Wenn niemand mehr zuhört – im Escape Room der Figuren

Interview: kb im Gespräch mit Prof. Manuela Uhl, Sopranistin  klassik-begeistert.de, 29. Mai

Foto © Tianye Dong

Ein Gespräch mit Prof. Manuela Uhl geführt von Getong Feng
zu Die Walküre im Rahmen von „Bayreuth in Shanghai“ (2026)

Von ihrer Interpretation der Sieglinde am National Centre for the Performing Arts im Jahr 2025 bis zu ihrem erneuten Verkörperung in Katharina Wagners Inszenierung von Die Walküre bei „Bayreuth in Shanghai“ im April 2026 setzt Prof. Manuela Uhl ihre intensive Auseinandersetzung mit dieser Figur fort. Dabei eröffnet sie zugleich neue Perspektiven auf die vielschichtigen Frauenfiguren in Wagners Ring-Zyklus und auf deren Bedeutung im Kontext des zeitgenössischen Regietheaters.

Bereits 2025 führte Getong Feng, Doktorandin der Neueren deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in Beijing ein ausführliches Gespräch mit Prof. Uhl über die Figur der Sieglinde. In diesem Interview knüpfen beide Gesprächspartner erneut daran an und diskutieren ausgehend von Sieglinde die Möglichkeiten und Spannungen moderner Wagner-Interpretationen im Kontext der heutigen Regieoper.

INSZENIERUNG ALS SYSTEM

klassik-begeistert: Wie würden Sie Katharina Wagners Inszenierung von Die Walküre in Shanghai grundsätzlich beschreiben? Welche Art von Raum- oder Systemlogik liegt dieser Produktion zugrunde?

Manuela Uhl: Diese Inszenierung funktioniert als ein geschlossenes System. Man kann sie nicht einfach in den gesamten Ring-Kontext übertragen, denn Katharina Wagner hat Die Walküre hier bewusst aus dem Zyklus herausgelöst. Die Figuren befinden sich dabei in einer Art Escape-Room-Situation: Jeder startet mit seiner eigenen Biografie und individuellen Ausgangslage, ohne die anderen wirklich zu kennen. Gleichzeitig möchte aber jede Figur gewinnen und entwickelt ihre eigenen Strategien, um im Spiel voranzukommen.

In diesem Raum gibt es eigentlich keine festen Regeln. Das Einzige ist: Wenn man einen Raum einmal betreten hat, kann man nicht mehr zurück. Vorübergehende Bündnisse sind zwar möglich und manchmal sogar notwendig, können aber jederzeit wieder zerbrechen. Im Laufe des Spiels korrumpieren sich die Figuren zunehmend selbst. Der Egoismus wird immer stärker, und man muss ständig damit rechnen, dass einem jemand plötzlich ein Messer in den Rücken stößt. Letztlich kann man sich auf nichts verlassen.

Über allem schwebt dabei das eigentliche Ziel: der Ring. Der Drache hat diesen Hauptgewinn und blieb die ganze Zeit über präsent. Deshalb mussten wir immer wieder nach oben schauen. Niemand wusste genau, wie der Ausgang zu erreichen ist. Man wusste nur, dass eine Aufgabe nach der anderen gelöst werden musste – bis am Ende nur noch eine Figur übrigbleibt.

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klassik-begeistert: Das Personal des Escape Rooms – verkörpert durch die 8 Walküren – wirkt in der Inszenierung fast völlig emotionslos und scheint sich nicht wirklich für die Figuren oder deren Schicksale zu interessieren. Welche Funktion haben diese Figuren?

Manuela Uhl: Diese Figuren greifen eigentlich nicht in das Geschehen ein und reagieren auch nicht auf die Darsteller. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Raum wieder in seinen Ausgangszustand zu versetzen. Deshalb putzen sie, hängen die Äpfel wieder auf und bereiten alles für die nächste Gruppe vor, die dieses Spiel durchlaufen wird.

FIGUREN IM SYSTEM

klassik-begeistert: In dieser Inszenierung wirkt Sieglinde deutlich anders als in früheren Produktionen. Worin besteht für Sie der größte Unterschied dieser Figur? Und wohin geht Sieglinde am Ende?

Manuela Uhl: Sieglinde startet zunächst wie alle anderen mit dem Ziel zu gewinnen. Aber im Laufe des Spiels merkt sie, dass man niemandem vertrauen kann und dass die Menschen immer egoistischer und korrupter werden. Ab einem bestimmten Punkt kann sie dieses System nicht mehr mittragen.

Für sie gibt es deshalb nur noch einen Ausweg: Sie will das Spiel verlassen. Sie versucht, irgendwie ganz herauszukommen. In einem Moment hält Brünnhilde ihr schließlich die Tür auf. Das ist für beide ein Vorteil: Brünnhilde wird eine Gegenspielerin los, und Sieglinde kann endlich fliehen. Sie will am Ende weder gewinnen noch weiterspielen, sie möchte einfach nur weg.

Interessant ist auch, dass Sieglinde in dieser Inszenierung ständig Dinge sammelt: Schlüssel, Äpfel, kleine Gegenstände aus den Räumen. Sie weiß nie genau, ob sie später wichtig werden könnten, aber sie denkt vorsorglicher als die anderen Figuren.

Genau auf diese Weise verlief übrigens auch die Probenarbeit mit Katharina Wagner. Wir wurden praktisch ohne genaue Anweisungen in diese Räume gesetzt und sollten einfach ausprobieren, wie wir reagieren und wieder herauskommen würden. Katharina Wagner beobachtete das, filmte vieles mit und entschied später, welche Momente sie in die Inszenierung übernehmen wollte. Dadurch entstand eine sehr ungewöhnliche, fast experimentelle Form der Regiearbeit, wie ein Versuch, bei dem man erst im Prozess entdeckt, wie die Figuren handeln.

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klassik-begeistert: Bleiben die Liebesbeziehungen zwischen den Figuren erhalten? Wie wird  die Beziehung zwischen Sieglinde und Siegmund sowie zwischen Sieglinde und Hunding dargestellt?

Manuela Uhl: Zwischen Sieglinde und Siegmund gibt es in dieser Inszenierung keinerlei Liebesbeziehung. Auch eine geschwisterliche Nähe existiert nicht. Sieglinde kann Siegmund anfangs eigentlich gar nicht besonders leiden, er ist zunächst einfach nur ein weiterer Gegenspieler innerhalb des Spiels. Entsprechend gibt es auch kein gemeinsames Kind.

Dennoch wird die Geschichte in gewisser Weise weitererzählt: Am Schluss erscheint ein junger Mann auf der Bühne – Siegfried. Er ist allerdings nicht der Sohn von Sieglinde und Siegmund, sondern vielmehr ein neuer Spieler, der die nächste Herausforderung übernimmt. Er findet die beiden Teile des Schwertes, setzt sie im Feuer wieder zusammen.

Sieglinde und Hunding gehören dagegen zu den ersten Figuren im Raum und bilden anfangs ein Team. Gemeinsam versuchen sie zunächst, Siegmund auszuschalten. Sieglinde lenkt ihn beispielsweise ab, damit Hunding in Ruhe versucht, die Tür zu öffnen. Doch im Laufe des Spiels wird Hunding zunehmend brutaler im Umgang mit ihr. An diesem Punkt entscheidet Sieglinde, dass sie sich nicht länger so behandeln lassen will, und schließt sich schließlich Siegmund an.

Für meine Figur spielt diese Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit eine wichtige Rolle. Deshalb ist es für Sieglinde letztlich auch ein Grund, dieses System verlassen zu wollen. Ich glaube schon, dass Siegmund oder zumindest die Vorstellung eines Partners ihr etwas bedeutet. Sie hat eine starke Sehnsucht danach, geliebt zu werden und Teil einer echten Beziehung zu sein.

Im Laufe des Spiels merkt sie jedoch, dass auch Siegmund korrumpiert wird. Sie hat das Gefühl, dass Brünnhilde ihn an sich zieht und er sie schließlich zurücklässt. In diesem Moment erkennt Sieglinde, dass auch dort keine wirkliche Gemeinschaft oder Verlässlichkeit existiert. Das Vertrauen und die Nähe, die sie sich erhofft hatte, sind letztlich nicht vorhanden.

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klassik-begeistert: Könnten Sie genauer auf die Liebesszene zwischen Sieglinde und Siegmund des ersten Aktes eingehen? Wie ist sie zu verstehen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Figuren hier keine wirkliche Verbindung mehr zueinander herstellen können?

Manuela Uhl: Normalerweise ist diese Szene eine der erotischsten und intensivsten Liebesszenen überhaupt. Wagner komponiert hier Musik voller körperlicher und emotionaler Spannung. In dieser Inszenierung jedoch bleiben die Figuren trotz allem letztlich allein. Die Sehnsucht nach Liebe existiert zwar noch, aber sie findet kein echtes Gegenüber mehr.

Auch das Schwertmotiv wird völlig neu gedacht. Im Baum steckt kein Schwert im traditionellen Sinn, sondern ein Generalschlüssel. Mit diesem Schlüssel lassen sich plötzlich alle Schlösser öffnen. Siegmund entdeckt ihn und schafft damit den Übergang in den nächsten Raum. Gleichzeitig entsteht sofort wieder Konkurrenzdenken: Sieglinde legt anschließend bewusst einen falschen Schlüssel zurück, damit die nächsten Spieler den gleichen Weg nicht mehr so leicht finden können. Selbst in diesem Moment gibt es also kein romantisches gemeinsames Entkommen, sondern weiterhin Misstrauen und strategisches Denken. Im weiteren Verlauf verändert sich das Spiel ständig. Nach dem nächsten Übergang befinden sich die Figuren plötzlich in einem völlig anderen Raum mit Treppen, Schwertern und Lianen. Auch der spätere Spiegelraum funktioniert nach derselben Logik. Dort singt Sieglinde zwar weiterhin von Liebe und Sehnsucht, doch Katharina Wagner hat ausdrücklich betont, dass diese Worte nicht mehr wirklich dem anderen gelten. Niemand hört ihr zu. Im Spiegelraum betrachtet Sieglinde letztlich nur sich selbst.

klassik-begeistert: Beim letzten Interview haben Sie gesagt, dass Sieglinde eigentlich eine sehr mutige Figur ist. Vor allem, weil sie den Mut findet, sich aus ihrer unglücklichen Ehe zu lösen und das Kind zur Welt zu bringen. Würden Sie sagen, dass Sieglinde auch in dieser Inszenierung ihren Mut bewahrt?

Manuela Uhl: Das ist tatsächlich geblieben. Sieglinde ist auch in dieser Inszenierung eine mutige Figur. Allerdings zeigt sich dieser Mut hier auf eine andere Weise. Für mich besteht Mut nicht nur darin, aktiv zu kämpfen oder ein Ziel um jeden Preis zu verfolgen, sondern manchmal gerade darin, Nein zu sagen und sich einem System zu verweigern.

Das erinnert mich an die Kaiserin in Die Frau ohne Schatten. Eine Figur, die meiner Meinung nach oft unterschätzt wird. Auch sie befindet sich in einem System voller Zwänge und widersprüchlicher Erwartungen. Irgendwann erkennt sie, dass sie nicht weiter Teil davon sein möchte, selbst wenn sie noch keine konkrete Lösung oder Alternative hat. Sie sagt einfach: „Nein, nicht weiter. Ich werde nicht zur Mittäterin.“

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Ähnlich ist es auch bei Sieglinde in dieser Inszenierung. Auch das ist für mich eine Form von Mut: den Mut, sich zu verweigern und auszusteigen. Besonders interessant finde ich dabei, dass dieser Escape Room letztlich alle Figuren auf dieselbe Ebene stellt. Es gibt keine göttliche Ordnung, keine gesellschaftlichen Hierarchien und keine besonderen Privilegien mehr. Alle befinden sich in derselben Situation. Gerade deshalb wird die persönliche Entscheidung jeder Figur umso sichtbarer.

SPRACHE, WAHRNEHMUNG UND GESELLSCHAFT

klassik-begeistert: Das Konzept der Beziehungslosigkeit scheint sehr zentral zu sein. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie das Publikum mit einer solchen Figurenkonstellation umgehen sollte, in der kaum noch echtes Zuhören stattfindet?

Manuela Uhl: Ein zentrales Element dieser Inszenierung ist das bewusste Nicht-Zuhören. Die Figuren sprechen zwar ständig miteinander, aber eigentlich hört niemand dem anderen wirklich zu. Jeder bleibt in seiner eigenen Geschichte gefangen. Deshalb reagieren die Personen auch so unempathisch aufeinander und misstrauen grundsätzlich allem, was gesagt wird. Gerade dieses Negieren des Textes ist ein wichtiger Schlüssel zur Inszenierung.

Die Figuren reden zwar, aber jeder wartet letztlich nur darauf, selbst wieder sprechen zu können. Man ist immer nur mit einem Ohr dabei. Das erinnert stark an gesellschaftliche Situationen, die wir auch im Alltag kennen: Gespräche, in denen Menschen gar nicht wirklich zuhören, sondern nur auf eine Gelegenheit warten, ihre eigene Meinung loszuwerden oder den anderen zu belehren.

klassik-begeistert: Wird dadurch auch Wagners Text selbst zum Symbol einer heutigen Gesellschaft, in der zwar viel gesprochen wird, aber kaum noch echtes Zuhören stattfindet?

Manuela Uhl: Wagner hat sich unglaublich viel Mühe mit seinem Text gegeben. Jede Formulierung ist präzise gearbeitet, jede Szene sorgfältig aufgebaut. Er hat vieles so ausführlich gestaltet, gerade um nicht missverstanden zu werden. Und dennoch scheint heute oft genau dieser Text kaum noch wirklich gehört zu werden.

Vielleicht liegt darin aber auch eine besondere Aktualität dieser Inszenierung. Der Text ist weiterhin da, die Figuren sprechen ununterbrochen, aber niemand hört wirklich zu. Gerade darin zeigt sich eine Parallele zu unserer heutigen Gesellschaft: Menschen bleiben in ihren eigenen Welten gefangen, Sprache ist zwar permanent präsent, erreicht ihr Gegenüber aber oft nicht mehr wirklich.

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klassik-begeistert: Kann man die zunehmende Brutalität und den Egoismus im Verlauf der Inszenierung als eine Form von Gesellschaftskritik verstehen?

Manuela Uhl: Ja. Man könnte sagen, dass die Inszenierung das Scheitern einer geschlossenen Gesellschaft zeigt – einer Welt ohne Vertrauen, ohne Regeln und ohne echte Kommunikation, die letztlich am Egoismus zerbricht.

Eigentlich bekommt am Ende niemand den Ring. Als System betrachtet dreht sich alles immer im Kreis: Neue Figuren treten ein, aber wenn jeder nur an sich denkt und Kommunikation nicht mehr funktioniert, gibt es zwar vielleicht einzelne Auswege, aber durch reinen Egoismus allein erreicht niemand das Ziel.

WOTAN – MACHT, PASSIVITÄT, ERKENNTNIS

klassik-begeistert: Vielleicht können wir auch über Macht in diesem System sprechen. In Die Walküre erscheint er zum letzten Mal in seiner eigentlichen Gestalt als Gott. Bei Wagner besitzt er zwar Macht, kann diese aber nicht frei einsetzen, und zugleich ist er fähig, menschliches Leid wahrzunehmen. Würden Sie sagen, dass Wotan ein schwacher Gott ist?

 Manuela Uhl: Ich glaube nicht, dass Wotan in dieser Inszenierung eigentlich schwach ist. Seine Passivität entsteht vielmehr aus einer Form von Stärke und Erkenntnis. Er durchschaut die Systeme, erkennt, wie alles korrumpiert wird und wie sich die Dinge zwangsläufig weiterentwickeln könnten. Gerade dieses Wissen macht ihn handlungsunfähig. Das ist keine Schwäche im eigentlichen Sinn, sondern eher eine Überforderung durch Bewusstsein und Verantwortung.

Deshalb finde ich diese Figur so interessant. Wotan ist kein einfacher Macho oder machtbesessener alter Herrscher. Als Gott hätte er durchaus die Möglichkeit, seine Macht direkt einzusetzen. Aber er versucht, sich an die Regeln und Verträge zu halten, auf denen seine eigene Ordnung beruht. Der zentrale Gedanke ist: „Durch Verträge herrsche ich.“

Vielleicht ist das sogar seine eigentliche Aufgabe innerhalb dieses Systems: dass er der Einzige ist, der Bindungen ernst nehmen muss und Verträge nicht einfach brechen darf. Andere Figuren dürfen lügen, betrügen oder Bündnisse wechseln, aber Wotan bleibt an seine Beziehungen und Zusagen gebunden, etwa an Fricka. Dadurch wird er zu Entscheidungen gezwungen, die eigentlich gegen sein eigenes Gefühl gehen.

Gerade deshalb empfinde ich seine Passivität als glaubwürdig. Er greift oft nicht ein, obwohl er es könnte. Siegmund wird letztlich durch seine Entscheidung geopfert, aber Wotan selbst handelt dabei nicht aktiv brutal. Dieses Nicht-Eingreifen, dieses innere Gefesseltsein, fand ich erstaunlich stark.

Deswegen hat mich der chinesische Wotan besonders beeindruckt. Er war vollkommen ernsthaft in seiner Figur und zeigte jemanden, der mit dieser Welt einfach nicht mehr zurechtkommt. Das hat Wotan für mich nicht kleiner gemacht, sondern größer und tragischer. Wenn man ihm zugehört hat, spürte man diese Einsamkeit, diese innere Zerrissenheit und das Gefühl, in einem System gefangen zu sein, das keinen richtigen Ausweg mehr zulässt.

Interessant ist auch, wie sich diese Entwicklung später fortsetzt. In Siegfried erscheint Wotan nur noch als Wanderer. Dieser Bruch wirkt zunächst merkwürdig, wird aber in der Götterdämmerung weiter erklärt: Wotan zieht sich immer mehr zurück, zerfleischt sich innerlich selbst und verliert schließlich jede echte Handlungsfähigkeit. Er bleibt gefangen in seiner eigenen Persönlichkeit und in seinen Gewissenskonflikten.

Für mich liegt darin auch eine gesellschaftliche Dimension. Wagner zeigt eine Welt, deren Strukturen so komplex geworden sind, dass selbst die Mächtigen nicht mehr wirklich handeln können, weil es keine eindeutig richtige Lösung mehr gibt. Genau darin liegt die Tragik dieser Figur.

Ich finde es sehr gut, dass es in dieser Inszenierung am Ende nicht zu einem klassischen Durchkämpfen Wotans kommt, also nicht zu der Version, in der er sich durchsetzt, andere besiegt und am Ende als Gewinner dasteht. Das würde für mich auch nicht wirklich zu dieser Figur passen. Er hätte die Möglichkeiten dazu gehabt, ganz klar. Aber er tut es nicht, weil der innere Gehalt der Figur ihn daran hindert. Das fand ich sehr überzeugend.

FEUER, ENDE UND SYSTEMLOGIK

klassik-begeistert: Das Feuer-Motiv spielt eine zentrale Rolle, wirkt aber in der Inszenierung dramaturgisch nicht immer konsequent eingesetzt. Wie haben Sie den Einsatz des Feuers im Verhältnis zum Schlussgedanken der Inszenierung verstanden? Eher als symbolische Ausgrenzung oder als möglichen konsequenten Endpunkt des gesamten Systems?

Manuela Uhl: Ich hatte auch den Eindruck, dass das Feuer hier in dieser Inszenierung vor allem eine Art Ausgrenzungsmechanismus ist, weniger ein finales, konsequentes Weltenende wie in der Götterdämmerung. Interessant ist dabei auch der Gedanke, dass Richard Wagner ursprünglich wohl eine viel radikalere Idee hatte: dass am Ende des Rings tatsächlich alles brennt. Es ist ja überliefert, dass er phasenweise davon träumte, die Opern in einem provisorischen Brettertheater direkt am Rheinufer aufzuführen und das Theater danach wieder abzubrennen. In diesem Sinn wäre das Feuer eigentlich nicht nur ein Effekt, sondern ein logischer Endpunkt.

Und genau diese Überlegung fand ich spannend: dass hinter allem die Frage steht, wie konsequent man dieses System zu Ende denkt.

 KÜNSTLERISCHE ERFAHRUNG

klassik-begeistert: Gab es während der Zusammenarbeit mit der Regisseurin und mit den chinesischen Künstlerinnen und Künstlern etwas, das Sie besonders beeindruckt oder berührt hat?

Manuela Uhl: In der Arbeit mit dem Ensemble fand ich diesen Ansatz spannend. Jeder Darsteller ist letztlich so etwas wie der „Anwalt“ seiner Figur, verantwortlich dafür, dass diese Figur in sich glaubwürdig bleibt. Gleichzeitig muss der Regisseur dafür sorgen, dass sich diese Einzelperspektiven in einem gemeinsamen Ganzen verbinden. Und ich glaube, dass Katharina Wagner das in dieser Produktion gut gelungen ist: Die Figuren werden in ihrer inneren Logik ernst genommen.

Ich fand den chinesischen Wotan Shen Yang wirklich fantastisch. Wenn ich die Augen geschlossen und ihm einfach nur zugehört habe, unabhängig von der Inszenierung, entstand in seiner Stimme ein ganz eigenes Universum. Diese Tragik hat mich tief berührt.

Besonders beeindruckt hat mich, dass er seine Emotionen mit großer Intensität ausgespielt hat, obwohl ihm innerhalb der Inszenierung eigentlich niemand wirklich zuhört. Er hat Verzweiflung, Einsamkeit und innere Zerrissenheit gezeigt, obwohl diese Gefühle von den anderen Figuren scheinbar gar nicht wahrgenommen wurden. Gerade darin lag für mich eine enorme Tragik.

Durch das, was Wotan erzählt, versteht man auch, was er sich eigentlich wünscht: Er gönnt dem Geschwisterpaar ihre Freiheit und scheint zu sagen, wenn Liebe existiert, dann ist sie auch richtig. In sich ist diese Haltung vollkommen stimmig, aber genau darin liegt die Tragik: In einer solchen Welt kann diese Form von Liebe letztlich nicht bestehen.

klassik-begeistert: Wenn Sie vor dem chinesischen Publikum singen – also in einem anderen kulturellen Kontext als in Europa –, spüren Sie dann feine Unterschiede in der Atmosphäre? Und beeinflusst das in irgendeiner Weise Ihre Darstellung, Ihren Ausdruck oder bestimmte Momente auf der Bühne?

Manuela Uhl: Tatsächlich habe ich in Peking einiges angepasst. Ich habe versucht, die Beziehungen zwischen Mann und Frau anders zu gestalten und auch die Körpersprache stärker kulturell zu variieren. Wenn Hunding und Sieglinde in einem europäischen Kontext zusammen auftreten würden, wäre Sieglinde zum Beispiel weniger demütig oder würde auf eine andere, direktere Weise reagieren.

Für Beijing habe ich deshalb bewusst mit Gestik gearbeitet, denn jede Kultur hat eine andere Körpersprache. Sieglinde reagiert dort oft defensiver und zurückhaltender gegenüber Hunding, sie schützt sich stärker. In dieser Produktion in Shanghai war jedoch eine klar europäische Körpersprache vorgesehen, eine Anpassung war nicht nur nicht notwendig, sondern auch nicht gewünscht.

Die Beijing-Produktion hatte eher etwas Mystisches, dort haben sich verschiedene mythische Ebenen überlagert, und es ging stark darum, zwischenmenschliche Beziehungen glaubhaft zu machen. Hier ist das anders: Die Figuren sind sehr direkt, wenig subtil. Man könnte sagen, es ist eine konsequent europäische oder vielleicht auch internationale Art des Umgangs, aber auf jeden Fall eine sehr unmittelbare, klare Kommunikation zwischen den Personen.

klassik-begeistert: Nach all Ihren Sieglinde-Interpretationen in Peking und Shanghai: Hat diese Rolle etwas in Ihnen verändert oder auf Sie zurückgewirkt?

Manuela Uhl: Sieglinde hat mir viele Fragen aufgeworfen. Und Fragen sind immer gut, wenn man Inszenierungen hinterfragt, wenn man Gesellschaft hinterfragt und Sinn hinterfragt, auch Sinn von Regeln oder Regellosigkeit hinterfragt.

Also diese Inszenierung hat Fragen aufgeworfen, die jetzt vielleicht nicht für meine zukünftigen Sieglinden wesentlich sind, sondern als Individuum, als gesellschaftliches Bewusstsein hat es wichtige Fragen aufgeworfen.

Eine Regellosigkeit, also eine Anarchie, welche Wirkungen hat das? Was ist möglich? Wie viele Regeln braucht der Mensch, um miteinander zurechtzukommen? Wie viel Empathie braucht der Mensch, um zu überleben? Um eine Gesellschaft zu überleben? Wie viel soziales Verhalten braucht eine Gesellschaft zum Überleben? Ein Einzelner, der überlebt, hat keinen Sinn.

klassik-begeistert: Vielen Dank, Prof. Manuela Uhl, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch genommen haben.

Getong Feng, 29. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview mit der Sopranistin Manuela Uhl – Teil 1 klassik-begeistert.de, 22. Mai 2025

Interview mit der Sopranistin Manuela Uhl – Teil 2 klassik-begeistert.de, 24. Mai 2025

Interview mit Manuela Uhl und Burkhard Fritz anläßlich der „Wertinger Festspiele“ 2024 klassik-begeistert.de

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