Klangreiches Farbspiel mit psychologischer Tiefe – "Pelléas et Mélisande" in Berlin

Claude Debussy, PELLÉAS ET MÉLISANDE,  Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Foto: (c) http://rolandovillazon.com / Centre Stage Artist Management
Staatsoper Unter den Linden
, Berlin, 31. Mai 2018
Claude Debussy, PELLÉAS ET MÉLISANDE

Musikalische Leitung Daniel Barenboim
Inszenierung Ruth Berghaus
Bühnenbild, Kostüm Hartmut Meyer
Arkel Wolfgang Schöne
Pelléas Rolando Villazón
Golaud Michael Volle
Mélisande Marianne Crebassa
Geneviève Anna Larsson
Arzt, Hirte Dominic Barberi
Yniold Solist des Tölzer Knabenchors
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin

von Martin Schüttö

Ankündigungen vor der Vorstellung sind selten ein gutes Omen. Doch an diesem Abend in der Staatsoper Unter den Linden gab es keine erkrankten Sänger, sondern eine kaputte Drehscheibe. Die händisch rotierenden Bühnenarbeiter, die dem Publikum versprochen wurden, konnte man aber nicht sehen und überdies präsentierte sich die Inszenierung von Ruth Berghaus aus dem Jahre 1991 erstaunlich frisch. Das symbolistische Spiel mit Licht und Farbe eröffnete einen halb abstrakten, halb träumerischen Bühnenraum, dessen Konzept über den ganzen Abend tragen sollte.

Einen dunklen und weichen Klang verströmten die Musiker der Staatskapelle in den Eingangstakten, wobei besonders die Holzbläsereinsätze präzise und zurückhaltend gestaltet waren. Die Stimmung im Orchestergraben korrespondierte mit den Farben auf der Bühne und bildete die passende Atmosphäre für die erste Szene.

In den klangfarblichen Zauber der Waldszenerie tritt Golaud ein, den Michael Volle mit großer Textdeutlichkeit darstellt. Seine Stimme projiziert hervorragend und das warme bassbaritonale Timbre passt sich wunderbar in den Orchesterklang ein, den Daniel Barenboim vorgibt. Dabei gelingt dem Orchester zeitweise eine kammermusikalische Atmosphäre, die der Intimität der Szene Rechnung trägt.

Marianne Crebassa, in der Rolle der Mélisande, hat eine Aufgeregtheit in ihrer Stimme und offenbart einen schmerzlichen Ausdruck, der wunderbar mit Volles Darstellung des Golaud kontrastiert. Sie wirkt zerbrechlich, ohne dass ihre Stimme jemals wackelt. Auch ihre schauspielerische Darstellung ist glaubwürdig und vermittelt eine jugendliche Mädchenhaftigkeit, die vielleicht schon einen problematischen Punkt der Beziehung von Golaud und Mélisande andeutet.

Insgesamt überzeugen die starken Gesten, durch die Ruth Berghaus‘ Personenregie gekennzeichnet ist. Die Klarheit in der Bewegung der Akteure wird vom feinsinnigen Lichteinsatz umspült und schafft eine ausnehmend hohe Sinnlichkeit im Zusammenspiel mit einem Bühnenbild, das eng, umrissen und bedrückend ist und gleichsam frei, weitläufig, ja träumerisch scheint. So werden auch die musikalischen Zwischenspiele noch optisch gehoben, die zeitweise den Charakter von Ballettpantomimen annehmen.

Debussy hatte diese rein instrumentalen Passagen aus theaterpraktischen Erwägungen hinzukomponiert, um die Umbaupausen zu überbrücken, die an der Pariser Oper nötig waren. An diesem Abend gerieten die längeren, geradezu symphonischen Passagen zu berückend schönen Klanginseln, die Zeit zur Reflexion über das psychologisch verworrene Spiel der Figuren gaben.

Geneviève und Arkel, gesungen von Anna Larsson und Wolfgang Schöne, warten weniger mit Schönklang auf. Interessanterweise passt sich die schwächere stimmliche Darbietung aber gut in die Darstellung ein. Schönes Bass hat eine gewisse spröde Qualität, die der Schwäche seiner Figur Rechnung trägt.

Doch auch Pelléas wirkt neben der stimmlichen Präsenz Mélisandes oder seiner Bruderfigur Golaud schwächer. Rolando Villazón erscheint an diesem Abend stimmlich etwas bemüht. Seine Höhe kann die Anstrengung nicht ganz verbergen, mit der sie zu Stande gebracht wird. Dabei sind seine sängerschauspielerischen Qualitäten mit Freude zu beobachten. So manifestiert sich die jugendliche Fernsucht des Pelléas etwa im Schaukeln des kleinen Spielzeugschiffes, an dem sich zuvor Yniold, der junge Sohn Golauds, erfreut hatte.

Ein herrliches Flötensolo durchbricht die Unruhe im Publikum vor dem Beginn des zweiten Aktes und leitet über in die Szene. Mélisande verliert sich und den Ring im tiefen Brunnen. Zeitweise hängt sie bis zu den Hüften im Brunnen, danach lechzend, das Wasser zu erreichen. Wie Pelléas sie festhält, ihre Rückenansicht beinahe im Gesicht, provoziert einige komische Momente, die das düster-psychologische Spiel auflockern. Ruth Berghaus schafft es, die Beziehung von Pelléas und Mélisande auch als das Aufeinandertreffen zweier Kinder, zweier im Grunde naiver Figuren zu inszenieren. War es im vorigen Akt noch das Spielzeugschiff seines Neffen, so spielt Pelléas nun mit einem Holzpferd, während es doch um den verlorenen Ring geht. Die Folgen für Mélisande sind dem Naiven noch gar nicht klar.

Ein feingesponnener Holzbläsersatz, der von einer hochexpressiven Passage tiefsten Streicherklanges abgelöst wird, führt zurück zu Golaud. Zeitweise liegt er in der Szene in einem Graben und bleibt doch textdeutlich. Das Zusammenspiel mit Mélisande, die zaghaft ihrem Gefühl Ausdruck verleiht, sich doch nicht wohlzufühlen, schafft eine bedrückende Atmosphäre. Golaud versucht, ihre Traurigkeit zu ergründen und wird mit der Antwort konfrontiert, man sehe hier nie den Himmel. Der trostlose Ausdruck in Marianne Crebassas Stimme macht auch die Zuhörer betroffen.

Wie dann auf der Bühne, aber auch in der Stimme Michael Volles, die Stimmung kippt, als Golaud erfährt, dass Mélisande den Ring verloren hat, ist erschreckend. Härte und Kraft dominieren den Klang, der zuvor so warm, ja verständnisvoll gewesen war.

Der dritte Akt wird optisch von einer steilen, gelb-leuchtenden Treppe dominiert: ein turmartiges Gebilde, das inmitten der Szene aufragt. Mélisande sitzt einsam auf einer der Stufen – dabei hält sie auch der Klang des Orchesters nicht. Nur durch spärlichen Einsatz von Streichern, Harfe und einer dahinfließenden Flötenphrase wird der unbegleitete Gesang unterbrochen, mit dem die Mezzosopranistin in einer hohen Lage alleine gelassen wird. Marianne Crebassa meistert diese komplizierte Passage anmutig.

Auch Pelléas ist hingerissen von Mélisande und lechzt besonders nach ihrem Haar. Schauspielerisch überzeugt Villazón mehr denn stimmlich. Genau wie Volle hat er eine kurze Zeit im Graben liegend zu singen und ist dabei leider wenig verständlich.

Der Wunsch nach Mélisandes Haar wird bei Ruth Berghaus durch das Abnehmen einer Perücke befriedigt – ein Moment Brecht´scher Komik und Brechung, den Villazón und Crebassa voll auszuspielen verstehen. Auch im Bruderkonflikt überzeugt die schauspielerische Leistung Villazóns. Er schwankt auch hier zwischen Ernst und Komik, wenn Pelléas etwa kurz davor ist, seinen Bruder Golaud mit dessen Gehstock zu erschlagen. Die Darstellung mag komisch wirken, aber dahinter verbergen sich zusehends zerrüttete Gestalten.

Eine freudige Überraschung war der junge Darsteller des Yniold, der mit einem weichen Sopran und erstaunlicher Textdeutlichkeit begeisterte. Dabei gestaltete sich das Zusammenspiel zwischen ihm und Golaud als Glücksfall. Das Aufeinanderprallen der unschuldigen Antworten des Jungen und das immer drängendere Fragen des Vaters Golaud erzeugen Spannung und Witz. So versichert Yniold etwa seinem Vater vor allem, dass dessen Bart piekst, als er ihm zeigt, wie sich Pelléas und Mélisande geküsst haben.

Wie bereits mit ihrem Debussy-Programm einen Monat zuvor, beweist die Staatskapelle in diesem Repertoire eine ausgezeichnete Orchesterdisziplin. Die Präsenz des Klangkörpers unter Barenboims Stabführung ist großartig und schafft die richtige Atmosphäre für den folgenden Akt. Was Ruth Berghaus entwirft, ist das Porträt einer zerrütteten Familie. Golaud steigert sich in einen krankhaften Wahn, der von den anderen Familienmitgliedern nicht mehr recht verstanden wird. Der große Trübsinn dieser Szene liegt in der Ernüchterung Mélisandes: Golaud liebt sie nicht mehr.

Die Eifersucht Golauds ist nicht unbegründet; während Pelléas mit einer Kugel spielt, hat Mélisandes Bauch längst dieselbe Form angenommen. Der Akt kulminiert in der gegenseitigen Liebesbekundung. Villazón stellt die Verzweiflung und Leidenschaft seiner Figur gekonnt dar. In den lyrischen Passagen des Geständnisses gegenseitiger Liebe vermag er zeitweise auch stimmlich zu überzeugen. Leider wirkt sich das Wechselbad der Gefühle, das der Darsteller mit seiner Figur durchlebt, offenbar auf die stimmliche Qualität aus.

Die verzweifelte Leidenschaftlichkeit des Pelléas führt zu seinem Todesstoß durch Golaud. Der fünfte Akt dient nur den Folgen. Ein stimmlich sehr solider Arzt (Dominic Barberi) unterrichtet die Familie und den schuldbewussten Golaud über den Gesundheitszustand Mélisandes. Ihr Auftreten ist lethargisch, beinahe weltentrückt. Und wieder wird die Atmosphäre dank der exzellenten Lichtregie noch gehoben.

Unser Figurenkabinett ist auf allen Seiten von tiefem Unglück geprägt. Golauds letzter Wunsch ist nur noch, die Wahrheit vor seinem Tod zu erfahren. Seiner Beziehung zu Mélisande steht er längst resigniert gegenüber. Bis zuletzt überzeugt Michael Volle als Golaud darstellerisch. Dabei verbindet er eine kontrollierte Stimmführung mit einem bemerkenswerten Bewusstsein für den dramatischen Vorgang.

Das Ende ist Stillstand. Alle Figuren sind eingefroren, und langsam senkt sich der Vorhang. Der zarte Streicherklang im ppp, der am Ende bleibt, wirkt versöhnlich und macht dabei das Gesehene und Gehörte doch nur noch erschreckender. Als dann der Applaus einsetzt, ist der Erfolg umso größer.

Martin Schüttö, 5. Juni 2018 für
Klassik-begeistert.de

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