Berlin erteilt mit Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ eine Lektion in Dada für Fortgeschrittene

Mittwoch aus Licht von Karlheinz Stockhausen, Maxime Pascal  Deutsche Oper Berlin, 27. September 2026

Fotos: Mittwoch (c) Julian Roeder

 An dieser vom Chor der Deutschen Oper Berlin und etlichen Instrumentalsolisten außerordentlich dicht musizierten und auf die Bretter gebrachten Oper scheiden sich die Geister: Enthusiasten der Elektronischen Musik, die gegen die esoterische Weltsicht von Karlheinz Stockhausen nichts einzuwenden haben, begeistern sich für den „Mittwoch“ aus dem Zyklus „Licht“. Meine junge Begleiterin schätzt die Erfahrung, dabei gewesen zu sein, erklärt die Angelegenheit aber inhaltlich kurz und bündig für „German Brainrot“. Das ist das Diktum für repetitive Videosequenzen, die sinnfreie oder für typisch deutsch geltende Episoden mit recht flachem Witz thematisieren, dabei aber durchaus angenehm selbstironisch sein können. Ältere Semester fühlen sich an dadaistische Lautgedichte erinnert. Ein Abend für Entdecker.

Mittwoch aus Licht
Oper in einem Gruß, vier Szenen und Abschied von Karlheinz Stockhausen

Deutsche Oper Berlin, 27. September 2026

Maxime Pascal Musikalische Leitung
Jeremy Bines Dirigent und Präsident Welt-Parlament

Susanne Kennedy Regie
Markus Selg Bühnenbild und Video
Warja Rybakova Video
Andra Dumitrascu Kostüme
Rachel Pinevska Ersatz-Präsidentin (Koloratursopran)

 Chor der Deutschen Oper Berlin
Ensemble Le Balcon
Instrumentalsolisten
Performer*innen

von Sandra Grohmann

Sirius-Geister haben Humor. So heißt es sinngemäß im Text der Oper „Mittwoch“, einer der sieben Opern aus dem Licht-Zyklus von Karlheinz Stockhausen, die deshalb im Programm der Deutschen Oper Berlin unter dem Titel „Mittwoch aus Licht“ erscheint. Die Heptalogie zelebriert den eklektischen, auf dem esoterischen Werk „Urantia“ beruhenden Religionsgebilde Stockhausens. Sagen wir: Handlung und Setting sind wahrscheinlich nicht das Absurdeste, was jemals für die Oper erfunden wurde. Aber sie fügen sich zwanglos in die Reihe abenteuerlicher Opern-Stories ein, wenn der Erzengel Michael gegen Luzifer kämpft, während Eva zwischen beiden zu vermitteln sucht. Der „Mittwoch“ beginnt mit einer Sitzung des Welt-Parlaments zum Thema Liebe.

Das Ganze findet im weiten Universum statt, wo verschiedene Planeten eine Rolle spielen. Unter anderem auch Sirius, von dem Stockhausen eigener Auskunft zufolge stammt. Wir dürfen also annehmen, dass er sich selbst den erwähnten Humor zuschrieb, der vor allem in der vierten Szene zum Tragen kommt, wo ein neuer Präsident für das Welt-Parlament gesucht wird. Der vorangegangene ist in der ersten Szene verschwunden, weil das Mittwochs-Auto abgeschleppt wurde. Aussichtsreicher und schließlich auch den Sieg davontragender Bewerber für seine Nachfolge ist Luzikamel – tatsächlich erscheint ein Kamel, das unter dem sich hebenden Schwanz sieben unterschiedlich gefärbte Kugeln absondert: Eine Kugel für jeden Wochentag, also für jede der Opern aus dem Zyklus.

Mittwoch (c)Julian Roeder

Das gibt zu allerlei Wortspielen auf Flachwitz-Niveau Anlass; verständlicherweise ein Moment, das meine junge Begleiterin zu ihrem German-Brainrot-Kommentar veranlasst haben wird. Auch der über weite Strecken repetitive Charakter der Musik, so ausgetüftelt die Beziehungen zwischen den Motiven sein mögen, könnte hierzu beigetragen haben: Ungeübten Ohren mögen einige Strecken eher eintönig vorkommen.

Das trifft beispielsweise auf das Helikopter-Streichquartett zu. Die vier Instrumentalisten sitzen dabei jeweils einzeln in einem Hubschrauber und begleiten die gesondert verstärkten Rotorblätter in eher gleichförmiger Weise, wozu sie gelegentlich laut von eins bis zu einer vorgegebenen anderen Zahl zählen. Das Ganze ist vorproduziert – die gezeigte Bild- und Ton-Aufnahme stammt vom 5. September 2026 – und wird erst im Konzertsaal präzise zusammengefügt.

Das Berliner Publikum, bei dem in den übrigen drei Szenen durchaus eine gewisse Tendenz zur Schläfrigkeit feststellbar ist, folgt dem Hubschrauber-Spektakel bereitwillig und hellwach. Musikalisch gibt es wahrscheinlich Mitreißenderes auf dieser Welt, aber die technische Brillanz des Unterfangens und auch die Absurdität des dafür betriebenen Aufwands garantieren allgemeine Aufmerksamkeit. Die Szene hat etwas Dadaistisches – als machte sich Stockhausen (was kaum seine Absicht gewesen sein wird) über den keine Kosten scheuenden Konzertbetrieb lustig.

Dadaistisch muten auch diejenigen Passagen des Librettos an, die nicht in einer bekannten Sprache ausformuliert sind, sondern rein lautmalerisch daherkommen. Sie hätten auch von Kurt Schwitters stammen können. Und hier liegt der eigentliche Zauber des Werks. Nimmt man den Text nicht zu wörtlich – ein Ansatz, der sich bei religiösen Texten oft ohnehin anbietet und den Regisseurin Susanne Kennedy ihrer Arbeit zu Recht zugrundelegt -, entfaltet sich eine Welt von poetischer Schönheit. In den Kostümen von Andra Dumitrascu und dem Bühnenbild von Markus Selg, der gemeinsam mit Warja Rybakov auch für das teils sehr phantasievolle, teils selbst von starken Wiederholungen lebende Video verantwortlich zeichnet, kommt diese Poesie schön zur Geltung. Es hätte gern sogar noch abstrakter, noch träumerischer sein dürfen.

Mittwoch (c) Julian Roeder

„Musik der Sterne am Himmel des Allmächtigen, Sphärentraum in ewgen Galaxien“, heißt es im vierten und letzten Teil. Und tatsächlich: Es ist eine Traumwelt, auf die man sich einlassen können muss. Die minimalistische Musik, die auf einem dreistimmigen Mikromotiv von einer Minute Länge basiert, macht es Stockhausen-Neulingen allerdings nicht immer leicht, alles um sich herum zu vergessen – obwohl sie von allen Instrumentalisten und dem wie immer herausragenden Chor der Deutschen Oper Berlin hochkonzentriert, präzise und mit einem gelegentlichen Augenzwinkern vorgetragen wird.

 Held des Abends ist einmal mehr der scheidende Chorleiter Jeremy Bines, der als Präsident des Welt-Parlaments sogar selbst mitzusingen hatte und zugleich den a capella-Chor dirigierte. Nach zehn Jahren beendet er damit sein Wirken als Chef des Chores der Deutschen Oper Berlin, den er zu einem der besten Opernchöre des Landes geformt hat, und ist zu Saisonbeginn bereits nach Stuttgart gewechselt.

 Das Fazit des Abends ist gemischt. Traumwelt, Dada, Esoterik, Flachwitze – und sehr viel Aufwand. Der Deutschen Oper Berlin gebührt Dank, dass sie sich auf höchstem Niveau modernen Klassikern widmet. Dass, wie Dirigent Maxime Pascal im Programmheft-Interview berichtet, Stockhausens Licht-Zyklus Menschen verändern könne und Zuhörer nach einer Aufführung in Tränen aufgelöst zu ihm gekommen seien, ist heute nicht zu beobachten. Wunder geschehen eben nicht auf Bestellung. Aber eine Lektion in Dada für Fortgeschrittene ist auch nicht zu verachten. Und wer Stockhausens Musik kennt und mag, kommt ohnehin voll auf seine Kosten.

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