„Die Walküre“ in Wien: Bei Pablo Heras-Casado weht ein anderer Wind

Richard Wagner, Die Walküre Pablo Heras-Casado  Wiener Staatsoper, 25. Mai 2026

Foto: Pablo Heras-Casado (c) Javier Salas

Pablo Heras-Casado kann man eines nicht absprechen: eine deutliche Handschrift. Nachdem er „Das Rheingold“ an der Wiener Staatsoper komplett gegen den Strich gebürstet hatte, nähert sich der Spanier bei der „Walküre“ schon eher der „Normalität“ an. Normal ist bei Wagners Meisterwerk ein gewagtes Wort, aber bislang haben die letzten Ring-Dirigenten keine außergewöhnlichen Dinge aus der Partitur gelesen. Bei Heras-Casado ist das anders.

Richard Wagner, Die Walküre
Erster Tag des Bühnenfestspiels »Der Ring des Nibelungen«

Wiener Staatsoper,
25. Mai 2026

von Jürgen Pathy

Das Vorspiel der „Walküre“ nimmt Pablo Heras-Casado zügig, flott, rasant. Überraschend „normal“, nachdem er das „Rheingold“-Vorspiel in einem enorm langsamen Guss hat formen wollen. Doch danach drückt er der Partitur seinen eigenen Stempel auf. Es sind gar nicht so sehr die Tempi, die er definitiv langsamer wählt als andere. Es ist der Zugang, die Atmosphäre, in der man sich wiederfindet. Es wirkt, als wolle er Wagner spielen lassen wie Barock.

Richard Wagner im Stil des Barock

Pablo Heras-Casado ist bekannt dafür, dass er alle Genres dirigiert: Barock mit Monteverdi, Wiener Klassik mit Mozart und auch schwere Romantik mit Richard Wagner. Barock lebt vom Stillstand, zumindest vom gefühlten. Monteverdi erzeugt dadurch eine in sich ruhende Spannung, die nur Barockmusik erschaffen kann. Bei Wagner ist dieser Zugang gewagt. Wagners Ring lebt eigentlich von Wellen und Wogen, von Amplitüden nach oben und unten. Pablo Heras-Casado sieht das offensichtlich anders. Kann man so stehen lassen.

Das Wiener Publikum zollt diesem Zugang langen Applaus. Wenn auch nicht so intensiv wie noch beim „Rheingold“. Obwohl er bei der „Walküre“ bereits gewillt ist, ab und an auf seine Ruhe, auf den langen Atem zu verzichten. Das bekommt vor allem Siegmund, Michael Spyres, zu spüren. Er hat kurz mit den Orchesterwogen zu kämpfen. Gehört in Wien einfach dazu. Muss fast sein, sonst lässt man viel von den Möglichkeiten des hervorragenden Wiener Staatsopernorchesters liegen.

Belcanto-Star Michael Spyres wagt sich an Wagner

Michael Spyres hat den Siegmund schon in Bayreuth gesungen. Bis auf eine Ausnahme wäre er fast die perfekte Besetzung. Wären da nicht die Wälse-Rufe zu bewältigen, überrascht er von Anfang an mit einer unglaublich deutlichen Aussprache des deutschen Textes. Dabei ist er gebürtiger US-Amerikaner.

Michael Spyres (Foto: Marco Borelli)

Bislang war der „Bari-Tenor“, wie er sich nennt, in einem Fach hervorgestochen: Belcanto. „La Cenerentola“ und „Liebestrank“ waren seine Opern in Wien. Rossini und Donizetti also. Dort sind Beweglichkeit, schöne Phrasierung und eine Leichtigkeit beim Schmettern hoher Noten gefragt. Das beherrscht er wie kaum ein anderer.

Bei Wagner sieht das anders aus. Die relativ tiefe Tessitura des Siegmund kommt ihm schon entgegen, aber die Höhen müssen tragfähig, kräftig sein. Die Melodielinien bei den Winterstürmen kommen ihm wiederum entgegen. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich die Belcanto-Qualitäten nicht zerstört, indem er sich waghalsigen Projekten aussetzt – wie einem Tristan in New York zum Beispiel.

Camilla Nylund als perfekte Brünnhilde

Bei Camilla Nylund muss man darum nicht mehr fürchten. Die Sorge war groß, dass eine Brünnhilde auf Kosten einer Marschallin gehen würde. Dass die im „Rosenkavalier“ noch funktioniert, hat sie vor wenigen Tagen erst in Wien bewiesen.

Die Walküre Schneider Nylund (c) Wiener-Staatsoper Michael Poehn

Ihre Brünnhilde rangiert nun ebenfalls ganz weit vorne. Sicher nicht so dick aufgetragen, wie man es vom bevorstehenden Debüt von Lise Davidsen erwarten darf. Nicht derart zart wie bei Ricarda Merbeth. Irgendwo dazwischen liegt die Nylund. Man könnte es fast perfekt nennen. Kein Kreischen, kein unnötiges Forcieren, kein Druck, alles klingt wie selbstverständlich, fast mühelos. Genau die richtige Mischung, um als Wotans Tochter zu bestehen.

Mit 66: Michael Volle stemmt den Wotan

Der ist mit Michael Volle wiederum eine Überraschung. Vor allem als Walküren-Wotan hätte ich ihm diese Kraft und Power in Wotans Monolog und selbst bei Wotans Abschied nicht zugetraut.

Tomasz Konieczny bleibt noch immer mein persönlicher Lieblings-Wotan – aus einem einfachen Grund: weil er die emotionale Hoch- und Talfahrt des Wotan deutlicher macht, die Kontraste über rund vier Stunden „Walküre“ offensichtlicher hervorhebt.

Die Walkuere (c) Wiener Staatsoper Michael Poehn

Bei Volle gleicht der Göttervater dem Dirigat: auf einer Wellenlänge, ohne große Amplitüden oder Wellen zu schlagen, teilweise ins Parlando zurückgezogen. In Summe stemmt er diese Herausforderung sensationell. Volle ist 66. Viele jüngere Kollegen haben sich an dieser Partie schon die Zähne ausgebissen.

Szilvia Vörösals Fricka ist ein Genuss. Günther Groissböck ist in Wien immer beliebt, sein Hunding ist souverän. Simone Schneider gestaltet eine Sieglinde mit viel Gefühl.

Großer Zuspruch beim Wiener Publikum

Das Wiener Publikum steht zum Schluss fast Kopf. Das Rennen macht dort knapp Michael Volle vor Camilla Nylund. Mit etwas Abstand folgt Pablo Heras-Casado, als er sich dem Schlussapplaus stellt.

Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf wird man nach dieser Saison sicherlich vermissen. Klug, mit viel Raum für Darsteller und subtilen Andeutungen. Mehr braucht es bei darstellerstarken Sängern auch nicht.

Jürgen Pathy, 27. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Symphoniker Hamburg, Sylvain Cambreling, Dirigent, Michael Spyres Laeiszhalle Hamburg, 6. November 2025

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