Ritterbands Klassikwelt 7 / 2019: Toscas verschwundenes Bein

Auf ihrem Grabstein steht in goldenen Lettern: Sarah Bernhardt 1844 -1923. Im Grab modern ihre sterblichen Überreste – minus ihr rechtes Bein. Dieses ruhte an einem wesentlich weniger feierlichen Ort: Fast 600 Kilometer südwestlich von Paris, in einem Depot der Medizinischen Fakultät an der Universität von Bordeaux.

von Charles E. Ritterband

Während die Netrebko gegenwärtig an der Mailänder Scala als Floria Tosca neue Triumphe feiert, fallen mir einige der zahlreichen Anekdoten ein, die sich um Puccinis Oper ranken. Da wäre vor allem jene bekannte Geschichte mit der Sängerin, die sich beim Bühnenpersonal so unbeliebt gemacht hatte, dass diese der Diva einen bösen Streich spielten: Sie platzierten hinter der Engelsburg statt der üblichen Matratzen, die den Todessprung der Tosca aufzufangen hatten, ein Trampolin. Und die verdutzte Sängerin, statt wie vorgesehen im Jenseits zu verschwinden, tauchte hinter der Kulisse mit einem ungeplanten Luftsprung wieder auf. Sehr zur Begeisterung des Publikums. „Ritterbands Klassikwelt 7 / 2019
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Bitte bleiben Sie Köln treu, Herr Eschenbach!

Foto: © Jonas Holthaus

Philharmonie Köln, 13. Dezember 2019

Hanna-Elisabeth Müller, Sopran

WDR Sinfonieorchester
Christoph Eschenbach, Dirigent

Richard Strauss – Malven („Aus Rosen, Phlox (und) Zin(n)ienflor“) TrV 297 (1948) für Singstimme und Klavier, Orchestrierung von Wolfgang Rihm

Richard Strauss – Vier letzte Lieder TrV 296 (1948) für Sopran und Orchester

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 9 D-Dur (1909)

von Daniel Janz

Christoph Eschenbach, 79, kann man wohl zurecht als Ausnahmetalent bezeichnen. Schon früh wurden die Fähigkeiten des im Alter von 6 Jahren Verwaisten offensichtlich – heute ist er nicht nur ein renommierter Pianist und mehrfacher Preisträger, sondern auch einer der einflussreichsten Dirigenten der Gegenwart. Kein Wunder also, dass sein Besuch in Köln auf reges Interesse und an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf nahezu ausverkaufte Säle stieß. Einen solchen Gast hat man schließlich nicht so oft! „Hanna-Elisabeth Müller, WDR Sinfonieorchester, Christoph Eschenbach,
Kölner Philharmonie, 13. Dezember 2019“
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„Salome“ Unter den Linden: Der Lächerlichkeit preisgegeben

Foto: Ausrine Stundyte (Salome), Christian Natter (Oscar Wilde)
Credits: Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden Berlin, 13. Dezember 2019

Richard Strauss, Salome

von Peter Sommeregger

Über Jahrzehnte hat der Regisseur Hans Neuenfels durch seine zum Teil extremen Theater-und Opernproduktionen polarisiert. Gemeinsam war diesen aber jeweils eine diskussionswürdige Sicht auf das inszenierte Werk. In der Inszenierung der Oper Salome für die Staatsoper Unter den Linden im Jahr 2018 verletzt er aber ein ungeschriebenes Gesetz des Regie-Handwerks: Er denunziert das Stück und gibt sowohl das Drama als auch seine handelnden Personen der Lächerlichkeit preis. „Richard Strauss, Salome,
Staatsoper Unter den Linden Berlin, 13. Dezember 2019“
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"In Finnland stehen die Musikliebhaber sehr auf Wagner"

Foto: © anna.s.

Interview mit der Sopranistin Camilla Nylund

Camilla Nylund kam am 11. Juni 1968 in Vaasa, Finnland, zur Welt. Ihre Muttersprache ist Schwedisch. Sie hat sich auf Rollen in Werken von Richard Wagner, Ludwig van Beethoven, Giuseppe Verdi und Richard Strauss spezialisiert. Ihr breites Repertoire umfasst auch Partien in den Opern Mozarts, Tschaikowskys und Dvoraks. Sie gastiert regelmäßig auf den berühmtesten Opernbühnen und in den namhaftesten Konzerthäusern der Welt wie der Semperoper Dresden, der Staatsoper Hamburg, der Staatsoper Unter den Linden, dem Opernhaus Zürich, dem Royal Opera Haus in London, der Wiener Staatsoper, dem Grand Théatre de Geneve, dem Théatre des Champs Elysees, dem Liceu in Barcelona, dem New National Theatre Tokyo und bei den Bayreuther und Salzburger Festspielen. Zu den Dirigenten, mit denen Camilla Nylund zusammenarbeitet, zählen Daniel Barenboim, Marek Janowski, Fabio Luisi, Yakov Kreizberg, Ingo Metzmacher, Kent Nagano, Andris Nelsons, Sir Simon Rattle und Christian Thielemann. Sie ist mit dem holländischen Tenor Anton Saris verheiratet. Mit ihm und den beiden gemeinsamen Töchtern lebt sie im Dresdener Stadtteil Weißer Hirsch.

von Jolanta Lada-Zielke

In Ihrer Biographie steht, dass Sie lyrisch-dramatischer Sopran sind. Meiner Erfahrung nach werden diese zwei Stimmfächer getrennt genannt.

Im deutschen Sprachraum bezeichnet man so eine Stimme als „jugendlich dramatisch“ und in Italien als „lirico-spinto“. Die Stimme hat eine lyrische Farbe, aber auch viel Kraft, und es gibt einige Partien, wo man diese zeigen muss. In der „Ariadne auf Naxos“ gibt es zum Beispiel schöne, lyrische Passagen, aber an manchen Stellen muss man mehr Kraft haben. Auch die Wagner-Partien sind nicht nur lyrisch, sondern verfügen über eine gewisse Dramatik. Dazu gehören auch die Leonore von Beethovens „Fidelio“ und Arien aus italienischen Opern. „Interview mit Camilla Nylund
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Joshua Bell verzaubert die Elbphilharmonie

Bildquelle: Joshua Bell

Elbphilharmonie Hamburg, 12. Dezember 2019

Joshua Bell Violine

NDR Elbphilharmonie Orchester
Dirigent Krzysztof Urbański

von Ulrich Poser

Der wunderbare Abend begann vielversprechend mit Ligetis Atmosphères für großes Orchester. Diese aus Stanley Kubricks „2001 – Odysee im Weltraum“ bekannte Komposition transferierte den Zuhörer von Takt 1 an, wie gleichsam den einsamen Astronauten aus dem Kinoerfolg, weit weg von der Erde in andere Dimensionen. Irgendwohin ins Weltall. Die von Ligeti selbst so bezeichnete Mikropolyphonie aus der „mikroskopischen Unterwasserwelt“ war in höchstem Maße synästethisch-assoziativ: Man sah farbige Bienenschwärme, die über diffuse Wolkengebilde in Richtung Weltall aufbrachen. Eine Reise zu fernen Planeten, ganz ohne LSD! „Joshua Bell, NDR Elbphilharmonie Orchester, Krzysztof Urbański,
Elbphilharmonie Hamburg, 12. Dezember 2019“
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Public School Boys auf Kreuzfahrt ins Heilige Land: Händels "Rinaldo" in Glyndebourne

Foto: © Bill Cooper 2019

Glyndebourne Touring Opera, 29. November 2019

Georg Friedrich Händel, Rinaldo

von Charles E. Ritterband

Der Barock-Großmeister Georg Friedrich Händel hatte den „Rinaldo“ Anfang des 18. Jahrhunderts fertiggestellt. Das Werk hat den Ersten Kreuzzug im Jahr 1099 zum Thema und selbstverständlich Jerusalem als Schauplatz. Doch schon zur Zeit Händels wurde diese Oper höchstwahrscheinlich in zeitgenössischen Kostümen – also in barocker Kleidung – inszeniert.

Deshalb ist es nicht weit hergegriffen, dass der namhafte kanadische Opernregisseur Robert Carsen das Kreuzritter-Epos humorvoll verfremdet und in einer englischen Public School spielen lässt, deren Zöglinge den Mädchen einer Mädchenschule ein heißes Fußballmatch liefern, sich Rüstungen  umschnallen und sich in einem mit wenigen Handgriffen zum Schlachtfeld umfunktionierten Schulzimmer in blutige Schlachten stürzen – ganz im barocken Sinne umgeben von allerlei Zauberei, Kanonendonner, Gewitterstürmen und spektakulärem Bühnenfeuerwerk. „Georg Friedrich Händel, Rinaldo,
Glyndebourne Touring Opera, 29. November 2019“
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Olga Neuwirths "Orlando" ist eine emanzipatorische Oper, die die Gattung aus den Fugen hebt

Foto: Kate Lindsey als Orlando © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Wiener Staatsoper, 11. Dezember 2019

Olga Neuwirth, Orlando, eine fiktive musikalische Biografie in 19 Bildern

Nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf

von Julia Lenart

Fluide Klänge, Feminismus, Transgender-Aktivisten und Kapitalismuskritik. Unglaublich, aber wahr: All das kann man derzeit an der Wiener Staatsoper erleben. Olga Neuwirths Orlando bricht mit allen Konventionen, die die Institution Oper in ihrer langen Entstehungsgeschichte hervorgebracht hat – und sie trifft damit ins Schwarze. „Olga Neuwirth, Orlando,
Wiener Staatsoper, 11. Dezember 2019“
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Verdis "Otello" an der Royal Opera London: Ästhetisch unbefriedigend, sängerisch grandios

Foto: Otello, The Royal Opera © 2017 ROH. Photograph by Catherine Ashmore

Royal Opera House London, 9. Dezember 2019

Giuseppe Verdi, Otello

von Charles E. Ritterband

Sängerinnen und Sänger von Weltklasse hatten auf der traditionsreichen Bühne der Royal Opera Covent Garden ihre hohe Kunst vor einem scheußlichen Bühnenbild (Boris Kudlicka) in einer Inszenierung mit zahlreichen Seltsamkeiten (Keith Warner) zu zeigen. Das bedrohlich düstere, monochrome Bühnenbild erinnerte mit seinen spießigen, fade geometrischen Mustern in Metall-Panelen im unseligen Stil der 1970er-Jahre trotz der mächtigen verschiebbaren Wände an Interieurs neureicher und entsprechend geschmacksarmer Villen aus jener Epoche – einzig das mächtige Flaggschiff Otellos in der ersten Szene hinterließ einen bleibenden Eindruck. „Giuseppe Verdi, Otello,
Royal Opera House London, 9. Dezember 2019“
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Olga Neuwirths „Orlando“ an der Wiener Staatsoper: eine Novität der Superlative

Foto: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Am Ende dominiert in der bis zum letzten Stehplatz ausverkauften Wiener Staatsoper die Zustimmung für dieses beeindruckende Werk, das man eher als Performance bezeichnen könnte, den Rahmen einer konventionellen Oper sprengt es allemal. Aber wer hätte von Olga Neuwirth anderes erwartet?

Uraufführung an der Wiener Staatsoper am 8. Dezember 2019

Olga Neuwirth, Orlando

Catherine Filloux und Olga Neuwirth: Libretto

von Peter Sommeregger

Die ehrwürdige Wiener Staatsoper hat sich während der Direktion Dominique Meyers nicht unbedingt den Ruf einer besonders kreativen Bühne erworben. Aber nun, wenige Monate vor dem Ende seiner Amtszeit, bringt Meyer die von ihm an Olga Neuwirth in Auftrag gegebene Oper Orlando zur Uraufführung. Das erfordert einen Kraftakt, der wohl sämtliche technischen und künstlerischen Ressourcen des Hauses an seine Grenzen stoßen lässt. „Olga Neuwirth, Orlando, Uraufführung
Wiener Staatsoper, 8. Dezember 2019“
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ORLANDO: Welturaufführung einer „Grand opéra“ in Wien

Foto: Kate Lindsey als Orlando, Leigh Melrose als Shelmerdine/Greene
© Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Wiener Staatsoper, 8. Dezember 2019

Olga Neuwirth, Orlando

Libretto Catherine Filloux und Olga Neuwirth

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Es ist uns zum ersten Mal passiert. Etwas ratlos sitzen wir vor der Niederschrift unsrer Rezension. Wir sind der Meinung, dass die Komponistin Olga Neuwirth gemeinsam mit ihrer Co-Librettistin Catherine Filloux zu viele Gedanken aus dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf mit ihren persönlichen Interpretationen durchwirkt in ihr Opus magnum hinein verfrachtet hat. Wir werden an den Ausspruch Kaiser Josephs II. an Mozart erinnert: „Allzu viele Noten, lieber Mozart.“ „Olga Neuwirth, Orlando,
Wiener Staatsoper, 8. Dezember 2019“
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