Fotos: Vorstellung vom 13. September 2023
Floria Tosca: Carmen Giannattasio, Mario Cavaradossi: Martin Muehle, Baron Scarpia: Ludovic Tezie © Bettina Stöß
oder: wer Oper liebt, kann nicht mit Tyrannen leben
Ja, natürlich schwelgen wir alle in den unvergänglichen Puccini-Melodien, auch bei der Tosca: La nostra casetta – Vissi d’arte – E lucevan le stelle… in jedem Akt ein Gassenhauer. Und ja, natürlich unterstreicht das den Gruselfaktor. Den Gruselfaktor, der mit dem Henker von Rom, dem grausamen Polizeipräsidenten Scarpia, auf die Bühne kommt. Den Tosca schließlich ersticht. Bravo! Wer mit den Bühnenfiguren mitlebt, weil sie heute so lebensnah sind wie eh und je, der muss dem Tod des Tyrannen entgegenfiebern. Und wird, wenn ein Tyrannenmord heute auch nicht angezeigt ist, sich niemals einen Diktator wünschen können.
Deutsche Oper Berlin, 29. September 2026
Eine Tosca-Repertoireaufführung an der Deutschen Oper Berlin
Tosca, Melodramma in drei Akten von Giacomo Puccini
Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem gleichnamigen Drama von Victorien Sardou
Leonardo Sini Musikalische Leitung
Boleslaw Barlog Regie
Filippo Sanjust Bühne, Kostüm
Aleksandra Kurzak Floria Tosca
Roberto Alagna Mario Cavaradossi
Alexey Markov Baron Scarpia
Mark Kurmanbayev Cesare Angelotti
Michael Bachtadze Der Mesner
Jörg Schörner Spoletta
Tom Nicholson Sciarrone
Young Choi Ein Schließer
Milla Luisa Dell’Anna Ein Hirte
von Sandra Grohmann
Diese traditionelle Inszenierung von Boleslaw Barlog, für den die Originalschauplätze als Bühnenbild nachgebaut wurden (weshalb zwei irrwitzig lange Pausen eingelegt werden müssen), lässt sich jederzeit wieder sehen: Auch in der 434. Vorstellung – die Premiere war 1969 – verliert sie nichts von ihrer Spannung und auch nichts vom Sehgenuss. Wir freuen uns schon auf die 450. Aufführung und den 60. Geburtstag. Das ist Kult!

Diesmal sollte es aber vor allem etwas zum Hören geben, nämlich den alternden Tenor Roberto Alagna als Maler Cavaradossi mit seiner jetzigen Frau, Aleksandra Kurzak, in der Titelrolle der Floria Tosca. Wer noch Alfredo Kraus mit über 65 Jahren als jugendlichen Alfredo Germont im Ohr hat, dem wird es nicht absurd vorkommen, dass ein Tenor, der seine Stimme gepflegt hat, auch mit über 60 noch den Mario Cavaradossi geben kann.
Ein neuer Kraus ist Alagna dann aber doch nicht. Der Schmelz seiner Stimme blitzt zwar immer noch durch, und er hat auch noch mehr Kraft als mancher jugendliche Held. Aber die volle Kontrolle will sich nicht mehr einstellen. Im hohen Register muss er stützen und sich an manchen Ton erst herantasten. Das Publikum liebt ihn trotzdem und klatscht, was das Zeug hält, und das ist bei der Lebensleistung und bei der Leistung, mit 63 noch auf der Bühne zu stehen, auch richtig so.
Aleksandra Kurzak pendelt sich im Lauf des Abends ein und überzeugt vor allem im dritten Akt mit ihrem warmen, vollen Sopran, mit dem sie ihren Mario-Roberto liebevoll umgarnt, ihm – im ersten Akte – gelegentlich auch eifersüchtig Vorwürfe macht und im zweiten Akt ihr ungerechtes Schicksal beklagt. In der Tat! Sie, die nie jemand etwas zuleide getan hat (außer natürlich Mario mit ihrer ewigen Eifersucht), wird nun vom widerlichen Scarpia gequält. Warum tun Menschen einander so etwas an? Meiner Begleiterin rinnen zum Ende die Tränen über die Wangen. Wir wissen alle: Außerhalb der Bühne, in der Welt, passiert dergleichen täglich viele tausend Mal.

Immerhin singt der Übeltäter auf den Opernbrettern dabei sehr schön. Der kurzfristig eingesprungene Alexey Markov als Baron Scarpia sollte zwar, als durch und durch böse Figur, sprichwörtlich keine Lieder haben, aber daran halten sich Opernkomponisten bekanntlich nicht. Seine Lieder bringt er wohltönend zu Gehör. Sein schlanker Bariton unterstreicht das Bigotte der Figur, die er ebenso elegant auf die Bühne bringt wie er sie singt. Das Dämonische verbirgt sich manchmal besonders effektvoll im gediegenen Auftritt.
Solcherlei Lebensgedanken schießen einem in einer klassischen Aufführung durch den Kopf. Wie wohltuend, sich einmal nicht mit den Regieeinfällen beschäftigen zu müssen, sondern die Musik selbst sprechen lassen zu können. Selbst bei einem veristischen Melodram wie der Tosca macht sie ohrenfällig, dass Schönheit, Kunst und Liebe von Boshaftigkeit, Grausamkeit und politischen Ränkespielen bedroht sind. Das braucht niemand szenisch auf zeitgenössische Verhältnisse zu übertragen. Das erklärt sich von selbst.
Sandra Grohmann, 1. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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