Teodor Currentzis und sein Ensemble tauchen das Verdi-Requiem in Gold

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem,  Elbphilharmonie, 1. April 2019

Teodor Currentzis (Foto: © Olya Runyova) schlägt seine Musik nicht mit dem Stock. Er formt sie mit den Händen. Er führt und feiert sie. Er streichelt und schmeichelt. Und eben dieses Berühren macht er hörbar. An tiefen Stellen watet er durch sein Requiem wie durch ein schwarzes Moor oder kritzelt an anderer Stelle mit den Fingern Bilder in die Luft.

Elbphilharmonie, 1. April 2019
Giuseppe Verdi, Messa da Requiem

Musikalische Leitung Teodor Currentzis
musicAeterna orchestra of Perm Opera
musicAeterna chorus of Perm Opera
Zarina Abaeva Sopran
Varduhi Abrahamyan Mezzosopran
René Barbera Tenor
Tareq Nazmi Bass

von Eva Stratmann

Lange zehn Minuten ließ er sein Publikum vor dem ausverkauften Saal warten, um die letzten Feinheiten für den Abend in der Elbphilharmonie zu justieren. Teodor Currentzis, Meister der Inszenierung, eröffnete den Abend des Verdi-Requiems, schon bevor er begann, mit dem ersten Spannungsbogen. Der bedächtige Einzug seines gut 2oo-köpfigen Ensembles aus Perm, einheitlich gewandet in schwarze Mönchskutten, überzog den Saal mit einer sakralen Aura. Mit heiliger Vorsicht fasste Currentzis die Musik zwischen zwei Finger – und hauchend fein begannen Chor und Streicher das Requiem. Erst fühlbar, dann auch zu hören.

© Claudia Höhne

Es war mein zweites Verdi-Requiem in diesem Jahr, und zuvor waren es viele viele mehr in vielen verschiedenen Konzerthäusern Europas. Ich werde nicht müde, es zu hören. Erst im Januar habe ich es mit der Inszenierung von Calixto Bieito in der Staatsoper Hamburg gesehen. Gegensätzlicher als diese beiden Darbietungen können zwei Interpretationen eines Werkes kaum sein. Machte Bieto den Versuch eines farbenreichen Bühnenspiels, dessen Inszenierung aber unglücklicherweise irgendwo in der Mitte stecken geblieben ist, zaubert Currentzis mit Purismus und starken Akzenten bis zur letzten Sekunde. Er schlägt seine Musik nicht mit dem Stock. Er formt sie mit den Händen. Er führt und feiert sie. Er streichelt und schmeichelt. Und eben dieses Berühren macht er hörbar. An tiefen Stellen watet er durch sein Requiem, wie durch ein schwarzes Moor oder kritzelt an anderer Stelle mit den Fingern Bilder in die Luft.

Auch die akustischen Klippen der Elbphilharmonie weiß dieses Ensemble zu meistern und für sich zu nutzen, gerade in den leisen Passagen – und wenn es beim „Dies Irae“ laut wurde, wussten die Künstler dies als wahren Donner am Zornestag zu auszuleben, anstatt undifferenziert Lärm zu machen, wie es vielleicht anderen passiert wäre.

Die Trias von Chor und dem Orchester aus Perm mit ihrem musikalischen Leiter bildet einen geradezu eingeschworenen Clan, der organisch miteinander harmoniert und die perfekte Umrahmung für das ausgewogen und großartig besetzte Solistenquartett bot.

Ein sehr wirkungsvoller Clou war die Platzierung der Sopranistin Zarina Abaeva für das finale Solo im „Libera me“ in erhöhter Position mitten im Chor, von wo sie strahlend wie eine Lichtgestalt um Befreiung bat. Und schließlich der finale Effekt: Wenn es zu Ende ist, ist es nicht vorbei. Nach dem Verklingen des letzten Tons verharrten Currentzis und alle Künstler für zwei Minuten in ihrer letzten Position und versetzten das Publikum in atemloses Schweigen ehe sie ihre Hände senkten und die Zuschauer die Künstler mit tosendem Applaus, Bravo-Rufen und Standing Ovations bejubelten. Eines steht fest: Diese Darbietung hat meine Messlatte für alle Verdi-Requien, die noch kommen mögen, ziemlich hoch gehängt.

Eva Stratmann, 3. April 2019, für
klassik-begeistert.de

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