Ein Missverständnis! Enttäuschende Uraufführung von Ludger Vollmers Oper „Buddenbrooks“ am Theater Kiel

Buddenbrooks, Oper nach Thomas Mann, Musik von Ludger Vollmer  Theater Kiel, 4. Mai 2024

Xenia Cumento, Jörg Sabrowski © Olaf Struck

Buddenbrooks

Oper nach Thomas Mann
Musik von Ludger Vollmer
Libretto von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, eingerichtet vom Komponisten

Auftragswerk des Theaters Kiel

Musikalische Leitung:  Benjamin Reiners
Regie:  Daniel Karasek
Bühne:  Lars Peter
Kostüme:  Claudia Spielmann
Choreinstudierung:  Gerald Krammer

Opernchor des Theater Kiel, Philharmonisches Orchester Kiel
Kinder- und Jugendchor
Philharmonisches Orchester Kiel

Theater Kiel, 4. Mai 2024


von Axel Wuttke

Warum? Das ist die Frage, die sich mir nach dieser Uraufführung stellt. Warum versucht man aus den Buddenbrooks eine Oper zu machen, wenn man überhaupt keinen Zugang zu den Personen dieses Romans hat.

Thomas Mann erzählt in seinem Werk die Geschichte einer Lübecker Kaufmannsfamilie, in der er alle Charaktere feinfühlig und immer mit Blick auf Ihre Entwicklung schildert, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben oder zu bewerten. Er fühlt mit seinen Personen, im Guten wie im Schlechten.

Anders ist es jetzt beim unsäglich banalen Libretto von Feridun Zaimoglu und Günther Senkel. Hier werden die Figuren, die kaum noch etwas mit der literarischen Vorlage zu tun haben, mit flotten Sprüchen und peinlichen Reimen durch den Abend geschickt.

Die Buddenbrooks sind jetzt Waffenhändler und scheitern an einem geplatzten Lithium-Handel in Afrika! Von Wärmepumpe und Solaranlage, Genderklischees und verklemmten Kirchendogmen bis hin zu No risk, no fun, ist hier alles zu finden.

Die Personen verkommen hier zu bunten Knallchargen, die Fallhöhe der Vorlage ist überhaupt nicht erfasst worden.

Ensemble © Olaf Struck

Musikalisch bewegt sich die Komposition zwischen kitschiger Operetten-Tanz-Revue und lautem Schlagwerk-Gedröhne. Im Notfall wird dem unangemessenen Treiben im Orchestergraben mit einem lauten Paukenschlag Einhalt geboten, der nächste Tanz kann beginnen.

Das Ganze durchsetzt mit unendlich vielen Zitaten von Grieg, Wagner, Humperdinck und vielen mehr. Reduziert auf Walzer, Tango, Blues, Jazz und alle möglichen rhythmischen Mischformen. Tony bekommt eine echte Barockarie mit endlosen Koloraturen, was allerdings nicht über die teilweise unbeholfene Behandlung der Stimmführung hinwegtäuschen kann. Die völlig unorganischen Koloraturen und endlosen Wort- und Silbenwiederholungen unterstreichen immer wieder die nicht verstandenen Charaktere die Personen.

Die Inszenierung von Hausherr Daniel Karasek und seinem Ausstattungsteam bewegt sich im stilvollen Einheitsbühnenbild und mit zeitlosen Kostümen leider oft an der Grenze zur Peinlichkeit. Wenn Grünlich und der Pastor Tango tanzen oder die Gebrüder Hagenström durchs Bühnenbild walzen, ist auch die Regie am tiefsten Punkt angekommen. Ansonsten führt der Regisseur die Personen natürlich und, ihre Haltung aufzeigend, glaubwürdig durch den Abend.

Elmar Hauser, Mitglieder Opernchor © Olaf Struck

Gesanglich bewegte sich der Abend auf sehr unterschiedlichem Niveau. Star des Abends war der Countertenor Elmar Hauser, der als Hanno (hier schon erwachsen und mit seiner Geschlechteridentität kämpfend) Rilke-Gedichte mit Theorben Begleitung singen durfte. Mit großem Schmelz und einer ebenmäßig geführten Stimme, die sofort aufhorchen ließ, sorgte er für die, wenigen, musikalischen Höhepunkte, des so überflüssigen Abend.

KS Jörg Sabrowski © Olaf Struck

Die Rolle des Thomas Buddenbrook war KS Jörg Sabrowski wie auf den Leib geschrieben.  Mit großer stimmlicher Souveränität konnte er, trotz der widrigen Umstände, etwas von der ursprünglichen Figur vermitteln.

Xenia Cumento gab eine erschreckend schrille Tony. Der schwärmerische Christian Buddenbrook wurde von Michael Müller-Kasztelan mit engem, unangenehmem und in der Höhe gepresstem Tenor gesungen.

Der Rest des Ensembles bewegte sich auf gutem Niveau. Ausdrucksstark der Chor, auch bei den unsinnigen Textpassagen.

Das Orchester unter Benjamin Reiners spielte in erster Linie zu laut und deckte oft die Sänger zu.

Ein verschenkter Abend!

Alex Wuttke, 5. Mai 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Senator Thomas Buddenbrook:  KS Jörg Sabrowski
Tony Buddenbrook:  Xenia Cumento
Gerda Buddenbrook:  Tatia Jibladze
Hanno Buddenbrook:  Elmar Hauser
Christian Buddenbrook : Michael Müller-Kasztelan
Clara Tiburtius, geb. Buddenbrook:  Clara Fréjacques
Pastor Sievert Tiburtius: Matteo Maria Ferretti
Leutnant René Maria von Trotha:  Gabriel Wernick
Bendix Grünlich:  Oleksandr Kharlamov
Moritz Hagenström:  Konrad Furian
Herrmann Hagenström:  Stefan Sevenich

Camille Saint-Saëns, Samson und Dalila, Oper in drei Akten Opernhaus Kiel, 28. April 2024

Ballett, Othello 2 nach William Shakespeare Theater Kiel, Opernhaus, 2. April 2023

Fromental Halévy, DIE JÜDIN, Opernhaus Kiel, Theater Kiel, 10. April 2022

Ein Gedanke zu „Buddenbrooks, Oper nach Thomas Mann, Musik von Ludger Vollmer
Theater Kiel, 4. Mai 2024“

  1. Wie schade, hier wurde eine große Chance verspielt. Vermutlich war es auch der falsche Komponist. Danke für die Reisewarnung, Herr Wuttke, den Weg nach Kiel spare ich mir.
    Herzlichst,
    Regina König

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