"Tosca" in Berlin: Simone Young ist ein Gewinn am Pult der Staatskapelle Berlin

Giacomo Puccini, Tosca,  Staatsoper Unter den Linden

Foto: Berthold Fabricius (c)
Staatsoper Unter den Linden
, 7. Juni 2018
Giacomo Puccini, Tosca

von Martin Schüttö

Die Schauplätze der Tosca versprühen ein römisches Lokalkolorit, das bis in unsere Zeit nachvollziehbar bleibt. Die Kirche Sant’Andrea della Valle, in der uns der Maler Mario Cavaradossi und seine eifersüchtige Floria Tosca gegenübertreten, der Palazzo Farnese, in dem Scarpia residiert und Gefangene verhört, und schließlich die Engelsburg – Ende des 18. Jahrhunderts ein Staatsgefängnis und die Kulisse für das Ende der beiden Liebenden aus der barocken Kirchenszenerie vom Beginn. Die Voraussetzungen sind bekannt, und Alvis Hermanis scheut sich für seine Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden nicht, mit den bekannten Kulissen zu arbeiten.

Hinzu kommt eine Leinwand, die sich zwischen zwei Säulen aufspannt. Nicht immer sind die Einblendungen spannend; nein, meistens handelt es sich um eine unfreiwillig peinliche Dopplung der Szenerie, wie sie drei Meter tiefer stattfindet, in kitschigster Comic Art.

Erfreulich dagegen sind die Fotografien, die uns beweisen, dass man auch heute noch in Sachen Tosca als Rom-Tourist fündig werden kann. Im letzten Akt präsentiert uns Hermanis in seiner Einblendung sogar eine Tiber-Ansicht von Gaspare van Wittel, auf der etwa mit dem Teatro Tordinona geschickt Bezug genommen wird auf die reiche römische Operngeschichte. Mehr davon hätte die Einblendungen zu einer gelungenen Erweiterung gemacht, die historische Perspektiven eröffnet hätte.

Die Personenregie kann mit einigen amüsanten Momenten aufwarten. Leider mangelt es Tosca und Cavaradossi gelegentlich daran, eine Geste vorzubereiten und einen Übergang zu gestalten. So wirken die Bewegungen manchmal recht hölzern.

Was schauspielerisch möglich ist, beweist Jan Martiník als Mesner. Denn neben einem feinen Sinn für Humor bringt Martiník auch noch einen runden und klangvollen Bariton mit und sticht mit ausgeprägtem Sinn für stimmliche Textausgestaltung selbst in dieser kleinen Partie positiv hervor.

Hermanis’ Inszenierung hat einige wunderbare Momente, wie den Einzug des Chores zum Te Deum im ersten Akt (leider ist der Chor klanglich nicht homogen). Neu ist das alles nicht, und doch hat es einen herrlichen Effekt, wenn Scarpia auf der Kirchenbank knieend, seine diabolischen Gebete spricht. Im Hintergrund sinkt ein Vorhang herunter, der den Altar als weiteres historisches Bild darbietet. Auf der anderen Seite gibt es auch kleine Details, die einer Szene im wörtlichen Sinne den Todesstoß versetzen: Deutlich hörbar ist das Ein- und Ausschnappen des Plastikdolches, mit dem Tosca auf Scarpia einsticht. Es entsteht eine ungewollte Brechung dieser eigentlich immer starken Szene der Oper, die zu vermeiden gewesen wäre. Milde stimmt im nächsten Moment der herrlich diabolische Einfall der Regie, Tosca dem Leichnam Scarpias mit dessen Weinpokal zuprosten zu lassen und ihre Rache mit einem tiefen Schluck zu genießen.

Musikalisch gesehen, ist dieser Scarpia sicher zu früh gestorben. Gerald Finley hat bereits im ersten Akt einen sehr effektvollen Auftritt, den er mit seinem hoch lyrischen Timbre und einer klangvollen Tiefe zu gestalten vermag. Er ist stimmlich und darstellerisch ein Edelmann, wenn auch Machiavellist und hat eine an diesem Abend einzigartige Bühnenpräsenz.

Alles parlandohafte formt er mit Natürlichkeit, folgt stimmlich dem Wortsinn und behält dabei doch eine kantable Linie. Was an Finley beeindruckt ist seine Glaubwürdigkeit, mit der er einen ganz eigenen Scarpia darstellt. Nicht der typische Vergewaltiger tritt im zweiten Akt auf, sondern ein gewiefter Machtpolitiker, aus dem Tosca erst durch ihre Arie Vissi d´arte den begehrenden Mann hervorholt.

Elena Stikhina lässt das Vissi d´arte mit so großer Zartheit und zerbrechlichem Ausdruck ertönen, dass selbst Scarpia von der kreierten Stimmung hingerissen ist und sich an Tosca anschmiegt. Der Wiedereinstieg im piano nach dem forte-Ausbruch beim Höhepunkt der Arie gelingt ihr besonders sinnlich. Das gegebene Versprechen kann sie stimmlich dann in der nächsten Phrase nicht ganz halten, was ihre Leistung aber kaum schmälert. Auch im dritten Akt gibt es manchmal kleinere Intonationsungenauigkeiten, doch gleich im nächsten Moment verzaubert Stikhina das Publikum wieder mit ihrer Fähigkeit, sich perfekt an den Orchesterklang anzuschmiegen. Das Verschmelzen ihrer Stimme mit dem Orchester gibt dem Klang eine glockige, zarte Qualität, die Stikhinas Gesang vornehmlich auszeichnet.

Im Zusammenklang mit Cavaradossi ergibt sich ein strahlkräftiger, gut harmonierender Mischklang. Yusif Eyvazov belebt einen Mario Cavaradossi, dessen Tenor voll und durchdringend tönt und eine große Neigung zum schmerzlichen Ausdruck hat. Seine Spitzentöne singt Eyvazov sicher, vertauscht dabei aber allzu häufig Lyrik gegen Kraft. So ergibt sich eine gelegentliche Tendenz zum Pressen in der Höhe, die auch seiner sonst so guten Intonation schadet.

Wenn er leidet, ist Eyvazov besonders überzeugend und nirgends wirkt er stimmlich glaubwürdiger, denn als Gefolterter von Scarpia, der von der Hinterbühne mit seiner Tosca spricht.

Die Arie E lucevan le stelle, von den Cellisten der Staatskapelle ganz wunderbar eingeleitet und kammermusikalisch veredelt, begreift er dramatisch, schmerzvoll und lässt es sicher nicht an Gefühl mangeln. Ein übergeordneter Formsinn scheint Eyvazov aber doch häufig zu fehlen, wenn er lange einen Spitzenton hält. E lucevan le stelle ist weit mehr als eine Einlagearie für den Tenor des Abends. Gut aufgefangen wird seine Interpretation von der klaren Stabführung Simone Youngs, die sehr gut auf ihren Sänger wartet.

Viel überzeugender ist Eyvazov nicht in der berühmten Arie, sondern in der nachfolgenden Szene: Tosca offenbart Cavaradossi ihren Mord an Scarpia. Die Reaktion gestaltet Eyvazov ohne gepresste Höhen, sondern mit lyrischem, weichem Ton, der trotzdem durch die Staatsoper trägt.

Sicher keine Hörbarkeitsprobleme hat auch die Staatskapelle. Schon die Eingangsakkorde mit dem berühmten Scarpia-Motiv haben eine herrlich krachende Qualität. Simone Young führt die Staatskapelle genau und mit flotten Tempi. Dynamische Kontraste arbeitet sie deutlich heraus, setzt Akzente klar und vermeidet jedes Über-Stellen-Hinwegspielen, wozu Puccini-Interpretationen nicht unanfällig sind. Die Einzelfarben des Orchesters sind alle klar durchhörbar.

Die Vorteile ihrer Interpretation offenbaren aber gleichzeitig die Nachteile derselben. Das Publikum wird mit vielen sauber abgeschlossenen Formteilen konfrontiert. Es fehlt zunächst an den geschmeidigen Übergängen. Klar ist aber auch, dass die Akustik der Staatsoper nicht unbedingt Schmelz befördert. Klarheit und Sauberkeit des Spiels werden belohnt, aber wirklich atmen kann das Orchester nicht.

Im zweiten Akt, wenn Cavaradossi gefoltert und Tosca im Palazzo Farnese von Scarpia bearbeitet wird, nimmt Simone Young wunderbar Fahrt mit dem Orchester auf, die Übergänge sind flüssiger gestaltet. Auch im letzten Akt geht es so weiter: Das Lento-Zwischenspiel, bevor das Publikum zum eingekerkerten Cavaradossi geführt wird, gelingt dem Orchester besonders schön. Die Streicher spielen mit großer Eindrücklichkeit zu den Glocken der römischen Kirchen, die ein Gefühl von Zeitlichkeit vermitteln.

Schließlich, das Finale: Das Blech der Staatskapelle darf mit seinem schillernden, krachenden Ton brillieren und gestaltet ein grelles, triumphales Leuchten, auf das nur Toscas Erkenntnis von Cavaradossis Tod folgen kann. Am Ende wird der Bogen klar, den Simone Young von den Anfangsakkorden bis zum Schluss spannt. Es wäre ein Gewinn für das Haus, sie häufiger am Pult der Staatskapelle zu erleben. Mit Tosca zumindest, konnte sie zum Finale hin überzeugen.

Martin Schüttö, 10. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung, Simone Young
Inszenierung, Alvis Hermanis
Regiemitarbeit, Gudrun Hartmann
Bühnenbild, Kostüme, Kristīne Jurjāne
Licht, Gleb Filshtinsky
Floria Tosca, Elena Stikhina
Mario Cavaradossi, Yusif Eyvazov
Scarpia, Gerald Finley
Angelotti, David Oštrek
Mesner, Jan Martiník
Spoletta, Florian Hoffmann
Sciarrone, Adam Kutny
Kerkermeister, Ulf Dirk Mädler
Hirte, Friedrich Witting
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin

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