Foto: Pablo Heras-Casado Photo Javier Salas
Der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado über seinen Wiener Ring, die Macht der Stille und Balance im Orchestergraben.
von Jürgen Pathy
Ich treffe Pablo Heras-Casado im Besprechungszimmer der Wiener Staatsoper. Die Büros haben sich um diese Uhrzeit bereits weitgehend geleert. Kurz nach 18 Uhr öffnet sich in der Ferne eine Tür. Aus dem langen Gang kommt der Spanier auf mich zu, während er aus der Ferne schon freundlich winkt. „Sorry, I don’t like being late.“
Die Balance steht für Heras-Casado im Mittelpunkt
Der Anlass des Treffens ist klar. Heras-Casado dirigiert derzeit zwei komplette Ring-Durchgänge an der Wiener Staatsoper. Der erste liegt bereits hinter uns, der zweite ist noch im Gange. Nach den vier Abenden des ersten Durchgangs und den ersten Eindrücken des zweiten interessiert mich vor allem eine Frage: Was ist sein Zugang zu Wagner, besonders zum „Ring“? Die Antwort kommt erstaunlich schnell: „I am obsessed with balance.“
Je länger das Gespräch dauert, desto mehr habe ich das Gefühl, dass dieser Satz tatsächlich der Schlüssel zu seinem Ring ist. Das Gleichgewicht zwischen Bühne und Orchestergraben, zwischen Sängern und Orchester. Obwohl er meinen Eindruck bestätigt, dass er dem musikalischen Drama im Laufe der vier Opern mehr Freiraum gibt. „The Ring develops into a symphonic work.“ Man könne sich nicht immer zurücknehmen. „Sometimes you have to let the music go.“ Das sei notwendig, um die Spannung zu halten. Im gleichen Atemzug betont er, dass die Erzählung, die Geschichte insgesamt, aber das Wichtigste sei. Besonders für ihn, da er Sänger sei. Das Wort „narrative“ fällt sehr oft.
Den Ring sieht er als Gesamtkonzept, nicht als vier einzelne Opern. Eine Art „Crescendo“, also eine Steigerung vom Rheingold bis zur Götterdämmerung will er nicht sehen. Das sei nur meine Wahrnehmung.
Warum Wien ein anderes Pflaster ist als Bayreuth
Zu Beginn habe er sich an die Wiener Verhältnisse herantasten müssen. Wagner an der Wiener Staatsoper sei etwas völlig anderes als Wagner in Bayreuth – dort leitet Heras-Casado seit 2023 den Parsifal; 2028 dirigiert er die Ring-Neuproduktion. Zusätzlich hatten viele Sänger, mit denen er gemeinsam sein Konzept erarbeite, ihre Rollendebüts in Wien. Hätte er mit anderen Sängern gearbeitet, wäre der Zugang etwas anders. Ziel sei es, „to elevate them the best possible way“ – ihnen die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen, damit sie ihr volles Potenzial entfalten können.
Wie er sich an die unterschiedlichen akustischen Verhältnisse anpasse, möchte ich wissen. Immerhin ist in Bayreuth das Orchester versteckt. An der Wiener Staatsoper sitzt es enorm hoch – das erwähnt er selbst und unterstreicht es mit einer Handbewegung nach oben. „It’s intuition, lots of experience and good assistants.“ Es hat aber weitere Auswirkungen. Sogar seine Technik stellt er dafür um: „Technically, I conduct differently in Bayreuth.“
Ein Ring mit zahlreichen Bühnenorchesterproben
Viel mehr überrascht hat mich etwas anderes. „We had several stage-orchestra rehearsals.“ Für Heras-Casado scheint das beinahe selbstverständlich zu sein. Für die Wiener Staatsoper ist das durchaus bemerkenswert. „One rehearsal for Rheingold, two each for Walküre, Siegfried and Götterdämmerung – but only for the first cycle.“
Genauso spannend wird das Gespräch, als wir auf die Generalpausen zu sprechen kommen. Ich erzähle ihm, dass ich das Gefühl habe, er spiele diese Pausen regelrecht aus, anstatt sie einfach verstreichen zu lassen. Seine erste Antwort fällt zunächst knapp aus: „It’s in the score.“ Doch dann folgt die eigentliche Erklärung: „Silence or a piano can move you more than a fortissimo.“ Gefolgt von einer noch deutlicheren Aussage über die leisen Momente in der Musik: „It frightens you more than a fortissimo.“ Das bestätigt meine Wahrnehmung.
Gerade in der Götterdämmerung und der Walküre hatte ich mehrfach das Gefühl, dass die Stille mehr Spannung erzeugte als die lautesten Momente des Orchesters. Besonders bewegt habe ihn die Reaktion des Wiener Publikums. Nach dem Ende der Götterdämmerung vergingen einige Sekunden, bevor überhaupt Applaus einsetzte. „It was very moving.“ Diese Ruhe habe ihn emotional berührt.
Was verbindet Richard Wagner mit Monteverdi?
Meine These, er würde Wagners Ring stark vom Barock her dirigieren, empfindet er nicht so. „No, but in music everything has an influence.“ Zur Info: Heras-Casado dirigiert Monteverdi, ebenso Mozart, Wagner und auch Ligeti. Diesen Einfluss auf sein Wagner-Dirigat gibt er dann indirekt, ungewollt fast, zu mit einer Aussage, die mich noch mehr überrascht als die Bühnenorchesterproben: „Wagner is closer to Monteverdi than to Puccini, Vivaldi or Bellini.“ Es ginge bei Wagner ebenso um die „narrative power“ wie bei den drei Monteverdi-Opern, die er in Wien dirigiert hat. „Wagner is flowing, no arias.“
Das Konzept der extremen Verzierungen, der Da-capo-Arien, die nach Monteverdi geherrscht haben, habe sich erst wieder mit Wagner komplett aufgelöst. Hin zu der „Power of storytelling“, dem Fluss. Womit wir den gemeinsamen Nenner zwischen Wagner und Barock fast doch gefunden haben. Fast, denn Monteverdi steht eigentlich zwischen Renaissance und Barock.
Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 11. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Götterdämmerung Wiener Staatsoper, 4. Juni 2026