Wiener Staatsoper: Ein Cavaradossi zum Niederknien

Der umjubelte Cavaradossi von Piotr Beczala
(Gemälde: Cavaradossi, Foto © Michael Pöhn)

Der Tenor Piotr Beczala bietet „E lucevan le stelle“ hinreißend dar und wird wieder mit tosendem, langanhaltendem Applaus bedacht, das Stück muss erwartungsgemäß wiederholt werden. Das wird garantiert auch bei der Abschlussvorstellung am 17. Februar der Fall sein, denn das Dacapo ist in dieser Konstellation sozusagen bereits vorprogrammiert:  Man kann diese Arie anders singen, schöner derzeit wohl kaum.

Zur 608. Aufführung von Giacomo Puccinis Tosca in der Wallmann – Inszenierung der Wiener Staatsoper, 14. Februar 2019

von Manfred A. Schmid (onlinemerker.com)

Das stimmlich wie auch darstellerisch überzeugendste Opernereignis der bisherigen Saison ist – was das Repertoire betrifft – erwartungsgemäß auch am dritten Abend mit der laufenden Vorstellungsserie Puccinis melodramma, das in aller Frische und Intensität zu bewundern ist. Was hier geboten wird, ist zum Niederknien schön – im vorliegenden Fall hat diese ehrfurchtsvolle Formulierung ihre volle Berechtigung.  Geboten wird ein packendes, unter die Haut gehendes Kammerspiel, das von starken leidenschaftlichen Gefühlen geprägt ist:  Liebe, Hass, Eifersucht und gefährliche Brutalität halten das Geschehen vom Anfang bis zum Schluss in fesselnder, vibrierender Hochspannung. Und die farbenprächtige, effektvoll instrumentierte Musik ist mit Marco Armiliato am Pult des Staatsopernorchesters wieder in besten Händen. Er ist, besonders im italienischen Repertoire, seit Jahren der Garant für funkensprühende Opernabende – und wird von Mal zu Mal besser. „Giacomo Puccinis, Tosca, Sondra Radvanovsky, Thomas Hampson, Piotr Beczala,
Wiener Staatsoper“
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Lucia-Premiere in Wien: Olga Peretyatko und der Dirigent Evelino Pidò bekommen Bravos und auch Buhs

Foto: M. Pöhn (c): Olga Peretyatko und Juan Diego Flórez
Wiener Staatsoper,
9. Februar 2019
Gaetano Donizetti: LUCIA DI LAMMERMOOR – Premiere 

von Heinrich Schramm-Schiessl (onlinemerker.com)

„Immer muss was Neues her, auch wenn das Alte noch so sehr zu brauchen wär“ lautet der Refrain eines Wienerliedes. An diesen mußte ich öfters während dieser Premiere denken, denn diese Neuproduktion ist völlig unnötig. Sicher, die Barlog-Inszenierung ist mittlerweile fast 41 Jahre alt, aber sie hat immer noch funktioniert und hätte sicher noch länger ihren Dienst getan. Die „Lucia“ ist nämlich eine „Sängeroper“, d.h. man möchte in den einzelnen Rollen nicht immer nur jene Interpreten sehen und vor allen Dingen hören, die die Premiere gesungen haben, sondern alle jene, die die Partien kompetent interpretieren können und dazu ist ein vernünftiger, möglichst unkomplizierter Rahmen sinnvoll. Daher vermute ich, dass der Hauptgrund für diese Neuproduktion – wie so oft – die Verwendung einer „kritischen Neufassung“ ist. Ich habe zu diesen sogenannten Neufassungen meine ganz persönliche Ansicht, die ich hier aber nicht näher erläutern möchte, um mir juristischen Unbill zu ersparen.

Es kam natürlich wie es kommen musste. Die neue Inszenierung von Laurent Pelly fällt hinter der alten zurück. Im Grunde tut sie niemanden weh, gefällt aber auch nicht. Sie ist einfach uninterresant. Die vielen gescheiten Dinge, die der Regisseur in diversen Interviews gesagt hat, spiegeln sich auf der Bühne nicht wieder. Es gibt weder eine Personenregie noch weiss Herr Pelly mit dem Chor etwas anzufangen. Die Chorregie beschränkt sich darauf, während des Singens entweder vor- und zurück oder im Kreis zu gehen, denn einfach stillstehen ist ja heute ein absolutes No-go. Das Bühnenbild von Chantal Thomas erschöpft sich, neben der merkwürdigen Schneelandschaft der ersten vier Bilder, nahezu zur Gänze in Grau- und Schwarztönen, nur das 6. Bild spielt vor einer blutroten Wand (Vorsicht: Holzhammer), und es liegt außerdem ein roter Läufer am Boden. Warum das 4. Bild, also die Hochzeitsszene, in einem schmalen Gang und nicht im gleichen Saal wie das 6. Bild spielt, bleibt ein Rätsel. Die Kostüme, vom Regisseur entworfen, sind ebenfalls in Schwarz- und Grautönen gehalten, nur Lucia trägt in der Hochzeits- und Wahnsinnsszene ein weißes Kleid.


Juan Diego Florez. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Leider war die Aufführung auch musikalisch eher zwiespältig. Olga Peretyatko, die mir als Gilda durchaus gefallen hat, enttäuscht in der Titelrolle. Es waren weniger die mit Ausnahme im Piano eher schrillen Höhen und die wenig flexiblen Koloraturen die mich gestört haben, sondern die zuwenig breite Mittellage, die den großen lyrischen Momenten ihre Wirkung nahm. Überhaupt hat einem die ganze stimmliche Gestaltung der Partie irgendwie kalt gelassen. Juan Diego Florez schätze ich wirklich sehr und verfolge seine Karriere von Beginn an mit großer Freude, aber als Edgardo konnte er mich nicht begeistern. Das Problem liegt primär darin, dass für diese Rolle schon etwas verdische Kantilene verlangt wird und die hat er nicht. Es ist zwar beeindruckend wie er mit seiner ausgefeilten Technik singt und wie bombensicher die Höhen kommen, aber es fehlt in den lyrischen Szenen der gewisse Schmelz und die „Träne“ im Ausdruck und in den dramatischen Stellen vor allem des 4. Bildes die entsprechende Durchschlagskraft. George Petean singt den Enrico ordentlich und mit sicherer Höhe, bleibt aber ziemlich unscheinbar. Jongmin Park sang den Raimondo mit raumgreifender, allerdings nicht immer schön klingender Stimme. Lukhanyo Moyake sang den Arturo mit eher enger Stimme. Virginie Verrez (Alisa) und Leonardo Novarro (Normanno) ergänzten.

Ein Problem war diesmal auch das Orchester. Evelino Pidò mag ein großartiger Musikwissenschaftler sein und er hat das Werk sicher mit Akribie einstudiert, aber da klingt vieles eher trocken, fast akademisch. Zudem fehlt jede Flexibilität und außerdem atmet das Orchester nicht mit den Sängern mit. Der Chor (Einstudierung Martin Schebesta) sang ordentlich, auch wenn ich mir die Passage nach Raimondos Erzählung im 6. Bild etwas hintergründiger vorgestellt hätte.

Unterschiedlich die Publikumsreaktionen am Ende. Großen ungetrübten Jubel gab es nur für Florez, bei Petean und Park war er etwas gedämpfter. Peretyatko und der Dirigent bekamen zwar Bravos, mußten aber auch Buhs einstecken. Beim Regieteam war die Verteilung von Zustimmung und Ablehnung 50:50.

Heinrich Schramm-Schiessl, 10. Februar 2019

 

Wow in Wien: Michael Spyres – ein neuer Stern am Belcanto- und Rossini-Himmel

Michael Spyres. Foto: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Wiener Staatsoper, 3. Februar 2019
Gioachino Antonio Rossini, La Cenerentola

von Kurt Vlach (onlinemerker.com)

Kann man mit einer Vorstellung der Cenerentola zufrieden sein, wenn ausgerechnet die Sängerin der Titelrolle etwas schwächelt? Um diese rhetorische Frage sogleich zu beantworten – JA. Grund dafür sind sowohl ein alles überragender Tenor und sehr gute Sängerdarsteller in den restlichen Rollen.

Seit Dezember 2014 habe ich diese Produktion gemieden, da ich seinerzeit wirklich verärgert war, was Sven-Eric Bechtolf gemeinsam mit Rolf und Marianne Glittenberg auf die Bühne gestellt hatten. Vier Jahre später sehe ich das ein klein wenig gnädiger, obwohl es noch immer Regieeinfälle gibt, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann. Einerseits wird gegen den Text inszeniert (ist es wirklich so schwer, wenn man einen offenen Kamin auf die Bühne stellt, wenn Angelina davon singt?), dann behindern Umbaupausen den musikalischen Fluss (die gefühlten 5 Minuten vor dem Finale des 2. Aktes sind einfach stimmungskillend). Zusätzlich noch die Idee ganz zum Schluss im Brautkleid als zukünftige Königin den Boden schrubben zu lassen?!???

Der Chor wurde von Martin Schebesta gut vorbereitet. Inwieweit es einzelnen Mitgliedern Spaß gemacht hat in Frauenkleidern auf der Bühne herumzuhirschen – wer kann das schon sagen… Auf der anderen Seite wird sehr oft Regisseuren vorgeworfen den Chor nicht ins Geschehen einzubringen – nun, diesen Vorwurf kann Bechtolf sicherlich nicht machen. „Gioachino Antonio Rossini, La Cenerentola, Wiener Staatsoper, 3. Februar 2019“ weiterlesen

Wahnsinnige Melodien, Dramatik, Zärtlichkeit: "La Traviata" im Haus am Ring, die Oper aller Opern

Foto: Ekaterina Siurina als Violetta Valéry
und Sorin Coliban als Baron Douphol © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Wiener Staatsoper, 29. Januar 2019
Giuseppe Verdi, La Traviata

Wer das Wesen der Oper verstehen will, der muss „La Traviata“ des italienischen Jahrtausendkomponisten Giuseppe Verdi hören und sehen. „La Traviata“ ist Oper pur. Liebe, Lust, Leidenschaft. Eine tolle Geschichte. Wahnsinnige Melodien, Dramatik, Zärtlichkeit. Eine Wahnsinns-Instrumentierung. Italianità pur. Verdi at its best.

Wer die Möglichkeit hat, diese Mega-Oper in der Wiener Staatsoper zu hören, sollte sich diese Chance nicht entgehen lassen. Ob Opern-Anfänger oder Opern-Opa: „La Traviata“ ist immer gut. Und wird in Wien immer sehr gut geboten. Manchmal auch hervorragend, herausragend.

Dieser Abend ist ein sehr guter, kein herausragender Opern-Abend. Dafür sind zwei der drei Hauptrollen nur knapp sehr gut – eine Hauptrolle ist herausragend. „Giuseppe Verdi, La Traviata,
Wiener Staatsoper, 29. Januar 2019“
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Tomasz Konieczny überragt als Wotan an der Wiener Staatsoper alle

Große Namen für den Ring 2020 im Gespräch: Andreas Schager, Nina Stemme, Elisabeth Kulman…

Foto: Tomasz Konieczny als Wanderer im „Siegfried“ © Michael Pöhn
Wiener Staatsoper, 8., 12., 16., 20. Januar 2019

Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen

von Jürgen Pathy

Der Wiener „Ring“ des Jahres 2019 ist Geschichte. Ein durchwachsener Ring mit Höhen und Tiefen. Ein teilweise indisponiertes Orchester, ein zähflüssiger Rhein und anderweitige Nuancen sind es auch, die den Einzug in die geschichtsträchtigen Annalen verhindern dürften – trotz eines alles überragenden Wotans. Denn das Dirigat des deutschen Axel Kober, 48, wirkte über weite Strecken des „Vorabends“ und des „dritten Tags“ in der Wiener Staatsoper behäbig, trocken und glanzlos.

Kober, ein erfahrener Wagner-Dirigent, der bereits auf dem Grünen Hügel in Bayreuth reüssierte, misslingt der Beginn zur Gänze. Trotz bester topografischer Kenntnisse setzt der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein nicht nur das Vorspiel des „Rheingold“ völlig in den Sand, auch der restliche „Vorabend“ bietet wenig musikalische Highlights.

Exzeptionell hingegen das Dirigat, Orchester und vor allem zwei Protagonisten des „ersten Tags“, der „Walküre“, die an diesem Abend im Andenken des zwei Tage zuvor verstorbenen Bassbaritons Theo Adam stand. Adam, über 20 Jahre hinweg gefeierter Wotan an der Wiener Staatsoper, verstarb am selben Tag, an dem der aktuelle Parade-Wotan seinen Geburtstag feiert. „Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen,
Wiener Staatsoper“
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"Götterdämmerung" in Wien: ein packendes Schauspiel mit musikalischen Kompromissen

Foto: Stephen Gould, Falk Struckmann und Tomas Konieczny  – Foto: M. Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 20. Jänner 2019
Richard Wagner, GÖTTERDÄMMERUNG 

von Valentino Hribernig-Körber (onlinemerker.com)

Mit frenetischem Jubel für alle Beteiligten endete nicht nur der dritte Abend des monumentalen Bühnenfestspiels, sondern auch dieses selbst in der einzigen diesjährigen Serie, bei der die einzelnen Protagonisten eigentlich ausnahmslos die Vorstellungen des Reformers aus Bayreuth von Opernsängern als „Singschauspieler“ im Hinblick auf die darstellerische Komponente in packender Weise erfüllten und – soweit es die Inszenierung zulässt (und auch ein bisschen darüber hinaus) – ein teils berührendes, teils erschütterndes, gelegentlich sogar heiteres, jedenfalls aber ungemein spannendes Drama auf die Bühne brachten. Musikalisch waren dem gegenüber einige wesentliche Kompromisse einzugehen, wenngleich auch hier glücklicherweise zum großen Teil inzwischen altbewährte Kräfte und Debütanten aufeinander trafen, um das opus magnum Wagners auf höchstem Niveau zu interpretieren. „Richard Wagner, GÖTTERDÄMMERUNG,
Wiener Staatsoper, 20. Januar 2019“
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"Siegfried": Tomasz Konieczny glänzt als neuer Kammersänger an der Wiener Staatsoper

Tomasz Konieczny als „Wanderer“- Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Wiener Staatsoper, 16. Januar 2019
Richard Wagner, Siegfried

Tomasz Konieczny glänzt als Wanderer im „Siegfried“ – und ist jetzt Kammersänger

von Karl Masek (onlinemerker.com)

Nach der „24. Aufführung in dieser Inszenierung“ von Sven-Eric Bechtolf in der Bühnenausstattung und den Kostümen von Rolf und Marianne Glittenberg (man kann sich auf „praktikables Bebildern einer Stückvorlage fürs Repertoire“ einigen – nicht mehr, aber auch nicht weniger) gab es auf offener Bühne eine besondere Festlichkeit: Die Ernennung von Tomasz Konieczny zum Kammersänger. Der am 10. Januar 1972 in Lodz (Polen) Geborene studierte zunächst Schauspiel in Warschau und Dresden. Erst dann ging es mit dem Singen los. Nach Engagements in Posen (Nozze-Figaro), Leipzig, Mannheim, Stuttgart u.a.  debütierte Konieczny am 27.4. 2008 an der Wiener Staatsoper in dieser „Siegfried“-Inszenierung bei der Premiere als Alberich und war seither in 23 der 24 Aufführungen dabei (14x Alberich, 9x Der Wanderer). Insgesamt hat das international renommierte Ensemblemitglied (etliche Male auch kurzfristig einspringend) bisher 164 Aufführungen (21 Rollen) gesungen, wie Direktor Meyer in seiner Laudatio betonte.

Auch an diesem Ehrenabend war Konieczny als Der Wanderer ein Wagner-Singschauspieler, wie ihn sich jedes Haus von Format nur wünschen kann. Große Bühnenpräsenz, eine Stimme von riesiger Dimension, eherner Kraft, großer dynamischer und ausdrucksmäßiger Bandbreite, schier grenzenloser  Belastbarkeit und unverwechselbarer Charakteristik. Und nach diesem „Ring“-Durchlauf geht es im Februar gleich weiter mit dem „Mandryka“ in Arabella … „Richard Wagner, Siegfried, Tomasz Konieczny, Stephen Gould,
Wiener Staatsoper“
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Kunde, Salsi, Serjan: Phantastische Stimmen adeln "Andrea Chénier" in Wien

Tatjana Serjan, Gregory Kunde. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 15. Januar 2019
Umberto Giordano, Andrea Chénier

von Johannes Marksteiner

Viele Jahre hat es gedauert, bis die Wiener Staatsoper endlich wieder eine Bestbesetzung für diese Oper gefunden hat. Fast vier Jahrzehnte hat die Inszenierung von Otto Schenk schon auf dem Buckel, dennoch ist sie keinen Moment langweilig. Ein Methusalem wie die „Tosca“ möge uns noch lange erhalten bleiben, vor allem, wenn diese Hochspannung von Beginn bis zum Schluss herrscht.

Gregory Kunde in der Titelrolle war ein Erlebnis für sich. Man möge nicht die Einschränkung „…für sein Alter…“ anwenden, das wäre sehr ungerecht. Mit wieviel Kraft er diese Partie meistert, auch die lyrischen Momente betont, und mit welch herrlicher Höhe er aufwartet, das sucht seinesgleichen. Ihm zur Seite stand mit Tatjana Serjan als Maddalena eine ausgezeichnete Partnerin auf der Bühne. Ihre warme, enorm kräftige Stimme, die in allen Höhenlagen äußerst präsent war, ließ keinen Wunsch offen. Auch Luca Salsi als Gerard sang in bestechender Form. Sein nobler Bariton ist auch für diese Partie ideal. „Umberto Giordano, Andrea Chénier,
Wiener Staatsoper“
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Eindrucksvolle "Walküre" in Wien: Tomasz Konieczny überzeugt als Wotan und bekommt am meisten Applaus

Wotan: Tomasz Konieczny, Fricka: Sophie Koch, Foto: Michael Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 12. Januar 2019
Richard Wagner, 
DIE WALKÜRE

29. Aufführung in der Inszenierung von Sven Erich Bechtolf

von Manfred A. Schmid (onlinemerker.com)

Am 1. Tag des Bühnenfestspiels hat Wotan bereits schwer mit den Folgen seiner verfluchten Machtgier zu kämpfen, wie er in einem ausgedehnten Monolog im 2. Aufzug gegenüber seiner Tochter Brünnhilde einräumt. Der Göttervater – eine Glanzrolle von Tomasz Konieczny, der an der Staatsoper damit weniger zu einem „Wotan vom Dienst“, wie behauptet, sondern vielmehr zu einem „Wotan aus Lust und Leidenschaft“ geworden ist – bemüht sich als Chef von Walhall weiterhin um Souveränität und herrschaftliche Fassung. Sein unverwechselbar timbrierter Bassbariton strahlt Würde aus, doch im Verlauf der sich zuspitzenden Handlung kommt es vermehrt zu starken Gefühlswallungen wie Verärgerung und Zorn – bis hin zu Wutausbrüchen. Der unbekümmerte Umgang mit ethischen Grundsätzen und gesellschaftlichen Regeln macht Koniecznys Wotan auf eine gewisse Art sympathisch. Für ihn gilt: Wo leidenschaftliche Liebe im Spiel ist, ist alles erlaubt. Dass auch Götter nicht frei von Fehlern und charakterlichen Mängeln sind, mag als tröstliche Erkenntnis auch ein Grund dafür sein – gerade für Wagner, dem Schöpfer dieses Gesamtkunstwerks, der in seinem Privatleben, als er am Ring des Nibelungen arbeitete, immer wieder mit krassen Beziehungsproblemen zu kämpfen hatte. All das hängt aber nicht zuletzt auch mit der freundlich-sympathischen Ausstrahlung Koniecznys zusammen. Sängerisch ist er  beim Parlieren und Deklamieren in der Mittellage am überzeugendsten. Vom überaus herzlichen Schlussapplaus bekam er jedenfalls am meisten ab.

Sophie Koch als Wotans Frau Fricka erweist sich bei der Durchsetzung ihrer Grundsätze als eine unnachgiebige und zähe Verhandlerin. Sie hat diese Partie schon vor Jahren gesungen, so u.a. 2012 an der Bayerischen Staatsoper, so dass ihr Rollendebüt in Wien relativ spät kommt. Das hat aber nicht zuletzt den Vorteil, dass sie schon ausreichend Erfahrung mitbringt. Sie lässt keinen Zweifel daran, wer im Haus letztlich das Sagen hat und ist in Ihrer Performance wie auch stimmlich überzeugend. Stein des Anstoßes für den Streit im Götterhaushalt ist, dass sich der Held Siegmund, der im Haus Hundings für eine Nacht Zuflucht gefunden hat, Hals über Kopf in dessen Gattin Sieglinde verliebt, sich mit ihr auf der Stelle vereinigt hat und damit nicht nur das Gesetz der Gastfreundschaft verletzt hat. Der Wagnertenor Christopher Ventris ist im Haus am Ring in dieser Partie bestens eingeführt und besticht als Siegmund mit einer starken, angenehm hellen Stimme. Leidenschaftlichkeit und Draufgängertum sind seine Sache wohl nicht. Da schwingt immer noch ein Rest britischen understatements mit. Dennoch vermag er in der romantisch aufwallenden Szene mit dem „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ zu begeistern.

Martina Serafin zeichnet als Sieglinde eine Frau, die von ihrem gefühlskalten und harten Mann viel Leid ertragen muss und unglücklich ist, und geht an diesem langen Abend bis an die Grenzen ihrer stimmlichen Gestaltungskraft. Dass sie inzwischen auch schon als Brünnhilde in Erscheinung getreten ist, lässt sich – an diesem Abend jedenfalls – nicht ganz nachvollziehen. Konfrontiert mit dem Unbekannten, der sich alsbald als ihr verschollener Bruder herausstellen sollte, entflammt auch sie sofort in einer leidenschaftlichen Zuneigung. Sie, diese jahrelang unterdrückte Frau, ergreift dabei überraschend selbst die Initiative: Als ihr Mann sie nach seiner Heimkehr in die Küche schickt, um das Essen zu holen, geht sie nah am Fremdling vorüber und berührt ihn – von ihrem Mann nicht zu sehen – zart mit der Hand. Eine verhängnisvolle Liebe nimmt ihren – allzu kurzen – Lauf.

Sieglinde, die von Siegmund schwanger ist, überlebt das von Fricka angeordnete tödliche Finale, weil sich Brünnhilde gegen den ausdrücklichen Befehl ihres Vaters stellt und sie und ihr ungeborenes Kind rettet. Iréne Theorin ist eine markante Walküre, ihre Hojotoho-Rufe nehmen sich zwar mehr wie Hojotoho-Schrei aus, klingen aber keck, lebensbejahend und übermütig. Alle drei Damen bestätigen an diesem Abend, dass sie selbstverständlich schöne, gut geführte Stimmen haben, dass es aber bei Wagner – wie auch bei Verdi – in erster Linie nicht um Schöngesang geht, sondern um dramatische Gestaltung. Und es ist eine Freude, in ihren extremen Gefühlsregungen die eindrucksvollen Ecken und Kanten dieser wohlgeformten Stimmen zu vernehmen, wie sie hier darangehen, aktiv das Geschehen zu steuern: Frauenpower hoch drei.

Die Strafe für Ungehorsam folgt sogleich. Brünhilde, unter Walküren seine Lieblingstochter, wird von Wotan schweren Herzens aus dem Kreis der Walküren ausgeschlossen, verliert ihre Unsterblichkeit, die von Wotan weggeküsst wird, und wird in einen Schlaf versetzt, bis sie ein würdiger Held erlöst und zur Frau nehmen wird. Da hat man es mit einem zunächst zorneserregten Wotan zu tun, der sich in diesem Disput immer milder und versöhnlicher ihr gegenüber zeigt. Der herzzerreißende Abschied eines Vaters von seiner geliebten Tochter ist eine Liebesszene, die – mit zarten Tönen und berührenden zwischenmenschlichen Schwingungen – auch in dieser Inszenierung und in der Gestaltung durch Konieczny und Theorin tief und bewegend ist.

Die acht Gefährtinnen Brünnhildes sind mit Fiona Jopson, Olga Meszmertna, Anna Gabler, Stephanie Houtzeel, Ulrike Helzel, Minika Bohunec, Bongiwe Nakani, Svetlina Stoyanova erstklassig besetzt und machen so dem Titel dieses Abends – Die Walküre – alle Ehre. Axel Kober und das Staatsopernorchester haben den Rheingold-Auftakt offenbar gut für letzte Abstimmungen genützt. Es wird zügig und kontrastreich musiziert. Viel Applaus – über 10 Minuten – ist der wohlverdiente Dank für einen eindrucksvollen Opernabend.

Manfred A. Schmid

"Das Rheingold": eine grundsolide Deutung der „germanischen“ Ursprungserzählung vom Sündenfall

Ernst – Gabler, Foto:  M. Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 8. Januar 2019
Richard Wagner, DAS RHEINGOLD
19.Aufführung in dieser Inszenierung

von Valentino Hribernig-Körber (onlinemerker.com)

Aus der in der gegenwärtigen Saison recht übersichtlichen Auswahl an Werken des Bayreuther Meisters hub also die eine und einzige Serie des „Rings“ mit dem Vorabend an und gewährte einen ersten Einblick in das nun in den nächsten zwei Wochen auf die Wiener Wagner-Gemeinde Zukommende. Es ist die 19. Reprise der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf in der Ausstattung von Glittenberg/Glittenberg, die sich bekanntlich einer wie immer gearteten philosophischen oder anthropologischen Deutung des Monumentalwerks weitgehend enthält, dafür aber dem Publikum ach so originelle Provokationen erspart und eher durch (leider nur) gelegentliche, im positiven Sinn pointierte Einfälle in der Personenführung Akzente setzt. „Richard Wagner, DAS RHEINGOLD,
Wiener Staatsoper“
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