„Die Geschichte vom Soldaten“ bewegt in der Staatsoper Unter den Linden

Igor Stravinsky: Histoire du Soldat,  Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Foto: Staatsoper Unter den Linden / Ebener (c)

Staatsoper Unter den Linden, Apollosaal, 22. April 2018
Igor Stravinsky: Histoire du Soldat
Jürgen Flimm, Der Vorleser
Michael Rotschopf, Der Soldat
Stefan Kurt, Der Teufel
Laura Fernández, Die Prinzessin
Mitglieder der Staatskapelle Berlin

Von Martin Schüttö

„Es war im Jahre 1918; niemand wußte, wann der Krieg zu Ende gehen würde. Die Grenzen um uns herum wurden immer strenger geschlossen, wobei es nicht ausblieb, daß Stravinsky in eine immer schwierigere Lage geriet.“ So beschreibt der Textdichter der histoire du soldat, Charles Ferdinand Ramuz, die Entstehungszeit des Werkes in seinen Erinnerungen an Igor Stravinsky. Der russische Komponist, berühmt geworden mit Balletten wie Petruschka, Feuervogel oder dem Sacre du Printemps, lebte seit 1914 am Genfer See in der Schweiz. Ohne die Notwendigkeit eines großen Hauses, sondern auf einer Wanderbühne aufführbar, konzipiert er seine Geschichte vom Soldaten. Das siebenköpfige Kammerorchester begleitet eine märchenhafte Handlung, die von einem Soldaten berichtet, der auf dem Weg in seine Heimat ist, doch erst dort ankommen sollte, wenn er in einem Pakt mit dem Teufel gefangen ist. Er sollte keine Chance mehr haben, in die Heimat zurückzukehren, die er einst verlassen hatte.

So kann histoire du soldat auch als Kommentar zum Großen Krieg, der später als Erster Weltkrieg bezeichnet werden sollte, gelesen werden. Heimatlosigkeit, der Verlust von Identität, die Chancenlosigkeit des Individuums – alles Deutungsansätze, die sich auf Stravinskys Werk anwenden lassen. All das jedoch nicht in der Inszenierung von Jürgen Flimm.

Vor dem Apollosaal in der Berliner Staatsoper Unter den Linden drängte sich das Publikum, Programmhefte dienten in Anbetracht der hohen Temperaturen als Luftfächer. Durch die beiden geöffneten Türen strömten nur nach und nach Zuschauer in den Saal und es schien, als sei auch das schon Teil des Inszenierungskonzeptes.

Der ehemalige Intendant wuselte über die mittig platzierte Bühne, begrüßte einzelne Zuschauer und präsentierte sich in seinen gestreiften Pluderhosen ganz als Impresario alten Stils. Stimmlich manchmal mehr seinem Bart, als den akustischen Verhältnissen des Raumes verpflichtet, verteilte er Witze und Bonmots hier und da an ausgewählte Grüppchen.

Es war ein uneigentlicher Beginn. Der Übergang vom Einlass des Publikums zu einer Vorstellung der Darsteller vollzog sich fließend. Seine „Band“, wie er die Mitglieder der Staatskapelle bezeichnete, war im Halbkreis hinter dem Tisch positioniert, an dem Flimm saß, der an diesem Nachmittag den Erzähler mimte. Auch die anderen Darsteller, Michael Rotschopf als Soldat, Stefan Kurt als der Teufel und Laura Fernández als Prinzessin, gruppierten sich mit ihren Tischen um die Bühne – eine leicht erhöhte, rotbezogene Plattform.

Ein Dirigent fehlte an diesem Nachmittag, sodass die Solisten aus den Reihen der Staatskapelle wahrlich als Band anmuteten. Bei der Uraufführung am 29. September 1918 leitete Ernest Ansermet die Aufführung, der bereits bei der Konzeption des Stückes mit Stravinsky zusammengearbeitet hatte. Der Komponist spricht in seiner Autobiographie Leben und Werk von einem kleinen Orchester – die histoire du soldat war nicht als Kammermusik im eigentlichen Sinne konzipiert gewesen.

Bevor der Marsch des Soldaten mit seinem Kontrapunkt zwischen Kornett und Posaune einsetzte, erläuterte Flimm die Schwierigkeit, dass hier geforderte rhythmisierte Sprechen des Erzählers über die Musik richtig darzubieten – Patrice Chéreau habe das nie hinbekommen. Bei ihm werde es aber funktionieren. Ganz ohne rhythmisches Klappern überstand Flimm den Abend nicht, aber Präzision schien auch nicht das zentrale Anliegen dieser Inszenierung zu sein.

Genau wie die Tischbeine am Bühnenrand in Stiefeln und Schuhen etwas wacklig wirkten, so gehörte ein gespielter Dilettantismus zum Konzept. Die V-Effekte des Brecht´schen Theaters waren allgegenwärtig und Flimm unterließ es nicht, immer wieder mit Zuschauerinnen und Zuschauern zu schäkern oder auch an seinem Tisch sitzend vor sich hinzumurmeln. Die Musik stand in dieser Inszenierung nicht im Vordergrund und doch hätte man sich manch ein Stück ohne Flüstern, Brummen, Scharren, Lachen, Grunzen und Umherirren am Bühnenrand gewünscht.

Michael Rotschopf als Soldat bildete zu dem nicht immer textverständlichen Erzähler Flimm in seiner deutlichen Diktion und schauspielerischen Präzision einen Kontrast, der für die Darstellung fruchtbringend wirkte. Seine Geige, der man ihren Fundus-Charakter auch noch auf zehn Metern Entfernung ansah, bespielte er mit großer Leidenschaft. Klanglich dargestellt wurde diese Partie vom Solo-Violinisten Wolfgang Brandl, der die immer teuflischeren Klänge im Laufe des Stückes virtuos intonierte.

Auf seiner Wanderschaft begegnet der Soldat schließlich dem Teufel. Die Kronleuchter des Apollosaals flimmern, und die Lichtregie schafft es insgesamt, den Marmor-Prunk, der zu Stravinskys Bühnenstück so gar nicht passen mag, für die Dauer dieser vergnüglichen Stunde vergessen zu machen.

Vergnüglich und schauspielerisch exzellent auch Stefan Kurt als Teufel. Der aus Haaren geflochtene Schwanz lugt unter dem schwarzen Rock hervor und die leicht gebückte Haltung machen ihn zu einem stereotypen, aber keineswegs langweiligen Mephistopheles für unser faustisches Spiel. Mit der Modulationsfähigkeit seiner Sprechstimme, dem fein nuancierten und nur subtilem Einsatz von Dialekten und Soziolekten, gelingt es ihm, Teil einer musikalischen Gestaltung zu werden.

Das Spiel zwischen Teufel und Soldat, um den Besitz der Geige und doch eigentlich dem Besitz einer Identität belässt Flimm in der Sphäre des Märchens, das mit allerlei Scherzen aufgelockert ist. Der Soldat kommt nach viel Unbill an einen Königshof, die Prinzessin, gespielt und getanzt von Laura Fernández, ist krank. Während des Petit Concert doktert Stefan Kurt in allerlei möglichen und unmöglichen Verrenkungen seiner Patientin an der Prinzessin herum. Da kommen Nebelmaschinen zum Einsatz, werden Beine in die Luft gestreckt – alles unter der Aufsicht des Königs mit Pappkrone an seinem Tisch.

Die nun folgenden Tänze sind charakteristisch für die Partitur Stravinskys: Tango, Walzer und Ragtime verfremdet er, wie man es auch in seinen späteren Klavierkompositionen kennt, die ihre Verwandtschaft zu dem eigentlichen rhythmischen Modell gerne verschleiern. Die Mitglieder der Staatskapelle Berlin verwandeln sich hier wahrlich in eine Band, sodass die Entscheidung dieser Darbietung durchaus verständlich wird. Dabei gelingen über die ganze Vorstellung hinweg die Soli besonders schön, im Zusammenspiel sind kleinste Unsauberkeiten nicht zu vermeiden – sie wirken in der Konzeption aber auch nicht weiter störend. Für seine Kantabilität bleibt Holger Straube am Fagott in besonders guter Erinnerung, wenngleich seine Soli in der Komposition Stravinskys deutlich schmaler ausfallen als etwa die wunderbar zwischen Stravinsky´scher Ballettmusik und Jazz vermittelnde Klarinettenstimme von Matthias Glander.

Im Zusammenspiel sehr schön gelingen die beiden Choräle, bei denen eine wunderbare dynamische Ausgeglichenheit der Stimmen in der polyphonen Struktur erreicht wird. Hier wird deutlich, wie sehr es sich doch um eine Orchestermusik en miniature handelt.

Doch zurück zu den Tänzen! Nicht unerwähnt bleiben darf Laura Fernández‘ Balletteinlage, die den schmalen Bühnenraum sehr gut ausnutzt. Dabei spielt die Tänzerin auch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Besonders angetan sind die drei Herren. Mit Flimm in der Mitte halten sie sich einen etwas verkitschten silbrigen Sombrero vor die Brust und verleihen ihrem Wohlgefallen am weiblichen Anblick mit einigem Geräusch Ausdruck.

Gerade gegen Ende des Stückes hat Jürgen Flimm doch einige Texthänger, die er aber gekonnt überspielt. Es ist nicht immer klar, was Teil der Konzeption ist und wobei es sich um einen wirkliches Malheur handelt. Die Häufigkeit und Länge von Pausen, Wortwiederholungen, Zwinkern bemühen aber doch die Milde eines Publikums.

Wenn am Schluss – der Soldat ist trotz des Paktes mit dem Teufel in seine Heimat zurückgekehrt – die Schauspieler und die Musiker von der Bühne gehen und den Saal verlassen, bis nur noch Schlagwerker Martin Barth mit Genauigkeit die Partitur zu Ende führt, dann ist dies eben auch der Abschied des Erzählers.

Der Applaus im Apollosaal ist groß, es wird sich in alle Richtungen verbeugt, viele grinsende Gesichter sind zu sehen. Es war kein ernster Abend: Metaebenen, Aktualisierungen und Bezüge zum Weltkrieg, die sich angeboten hätten, bleiben aus. Vielmehr zeigte ein Künstler mit seiner Wanderbühne nochmal einige Tricks aus seiner Zauberkiste. Vielleicht zu unbeschwert konnte man nach diesem Abend nach Hause gehen. Aber auch das kann ja als ein Kommentar zu dem verstanden werden, was sich hinter und in einem Stück wie Histoire du Soldat abspielt.

Martin Schüttö, 23. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Igor Stravinsky: Histoire du Soldat,
Staatsoper Unter den Linden, Berlin“

  1. Lieber Herr Schüttö,

    Eine wunderbare Kritik! Als Musiker und langjähriger Leser vieler Kritiken möchte ich Sie zu Ihrer Stilsicherheit, Ihrer wahrlich angenehmen Ausdrucksweise und Ihrem großen Geschick mit der Wahl Ihrer kritischen Worte beglückwünschen! Ihr Text erfüllt alle Anforderungen, die ich an eine Kritik habe: Er ist informativ (ich habe sogar etwas dazugelernt), ich erfahre etwas über den Abend, kann ihn fast mit Ihnen miterleben und ich fühle mich wunderbar unterhalten! Meine einzige Kritik gilt mir selbst: Ich dachte, der Stravinsky sei nichts für mich. Allein wegen Ihrer Kritik werde ich mich nochmal damit befassen – da wird meine Frau Ohren machen!
    Bleiben Sie Ihrem Stil treu, ich freue mich auf weitere Texte dieser Art!

    Herzliche Grüße
    Joachim Bader

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