Komische Oper Berlin: In „Frisco“ war zum Jahresende der Teufel los

In Frisco ist der Teufel los, Operette von Guido Masanetz (Musik)   Komische Oper Berlin im Schillertheater, 30. Dezember 2025

In Frisco ist der Teufel los KOB © Monika Rittershaus

Auf nach San Francisco! In den pulsierenden Hafen, in die Taverne, zu den Menschen, die dort schaffen, lachen, singen und leider auch Geld sammeln müssen. Denn obwohl wir uns in einer Operette der Sechziger befinden, geht es im Kern um ein Thema von heute:

Eine Hotel-Immobilie wird zum Spielball zwischen Arbeiterschaft und Kapital.


In Frisco ist der Teufel los

Operette von Guido Masanetz (Musik)
sowie Otto Schneidereit und Maurycy Janowski (Libretto)

Uraufführung am 23. März 1962 am Metropol-Theater in Berlin

Neufassung für die Komische Oper Berlin von Martin G. Berger (Szenisches Arrangement) und Kai Tietje (Musikalische Leitung)

Es singen und spielen Chor und Orchester der Komischen Oper

Komische Oper Berlin im Schillertheater, 30. Dezember 2025
Premiere am 21. Dezember 2025 (semikonzertante Aufführung)

von Ralf Krüger

Die Komische Oper hat alles richtig gemacht. Nach diesem schrecklichen Jahr 2025, mit all seinen Kriegen und Katastrophen, setzt sie den Schlusspunkt mit einer Operette.

Mit einem Werk, das an der Westküste der USA spielt und dem Fundus eines Landes entnommen wurde, das es seit 1990 nicht mehr gibt. Zwei Damen, Mitte 80, beide wie ich mit DDR-Biografie, hatten mir mit leuchtenden Augen von ihren damaligen Theatererlebnissen vorgeschwärmt. Die Musik wird dir gefallen, Ralf, die ist spritzig und tanzbar, sagte die eine und die andere erinnerte an die eigentliche Sensation von damals, etwas „Amerikanisches“ auf einer Ost-Berliner Bühne erleben zu können.
Die Zeiten haben sich geändert. Man kann (theoretisch) überall hinreisen, man braucht nur das nötige Kleingeld. Vielleicht 10.000 Dollar? Diese Summe hätte in San Francisco, genannte Frisco, in den Sixties ausgereicht, um ein Hotel zu retten.

Alexander von Hugo spielt Anatol Brown. Als Barkassenführer erklärt er Gästen den Hafen und dem Publikum im Opernhaus die Handlung. Als Brown unerwartet das Hotel Nevada erbt, kann er sein Glück kaum fassen und will es als Heimstatt für ältere Seeleute eröffnen. Doch an der Erbschaft hängen Schulden: 10.000 Dollar. Werden sie nicht rechtzeitig beglichen, fällt das Hotel an Xonga Miller. Sie verkörpert den Kapitalismus in seiner extremsten Form: Mitarbeiter entlassen, Reichtum anhäufen, Immobilien erwerben… Christoph Marti, der großartige Komödiant, Mitglied der Künstlerfamilie Pfister und für mich unvergessen als Clivia an der Komischen Oper, spielt und singt das Böse in diesem Stück.

In Frisco ist der Teufel los KOB © Monika Rittershaus

Im Designer-Kostüm über die Bühne tänzelnd, singt sie (oder er) mit der so markanten Stimme ihre (oder seine) Chansons und ist nebenbei noch der Irrenarzt Dr. Spinner, der Brown als verrückt und wegen seines geklauten Passes als nicht erbberechtigt in „die Klapse“ einweisen will.

Sophia Euskirchen als Virginia West ist für mich die Entdeckung des Abends. Sie spielt die resolute Chefin der Hafen-Taverne („der verruchtesten Kneipe in ganz Frisco“) und hat den Hit dieser Operette zu präsentieren: Seemann, hast du mich vergessen ist in einer alten Aufnahme als romantisches Seemannslied zu hören. Sophia Euskirchen macht daraus einen fetzigen, jazzigen Song, den man im Ohr behält und der nach der 1. Strophe von einem Paar weitergetragen wird, dann wieder von ihr, und der unter Beifallsstürmen als Terzett endet. Den Mikrofonständer zieht sie dabei von rechts nach links über der Bühne, zieht ihn unter dem singenden Paar hindurch und bleibt mit ihm als „Requisit des Abends“ fest verbandelt.

In Frisco ist der Teufel los KOB © Monika Rittershaus

Kai Tietje kommt heraus aus dem Graben und gibt dem Orchester und dahinter dem Chor viel Platz auf der Bühne. Die Melodien von Guido Masanetz, die für große Tanzmusikorchester geschrieben wurden und oft einen südamerikanischen Touch besitzen, lässt er frisch und mitreißend aufführen. Im Vergleich zu einer alten Aufnahme (auf YouTube) hat er die Patina der Partitur abgekratzt, aber den Big-Band-Sound früherer Zeiten beibehalten.

Die Komische Oper setzt mit der Operette In Frisco ist der Teufel los seine im Sommer 2024 mit Messeschlager Gisela begonnene Reihe, ausgewählter Werke des „heiteren Musiktheaters der DDR“, nun erfolgreich fort.

In Frisco ist der Teufel los KOB © Monika Rittershaus

Angekündigt mit dem Wort-Ungetüm einer „semikonzertanten Aufführung“, erleben wir Zuschauer eher eine szenische Umsetzung des Stoffes. Hier wartet keiner der Sängerinnen und Sänger auf seinen Einsatz, auf seine Arie, hier wirbeln sie alle ständig über den schmalen Streifen der Bühne, zwischen Orchester und erster Zuschauerreihe, der ihnen geblieben ist. Sie alle sind bunt, manchmal seemännisch kostümiert und mit ihnen erleben wir (leider nur) achtzig Minuten lang einen köstlichen Abend, an dem sich die Welt da draußen vergessen lässt. Das am Ende, nach einem großen Trinkgelage, das Hotel doch noch in die richtigen Hände kommt, versteht sich von selbst.

Und dann sind da noch diese alten Filmsequenzen, die an die hintere Bühnenwand projiziert werden, und die ein Ost-Berlin zeigen, das längst verschwunden ist. Man sieht die Mühlendammschleuse mit den Hochhäusern der Fischerinsel, den Palast der Republik, den alten Alexanderplatz… Ich habe immer gedacht, dass ich dieses Kapitel meines Lebens längst eingemottet hatte. Aber an so einem schönen Abend kommen die Emotionen und die Erinnerungen wieder hervor. Es wäre doch schade, sie zu unterdrücken. Sie bleiben der Teil meiner Biografie, der dabei ist, langsam zu verblassen.

Ralf Krüger, 31. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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