Verdienter Applaus für Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin

Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim,  Staatsoper Unter den Linden

Foto © Warner Music Germany / Ricardo Davila
Staatsoper Unter den Linden,
1. Mai 2018
Staatskapelle Berlin
Damen des Staatsopernchores
Daniel Barenboim,
Dirigent
Anna Prohaska,
Sopran
Marianne Crebassa,
Mezzosopran

Claude Debussy, La Damoiselle Élue
Trois Nocturnes
Trois Ballades de Francois Villon
La Mer

von Martin Schüttö

An diesem Abend beweist die Staatskapelle Berlin eine beeindruckende Orchesterdisziplin. Die lent et calme dahinfließenden Akkorde in den Streichern werden zurückhaltend, präzise und mit einem großen Maß an polyphoner Durchsichtigkeit gestaltet. Die Bläser fügen sich dynamisch differenziert in das fein nuancierte Klangbild ein, das Daniel Barenboim an diesem Abend darbietet, der mit La Damoiselle Élue eröffnet wird.

Der Ton hat keine Schwere, ist von schwebender Qualität. Der Chor fügt sich klanglich gut in die Klangfülle des Orchesters ein. Besonders in den aufwallenden crescendi gelingt Barenboim eine gute dynamische Abstimmung. Textverständlich sind die Damen des Staatsopernchores trotzdem nur an wenigen Stellen.

Glänzen darf die Lyrik des Präraffaeliten Dante Gabriel Rosetti in der französischen Übersetzung von Gabriel Sarrazin in der Gestaltung der auserwählten Jungfrau, der Damoiselle Élue, die von Anna Prohaska mit Gestaltungswillen und Expressivität dargestellt wird. Ihre Höhe ist weich, die Stimme nicht voluminös, doch darum umso ausdrucksvoller. Auch ihre Nutzung von verschiedenen Stimmfärbungen in der Ausdeutung des entrückt wirkenden Textes überzeugt.

Die Staatskapelle begleitet hier nicht nur, sondern beweist immer wieder ein besonderes Interesse an Klarheit auch in den Nebenstimmen des Satzgefüges. Und wie es kaum verwundert bei Debussy, können die Flötistinnen des Orchesters in ihren Soli besonders glänzen.

Der erste Zwischenapplaus ist beachtlich und gilt auch Marianne Crebassa in ihrer kurzen Partie als Erzählerin. Im zweiten Teil des Konzertes würde man sie noch mit Trois Ballades de Francois Villon hören. Doch zunächst zu Debussys Symphonischen Tryptichon, den Trois Nocturnes.

Barenboim wählt ein langsames, doch fließendes Tempo. Die dynamische Gestaltung ist nuanciert die Akustik in der Staatsoper ist hervorragend. Vor dem Hintergrund zurückgenommener Streicher treten die Farben der Solo-Bläser deutlich hervor. Der Klang ist direkt, ohne grell zu wirken. Auch im duettierenden Zusammenspiel, etwa der Solo-Streicher, vermag die Staatskapelle zu erfreuen.

Laute Effekte werden nicht forciert, vielmehr spürt man gelebte pianissimo-Kultur. Die Überraschung beim Einsatz des zweiten Satzes, der Fetes, ist damit umso größer und zwingender. Grelle Farben, ein flottes Tempo, stark konturierte, tänzerisch anmutende Marschthemen – diese Interpretation ist erfrischend kalkuliert.

Der letzte Satz ist eine optische und akustische Überraschung. Im ganzen Orchester verteilt sitzen die Sirenen, die Nutzung des Raumes in klanglicher Hinsicht kann überzeugen. Die Sirenen schwimmen scheinbar rhythmisch auf den Streichern, können aber gesanglich nicht immer überzeugen.

Dagegen schafft der Streicherapparat der Staatskapelle an diesem Abend herrlich sinnliche Effekte in der Ausnutzung von dynamischen Steigerungen und expressivem Vibrato. Als am Ende des Satzes die Partitur herunterfällt, lässt sich Daniel Barenboim nicht beirren. Er nimmt die Noten von einem zweiten Geiger entgegen, der rasch reagiert hatte, und kommt dabei nicht aus dem Schlag.

Der zweite Teil des Konzertes beginnt mit den Trois Ballades de Francois Villon. Marianne Crebassa interpretiert diese drei Orchesterlieder stark opernhaft. Der dramatische Ausdruck, die tragische Note ihrer Darstellung und der larmoyante Charakter ihrer Stimmfärbung wirken vielmehr auf eine Opernpartie abgestimmt als auf diese drei Ballades, die als Orchesterlieder zu verstehen sind.

Der Ballade pour prier Notre-Dame verleiht sie zwischenzeitlich einen stark schmerzlichen Ausdruck, eine Gebrochenheit, die an manchen Stellen überzeugt. Ihre tiefe Lage, vornehmlich bei den Stellen stärker liturgischen Ausdruckes, überzeugt.

Der Stimmungswechsel zur letzten Ballade ist wieder sehr gelungen, wobei Marianne Crebassas rhythmische Gestaltung sowie ihr Mitgehen in der Agogik den Applaus am Ende rechtfertigt.

Zum Schluss erklingt eines der bekanntesten Orchesterwerke Debussys, ein geradezu paradigmatisches Werk des Impressionismus – La Mer. Der Beginn ist so leise wie nur möglich. Und so wirkt der erste Bläsereinsatz erschreckend. Die verdunkelte wolkige Atmosphäre vermag die Staatskapelle gut einzufangen. Es herrscht nicht ein pastelliger Blau-Grau-Ton vor, sondern es dominieren zart aufgetragene, unterscheidbare Schichten. Abermals schaffen besonders die Streicher in ihrer Homogenität und ihrem Expressionswillen einen mitreißenden Fluss, der zum krachenden Satzende führt – ausklingend in einem wundersamen diminuendo.

Helle, glockige Farben bestimmen den zweiten Satz, das Jeux de vagues. Die Übernahme von einer Stimmgruppe zur anderen ist weich gestaltet. Doch auch humoristische Stellen streicht Barenboim heraus – etwa in den Flöten. Schließlich werden die Streicher immer weiter hochgepeitscht, Trompeteneinwürfe legen sich zwingend darüber, bevor die Fahlheit der Atmosphäre zurückkehrt, die nur kurz vom glockigen Strahlen durchbrochen worden war.

Im Dialog zwischen Wind und Meer, dem Finale dieser sinfonischen Skizzen, beweist Barenboim seine Erfahrung als Operndirigent. Dramatische Effekte werden forciert, die Staatskapelle reagiert wachen Ohres und Auges. Stellen größter Gewalttätigkeit wechseln sich im Blech klippenscharf mit elegantester Zurückhaltung ab, bevor der Satz eine sehnsüchtige Wendung nimmt. Schön gelingt das elegische Thema in Flöte und Oboe, das die Streicher in großer Ekstase übernehmen. Der Satz endet mit einem überraschenden, krachenden, grellen Schlussakkord. Verdienter Applaus.

Martin Schüttö, 3. Mai 2018, für
für klassik-begeistert.de

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