Etienne Dupuis: „Wenn ich nicht spielen könnte, würde ich wahrscheinlich aufhören zu singen“

Interview: kb im Gespräch mit Etienne Dupuis, Bariton  klassik-begeistert.de, 9. Oktober 2026

Foto: Etienne Dupuis  (c) Tim Weiler

Etienne Dupuis empfängt mich in den Garderoben der Wiener Staatsoper. Dort singt der Frankokanadier in dieser Saison Verdis Posa sowohl im italienischen Don Carlo als auch im französischen Don Carlos. Mit Klassik begeistert spricht der 47-Jährige über Regisseure, Haartransplantation, Kritiken, seine Frau Nicole Car – und darüber, warum ausgerechnet Billy Joel mitverantwortlich dafür ist, dass Dupuis heute Opernsänger ist.

Interview: Jürgen Pathy

klassik-begeistert: Herr Dupuis, Sie haben im Gespräch einen bemerkenswerten Satz gesagt: Wenn Sie nicht spielen könnten, würden Sie wahrscheinlich aufhören zu singen. Ist das Schauspiel für Sie tatsächlich so wichtig?

Etienne Dupuis: Ja. Singen allein ist für mich nicht interessant genug. Gesang und Schauspiel gehören für mich zusammen. Wenn ich eine Rolle bekomme, bei der ich das Gefühl habe, dass die Figur nicht interessant zu spielen ist, frage ich mich tatsächlich, ob ich sie überhaupt machen sollte. Ich liebe das Schauspiel. Ich weiß nicht genau, warum. Das ist einfach ein Teil von mir.

klassik-begeistert: Wie sieht es bei Macbeth aus, den Sie diese Saison an der Wiener Staatsoper singen?

Etienne Dupuis: Das ist eine meiner Lieblingsrollen. Seinen gesamten Weg nachvollziehbar zu machen, finde ich faszinierend. Macbeth beginnt schließlich nicht als Monster. Er ist ein erfolgreicher General. Anstatt der beste König zu werden, beseitigt er aber Menschen. Selbst jene, denen er früher vertraut hat. Am Ende stirbt sogar seine Frau – und seine Reaktion ist beinahe: Wen kümmert das Leben überhaupt noch?

klassik-begeistert: Was fasziniert Sie an diesen Psychopathen?

Etienne Dupuis: Ich liebe es, Bösewichte, Psychopathen, Soziopathen zu spielen. Weil sie weiter von mir entfernt sind und somit eine Herausforderung. Ich muss aus meiner Comfort Zone treten.

In der ersten Hälfte meiner Karriere, sagen wir zwischen 25 und 40, habe ich viele Figuren gespielt, die mir persönlich ziemlich nahe waren. Marcello, Figaro, Silvio – junge Männer, Verliebte, energiegeladene Typen. Menschen, mit denen man gerne befreundet wäre. Bei Figaro konnte ich praktisch jede dumme Idee, die mir einfiel, auf die Bühne bringen. Das war oft einfach ich selbst.

Bei Macbeth ist das anders. Je weiter eine Figur von mir selbst entfernt ist, desto stärker muss ich mich mit ihr beschäftigen. Bei Macbeth muss ich den gesamten Abend konzentriert bleiben und genau wissen: Wo beginnt dieser Mensch? Wie entwickelt er sich? Wo endet er? Diese Entwicklung, diese Herausforderung fasziniert mich.

(c) Wiener Staatsoper Marcel Urlaub

klassik-begeistert: Um diese Entwicklung glaubhaft zu zeigen, müssen Sie als Sänger aber auch die Möglichkeit bekommen, tatsächlich zu spielen. Ist das im modernen Regietheater immer gegeben?

Etienne Dupuis: Nicht unbedingt. Es gibt Regisseure, deren Konzept weniger auf den Sängern als auf Statisten, Schauspielern oder Projektionen beruht. Manchmal habe ich das Gefühl, sie suchen geradezu einen Grund, sich nicht auf die schauspielerischen Fähigkeiten der Sänger zu verlassen. Beim Wiener Don Carlo empfinde ich das so.

Ich verstehe allerdings, warum das passiert. Nicht jeder Sänger ist ein guter Schauspieler, und gerade an einem Repertoirehaus, wo die Besetzungen wechseln, ist das für einen Regisseur natürlich ein Risiko.

klassik-begeistert: Bei Kirill Serebrennikovs Wiener Don Carlo wird die Handlung in ein Museum verlegt. Was verändert das für Sie als Darsteller?

Etienne Dupuis: Vor allem die dramatische Hierarchie. Wenn Rodrigo (Anm. der Red.: Posa) einem König offen widerspricht, kann er dafür im Gefängnis landen oder sterben. Widerspreche ich dagegen einem Museumsdirektor, werde ich schlimmstenfalls gefeuert.

Wenn Don Carlo die Frau des Königs liebt, kann das tödlich enden. Ist sie hingegen die Frau seines Chefs, endet es vielleicht in einer Scheidung.

Für mich verliert die Geschichte durch diese Verlegung etwas von ihrer dramatischen und emotionalen Kraft. Genau in diesem emotionalen Kern einer Oper möchte ich als Darsteller leben.

Foto: Etienne Dupuis  (c) Tim Weiler

„Die französische Sprache passt besser zu Verdis Musik“

klassik-begeistert: Von der Inszenierung zur Musik: Sie singen an der Wiener Staatsoper innerhalb einer Saison sowohl Rodrigo im italienischen Don Carlo als auch Rodrigue im französischen Don Carlos. Für welche Fassung würden Sie sich entscheiden, wenn Sie müssten?

Etienne Dupuis: Ich würde die Musik der späteren italienischen Fassung nehmen, sie aber auf Französisch singen, und den ersten Akt behalten. Der französische Text passt einfach besser zur musikalischen Linie. Man merkt, dass Verdi ursprünglich auf Französisch komponiert hat. Es gibt musikalische Nuancen, bei denen man sich im Italienischen fragt: Warum passiert das genau auf diesem Wort? Im Französischen versteht man plötzlich: Ah, natürlich.

Zudem liebe ich den ersten Akt. Für mich ist er fast ein Prolog. Man sieht Carlo und Elisabeth, bevor alles zerbricht. Sie begegnen sich, verlieben sich, und plötzlich erfahren sie, dass der König selbst Elisabeth heiraten wird. Innerhalb eines Augenblicks wird aus der Prinzessin eine Königin und die gesamte Welt verändert sich.

klassik-begeistert: Ist diese Vorliebe fürs Französische vielleicht doch einfach der Frankokanadier in Ihnen?

Etienne Dupuis: Nein. Ich habe mir viele französische Fassungen von Verdi angehört. Macbeth, Trovatore, Rigoletto.

Manche funktionieren auf Italienisch eindeutig besser. Die französische Übersetzung von Rigoletto zum Beispiel finde ich schrecklich. Sie klingt für mich fast, als hätte ein Bariton beschlossen: Ich möchte das jetzt auf Französisch singen, also schreibe ich mir schnell selbst einen Text.

Bei Don Carlos ist das anders.

klassik-begeistert: Posa singen Sie inzwischen seit mehr als einem Jahrzehnt. Wird eine Rolle irgendwann zu bequem?

Don Carlo STIKHINA GRIGOLO DUPUIS (c) Wiener-Staatsoper (c) Marcel Urlaub

Etienne Dupuis: Das kann schon passieren. Rodrigo stellt mich stimmlich vor keine große Herausforderung mehr. Ich habe ihn über viele Jahre gesungen und viele verschiedene Seiten dieser Figur ausprobiert.

Ich spiele ihn weiterhin gerne. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem man denkt: Ich möchte etwas anderes entdecken. Es gibt Rollen, die ich erst einmal oder zweimal gesungen habe und bei denen ich sofort denke: Mehr davon, bitte.

klassik-begeistert: Wagner dagegen hat Sie bisher erstaunlich wenig beschäftigt. Würden Sie ihn überhaupt singen?

Etienne Dupuis: Natürlich. Ich hätte Wolfram zumindest einmal in meinem Leben singen können und vielleicht sollen. Ich habe früher viel deutsches Repertoire gesungen, besonders Lieder und Opernausschnitte. Aus irgendeinem Grund kamen die Wagner-Angebote einfach nie. Wenn es kommt: absolut.

Foto: Etienne Dupuis  (c) Tim Weiler

„Nicht jede Rolle, die man singen könnte, sollte man sofort singen“

klassik-begeistert: Gibt es dagegen Rollen, die Ihnen angeboten werden und die Sie bewusst ablehnen?

Etienne Dupuis: Ja. Nabucco ist so ein besonderer Fall. Die Figur interessiert mich nicht genug. Bei Golaud in Pelléas et Mélisande ist es genau umgekehrt. Das ist eigentlich eine Traumrolle für mich, aber vielleicht mit 60. Meine Stimme liegt relativ hoch für einen Bariton. Für Golaud ist sie mir momentan nicht tief genug. Ich möchte mich nicht dazu zwingen.

klassik-begeistert: Sie arbeiten auch mit jungen Sängern. Was ist der wichtigste Rat, den Sie ihnen mitgeben?

Etienne Dupuis: Geduld.

Das ist wahrscheinlich eines der schwierigsten Dinge in diesem Beruf. Mit Mitte zwanzig fühlt man sich unbesiegbar. Man kann drücken, mit zu viel Spannung singen, technisch Dinge falsch machen – und solange die Leute einen mögen und man Engagements bekommt, denkt man: Es funktioniert doch.

Aber eine Stimme vergisst nichts.

Vielleicht geht es mit 25 noch gut, vielleicht auch mit 30. Doch irgendwann merkt man, was man ihr über Jahre zugemutet hat. Ich kenne Sänger meines Alters, die früher auf demselben Niveau waren wie ich. Manche singen heute nicht mehr. Andere sind nicht dort angekommen, wo sie hinwollten.

Deshalb ist Geduld so wichtig. Nicht jede Rolle, die man singen könnte, sollte man auch sofort singen.

klassik-begeistert: Aussehen spielt in diesem Beruf ebenfalls eine Rolle. Sie sprechen ungewöhnlich offen darüber, dass Sie eine Haartransplantation hatten. Wurden Sie womöglich von Ihrer Agentur dazu gedrängt?

Etienne Dupuis: Nein. Niemand hat mich dazu gedrängt. Nicht meine Agentur oder jemand anderes. Ich habe es nur für mich gemacht. Ich schaue eigentlich kaum in den Spiegel. Morgens nach dem Duschen – danach meistens nicht mehr.

Aber ich sah immer mehr Fotos und Videos von mir auf der Bühne. Gleichzeitig wollten Theater mir teilweise keine Perücke mehr geben, weil natürliches Haar besser aussieht. Und unter dem Scheinwerfer konnte ich meine Kopfhaut durch die dünnen Haare sehen.

Irgendwann dachte ich: Das sieht für mich einfach nicht gut aus. Also habe ich die Transplantation machen lassen. Vielleicht habe ich jetzt zehn Jahre Ruhe – und danach rasiere ich alles ab und bin glücklich. (lacht)

Foto: Etienne Dupuis  (c) Tim Weiler

„Eigentlich wollte ich so etwas wie Billy Joel machen“

klassik-begeistert: Sie wollten ursprünglich allerdings gar kein Opernsänger werden, sondern Popsänger. Stimmt das wirklich?

Etienne Dupuis: Ja. Eigentlich wollte ich so etwas wie Billy Joel machen.

Ich spielte Klavier, nahm Jazzpiano-Unterricht und lernte zu improvisieren. Irgendwann dachte ich: Wenn ich Popsänger werden will, müsste ich eigentlich auch lernen, besser zu singen. Also begann ich mit Jazz-Gesangsunterricht.

Das Problem war nur: Dort lernte ich wieder zu improvisieren. Dann dachte ich mir: Das mache ich doch schon am Klavier. Ich möchte wissen, wie ich meine Stimme richtig einsetze, wie ich sie platziere. Also wechselte ich zum klassischen Gesang.

klassik-begeistert: Hand aufs Herz: Lesen Sie Kritiken über Ihre Vorstellungen?

Etienne Dupuis: Früher habe ich alles gelesen. Und genau das war mein Problem: Wenn ich eine Kritik lese, muss ich alle lesen. Ich kann nicht nur eine lesen.

Ich habe vor Jahren Il trovatore in Paris gesungen. Danach habe ich ungefähr zehn Kritiken gelesen. Eine schrieb sinngemäß, ich sei an diesem Abend das Beste auf der Bühne gewesen. Eine andere schrieb über exakt dieselbe Vorstellung: Alle waren großartig – außer mir.

Ich hatte für beide Kritiker dieselbe Vorstellung gesungen. Das zeigt: Kritik ist immer subjektiv. Dann fragt man sich: Wo saßen sie? War der eine gut gelaunt und der andere schlecht? Mochte einer meine Stimme und der andere nicht?

Ich sitze selbst manchmal im Publikum und denke: Dieser Sänger gefällt mir überhaupt nicht. Direkt neben mir sitzt jemand und sagt: Fantastisch!

klassik-begeistert: Apropos Paris. Die Stadt ist Ihr Lebensmittelpunkt. Wieso haben Sie mittlerweile in Wien ebenfalls eine Wohnung?

Etienne Dupuis: Wir sind mindestens drei Monate pro Jahr hier – allerdings nicht immer gleichzeitig. Manchmal bin ich in Wien, dann ist Nicole (Anm. der red.: seine Frau, die Sopranistin Nicole Car) hier, später sind wir gemeinsam hier. Irgendwann macht eine eigene Wohnung dann einfach Sinn.

Paris und Wien sind inzwischen die beiden Städte, in denen wir am regelmäßigsten sind.
Berlin war früher sehr wichtig für mich, noch bevor ich Nicole kennenlernte. Heute sind es vor allem Paris und Wien.

Foto: Etienne Dupuis  (c) Tim Weiler

„Wien ist wie ein Museum unter freiem Himmel“

klassik-begeistert: Was haben Sie an Wien entdeckt, seit Sie nicht mehr nur als Gast hier sind?

Etienne Dupuis: Wien ist wie ein Museum unter freiem Himmel. Egal, wohin man schaut: Kunst, Skulpturen, Architektur. Die Stadt ist optisch unglaublich schön. Was mich aber besonders beeindruckt, ist das kulturelle Wissen der Menschen. Wenn man die richtigen Leute trifft – und damit meine ich keineswegs nur Musiker oder Künstler –, merkt man, wie selbstverständlich Kultur hier zum Leben gehört.

Die Menschen interessieren sich tatsächlich für Kunst. Das kann der Kellner in einem Restaurant sein oder jemand, den man einfach irgendwo in der Stadt trifft. Das ist nicht nur ein Klischee.

klassik-begeistert: Sie haben Ihre Frau, die Sopranistin Nicole Car, erwähnt. Manchmal stehen Sie gemeinsam auf der Bühne. Ist das nicht anstrengend, wenn man neben dem Privatleben auch noch im Beruf alles gemeinsam macht?

Foto: Etienne Dupuis  (c) Tim Weiler

Etienne Dupuis: Ich kann die Frage nachvollziehen. Unser Leben funktioniert aber anders als das eines Paares mit normalen Arbeitszeiten. Wir sind ständig in unterschiedlichen Städten, getrennt voneinander. Wir sehen uns entweder sehr intensiv oder gar nicht. Wenn wir gemeinsam einmal in einer Stadt engagiert sind, ist das für uns ein Geschenk. Dann können wir sehr viel Zeit miteinander verbringen.

Unser Beruf funktioniert generell in solchen Blöcken. Wir werden nicht wöchentlich bezahlt, sondern pro Vorstellung. Vielleicht verdiene ich innerhalb eines Monats einen großen Teil meines Einkommens, während ich in den nächsten zwei Monaten keine einzige Vorstellung habe. Ich probe, lerne, arbeite – aber werde in dieser Zeit nicht für Vorstellungen bezahlt.

klassik-begeistert: Sie haben ein Tattoo auf dem Unterarm. Was bedeutet dieser fast unfertig aussehende Bär?

Etienne Dupuis: Für mich steckt darin unsere Familie – Noah, Nicole und ich. Unseren Sohn Noah nennen wir seit seiner Geburt „Noah Bear“. Deshalb wollte ich ein Tattoo mit einem Bären. Es war ein Geschenk meiner Frau. Sie hat den Künstler gefunden. Ich habe es vor ungefähr vier Jahren in San Francisco machen lassen.

Als der Künstler es offen gelassen hat, habe ich mich zuerst gefragt, ob das Absicht ist. Aber genau das gefällt mir. Ich könnte es irgendwann noch ergänzen, wenn ich wollte. Aber ich liebe es so, wie es jetzt ist.

klassik-begeistert: Wenn ich Ihr Telefon nehmen und Ihre private Playlist öffnen würde – was würde ich finden?

Etienne Dupuis: Fast keine Oper. Oper höre ich eigentlich nur, wenn ich Rollen lerne.

Wir haben einen Familienaccount, also ist die Playlist eine wilde Mischung aus dem, was Nicole und ich mögen, und dem, was unser Sohn auswählt: Billy Joel, R.E.M., Losing My Religion, Shaggy mit Mr. Boombastic, Eminem und George Michaels Careless Whisper.

Wenn ich allein unterwegs bin, höre ich sogar eher Comedy als Musik, vor allem Komiker aus Québec. Ich lebe in Frankreich und höre meinen eigenen québecischen Sprachklang deshalb im Alltag kaum noch.

klassik-begeistert: Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Dupuis.

Jürgen Pathy, 8. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview: kb im Gespräch mit Pablo Heras-Casado, Dirigent Wiener Staatsoper, 11. Juni 2026

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