Sommereggers Klassikwelt 138: Sándor Kónya – überzeugt stimmlich sowohl in der Lyrik als auch als Held

von Peter Sommeregger

Als der gefeierte Tenor Sándor Kónya am 20. Mai 2002 auf Ibiza starb, hatte er ein reich erfülltes Künstlerleben hinter sich.

Der am 23. September 1923 im ungarischen Sarkad, nahe der rumänischen Grenze geborene Sänger erlebte die kulturellen Brüche und Katastrophen des Zweiten Weltkrieges am eigenen Leib schmerzlich kennen. Nach einem Gesangsstudium an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest, das er sich durch Arbeit in einem Schlachthof finanziert hatte, musste er zunächst während des Krieges als Soldat dienen. Das Ende des Krieges führte zu seiner Internierung im damaligen Westdeutschland. Um nicht nach Ungarn zurückgeschickt zu werden, floh er aus dem Lager und setzte mit Hilfe von Gönnern, die von seinem Gesangstalent überzeugt waren, sein Studium fort.

Nach Engagements an kleineren Häusern wurde er 1955 an die Deutsche Oper Berlin engagiert, wo sich sein Repertoire und seine Karriere weiter entfalteten. Immer häufiger wurde er nun zu Gastauftritten an Häusern wie Stuttgart und München eingeladen. Wieland Wagner verpflichtete Kónya 1958 als Lohengrin für die Bayreuther Festspiele, mit dieser Partie hatte der Sänger endgültig seine Glanzrolle gefunden. Später trat er bei den Festspielen auch als Stolzing in den Meistersingern und als Parsifal auf. „Sommereggers Klassikwelt 138: Sándor Kónya
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Rising Stars 28: Sophie Dervaux, Fagott – keine Angst vor großen Instrumenten!

 

 

Sophie Dervaux—Felix Mendelssohn Bartholdy Op.109—Lieder ohne Worte (2017)

von Dr. Lorenz Kerscher

Die 1991 in Paris geborene Sophie Dervaux ist Tochter eines Mathematikers und Ingenieurs und einer Gitarrenlehrerin. So überrascht es nicht, dass sie zunächst das Instrument ihrer Mutter erlernte. Ihr Wunsch war jedoch, in Gemeinschaft zu musizieren, wofür sich ein Blasinstrument anbot. Das war zunächst die Klarinette, bis ihr diese offenbar zu klein wurde und sie 2003 auf das Fagott wechselte. Doch auch dessen zweieinhalb Meter Rohrlänge waren noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, wurde sie doch schon 2013 als Solokontrafagottistin der Berliner Philharmoniker verpflichtet. Sie fand jedoch bald wieder zum Normalmaß zurück und ist seit 2015 Solofagottistin der Wiener Philharmoniker.

So ungewöhnlich es auch ist, schon in so jungen Jahren Solostellen in den vielleicht renommiertesten Orchestern der Welt zu besetzen, würde ich eine Künstlerin deshalb nicht als Rising Star vorstellen. Von Interesse ist dafür vor allem ihr Wirken als Solistin, die ihrem eher unter „ferner liefen“ firmierenden Instrument alle Ehre macht. „Mit ihrem Album impressions hebt sie das Fagott in den Adelsstand“, befand eine auf ihrer Homepage zitierte Kritikerstimme. Die positive Bewertung ihres Debütalbums war auch für die gerade 30-Jährige ein Ritterschlag und die Wertschätzung für eine Individualität des künstlerischen Ausdrucks, die im Orchesterdienst so nicht in Erscheinung treten konnte.

 

Sophie Dervaux – Sonata, op. 168: II. Allegretto scherzando – Saint-Saëns (2021)

Schon während ihres Studiums am Conservatoire National Supérieur de Musique de Lyon in den Jahren 2008 bis 2011 nahm sie an Wettbewerben teil und erzielte damals noch unter ihrem Geburtsnamen Sophie Dartigalongue wichtige Preise. 2011 setzte sie dann als Stipendiatin an die Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker ihre Ausbildung fort und erzielte 2013 beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD einen zweiten Preis und Publikumspreis. Ein erster Preis wurde damals nicht vergeben und niemand weiß, welches gewisse Etwas die Jury noch vermisst hatte. Die Berliner Philharmoniker hatten jedenfalls keine Vorbehalte, sie als Kontrafagottistin zu engagieren, mussten sie jedoch schon zwei Jahre später zu den Wiener Philharmonikern gehen lassen. „Rising Stars 28: Sophie Dervaux, Fagott
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Schweitzers Klassikwelt 62: „Ariadne auf Naxos“ – keine leichte Geburt

Foto: Bühnenbildentwurf von Adolph Mahnke, Staatstheater Braunschweig 1937: Läuft schon die Vorstellung oder ist noch Probe? fragt man sich, wenn der Vorhang aufgeht. © Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität Köln

Hugo versus Richard 3. Teil

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Nach den Hürden der Komödie für Musik war Hugo von Hofmannsthal für eine neuerliche Zusammenarbeit mit Richard Strauss keinesfalls entmutigt. Aber es bedurfte einer Zwischenarbeit, um sich mit der Strauss’schen Musik noch mehr auskennen zu lernen. Ihn reizte noch viel vollständiger zusammen zu kommen als im ihn nicht völlig befriedigenden „Rosenkavalier“. Er hatte bereits eine Dreißig-Minuten-Oper für Kammerorchester so gut wie fertig im Kopf. „Ariadne auf Naxos“, eine Mischung aus Heroisch-Mythologischem im Kostüm des 18. Jahrhunderts mit Reifröcken und Straußenfedern und aus Figuren der Commedia dell’arte. Unsres Erachtens wieder ein sehr komplexes, wenn nicht sogar kompliziertes Unternehmen. Für nachher schwebte dem Dichter wieder etwas Großes vor, mit einer starken Handlung, wobei das Detail des Textes weniger wichtig sei. Neue Werke greifen scheinbar auf  ältere zurück, Entwicklungen vollziehen sich aber in einer Spirale. So wie sich nach seiner Meinung der „Rosenkavalier“ zum „Figaro“ verhält, wird sich sein Zaubermärchen mit Palast und Hütte, Fackeln und Felsengängen, Chören und Kindern zur „Zauberflöte“ verhalten. Es ist für die Leserin, für den Leser ein offenes Geheimnis, dass es sich bei diesem Plan um „Die Frau ohne Schatten“ handelt. „Schweitzers Klassikwelt 62: „Ariadne auf Naxos“ – keine leichte Geburt
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Sommereggers Klassikwelt 137: Wir gratulieren Jules Massenet zum 180. Geburtstag

Foto: wikipedia.org

von Peter Sommeregger

Der am 12. Mai 1842 in einem kleinen Ort im Departement Loire geborene Jules Massenet kann mit Fug und Recht neben Georges Bizet und Charles Gounod als bedeutendster Opernkomponist Frankreichs im 19. Jahrhundert bezeichnet werden. Vom Umfang seines Oeuvres her liegt er noch deutlich vor seinen Zeitgenossen, von denen Gounod neben Ambroise Thomas auch sein Lehrer war. Am Conservatoire de Paris begann er bereits mit elf Jahren seine Ausbildung, nachdem er ersten Klavierunterricht von seiner Mutter erhalten hatte. Sein Studium beendete Massenet 1863, nachdem er den begehrten Prix de Rome erhalten hatte, der ihm ein dreijähriges Stipendium in der Villa Medici in Rom einbrachte.

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Sommereggers Klassikwelt 136: Felix Weingartner – Komponist, Dirigent und Weltbürger

von Peter Sommeregger 

Das Leben des am 7. Mai 1942 verstorbenen Felix Weingartner (bis 1918 Edler von Münzberg) war reich an künstlerischen Erfolgen, Begegnungen mit bedeutenden Zeitgenossen, und einem intensiven Privatleben mit insgesamt fünf Ehen. Die Aufzählung sämtlicher künstlerischer Tätigkeiten Weingartners würde Seiten füllen.

Weingartner wird 1863 in Zadar (Dalmatien), das damals noch zur Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie gehörte, geboren. Er studiert nach der Übersiedlung der Familie in Graz, später in Leipzig, bereits als Student beginnt er zu komponieren. 1882 lernt er bei der Uraufführung des „Parsifal“ Richard Wagner in Bayreuth kennen. 1883 wird er Schüler von Franz Liszt in Weimar, mit dem ihn später eine enge Freundschaft verbindet. „Sommereggers Klassikwelt 136: Felix Weingartner- Komponist, Dirigent und Weltbürger,
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Schweitzers Klassikwelt 61: Aus der Werkstatt des „Rosenkavalier“

Günther Groissböck als „Ochs“ mit Sophie Koch (Mariandl) und Krassimira Stoyanova (Feldmarschallin), Salzburger Festspiele 2014, Foto Monika Rittershaus

Hugo versus Richard 2. Teil

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Wenn Hugo von Hofmannsthal an Richard Strauss schreibt, „Der Ochs von Lerchenau“ – später zu „Der Rosenkavalier“ umgetitelt – sei auch für das einfachste Publikum verständlich, so können wir das aus Erfahrung mit Begleitern, denen dieses Werk ihr zweites Opernerlebnis war, bestätigen.

Hofmannsthal hofft, dass der dritte Akt der allerbeste wird, zuerst frech und sinnlich, dann burlesk, am Schluss zart ausklingend. Wir schrieben in einer Rezension über eine eher schwache Aufführung: „Der genial komponierte, wunderbare Schluss des dritten Akts wirkte versöhnend.“ Die als künstlerische Individualität des Komponisten charakterisierte Mischung von Groteskem mit Lyrischem kommt bei Strauss-Skeptikern weniger an.

Hugo von Hofmannsthal hatte als Librettist konkrete Vorstellungen, was zwei Gesangspartien betraf. Der Baron ein Bariton und ein als Mann verkleidetes graziöses Mädchen  vom Typ einer Farrar, einer berühmten US-amerikanischen Sopranistin.

Geraldine Farrar Foto: Addie Kilburn Robinson

Immer das Gesamtkunstwerk vor Auge und Ohr warnt der Dichter den Tonschöpfer, drei stille, ruhige Aktschlüsse sind unmöglich und könnten die Gesamtwirkung gefährden. Er schlägt vor und ist glücklich, dass dies ihm rechtzeitig eingefallen ist, bevor es zu spät wird: Annina verlangt Botenlohn, der geizige Ochs weist sie ab, Valzacchi kommt ihr zu Hilfe, die beiden Italiener werden frech, der Baron ruft seine Dienerschaft zu Hilfe und lässt sie hinausprügeln, wobei er behaglich zusieht und seinen Walzer trällert.

Ein energischer, ballettmäßiger Aktschluss, in dem das anscheinend schon komponierte Walzerlied „verflochten“ auftreten kann.

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Sommereggers Klassikwelt 135: Maria Staders ungewöhnliche Karriere

von Peter Sommeregger

Lebensweg und Karriere der am 5. November 1911 in Budapest geborenen, und am 27. April 1999 in Zürich verstorbenen Sopranistin Maria Stader, weichen stark von vergleichbaren Biographien anderer Künstler der Zeit ab.

Allgemein wird Maria Stader bis heute als Schweizerin wahrgenommen, was nur bedingt richtig ist. Sie kam als Kind 1919 im Rahmen der Kinderhilfe nach dem 1. Weltkrieg durch die Heilsarmee in die Schweiz zu Pflegeeltern, im Jahr 1928 wurde sie schließlich vom Ehepaar Stader adoptiert und legte ihren Geburtsnamen Molnár ab.

Schon früh wurde ihre Stimme als ausbildungswürdig erkannt, sie studierte bei verschiedenen schweizerischen Gesangspädagogen und debütierte 1940 am Zürcher Stadttheater als Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“. Bald stellte sich aber heraus, dass ihre Stimme, wenn auch von großer Schönheit und technischer Qualität, vom Volumen her nicht für eine Bühnenkarriere ausreichte. Ihre Körpergröße von nur 144 cm  bildete ein weiteres Handicap. So blieben Bühnenauftritte seltene Ausnahmen, aber ihre Karriere als Konzertsängerin führte sie über viele Jahre durch die ganze Welt. „Sommereggers Klassikwelt 135: Maria Staders ungewöhnliche Karriere“ weiterlesen

Sommereggers Klassikwelt 134: Ethel Smyth rang ihr ganzes Leben lang um Anerkennung und Erfolg als Komponistin

Foto: Wikimedia.commons

Bruno Walter sagte über Ethel Smyth: „Sie hatte eine flammende Seele. Sie brannte ununterbrochen, ob sie komponierte, ob sie schrieb […], ob sie als Suffragette agitierte, ob sie in einer Art Kimono ein Orchester dirigierte oder ob sie sich unterhielt.“

von Peter Sommeregger

In Zeiten, in denen praktisch keine Position, kein Amt oder Beruf einer Frau verwehrt würde, lohnt ein Blick auf die Komponistin Ethel Smyth, die als Kind des 19. Jahrhunderts lebenslang um Anerkennung und Erfolg ringen musste.

Geboren am 22. April 1858 in eine Familie der oberen Mittelschicht wuchs Ethel in der Grafschaft Kent auf. Sie soll ein trotziges, eigenwilliges Kind gewesen sein, dem es erst mit großer Mühe gelang, den Eltern ein Musikstudium in Leipzig abzutrotzen. Dieses Studium war zu dieser Zeit für ein Mädchen äußerst ungewöhnlich, bestenfalls als Musiklehrerin hätte sie es später nutzen können. In Leipzig waren allerdings bereits auch Frauen für den Kompositionsunterricht zugelassen, und das war das eigentliche Ziel von Ethel Smyth: Komponistin zu werden. „Sommereggers Klassikwelt 134: Die bemerkenswerte Dame Ethel Smyth,
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Rising Stars 27: Julia Muzychenko, Sopran – Koloratur mit Glamour

Julia Muzychenko: „Il Bacio“ von Luigi Arditi | Semperopernball 2020 | MDR

von Dr. Lorenz Kerscher

Kurz bevor die Pandemie den Kulturbetrieb aus der Bahn warf, gab der Semperopernball einer charmanten jungen Dame noch die Möglichkeit für einen wahrhaft glamourösen Auftritt. In einem spektakulären, mit großen roten Rosen bedruckten Kleid konnten die Zuschauer des MDR erleben, wie sie den Kusswalzer von Luigi Arditi sang. Vor der spritzig aufspielenden Staatskapelle Dresden gab ihr die Bühne Raum, um sich elegant zu bewegen und dabei die bravourösen Koloraturen bis hin zum abschließenden hohen D strahlen zu lassen.

So konnte sich im Februar 2020 das junge Dresdner Opernstudiomitglied Julia Muzychenko in das Gedächtnis vieler Zuschauer einprägen. Sie stammt aus St. Petersburg, wo sie 1994 geboren wurde und später Gesang studierte. Nach dem Abschluss in 2018 orientierte sie sich für ihre weitere Entwicklung in Richtung unserer freien westlichen Länder und war von 2019 bis 2021 Mitglied des Jungen Ensembles der Semperoper Dresden. Dort konnte sie in kleinen und mittleren Rollen Bühnenerfahrung sammeln. Darunter waren die Olympia in Hoffmanns Erzählungen, Musetta in La Bohème und eine bezaubernde Papagena von einer auf größere Aufgaben hindeutenden Strahlkraft. „Rising Stars 27: Julia Muzychenko, Sopran – Koloratur mit Glamour,
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Schweitzers Klassikwelt 60: Die Genese von „Elektra“

Hugo versus Richard 1. Teil

Im Gedenken an Franz und Alice Strauss sowie Willi Schuh, ohne deren Herausgabe des Briefwechsels zwischen den beiden „Giganten“ wertvolles Wissen verloren gegangen wäre.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Die beiden Einakter „Salome“ und „Elektra“ sahen wir Gymnasiasten als Gespann, wobei unser Musiklehrer Paul Lande, der uns acht Jahre lang begleitete, immer wieder betonte hier Impressionismus, dort Expressionismus. Das scheint von Anfang an nicht bestimmt gewesen zu sein. Nach Oscar Wildes „Salome“ war Richard Strauss an einer Zusammenarbeit mit Hofmannsthal interessiert, aber nicht an seiner fertigen Bühnendichtung über die Atridentochter. Er schlug Hofmannsthal vor, ein Drama über die legendäre, altorientalische Königin oder Heldin Semiramis zu schreiben, weil ihm Elektra zu ähnlich seiner Prinzessin Salome wäre, wofür jedoch dem Dichter der nötige Anstoß fehlte.

Über das rein Literarische hinausgehend versuchte er Richard Strauss zu überzeugen, dass bei aller äußeren Ähnlichkeit (in beiden Titeln ein Frauenname, zwei Einakter, die im Altertum spielen) die Farbenmischung eine andere ist: „Bei der Salome so viel purpur und violett in einer schwülen Luft, bei der Elektra dagegen ein Gemenge aus Nacht und Licht, schwarz und hell.“ Und der Dichter erhoffte sich durch die Musik noch eine Steigerung seiner poetischen Kraft am Ende des Dramas. „Schweitzers Klassikwelt 60: Die Genese von „Elektra“,
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