Dirigentin Laurence Equilbey: „Bach hätte sicherlich Opern schreiben können“

Laurence Equilbey © Irmeli Jung

Nach einem Heimspiel im Pariser Konzertsaal La Seine Musicale gewährte Laurence Equilbey Einblicke in ihren Zugang zu Bachs Musik. Die französische Dirigentin hat international Maßstäbe gesetzt, wenn es um Interpretationen auf historischen Instrumenten geht. Für ihre Verdienste erhielt sie in Frankreich zahlreiche Auszeichnungen.

Interview Jürgen Pathy 

klassik-begeistert: Zunächst einmal vielen Dank für Ihre Zeit, Frau Equilbey. Es war mir eine große Freude, Ihren Zugang zu Bachs h-Moll-Messe live in Paris zu erleben. Eines stach dabei besonders hervor: der Chor. Sie arbeiten seit Jahrzehnten intensiv mit Chören. Was macht für Sie einen wirklich außergewöhnlichen Bach-Chor aus? Es nur auf perfekte Intonation herunterzubrechen, wäre zu einfach. „Interview: kb im Gespräch mit Laurence Equilbey, Dirigentin
klassik-begeistert.de, 11. April 2026“
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Maestro Yoel Gamzou dirigiert wie Alfred Hitchcock, Teil II

Boris Kudlicka & Yoel Gamzou © Karpati&Zarewicz

Yoel Gamzou, der designierte Musikdirektor der Polnischen Nationaloper in Warschau, kehrt mit Carl Maria von Webers Freischütz an die Hamburgische Staatsoper zurück. Angelegentlich haben wir dazu gesprochen, warum der Maestro in einem toten Haus lebt, wie Hitchcock dirigiert und dass Giacomo Puccini für ihn der Erfinder der Filmmusik ist. Außerdem wollte ich wissen, wie Gamzou mit vernichtender Kritik umgeht. Und vieles mehr …

Jörn Schmidt im Gespräch mit Yoel Gamzou (Teil II)

klassik-begeistert: Sie leben in einem toten Haus, habe ich mal getitelt. Weil …

[Anm. Jörn Schmidt: Die tote Stadt, op. 12, ist eine Oper von Erich Wolfgang Korngold]

Yoel Gamzou:  … ich in dem Wiener Haus wohne, in dem auch Korngold gelebt hat.

klassik-begeistert:  Erinnert in der Wohnung noch etwas an Erich Wolfgang Korngold, spürt man gar seine Aura? So wie ich meine, dass Karajans Geist noch durch die Berliner Philharmonie geistert?

Yoel Gamzou:  Ja, absolut. So wie ich mir in Wien vorstelle, wie Schubert mit seiner ewigen Zettelsammlung unterm Arm durch Wien gerannt ist, so spüre ich, wie Korngold zwei Etagen unter mir Die tote Stadt komponiert hat…

klassik-begeistert:  Sind Sie gerade wegen Korngold dort eingezogen?

Yoel Gamzou:  Absolut. Als ich das erste Mal in Wien war, bin ich erstmal zu Mahlers Grab gegangen, dann zu Korngolds Wohnung. Als in eben diesem Haus eine Wohnung frei wurde, war mir klar, dass ich da einziehen muss. Noch verrückter war dann der Zufall, dass ich mit Die tote Stadt mein Debüt an der Wiener Staatsoper gegeben habe. Als Einspringer mit 10 Stunden Vorlauf. „Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent,Teil II
Hamburgische Staatsoper, 6. April 2026“
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Maestro Yoel Gamzou kann nicht kochen, Teil I

Yoel Gamzou © Karpati Zarewicz

Als ich Yoel Gamzou unweit der Hamburgischen Staatsoper, im Ristorante Favoloso, zum Mittagessen getroffen habe, hätte es etwas zu feiern gegeben. Tags zuvor ging über die Ticker, dass der israelisch-amerikanische Dirigent ab der Spielzeit 2026/27 Musikdirektor des Teatr Wielki (Polnische Nationaloper) wird. Doch statt Champagner zu ordern, haben wir hart gearbeitet. Das Ergebnis lesen Sie bitte hier bei klassik-begeistert.

Jörn Schmidt im Gespräch mit Yoel Gamzou (Teil I)

klassik-begeistert:  Kochen Sie gerne?

Yoel Gamzou: Zwei mal im Jahr koche ich, und meistens ist das Ergebnis schlecht. Aber eine einzige, sehr spezielle Pasta-Sauce, die gelingt mir sensationell.

klassik-begeistert: Unsere Leser möchten das sicher mal nachkochen, was gehört auf den Einkaufszettel?

Yoel Gamzou: Das kann ich nicht offenlegen, ist ein Geheimrezept.

klassik-begeistert: Der französische Koch Paul Bocuse meinte, dass ein Rezept keine Seele habe, er arbeitete deshalb zuvörderst mit Instinkt, Lust und Intuition – so wie Sie mit einer Partitur umgehen?

Yoel Gamzou: Nur Intuition funktioniert nicht, das würde der Komplexität der Werke nicht gerecht. Genau so, wie nur Ratio, oder Mathematik, die Seele eines Werkes verfehlen würde. Wichtig ist, Intuition und Ratio in das richtige Verhältnis zu setzen. Die Noten einer Partitur, so wie auch die Buchstaben eines Rezepts, sind eben nur eine Einladung auf eine Reise, gleich einer Landkarte. Das Werk tritt erst mit der Aufführung ins Leben. „Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent, Teil I
klassik-begeistert.de, 5. April 2026“
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Erwin Schrott macht öffentlich, was sich nachts in Maestro Barenboims Garderobe zutrug, Teil II

Erwin Schrott © Roland Wimmer 

Back to the Roots! Erwin Schrott hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht, wie es vermutlich nur er selber kann. Der Bassbariton tanzt Tango mit dem Teufel, der Liederabend heißt TANGO DIABLO und schlägt einen Bogen von Mephisto-Arien von Gounod bis Boito hin zur lateinamerikanischen Tangomusik. Erwin Schrott hat mir angelegentlich verraten, warum der Tango gerade für uns Deutsche eine Art Freibrief ist. Außerdem gab es eine grandiose Anekdote mit Daniel Barenboim und Omer Meir Wellber. Und vieles mehr. Die Lektüre lohnt auch deshalb, weil es heute etwas zu gewinnen gibt.

Jörn Schmidt im Gespräch mit Erwin Schrott, Teil II

klassik-begeistert:Schon als Kind war ich verrückt nach Tango. Ich bin es noch“, hat sich Daniel Barenboim 1995 zur Veröffentlichung seines Albums Tangos Among Friends zitieren lassen. Sie auch?

Erwin Schrott: Ja, von der Wiege an und immer noch. In Montevideo hat man  auch gar keine andere Wahl – der Tango  war einfach da, wie der Geruch des Flusses oder der Geschmack von Mate. Mein Vater legte
Troilo, Di Sarli oder Pugliese auf, während die Stromausfälle lang waren und das Militär die Straßen kontrollierte. Wir hörten im Halbdunkel zu, die Nadel kratzte leise, und ich sog all das auf … assoziierte es mit dem Tango … bevor ich es benennen konnte. Maestro Barenboims Worte könnte man auch mir zuschreiben, weil uns beide der Río de la Plata von klein auf geprägt hat. „Interview: kb im Gespräch mit Erwin Schrott, Bassbariton, Teil II
klassik-begeistert.de, 5. März 2026“
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Erwin Schrott und der große Tango-Schwindel, Teil I

Erwin Schrott © Roland Wimmer

Back to the Roots! Erwin Schrott hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht, wie es vermutlich nur er selber kann. Der Bassbariton tanzt Tango mit dem Teufel, der Liederabend heißt TANGO DIABLO und schlägt einen Bogen von Mephisto-Arien von Gounod bis Boito hin zur lateinamerikanischen Tangomusik. Wir haben angelegentlich über Scheinwelten, Melancholie, Depressionen, ein großes Gewässer und den Teufel gesprochen. Und warum das alles mit dem Tango zusammenhängt.

Jörn Schmidt im Gespräch mit Erwin Schrott, Teil I

klassik-begeistert: Wiener Walzer wird im 3/4-Takt getanzt, Tango im 2/4 oder 4/4-Takt. Aber was ist charakterlich der größte Unterschied?

Erwin Schrott: Der Wiener Walzer ist Leichtigkeit pur. Man bewegt sich schwerelos zwischen Kronleuchtern und Seide – und verdrängt den Alltag. Wenn man es kann, sieht Walzer  aus, als würden Sie fliegen – eine romantische Flucht in ihrer raffiniertesten Form. Eine Illusion, die körperlich wird.

klassik-begeistert: Wem diese Schwerelosigkeit nicht liegt, der muss  zum Tango wechseln?

Erwin Schrott: So gesehen, ja … Der Walzer lädt dazu ein, Dich in eleganter Hingabe selbst zu vergessen. Der Tango fordert Dich auf, an alles zu erinnern – jede Wunde, jedes Verlangen, jeden Verrat. Walzer ist ein Traum, Tango ein Gespräch, dem du nicht entkommen kannst. Selbst die Pausen sind beim Tango ein  Drama. „Interview: kb im Gespräch mit Erwin Schrott, Bassbariton, Teil I
klassik-begeistert.de, 4. März 2026“
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Hat die Sopranistin Mariangela Sicilia mehr Contenance als Maria Stuarda? Teil II

Mariangela Sicilia als Desdemona (Otello) 2022 TCBO © Andrea Ranzi – Teatro Comunale di Bologna

Die Sopranistin Mariangela Sicilia hat unlängst an der Hamburgischen Staatsoper ihr Debut als Maria Stuarda in Gaetano Donizettis gleichnamiger Oper gegeben. Wir haben angelegentlich über Regietheater, schwerste Beleidigungen und Pop-Kultur gesprochen. Gleich zu Beginn habe ich die Italienerin gefragt, wie viel Selbstbeherrschung ihr italienisches Temperament erlaubt….

Jörn Schmidt im Gespräch mit Mariangela Sicilia, Teil II

klassik-begeistert: Unrein, Bastard, Dirne… Maria Stuarda konnte ganz schön austeilen. Ist das Frauenbild, das Donizetti hier zeichnet, noch zeitgemäß?

Mariangela Sicilia: Das Zitat muss ich geraderücken, in den Kontext der Geschichte stellen. Maria war als Königin verraten, abgesetzt und eingekerkert. Eine absolute Grenzsituation, sie war am Ende ihrer Kräfte. Der einzige Weg in die Freiheit war, vor Elizabetta niederzuknien und um Gnade zu flehen. Nach dieser Geste der Unterwerfung sah sie sich öffentlich provoziert und beleidigt. Ihr verbaler Ausbruch war nicht nur Wut: Es war verletzter Stolz… besser, sie wollte ihre Würde zurück. „Interview: kb im Gespräch mit der Sopranistin Mariangela Sicilia, Teil II
klassik-begeistert.de, 24. Februar 2026“
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Wie steht Mariangela Sicilia als Archäologin zu Pierre Boulez’ explosivstem Zitat? Teil I

Mariangela Sicilia – Book ritratti © Ugo Carlevaro e Ewa Lang

Was macht man mit Bestnoten in Mathematik und einem Archäologie-Diplom in der Tasche? Erraten Sie nie – man gibt an der Hamburgischen Staatsoper sein Debut als Maria Stuarda in Gaetano Donizettis gleichnamiger Oper. Jedenfalls dann, wenn man früher auf den Plätzen einer italienischen Kleinstadt Lieder der italienischen Pop-Ikone Mina gesungen hat. Glauben Sie mir nicht? Dann lesen Sie bitte mein Interview mit der italienischen Sopranistin Mariangela Sicilia…

Jörn Schmidt im Gespräch mit Mariangela Sicilia, Teil 1

klassik-begeistert: Pierre Boulez wollte einst alle Opernhäuser in die Luft sprengen. Mal wörtlich genommen, was halten Sie als Archäologin davon? Sowas gehört doch bestraft…

Mariangela Sicilia: Darf ich erst mal klarstellen, dass…

klassik-begeistert:  …Pierre Boulez kein Terrorist war?

„Interview: kb im Gespräch mit der Sopranistin Mariangela Sicilia, Teil 1
klassik-begeistert.de, 23. Februar 2026“
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Romana Amerling: „Nicht jeder Graf freut sich auf die Hochzeitsnacht…“, Teil II

Henry Love © Julia Wesely

Die Sopranistin Romana Amerling ist schockverliebt in Hilde Loewe (1895 – 1976) aka Henry Love – und hat der schillernden Wiener Komponistin ein ganzes Album gewidmet. Im zweiten Teil unseres Interviews wurde es frivol, es ging um einen unwilligen Grafen. Außerdem haben wir über One-Hit-Wonder, den Fensterputzer von Monte-Carlo und Conchita Wurst gesprochen. Denn wenn man so will, haben Hilde Loewe und Conchita Wurst etwas gemeinsam.

Jörn Schmidt im Gespräch mit Romana Amerling (Teil 2)

klassik-begeistert: Gehen Sie gerne ins Kino, sind Sie so auf Hilde Loewe aufmerksam geworden?

[Anm. Jörn Schmidt: Loewes Chanson „Das Alte Lied“ hat Eingang in den Kino-Klassiker „Der dritte Mann“ gefunden]

Romana Amerling: Mir war Hilde Loewe unbekannt, bis ich im April 2025 im Wien Museum war. Dort bin ich auf ihren Evergreen „Das Alte Lied“ aufmerksam geworden und war schockverliebt… Sodass ich mich gefragt habe, ob das wirklich nur ein One-Hit-Wonder war. „Interview: kb im Gespräch mit Romana Amerling, Sopranistin, Teil II
klassik-begeistert.de, 21. Februar 2026“
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Blaues Auge? Als ich zu Romana Amerling sagte, Wiener Chanson sei doch nur ein besserer Schlager… Teil I

Romana Amerling © Julia Wesely 

Der Hit „Das Alte Lied“ wurde von Hildegard Knef, Marlene Dietrich und Richard Tauber aufgenommen und fand Eingang in den Kino-Klassiker „Der dritte Mann“. Die weiteren Chansons der Wienerin Hilde Loewe
(1895 – 1976) aka Henry Love sind weitgehend unbekannt. Das soll sich jetzt ändern. Die Sopranistin und Schatzsucherin Romana Amerling hat 31 Chansons von Hilde Loewe auf CD gebannt – und mir die spannende Geschichte der jüdischen Pianistin und Komponistin erzählt.  

Jörn Schmidt im Gespräch mit Romana Amerling, Teil 1

klassik-begeistert: Unter Opernliebhabern wird leidenschaftlich gestritten –  „Prima la musica, dopo le parole“ [Anm. Jörn Schmidt: Erst die Musik und dann die Worte] In welchem Lager stehen Sie? Als Opernsängerin sind Sie natürlich Team Parole,  nehme ich an…

Romana Amerling: Da liegen Sie ziemlich falsch. Beides ist wichtig, hören Sie sich nur den Rosenkavalier von Richard Strauss an… Beim Belcanto dagegen hat das Wort vielleicht weniger Gewicht als bei Strauss und Hugo von Hofmannsthal. „Interview: kb im Gespräch mit Romana Amerling, Sopranistin, Teil I
klassik-begeistert.de, 20. Februar 2026“
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Werkstattgespräch: Mendelssohn, Bruckner und die Kunst der Interpretation, Teil III

Marek Janowski (links im Bild) und kb-Autor Dirk Schauß© Diana Hillesheim

 

Im letzten Teil wird das Gespräch mit Marek Janowski konkret und intim: Es geht um einzelne Werke, um interpretatorische Entscheidungen, um den berühmten Beckenschlag in Bruckners Siebter, um Mendelssohns „Schottische“ und Schumanns „Rheinische“.

Janowski öffnet seine musikalische Werkstatt, spricht über die Arbeit mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester, über Probenarbeit und Klangbalance, über Tempo und Phrasierung. Und er wird überraschend persönlich: Seine Distanz zu Mahlers Schumann-Bearbeitungen ist ebenso deutlich wie seine Verehrung für Puccini, seine Zurückhaltung gegenüber Schostakowitsch ebenso spürbar wie seine Liebe zu Bruckner. Ein Werkstattgespräch, das den Dirigenten als Handwerker, Künstler und kompromisslosen Interpreten zeigt – bis zur letzten, melancholischen Frage nach unerfüllten Wünschen.

klassik-begeistert: Sehen Sie Mendelssohns dritte Symphonie als absolute Musik oder eher programmatisch?

Marek Janowski: Für mich ist es überhaupt keine Programm-Musik, sondern absolute Musik.

Ein solch wunderbares Scherzo und dann dieser herrliche, langsame Satz.

Der letzte Satz ist nicht ganz so auf dem hohen Niveau, aber speziell die beiden Mittel-Sätze sind für mich absolute frühromantische Meisterwerke. „Interview: kb im Gespräch mit Marek Janowski, Dirigent, Teil III
klassik-begeistert.de, 19. Februar 2026“
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