Riccardo Muti beendet fulminant die Beethoven-Durststrecke der Philharmoniker

Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 9 in d-moll op. 125  Wiener Musikverein, Großer Saal, 6. Mai 2024

Riccardo Muti © Terry Linke

Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 9 in d-moll op. 125

Solisten:

Julia Kleiter, Sopran
Marianne Crebassa, Mezzosopran
Michael Spyres, Tenor
Günther Groissböck, Bass

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Wiener Philharmoniker
Dirigent: Riccardo Muti

Wiener Musikverein, Großer Saal, 6. Mai 2024


von Herbert Hiess

Es ist schon interessant, dass die Wiener Philharmoniker als eines der wirklich führenden Orchester der Welt in Sachen 9. Beethoven schon lange kein solches tiefgreifendes Konzert dieser Symphonie gegeben haben.

Auch bei den Plattenaufnahmen ist das eigenartig; die letzten wirklich interessanten Produktionen waren die mit Leonard Bernstein und natürlich auch mit Karl Böhm. Danach kamen zwar einige Gesamtaufnahmen, die mehr oder minder im „Nirvana der Beliebigkeit“ verschwunden sind. Simon Rattle war nicht mehr als brav, Christian Thielemann bewies, dass er in Sachen Beethoven nicht wirklich überzeugend ist und über Andris Nelsons wirft man am besten den Mantel des Schweigens.

Es hat wohl das Jubiläumskonzert zum 200. Jahrestag der Uraufführung am 7. Mai 1824, dieses einzigartigen Werkes gebraucht, um eine denkwürdige Präsentation darzubieten.

Riccardo Muti zauberte an diesem Abend ein Fest der besonderen Art!
Die Philharmoniker spielten als ginge es „um ihr Leben“. Großartig wie hier die subtilsten Phrasen ausgekostet wurden. Schon im ersten Satz hörte man vom sanftesten Pianissimo bis zum gewaltigen Fortissimo die ganze Bandbreite von Beethovens Genialität.

Der Maestro ließ die Musiker frei spielen und griff nur dort ein, wo es notwendig war. Phantastisch die einzelnen Musiker; vor dem Vorhang stellvertretend für alle der gebürtige Mistelbacher (Anm.: Stadt im nördlichen Niederösterreich) Erwin Falk, der als Pauker die großartige Tradition von Horst Berger und Bruno Hartl auf diesem Instrument fortsetzen kann.

Beethovens 9. wird ja bewusst oder unbewusst immer wieder zitiert.
Nur wenige Werke haben sich so in der Bevölkerung breit gemacht wie diese Symphonie. Hauptsächlich das „Freude schöner Götterfunken“-Thema hört man immer mal wo und nicht zu vergessen das Scherzo, das z.B. im Film „Clockwork Orange“ verewigt wurde. Stanley Kubrick hat schon gewusst, warum er diese einzigartige Musik verwendete. Unter Muti hörte man die Skurrilität dieses Satzes genau; exzellent das Zusammenspiel des großartigen Paukisten mit den Bläsern.

Unvergesslich war das Adagio, wo das Orchester und Muti alle Farben leuchten ließen; schon zu Beginn des Satzes hörte man immer wieder genial den leichten Bratschenakzent auf der Dominante F. Auch der Seitensatz mit den Streichern und Holzbläsern berührte zutiefst. Man kann sich schon gut vorstellen, wovon sich Gustav Mahler für seine Adagios inspirieren ließ.

Auch der Finalsatz war mehr als beeindruckend; exzellent der Chor des Musikvereins; das Solistenquartett war recht ordentlich, konnte jedoch nicht mit dem Niveau der Philharmoniker und des Singvereins mithalten.

Wirklich herausgestochen hat allenfalls Günther Groissböck mit opernhaftem Gesang – der wäre in der Wiener Trash-Produktion von „Lohengrin“ vielleicht interessanter als Heinrich gewesen. Michael Spyres hat den Marsch „Froh, froh…“ ordentlich bewältigt; leider aber nicht mehr. Die Damen haben gut durchgehalten.

Auch der Finalsatz war mehr als beeindruckend. Exzellent der Chor des Musikvereins, das Solistenquartett war recht ordentlich, konnte jedoch nicht mit dem Niveau der Philharmoniker und des Singvereins mithalten.

Großer Jubel am Schluss und man konnte mehr als froh sein, dass man ein solches Konzert erleben konnte.

Herbert Hiess, 7. Mai 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Chicago Symphony Orchestra, Riccardo Muti Musikverein Wien, 22. und 23. Januar 2024

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Farewell Chicago Symphony Orchestra, Riccardo Muti, Dirigent Frankfurt, Alte Oper, 18. Januar 2024

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