In nächtlichem Blau: "Les Contes d´Hoffmann" feiert Premiere an der Deutschen Oper Berlin

Jacques Offenbach, Les Contes d’Hoffmann, Premiere,  Deutsche Oper Berlin

Foto: © Bettina Stöß
Deutsche Oper Berlin, PREMIERE, 
1. Dezember 2018
Jacques Offenbach: Les Contes d’Hoffmann

von Martin Schüttö

In einen Automaten hatte er sich verliebt. Hoffmann und die anderen Gäste Spalanzanis sitzen auf seitlichen Tribünen, als handle es sich um die Festwiese im dritten Aufzug von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg. Im Zentrum steht jedoch kein Junker, sondern Olympia. Immer wieder muss die junge Dame aufgezogen werden wie eine Spieluhr. Während dieser fulminanten Arie, die zum Bekanntesten aus Les Contes d´Hoffmann zählt, fliegt Olympia mit dem Steigen und Fallen ihrer Koloratur durch den Raum. Erst gegen Ende sehen wir an diesem Premierenabend auch die Bühnenarbeiter der Deutschen Oper Berlin mit ihrem Gestell – die Illusion wird aufgelöst. Nur für den romantischen Künstler Hoffmann bleibt Olympia die Angebetete. Erst als ihr der Kopf abgerissen wird, erkennt er den ganzen Schwindel.

Laurent Pellys Inszenierung der Offenbach´schen Oper setzt ganz klar auf die romantischen Topoi und Brechungen der vielfältigen literarischen Vorlagen. Alle stammen aus der Feder E. T. A. Hoffmanns, der als universeller Künstler bei Offenbach zum Protagonisten der eigenen Erzählungen wird. Die Szene ist den ganzen Abend in nächtliches Blau getaucht. Die träumerische Qualität wird durch die vielen offenen Umbauten immer wieder aufgebrochen. Pelly versetzt seine Figuren in alptraumhafte Zustände. Die Wände kommen näher und drohen manches Mal eine zarte Seele vollkommen zu zerdrücken.

Dabei gibt es auch humorvolle Momente wie den angesprochenen Olympia-Akt. Cristina Pasaroiu, die alle angebeteten Damen singen darf, glänzt in diesem Koloratur-Abenteuer durch ein glockiges Timbre. Sie schmiegt sich der Harfenbegleitung an und versteht es, perfekt auf die Flugbewegungen stimmlich zu reagieren.

Hoffmann (Daniel Johansson) hingegen bietet eine schwankende Gesangsleistung. Im ersten Akt wirkt seine Stimme belegt, die Mittellage projiziert nicht immer gut. In seiner Romanze an Olympia blüht seine Stimme auf, die Höhe ist durchaus glänzend. Leider setzt sich dieser Trend nicht fort, und Johansson ist die Anstrengung zunehmend anzumerken, was vor allem in einer wackligen Intonation resultiert. Die Kraft, mit der er bis zum Ende den leidenden, betrogenen Dichter darstellt, bleibt aber anerkennenswert.

Irene Roberts als seine ständige Begleiterin – in der Rahmenhandlung als Muse des Dichters, in den mittleren Akten als Nicklausse – bietet sowohl darstellerisch, als auch sängerisch eine durchweg gute Leistung. Ihr Agieren in der Szene ist engagiert und strotzt vor Virilität. In der Beziehung zu Hoffmann bildet sie so einen wunderbaren Kontrapunkt. Wenn er sich vor dem erleuchteten Fenster der Geliebten nicht traut zu singen, kniet sich Nicklausse pathetisch hin, die Luftgitarre in der Hand und präsentiert eine kleine Serenade. Irene Roberts überzeugt dabei vor allem mit ihrer Musikalität.

Glanzpunkt des Abends ist das Dirigat von Enrique Mazzola. Im französischen Repertoire des 19. Jahrhunderts ist der Dirigent dem Publikum der Deutschen Oper Berlin zurecht bekannt und wurde mit stürmischem Beifall umjubelt. Seine Tempi sind rasch und bringen die funkelnden Qualitäten der Offenbach´schen Partitur wunderbar hervor. Dabei folgt ihm das Orchester der Deutschen Oper Berlin mit Schwung und Präzision – nur an wenigen Stellen gibt es Patzer im Blech und unsaubere Läufe bei den Streichern. Insgesamt eine schöne Leistung!

Im Zusammenklang weniger erfreulich ist das Terzett von Hoffmann, Crespel und Miracle im Antonia-Akt. Hier fehlt es leider an präziserem Ensemble-Gesang der drei Männerstimmen, die häufig auseinandergehen und auch intonatorisch nicht immer sauber sind.

Anders sieht es bei Miracles (Alex Esposito) solistischen Auftritten aus. Alex Esposito darf in Hoffmanns Oper ja gleich ein ganzes Arsenal finsterer Bösewichte im Bariton-Fach darstellen, die mal hinter einer Hausecke hervorlugen oder im Schatten der Szene auf ihren diabolischen Auftritt warten. Den Intriganten spielt Esposito lustvoll und trifft auch stimmlich den Charakter der Figuren. Sein Bariton ist kernig und hat stark sprechende Qualitäten, die der Dramatik der Szene zu Gute kommen. Dabei kann man anfänglich sein Timbre nicht unbedingt als schön beschreiben, doch entwickelt er im Laufe der Oper die kantablen Seiten seines Organs.

Verzichten muss der Bariton auf die beliebte Spiegel-Arie. In der Kaye/Keck-Fassung, die in der Produktion der Deutschen Oper Berlin dargeboten wird, fehlt dieses Bravourstück. Die Musik stammt zwar von Offenbach, jedoch aus einem ganz anderen Werk. Es ist ein Verdienst der Aufführung, diese Fassung zu spielen, bei der viel mehr Offenbach drinsteckt als bisher. Die Quellenlage für diesen singulären Fall der Operngeschichte ist sowieso mehr eine short story von Edgar Allan Poe.

Les Contes d´Hofmann wird sich mit der klugen und zeitlosen Inszenierung Pellys gut im Repertoire  der Deutschen Oper Berlin machen. Und solange Enrique Mazzola am Pult steht, braucht man sich um die Zugkraft dieser Produktion keine größeren Sorgen machen.

Martin Schüttö, 3. Dezember 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung                                                        Enrique Mazzola
Inszenierung, Kostüme                                                                     Laurent Pelly
Bühne                                                                                          Chantal Thomas
Librettoversion und Dialoge                                        Agathe Mélinand
Licht                                                                                              Joël Adam
Einstudierung der Wiederaufnahme                     Christian Räth
Kostümmitarbeit                                                                 Jean-Jacques Delmotte
Video                                                                                            Charles Carcopino
Dramaturgie                                                                           Katharina Duda
Chöre                                                                                           Jeremy Bines
Hoffmann                                                                                  Daniel Johansson
Olympia, Antonia, Giulietta, Stella                         Cristina Pasaroiu
Lindorf, Coppélius, Miracle, Dapertutto                               Alex Esposito
La Muse, Nicklausse                                                          Irene Roberts
Andrès, Cochenille, Frantz, Pitichinaccio           Gideon Poppe
La Voix de la mère                                                               Annika Schlicht
Spalanzani                                                                                Jörg Schörner
Mâitre Luther                                                                         Tobias Kehrer
Crespel                                                                                                         James Platt
Hermann                                                                                   Bryan Murray
Schlemil                                                                                     Byung Gil Kim
Nathanael                                                                                Ya-Chung Huang
Chöre
Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester
Orchester der Deutschen Oper Berlin

 

 

 

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