Sommereggers Klassikwelt 29: Konserven mit Verfalldatum

Es verwundert nicht, dass das Verfalldatum von Inszenierungen im heute gängigen Stil ein immer schnelleres wird. Was beim ersten Mal vielleicht noch interessiert oder amüsiert, wirkt bei mehrmaliger Betrachtung oft peinlich.

von Peter Sommeregger

In Zeiten von Corona legen sich besorgte Menschen vorsorglich einen gewissen Vorrat von Lebensmittel-Konserven an. Es ist eine Glaubensfrage, ob das bei täglich geöffneten Supermärkten mit frischer Ware unbedingt notwendig ist.

Anders liegen die Dinge im kulturellen Bereich. Die praktisch weltweite Schließung sämtlicher Konzertsäle und Opernhäuser erzeugt ein kulturelles, vor allem musikalisches Vakuum, das dem musikaffinen Menschen schmerzlich den Stellenwert der Musik für das emotionale Gleichgewicht bewusst macht. Aber so, wie sich die Generationen vor der Erfindung von Tonträgern und des Radios durch aktives Musizieren erfreuten, die Nachfolgenden auf jene Innovationen zurückgreifen können, ist die Generation Laptop und Smartphone gleich mehrfach für Ausfälle der Live-Events gerüstet. „Sommereggers Klassikwelt 29: Konserven mit Verfalldatum“ weiterlesen

Ritterbands Klassikwelt 11: Der Römer International Opera Choir trotzt dem Virus mit "Nabucco" virtuell

„Va pensiero“ auf „Goldenen Schwingen“ im Cyberspace

von Charles E. Ritterband

Aus Italien, wo die Zahl der Covid 19-Todesopfer täglich ansteigt und mittlerweile die Schwelle von 10 000 Verstorbenen überschritten wurde, erreichen uns nicht nur Schreckensnachrichten. Durch die sozialen Medien schwirren  unzählige, mit tiefschwarzem Galgenhumor angereicherte Karikaturen und Videos; eine besondere Spielart von Kreativität feiert Urständ: Lachen vor einer Kulisse absoluten Horrors. Es zirkulieren Video-Clips von jungen Männern, die einander mit geschickten Tennis-Spielen von Fenster zu Fenster die Einsamkeit vertreiben. Und aus Italien stammt auch die hübsche Idee der Ständchen für die Nachbarn auf Balkonen und in Fenstern. So wird in dem am härtesten von der Pandemie getroffenen Land Europas dem Virus in vielfältiger Weise die Stirn geboten.

International Opera Choir

Am beeindruckendsten geschah dies in Rom. Eine einzigartige Idee hat in Rom der International Opera Choir realisiert: „Va, pensiero“, der Gefangenenchor aus der Oper „Nabucco“ als virtuelles Puzzle: Der Dirigent Giovanni Mirabile, ließ jedes Mitglied dieses Chores jeweils bei sich zu Hause, in der staatlich verordneten „Selbstisolation“, die eigene Stimme auf Smartphone aufnehmen. Mit einer ausgefeilten Montagetechnik wurden diese individuellen Beiträge dann zusammengeschnitten und mit der entsprechenden Orchester-Einspielung zu einem Ganzen kombiniert.

Das Ergebnis ist beeindruckend, berührend – und den Umständen entsprechend ziemlich perfekt. „Trotz der Ausbreitung des Virus belebt die Musik weiterhin die Herzen und die Tage der Italiener“ heißt es im eingeblendeten Text. Das „Va, pensiero sull’ali dorate“ (Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen) erhält nun plötzlich eine ganz andere, hochaktuelle, zutiefst symbolische und dann doch wieder zugleich prosaische Bedeutung: Die poetisch-metaphorischen „goldenen Schwingen“ des Textes werden nunmehr zum Medium Internet, das die sehnsuchtsvollen Gedanken im Cyberspace an Freiheit (von den vielfachen Beschränkungen in diesem Ausnahmezustand) und Erlösung (von der Angst vor dem Virus) hinausträgt, aus den Zimmern und Wohnungen der Choristen in die Welt. „Ritterbands Klassikwelt 11: „Va pensiero“ im Cyberspace statt auf „Goldenen Schwingen““ weiterlesen

Langes Klassikwelt 10: The Sound of Silence

Es ist sehr ruhig da draußen. Endlich Ruhe in der lauten Großstadt?! So hat sich das wohl keiner von uns gewünscht. Wir lernen: Lärm verbindet. Und Musik tröstet.

von Gabriele Lange

München ist still. Sehr still. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in München schon einmal so still war. Kaum Verkehr. Die wenigen Menschen auf der Straße sind allein oder gehen wortkarg zu zweit spazieren. Wer sein Handy benutzt, redet leiser als sonst. Der Kinderspielplatz im Park ist verwaist. Sogar die Nachbarn im ersten Stock gegenüber verzichten seit einigen Tagen auf lautstarke Ehestreitigkeiten bei offenem Fenster. Die Griller im Erdgeschoss verbreiten am sonnenwarmen Samstag die gewohnten übelriechenden Rauchschwaden, doch ich höre tatsächlich nur Besteckgeklapper. Der Herr links unten führt keine weinseligen Diskussionen mehr auf dem Balkon. Beim Einkaufen huschen die Leute durch die Gänge, keiner bleibt zum Ratschen stehen. „Langes Klassikwelt 10: The Sound of Silence“ weiterlesen

Schweizers Klassikwelt 1: "DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG" AM 3. NOVEMBER 1960 IN DER WIENER STAATSOPER

von Lothar Schweizer

Diesen Bericht habe ich ganz aus dem Gedächtnis verfasst und erst nachher den Programmzettel wieder in die Hand genommen. Ergänzt habe ich nichts, nur das Aufführungsdatum korrigiert. Wie ich sehe, kann ich mit meinem Langzeitgedächtnis zufrieden sein. Oder  war es das hohe Niveau der Aufführung?

Die Besprechung auf der Kulturseite der Zeitung „Kurier“ begann ziemlich ungewöhnlich mit der Figur des Beckmessers und war voll des Lobes für den Gast Karl Schmitt-Walter. Seine Stimme besaß ein sehr individuelles Timbre und betonte eher die ernste Seite des Merkers. Ich sehe ihn vor mir, wie er mit einem angewinkelten Bein von einem Meister zum andren geht und ihnen die Tafel mit den vielen Strichen präsentiert. Grund für mich, die Aufnahme von „Feuersnot“ mit dem Künstler als Kunrad zu kaufen. „Schweizers Klassikwelt 1: „DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG“
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Ladas Klassikwelt 25: Ludwig van Beethoven war ein Komponist mit menschlichem Herzen

von Jolanta Lada-Zielke

Die Coronavirus-Pandemie ist bedauerlicherweise in Beethovens 250. Geburtsjahr ausgebrochen –  viele dem Komponisten gewidmete Veranstaltungen wurden abgesagt. Einige einzelne Auftritte und Konzerte mit Beethovens Musik kann man im Netz anschauen. Es gibt auch interessante Bücher zu diesem Thema, die Eltern mit ihren Kindern zu Hause lesen können. Eines von ihnen möchte ich jetzt gerne vorstellen. „Beethoven. Leben und Werk des großen Komponisten“ ist eine Geschichte für Familien, die das Leben und Werk des Künstlers kennenlernen wollen. Das Buch wurde vom Verlag Annette Betz herausgegeben, die Autoren sind Lene Mayer-Skumanz (Text) und Winfried Opgenoorth (Illustrationen).

Zu Beginn erfahren die Leser, dass „van Beethoven“ ein belgischer (flämischer) Name ist und „jemand vom Rübenfeld“ heißt. Vermutlich besaßen die Vorfahren des Komponisten ein Landgut in Flandern. Ludwigs Großvater, der auch Ludwig hieß, verdiente seinen Lebensunterhalt als Sänger und Kapellmeister in Bonn, außerdem war er Weinhändler. Der kleine Ludwig saß oft auf dem Schoß seines Großvaters, der ihn im Rhythmus der Musik schaukelte. „Ladas Klassikwelt 25: Ludwig van Beethoven war ein Komponist mit menschlichem Herzen“ weiterlesen

Lieses Klassikwelt 28: Fidelio

Foto: Jonas Kaufmann als Fidelio am Royal Opera House (c) in London

Tatsächlich habe ich aber Jonas Kaufmann einmal als Florestan live erlebt, das war 2010  beim Luzern Festival in einer konzertanten Aufführung unter Claudio Abbado. Damals stand der Tenor im Zenit seines Könnens, ließ seinen ersten Ton in seinem „Gott, welch Dunkel hier“ gefühlt fünf Minuten lang auf einem Crescendo anschwellen, dass es einem kalt den Rücken herunter lief. So habe ich das nie wieder gehört. Ob er das heute auch noch so bringen kann? Die letzten Male, die ich ihn hörte, beispielsweise 2018 in München als  Parsifal,  hatte seine stimmliche Präsenz hörbar nachgelassen. Aber seinen jüngsten Florestan können nur die beurteilen, die in einer der Londoner Aufführungen waren.

von Kirsten Liese

Im Beethoven-Jahr liegt eine Konjunktur der einzigen Oper des Komponisten nahe. Ich muss allerdings gestehen, dass mich ungeachtet der Corona-Krise nicht eine der zahlreichen geplanten Produktionen hinter dem Ofen hervorgelockt hat. Am wenigsten wohl die der Wiener Staatsoper Ende Januar, die sich zu der blödsinnigen Idee verstieg, die Urfassung mit neuen Texten von Moritz Rinke zu präsentieren. Sie wurde prompt ein großer Reinfall. „Lieses Klassikwelt 28: Fidelio
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Sommereggers Klassikwelt 28: Zeit zu reden, Zeit zu schweigen

Beängstigend an der gegenwärtigen Situation ist der zum Mahlstrom angeschwollene Fluss von Botschaften, Halbwahrheiten und Stellungnahmen die ungefragt und weitgehend ungefiltert über uns hereinbrechen. Dabei scheint ein Missverhältnis zwischen ungesicherten Fakten und ihrer massenweisen Verbreitung zu bestehen. Je weniger man weiß, desto mehr wird hemmungslos schwadroniert, selbst offizielle Medien stoßen pausenlos ein schwer erträgliches Geschwürbel aus.

von Peter Sommeregger

Der Donnerschlag, mit dem das Corona-Virus in unsere scheinbar so perfekt organisierte Welt eingeschlagen hat, ist wohl nur einem Meteoriteneinschlag in der frühen Erdgeschichte vergleichbar. Die konkreten Folgen für unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und den Kulturbetrieb sind längst noch nicht absehbar. „Sommereggers Klassikwelt 28: Zeit zu reden, Zeit zu schweigen
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Ritterbands Klassikwelt 10: "Alles Virus!" – Tod und Musik

Dieser Beitrag von Autor Dr. Charles E. Ritterband (Isle of Wight) erschien zuerst bei klassik-begeistert.de am 19. März 2020. Einen Tag später erschien er online im Feuilleton einer der wichtigsten Zeitungen der westlichen Hemnisphäre: der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Wir bringen ihn deshalb noch einmal.

https://www.nzz.ch/feuilleton/alles-virus-opern-als-therapie-und-krankheitsgeschichte-ld.1547627

Jeder von uns ist irgendwie von der Corona-Krise betroffen. Mir folgte die Virus-Welle wie ein Gespenst. Es begann damit, dass ich fünf Opern in vier italienischen Städten – Mailand, Venedig, Bologna, Turin – anschaute und für klassik-begeistert.de rezensierte. In Venedig, wo gerade der Karneval dem Höhepunkt entgegenstrebte, herrschte bei strahlendem Sonnenschein fröhliches Maskentreiben. Ich sah dort „Elisir d’Amore“ – nach meiner Abreise schloss das Teatro La Fenice die Tore. Kurz darauf war ich an der Scala, „Turco in Italia“. Hinter mir schlossen sich die Tore des weltberühmten Opernhauses. Letzte Woche war ich in der Wiener Staatsoper: „Turandot“. Es sollte die letzte Vorstellung des Hauses am Ring sein … wohl für lange Zeit.

… So haben der Hauch des Todes, die Angst und die allgemeine Ungewissheit angesichts der rasend schnellen Verbreitung des Virus einen auf den ersten Blick unerwarteten Effekt: Es verstummt nicht die Musik, es breitet sich nicht tödliche Stille über die Welt.

von Charles E. Ritterband

„Alles Walzer!“ – noch haben wir ihn im Ohr, den rituellen Ruf an jedem der zahllosen Wiener Bälle, der, nach den Darbietungen der Debütantenpaare und der Balletttänzer, die Tanzfläche für das Publikum öffnet: Mit einem Walzer, vorzugsweise dem Donauwalzer. Längst sind die Tanzparkette leer, und mit ihnen sämtliche Kultureinrichtungen der Donaumetropole und aller anderen Städte. Statt „Alles Walzer!“: „Alles Virus“.

Humor und Musik statt tödlicher Stille

Das Virus beherrscht sämtliche Medien und alle Gespräche der Mitmenschen. Es macht Angst, evoziert archaische Todesängste – aber zugleich gibt es eine Gegenreaktion: Humor, schwarzer Humor natürlich, Galgenhumor. Und: Musik. Sie erklingt als Serenade von italienischen Fenstern und Balkonen, in Wiener Hinterhöfen und von den Apartment-Hochhäusern in Tel Aviv, die zu riesigen, improvisierten Party-Schauplätzen geworden sind. Sie tönt uns aus Laptops und Fernsehgeräten entgegen – denn die großen Opernhäuser der Welt bieten jetzt tägliche, kostenlose Streaming-Programme ihrer Opernrepertoires an: eine hervorragende Idee, denn wenn schon die Menschen nun plötzlich per Gesetz gezwungen werden, zu Hause zu bleiben, soll sich dieses Zuhause zu einer von hunderttausenden, ja Millionen von Opernlogen weltweit verwandeln. „Ritterbands Klassikwelt 10: „Alles Virus!“ – Tod und Musik“ weiterlesen

Lieses Klassikwelt 27: Musik heilt

von Kirsten Liese

In Krisenzeiten ist der Hunger auf Kultur groß. Manche Ältere unter Ihnen erinnern sich vielleicht noch an die langen Schlangen vor den Kinos oder dem Berliner Titania Palast nach Kriegsende – Bilder, die für mich Geschichte sind, ich kenne sie zum Glück nur aus alten Wochenschauen. In heutigen Zeiten des Ausnahmezustands belegt das große Interesse an den vielfach angebotenen Streaming-Angeboten von Opernhäusern und Konzertveranstaltern nicht minder die Bedeutung von Musik als Seelen- und Nervennahrung. Manchmal entfaltet sie sogar Heilkräfte, die an ein Wunder grenzen. Von solchen Fällen will ich heute anhand dreier außergewöhnlicher Künstler-Persönlichkeiten erzählen. „Lieses Klassikwelt 27: Musik heilt
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Spelzhaus Spezial 1: Corona – Life is Jazz. Mein Plädoyer für die Musik

Also bitte: Improvisiert, hört Musik, macht Musik, singt und tanzt daheim! Wenn Ihr Euch nicht wie die Italiener auf den Balkon traut, dann tut es wenigstens unter der Dusche. Das ist – soviel ich weiß – noch erlaubt.

von Petra Spelzhaus

Eigentlich würde ich heute Abend im Münchener  Jazzclub Unterfahrt sitzen und über das Konzert der genial-verrückten Schweizer Combo „Hildegard Lernt Fliegen“ schreiben. Fliegen ist gerade nicht angesagt in Zeiten des Coronavirus. „Spelzhaus Spezial 1: Corona – Life is Jazz. Mein Plädoyer für die Musik
Spelzhaus Spezial 1: Corona – Life is Jazz. Mein Plädoyer für die Musik“
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