Auf den Punkt 99: Verschwörungstheoretiker, Paranoiker oder Phobiker am Werk in Bayreuth?

Auf den Punkt 99: Der fliegende Holländer    Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026

Der fliegende Holländer: Nicholas Brownlee (Holländer), Nadine Weissmann (Mary), Mika Kares (Daland), Elisabeth Teige (Senta) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Richard Wagner / Der fliegende Holländer

Festspielorchester 2026
Festspielchor 2026

Oksana Lyniv / Dirigentin
Regie & Bühne / Dmitri Tcherniakov

 Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026

von Jörn Schmidt

Stellen Sie sich vor, ein Vater erzählt Ihnen vom Schicksal seiner Tochter. Ihre Liebe ist unendlich groß, so wie ihre Treue. Allein, sie verliebt sich einfach immer in die falschen Männer. Das ist tragisch und endet tödlich. Vermutlich müssen Sie angesichts dieser Geschichte (also Wagners Version der berühmten Seemanns-Sage) erstmal um Fassung ringen – und werden sich fragen: Wie finde ich jetzt tröstende Worte für den trauernden Vater. Nicht so der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov, der – so muss man sich das vermutlich vorstellen – macht dem Vater erstmal Vorwürfe. So in etwa auf dieser Tonspur: 

„Daland, was jammerst Du geldgeiler Sack? Ich weiß genau, Du hattest doch damals eine Affäre mit der Mutter des Holländers – das hat die Dorfgemeinschaft nicht gut aufgenommen, die Frau hat sich erhängt. Da ist es doch kein Wunder, dass der Junge jetzt auf Rache sinnt und das voll durchzieht.“

Übrigens, bevor Sie denken, ich hätte nicht aufgepasst: Bei Tcherniakov stirbt Senta nicht … Ein Libretto derart zu verdrehen, Wagners Geschichte durch eine eigene Rahmenhandlung zu ersetzen, das hat bei Dmitri Tcherniakov Tradition.

Kurz nach der Premiere des jetzt wiederaufgenommenen Bayreuther Holländers (das war am 25. Juli 2021) verantwortete Tcherniakov an der Hamburgischen Staatsoper die Premiere von Richard Strass’ Elektra (28. November 2021).  Deren Handlung wurde weniger krass umgedeutet, aber immerhin: Hier darf der Rächer Orest nicht Rächer sein, sondern ein gesuchter Serienkiller. Am 29. Oktober 2023 (Premiere von Richard Strass’ Salome an der Hamburgischen Staatsoper) war Tcherniakov dann fast schon altersmilde: Keine neue Handlung eigentlich, aber eine extreme psychologische Umdeutung und Radikalisierung der Handlung.

Wie nennt man jemanden, der hinter jeder Oberfläche Abgründe vermutet? Nun, das kommt darauf an, wen Sie fragen. Politiker und Journalisten würden Verschwörungstheoretiker sagen. Ein Psychiater würde auf Paranoia oder Phobien tippen. Anhänger des Regietheaters indes, die wären aus dem Häuschen und würden von einem Geniestreich sprechen: Sowas Tolles hätten Sie noch nie gesehen, so kreativ der Mann. Am Stammtisch dagegen, da würde man vielleicht schimpfen: Steuerverschwendung, völlig abgehoben ist das!

Bilden Sie sich bitte Ihre eigene Meinung, hier gibt es kein Richtig oder Falsch … Und wie hielten es die Musiker mit Tcherniakov? Nun, die machten frei nach Udo Lindenberg ihr eigenes Ding:  Ja, ich mach’ mein Ding / egal, was die andern labern / Was die Schwachmaten einem so raten / das ist egal.

Oksana Lyniv feiert ihren Wagner transparent, mit straffen, forschen Tempi, größtmöglicher Dynamik und trotz starker rhythmischer Fokussierung mit Platz für Details. Das Bayreuther Festspielorchester setzte feinste Anweisungen punktgenau um und fand dabei zu italienischer Spritzigkeit. Tcherniakov dürfte das nicht gefallen haben, niemand im Graben wollte den in seinem Regiekonzept angelegten Hass verbreiten. Spettacolo!

Der fliegende Holländer: Kieran Carrel (Steuermann), Mika Kares (Daland), Nicholas Brownlee (Holländer) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Nicholas Brownlee (Bassbariton) gibt den Holländer warm-volltönend in der Tiefe, in den für seine Stimmlage erreichbaren Höhe recht strahlkräftig. Auch bei ihm von Rachegelüsten weit und breit nichts zu hören.  Anders Elisabeth Teige, sie füllt das Rollenbild der Senta im Sinne Tcherniakovs aus. Nutzt ihren Power-Sopran für etliche gar nicht brave Attacken. Mika Kares laviert sich irgendwie durch zwischen Regiekonzept und eigenem Rollenbild.  Seinem weltgewandten Bass könnte man den Bösewicht ohnehin nicht abnehmen. Tenor Benjamin Bruns geht die Rolle des Erik so an, wie es seine Stimme nahelegt: lyrisch und mit klarem Blick auf die Dinge – ihn interessiert nur Senta. Der Festspielchor ist und bleibt ein Weltklassechor.

Jörn Schmidt, 29. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Der fliegende Holländer Bayreuther Festspiele, 1. August 2024

Richard Wagner, Der fliegende Holländer (light) Kinderoper der Bayreuther Festspiele 2024, 30. Juli 2024

Ein Kommentar zu „Auf den Punkt 99: Der fliegende Holländer
 Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026“

  1. Meine Hände klatschen irritiert und werden übertönt von dem brüllenden Schlussapplaus beim fliegenden Holländer. Meine Gedanken kreisen um das eben Gesehene. Eine Oper muss das Auge und das Ohr gleichermaßen bedienen,so dass das Sehen mit dem gleichzeitigen Hören eine Wahrnehmung auslöst. Wie soll dies funktionieren, wenn zu Wagners Ouvertüre mit Sturm und Meeresgebrauss eine Beziehungstragödie gezeigt wird. Wo bleibt die Logik, wenn der rachsüchtige, traumatisierte Holländer den Vergewaltiger seiner Mutter freundlich begrüßt. Was ist mit dem Erlösungsgedanken am Schluss. Der Holländer, von Mary erschossen. Senta, die Hände der Mörderin ihres momentan wichtigsten Menschen, umfassend. Wer ist erlöst? Der tote Holländer? Senta, die ins Erwachsenenleben eintritt?
    Beide?
    Vielleicht sollte man sich bei einer anzunehmenden Inszenierung überlegen, ob man Musik skrupellos für einen verfälschten Inhalt missbrauchen will.
    Meine Ohren waren entzückt, die Verbindung zu meinen Augen gestört.
    ( Anmerkung: Ich lehne kein modernes Regietheater ab.
    Siehe Romeo und Julia, München, Residenztheater)

    Ingelore Holz

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