Wenn der Jubel im Saal losbricht: Kaufmann, Salsi und Car brillieren in Verdis Otello an der Wiener Staatsoper

Verdi, Otello, Jonas Kaufmann, Luca Salsi, Nicole Car  Wiener Staatsoper, 2. November 2026

© Marcel Urlaub 

Giuseppe Verdi: Otello

Wiener Staatsoper, 2. November 2026 

Otello: Jonas Kaufmann · Jago: Luca Salsi · Desdemona: Nicole Car · Cassio: Botond Ódor · Roderigo: Carlos Osuna · Lodovico: Dan Paul Dumitrescu · Montano: Leonardo Neiva · Emilia: Daria Sushkova · Bianca: Katharina Billerhart · Herold: Ferdinand Pfeiffer · Dirigent: Bertrand de Billy · Regie: Adrian Noble.

von Andreas Schmidt

Es gibt Opernanfänge, die höflich anklopfen. Und es gibt Verdis Otello, der die Tür eintritt. Kein Vorspiel, keine Ouvertüre, nur ein Orchester, das losdonnert, und ein Chor, der aufschreit. Am Montagabend in der Wiener Staatsoper brach dieser Sturm los, und schon nach wenigen Takten saß das Publikum aufrecht, viele mit eingezogenem Kopf.

Das Orchester der Wiener Staatsoper peitschte die Wogen hoch, die Blechbläser stießen wie Blitze durch den Klang, die Pauken grollten, und die Streicher schnitten mit samtiger Schärfe durch das Inferno. Dieses Orchester, dessen Musiker auch die Wiener Philharmoniker stellen, hat Verdi im Blut und zugleich diesen unverwechselbaren Wiener Glanz, der selbst die Düsternis noch golden schimmern lässt.

Bertrand de Billy, ein Dirigent, der in Wien zu Hause ist und für sein Gespür für Dramaturgie und Atem geschätzt wird, hielt die Zügel fest in der Hand. Er dirigierte nicht um des Effektes willen, er baute Spannung auf wie ein Baumeister und ließ sie dann entladen. Er gab den Sängern Raum zum Atmen, trieb das Orchester dort an, wo Jago seine Netze spinnt, und ließ die zarten Momente leuchten. Der Chor der Wiener Staatsoper schmetterte, flehte und jubelte, wuchtig im Sturm, schimmernd im Zwischenspiel, und gab dem Abend das Fundament, auf dem die Solisten ihr Drama austrugen.

Jonas Kaufmann: der Feldherr mit den Rissen

Jonas Kaufmann ist einer der bekanntesten Tenöre der Welt. Sein „Esultate!“ ist die Eintrittskarte in diese mörderische Partie, wenige Takte nur, aber sie verlangen Strahlkraft und Autorität. Kaufmann verlieh Otello sein dunkel getöntes, baritonal grundiertes Timbre, das nicht nur glänzt, sondern glüht und Brüche zeigt. Hier stand kein Marmorheld, sondern ein Mann, dessen Stärke schon im ersten Akt nach Verletzlichkeit klang.

Der gebürtige Münchner und Deutsch-Österreicher ist ein Sänger, der Gift in die Stimme träufeln kann. Er flüsterte, wo andere brüllen, ließ Phrasen im Piano ausatmen und riss sie im nächsten Moment zu einem Aufschrei auf, der durch Mark und Bein ging. Wie er das Misstrauen in Otello säte, keimen und wuchern ließ, bis aus dem liebenden Gatten ein Zerstörer wird, das war feine Gesangsschauspielkunst. Das Liebesduett am Ende des ersten Akts schmolz, die Eifersuchtsszenen zerrissen, das „Dio! mi potevi scagliar“ brannte sich als stille, erschütternde Klage ein. Und im Schlussakt, wenn Otello begreift, was er getan hat, wurde aus dem gefürchteten Feldherrn ein gebrochener Mann. Kaufmann gestaltete diesen Absturz mit großer Intensität. Er erhielt sehr großen Applaus.

Salsi, Car und ein Ensemble auf Augenhöhe

Ihm gegenüber stand Luca Salsi, einer der gefragtesten Verdi-Baritone der Gegenwart. Sein Jago war kein polternder Bösewicht, sondern ein Giftmischer mit Charme: sonor, geschmeidig, voller Hinterhalt, mit einer Stimme, die schmeichelte, bevor sie zustach. Das „Credo“ meißelte er als Manifest des Nihilismus in den Raum, und seine Flüsterszenen mit Otello ließen den Saal frösteln. Eine fantastische Leistung. Er erhielt sogar noch etwas mehr Applaus als sein Tenor-Kollege.

Nicole Car gab die Desdemona mit der lyrischen Leuchtkraft, für die die Australierin bekannt ist: schlank, klar, mit weich gerundeten Bögen. Im „Lied von der Weide“ und im „Ave Maria“ entfaltete sie jene Zerbrechlichkeit, die den Abend ins Herz trifft. Ihr Gesang verschlug so vielen Zuschauern den Atem, dass sie den größten Applaus bekam. Die im Jahr 1985 Geborene ist mit dem kanadischen Bariton Étienne Dupuis verheiratet. Unser Wiener Opern-Spezialist Jürgen Pathy hat gerade ein Interview mit ihm geführt:
https://klassik-begeistert.de/interview-kb-im-gespraech-mit-etienne-dupuis-bariton-klassik-begeistert-de-9-oktober-2026/

Botond Ódor als Cassio, Carlos Osuna als Roderigo, Dan Paul Dumitrescu als Lodovico, Leonardo Neiva als Montano, Daria Sushkova als Emilia (eine ganz tolle, lupenreine Sopranistin, der die Zukunft gehört), Katharina Billerhart als Bianca und Ferdinand Pfeiffer als Herold fügten sich zu einem Ensemble, das die großen Szenen trug.

Warum dieser Otello so einzigartig ist

Giuseppe Verdi war 73 Jahre alt, als Otello 1887 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde – nach mehr als anderthalb Jahrzehnten ohne neue Opernkomposition seit Aida – und er legte sein dramaturgisch dichtestes Werk vor. Die klassische Nummernoper mit Arie, Cabaletta und Applauspause ist weitgehend aufgelöst, die Musik strömt durch, nah an Wagner, aber durch und durch italienisch. Das Orchester begleitet nicht, es kommentiert, höhnt und flüstert. Arrigo Boito, der Librettist, kürzte Shakespeare aufs Wesentliche und schenkte Jago ein Glaubensbekenntnis des Bösen, das es im Schauspiel so nicht gibt. Das Ergebnis ist ein Kammerspiel der Eifersucht, kompromisslos in seiner Logik, erschütternd in seinem Ende. Der Schluss, mit Otellos letzten Worten und dem Kuss-Motiv aus dem Liebesduett, das im Orchester noch einmal aufsteigt, gehört zu einem der ergreifendsten der gesamten Opernliteratur.

Shakespeare-Profi statt Regietheater-Zirkus

Der Regisseur Adrian Noble, der frühere Chef der Royal Shakespeare Company, kennt seinen Shakespeare, und das spürte man vom ersten Augenblick an. Seine Inszenierung von 2019 verlegte die Geschichte an den Beginn des 20. Jahrhunderts und rückte den Kolonialismus ins Zentrum: hier die fremde venezianische Militärmacht, dort die Einheimischen Zyperns, mittendrin ein Otello, der nie ganz dazugehört. Ein stilisierter Löwe auf dem Zwischenvorhang und die Projektion des tobenden Orkans genügten, und der Sturm stand im Raum. Dick Birds karge Bühne mit düsteren Kammern und dunklen Kostümen, dazu Jean Kalmans Licht, ließen Raum für das, worum es geht: das Gift der Eifersucht, das sich Szene für Szene in die Köpfe frisst. Große Deutungsgesten blieben aus. Wer nach unzähligen überfrachteten „Regietheater“-Konzepten einen Abend erlebt, der sich auf Menschen, Blicke und Beziehungen konzentriert, atmet auf.

© Michael Pöhn, Wiener Staatsoper

Das Haus am Ring

Die Wiener Staatsoper am Ring, 1869 eröffnet, im März 1945 von Bomben getroffen und nach dem Wiederaufbau am 5. November 1955 mit Fidelio wieder eröffnet, ist mehr als ein Opernhaus, sie ist ein österreichisches Heiligtum. Hier wird nahezu jeden Abend ein anderes Werk gespielt, im Repertoire-System, das sich kaum ein anderes Haus dieser Größe leistet. Wer hier einen Stehplatz ergattert, steht Seite an Seite mit Studenten, Touristen und Opernveteranen, und das macht diese Atmosphäre so besonders: Oper ist in Wien nicht nur Luxus, sondern auch Alltagskultur auf höchstem Niveau.

Fazit: Ein ganz großer Verdi-Abend mit Jonas Kaufmann als Otello, der Stimme und Darstellung zu einem Psychogramm verschmolz, mit einem ebenso herausragenden Luca Salsi und einer atemberaubend starken Nicole Car sowie einem Orchester und einem Chor, die zeigten, warum dieses Haus zu den ersten der Welt zählt.

Andreas Schmidt, 3. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Jonas Kaufmann und Malin Byström Konzerthaus, Rolf Böhme Saal, Freiburg, 30. April 2026

“Magische Töne”, Jonas Kaufmann und Malin Byström Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 22. April 2026

Liederabend Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch Wiener Konzerthaus, 12. Januar 2026

Johann Strauß, Die Fledermaus, Jonas Kaufmann Wiener Staatsoper, 31. Dezember 2025

Festspiel-Liederabend Jonas Kaufmann Nationaltheater München, 24. Juli 2025

Cavalleria rusticana / Pagliacci, Jonas Kaufmann Nationaltheater, München, 22. Mai 2025 PREMIERE

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