metapher für die Hauptfigur von Händels Oper, einem überaus erfolgreichen Jugendwerk. Denn eiskalt, ist sie, die kalt berechnende, machtbesessene, manipulativ agierende und alle psychologischen und politischen Fäden ziehende Agrippina, die über Leichen geht und nur eines will: ihren debilen Sohn Nero auf den Thron des Römischen Kaisers zu hieven.
Dr. Charles E. Ritterband berichtet aus dem Royal Opera House London….
Klassik-begeistert

Welsh National Opera
Janáčeks „Vixen“ – Poetisch, märchenhaft und musikalisch perfekt an der Welsh National Opera
„The Cunning Little Vixen“ an der Welsh National Opera: Nie habe ich eine entzückendere, spritzigere Inszenierung von Janaceks wunderbarer musikalischer Fabel „Das schlaue Füchslein“ gesehen. Kein Wunder – für die Regie zeichnete sich der Großmeister Sir David Pountney verantwortlich, der seinerzeit als Intendant der Bregenzer Festspiele großartige kreative Leistungen vollbracht hatte – unter anderem die szenische Welt-Uraufführung der bewegenden Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg. Das Werk hat seither auf vielen großen Bühnen Furore gemacht.
Charles E. Ritterband berichtete aus der Welsh National Opera
Klassik-begeistert „Die MONTAG–PRESSE – 14. OKTOBER 2019“ weiterlesen

Janáčeks "Vixen" – poetisch, märchenhaft und musikalisch perfekt an der Welsh National Opera

Foto: © Richard Hubert Smith

„Pountneys „Füchslein“ hat mich – sehr ungern gibt dies ein erfahrener Rezensent zu – zu Tränen gerührt. Was sich auf der Bühne abspielt, ist pure Magie. Es ist geradezu überwältigend, mit wieviel Phantasie, Subtilität und Feingefühl dieses Märchen hier zum Leben erweckt wird.“

Welsh National Opera WNO, Cardiff,
5. Oktober 2019

Leoš Janáček, The Cunning Little Vixen (Das schlaue Füchslein), in tschechischer Sprache

von Charles E. Ritterband

„The Cunning Little Vixen“ an der Welsh National Opera: Nie habe ich eine entzückendere, spritzigere Inszenierung von Janaceks wunderbarer musikalischer Fabel „Das schlaue Füchslein“ gesehen. Kein Wunder – für die Regie zeichnete sich der Großmeister Sir David Pountney verantwortlich, der seinerzeit als Intendant der Bregenzer Festspiele großartige kreative Leistungen vollbracht hatte – unter anderem die szenische Welt-Uraufführung der bewegenden Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg. Das Werk hat seither auf vielen großen Bühnen Furore gemacht. „Leoš Janáček, Das schlaue Füchslein,
Welsh National Opera, 5. Oktober 2019“
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Einige Gedanken zum Thema Frédéric Chopin von einer Polin

Ich möchte nicht diskutieren oder darüber streiten, ob Chopin Frédéric François oder Fryderyk genannt werden soll. Für mich klingen die Worte des polnischen Dichters Cyprian Camil Norwid überzeugend, dass Chopin mit seinem großen Talent ein Weltbürger war. Ein hervorragender Musikweltbürger bleibt er jedenfalls für ewig.

von Jolanta Lada-Zielke

Ich komme aus Polen, darum erwartet man vielleicht von mir, dass ich ein paar Zeilen über unseren größten Komponisten schreibe. Zunächst zu seiner Nationalität. Alle Musikkenner wissen, dass er Pole war. Die Leute, die sich weniger für Musik interessieren, glauben oft aufgrund seines Namens, er sei Franzose.

Vor vier Jahren nahm ich an einen Onlineredaktionskurs in Hamburg teil. Im ersten Unterricht sollten alle 20 Teilnehmer einen Test des allgemeinen Wissens lösen. Eine Frage betraf die Nationalität von Frédéric Chopin, und es gab drei Optionen: Französisch, Polnisch und Ungarisch. Und was denken Sie, wie viele Personen die richtige Antwort wählten? Nur fünf. Selbst meine Tischnachbarin, die zehn Jahre lang auf Mallorca gelebt und Valldemossa oft besucht hatte, war wirklich überrascht, dass Chopin kein Franzose war. In Valldemossa, wo der Komponist 16 Monate (von 1838 – 1839) mit der Schriftstellerin George Sand und ihren Kindern verbrachte, steht auf jeder Tafel mit seinem Lebenslauf, dass er aus Polen stammte.

Wenn jemand meiner Bekannten an der polnischen Abstammung des Komponisten zweifelt, frage ich ihn oder sie kratzbürstig: „Na dann, wo wurde er geboren? Können Sie den Namen dieser Ortschaft aussprechen? Żelazowa Wola. (Schelasowa Wola). “ „Woher kommt denn sein Französisch klingender Name?“, werde ich gefragt.  Sein Vater Mikołaj kam ursprünglich aus Frankreich. Im Alter von 16 Jahren kam er nach Polen, wo er seine zweite Heimat fand. Die polnischen Einflüsse, vor allem die der polnischen Volksmusik, sind in Chopins Werken deutlich zu hören, besonders in Mazurkas, die auf den polnischem Tänzen „Mazur“ basieren, aber auch in Polonaisen.

Chopin komponierte vor allem Klavierstücke, es gibt aber einige Lieder, die er zu Texten polnischer Dichter schuf. Manche sind fröhlich und lustig wie Mädchenwunsch und Litauisches Lied, die anderen traurig oder sogar tragisch im Ausdruck wie Polens Grabgesang, das nach der Niederlage des November-Aufstands 1831 komponiert wurde. Frédéric Chopin musste seine Heimat noch vor diesem Ereignis verlassen, die Nachricht über den gescheiterten Aufstand erreichte ihn in Paris, wo er von 1831 bis zum Ende seines Lebens weilte. Als er 1849 starb, wurde sein Herz nach Polen zurückgebracht, wie er sich gewünscht hatte.

Die traurige und nostalgische Stimmung der Werke Chopins lieben vor allem Musiker und Musikliebhaber aus dem slawischen Sprachraum. Meine Gesangslehrerin fragte einmal eine Studentin aus Tschechien, die gerne die melancholischen Lieder Chopins für ihre Landsleute aufführte:  „Musst du so ein trauriges Zeug singen?“  „A nam se to libi! (Aber wir mögen es)antwortete die Tschechin.

Chopins Lieder in deutscher Sprache hat 2010 der Bariton Konrad Jarnot mit Klavierbegleitung des Pianisten Eugéne Mursky für den Günter Hänssler Musikverlag aufgenommen. Ich kann diese CD allen Liebhabern romantischer Lieder weiterempfehlen.

Anerkennung eines „rassenfremden Künstlers“

Im „Dritten Reich“ interpretierte man die ganze Musikgeschichte nach der Richtlinie der NSDAP. Es gab entweder die „reine deutsche“ oder die „entartete Musik“ zu der Jazz, Swing und Werke der Komponisten nicht-arischer Abstammung gehörten. Knapp zwei Monate nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als Polen schon von deutschen Truppen besetzt war, erschien der Artikel „Kampf um Chopin“  von Ernst Krienitz in der Zeitschrift „Die Musik Woche“. Der Autor stellte die folgende Frage: „Besagter Chopin, der einzige polnische Musiker, der in den Tempel der Unsterblichkeit einging, repräsentiert er nun wirklich das Polentum? “

Dann zitiert er Robert Schumanns Aussage über Chopin:   „Hut ab, ihr Herren! Ein Genie!“; Krienitz behauptet, Schumann äußerte sich über den „jungen Pianisten aus Warschau“ so kameradschaftlich, weil er in seinen Werken „wesensverwandte Dinge“ entdeckt haben müsse. Dann deutet Krienitz daraufhin, dass einer von Chopins Musiklehrern, Josef Elsner, ein Deutsch-Böhme war, der seinem Schüler Johann Sebastian Bachs Werke zu studieren gab.

Nach Meinung von Krienitz war Frédéric  Chopin nur deswegen so genial, weil er unter dem Einfluss der großen deutschen Romantiker komponierte und ihnen eigentlich seine ganze Schöpfung zu verdanken habe. Wegen Chopins Beziehungen zur deutschen Musik konnten ihn die Nazis gnädig anerkennen. Ohne Bach und ohne die deutschen Romantiker wäre er „nie zu der Reife gelangt, die ihn zum begehrenswerten Klavierkomponisten gemacht hat“, so Krienitz.

Ich finde, dass der einzige positive Aspekt des Artikels derjenige ist, dass dessen Autor die polnische Abstammung des Komponisten nicht bestreitet. Zwar äußert er sich über ihn tendenziell, versucht aber nicht aus ihm einen Franzosen zu machen.

Aleksej Sultanov  – der unterschätzte Preisträger

1927 erfolgte in Warschau der erste Internationale Chopin-Wettbewerb, der seit 1955 alle fünf Jahre stattfindet. Wenn man die Geschichte der Veranstaltung verfolgt, sieht man, dass die Mehrheit der Preisträger aus slawischen und asiatischen Ländern kam. Eigentlich halte ich es für Klischeedenken, dass nur polnische, eventuell slawische Künstler Chopins Werke gut spielen können (ebenso wie dies, dass Richard Wagner ausschließlich von deutschen Sängern richtig gesungen werden kann).  Es gab jedoch einen russischen Interpreten, dessen Aufführung des Klavierkonzerts f-Moll mich total begeistert hat. Das war Aleksej Sultanov, der 1995 am 13. Chopin-Klavierwettbewerb teilnahm. Er spielte mit so viel Gefühl, dass ich den Tränen nahe war, als ich die Übertragung  des Wettbewerbs im Fernsehen sah. Meiner Meinung nach hätte er damals den Ersten Preis bekommen sollen. Die Jury beschloss aber keinen Ersten, sondern zwei Zweite Preise zu verleihen, die Sultanov  zusammen mit dem französischen Pianisten Philippe Giusiano bekam.

Ich möchte nicht diskutieren oder darüber streiten, ob Chopin Frédéric François oder Fryderyk genannt werden soll. Für mich klingen die Worte des polnischen Dichters Cyprian Camil Norwid überzeugend, dass Chopin mit seinem großen Talent ein Weltbürger war. Ein hervorragender Musikweltbürger bleibt er jedenfalls für ewig.

[i]Josef Wulf, Kultur im Dritten Reich. Musik; Bibliothek der Zeitgeschichte Ullstein, Frankfurt/M; Berlin 1989, S. 253-254.

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
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Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Jolanta Lada-Zielke, 48, wurde in Krakau geboren, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert, danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre in dem Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART im Bereich „Bayreuther Festspiele“ zusammen. 2003 hat sie ein Stipendium vom Goethe Institut Krakau bekommen. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern.