Top und Flop: So sehen klassik-begeistert.de-AutorInnen die Staatsoper Hamburg und "Die Tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold

Weihnachtsfeier klassik-begeistert.de 2019
Staatsoper Hamburg, 6. Dezember 2019
Erich Wolfgang Korngold, Die tote Stadt

Bereits zum dritten Mal haben die norddeutschen AutorInnen und Lektorinnen von klassik-begeistert.de in der Vorweihnachtszeit in Hamburg gefeiert, gelauscht und geguckt. Nach einem wunderschönen und leckeren Mittagessen im Casa do Benfica in Hamburg-Neustadt im Portugiesenviertel hörten und sahen die Klassik-Begeisterten dann Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die Tote Stadt“ in der Staatsoper Hamburg. Sechs AutorInnen von klassik-begeistert.de bilanzieren den Abend und die Höhepunkte in der Staatsoper Hamburg im Jahr 2019. „Erich Wolfgang Korngold, Die tote Stadt,
Staatsoper Hamburg, 6. Dezember 2018“
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»Dieser Mann spricht den Tanz« – Hommage à John Neumeier

Der in Hamburg lebende Journalist und Publizist Harald N. Stazol liebt klassische Musik und Ballett. Er hatte vor 23 Jahren die Ehre und Freude, den großen John Neumeier, damals 57, zwei Wochen lang für das Magazin STERN zu begleiten. Dabei entstand ein ganz außergewöhnliches Portrait, das klassik-begeistert.de jetzt zum ersten Mal für einen Klassik-Blog online präsentieren darf. Der STERN konnte es sich sich damals noch leisten, aufwändige und teure große Geschichten in Auftrag zu geben und nicht zu drucken. Harald N. Stazol ist wie der Herausgeber Absolvent der Henri-Nannen-Schule (Journalistenschule mit Sitz in Hamburg).

Foto: © Kiran West

von Harald N. Stazol

Die Aufregung! Heut abend ist Premiere! Béla Bartóks Bilder, in Szene gesetzt von John Neumeier, hier in Hamburg in der Oper! Ob alles klappen wird? Ob die jungen Mädchen mit ihren Blumensträußen vor der Premiere eingelassen werden und vielleicht einen Blick erhaschen auf ihren schönen Schwarm? Unmöglich, noch Karten zu bekommen! Ob das Orchester den schwierigen Ungarn nun einmal, nicht wie in den Proben — »Meine Herren, bitte lesen sie doch die Noten!« hat der Dirigent, Ingo Metzmacher, in schierer Verzweiflung einmal gerufen — ob sie ihn heute abend beherrschen werden? Und ob, dies die größte Frage, die schwebende, gewittrig sich zusammenziehende nun über das Haus an der Großen Theaterstraße, ob man ihn begreifen wird? „John Neumeier, Hamburg Ballett, Portrait,
Staatsoper Hamburg“
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Wenn Sie da nicht hingehen... "Die Glasmenagerie" von John Neumeier feiert Weltpremiere an der Staatsoper Hamburg

Es ist Neumeiers Opus Magnum, diese Welturaufführung. In höchstem Alter zu höchster Blüte zu finden, ist das nicht der Traum unser aller? Nun, der „alte“ John hat es unter Beweis gestellt.

Fotos: © Kiran West
Staatsoper Hamburg / Hamburg Ballett
, 1. Dezember 2019, Premiere
Die Glasmenagerie, Ballett von John Neumeier nach Tennessee Williams

von Harald N. Stazol

Die Augen in einem Ballet zu schliessen, weil die Musik so erhebend ist, ist ja schon widersinnig an sich.

Vor allem, wenn man bei Höhenangst in der Loge im 4. Rang sitzt. Aber da spielt eben fein, fein Phillip Glas, sie wissen schon: Der minimalistische Mann, der eigentlich nur dudeldidudeldi dadeldi dadeldi dädeldi dädeldi erklingen lässt.

Diesmal mit zwei Klavieren, einem normalen und einem Flügel. Und dann wacht man wieder auf, in der „Glasmenagerie“, nach dem Libretto von Tennesse Williams, deren Handlung den Rezensenten ebenso wie den Leser überfordern würde… es sei angedeutet, dass es sich um freudianische Erinnerungen eines Autobiographen über eine eheliche Beziehung handelt – sehen Sie? Genau. „Die Glasmenagerie, Ballett von John Neumeier,
Staatsoper Hamburg / Hamburg Ballett, 1. Dezember 2019, Premiere“
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John Neumeier choreografiert Gustav Mahler in betörenden Emotionsbildern

Foto: © Kiran West

Hamburgische Staatsoper, 16. November 2019

„All Our Yesterdays“

Zwei Ballette von John Neumeier nach Gustav Mahler:

Soldatenlieder („Des Knaben Wunderhorn“)
Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler

von Dr. Holger Voigt

John Neumeier und Gustav Mahler sind unzertrennbar miteinander verbunden. Schon früh in seiner Stuttgarter Zeit resonierte Gustav Mahlers Sinfonik in dem gerade „werdenden“ Choreografen und ließ ihn fortan nicht mehr los. Die Vision einer in emotionale Bild- und Bewegungssprache umgesetzten Sinfonik sollte ein charakteristisches Merkmal Neumeiers kreativen Schaffens werden. Er beschritt damit Neuland und öffnete zuvor unbekannte Räume für das moderne Ballett der Gegenwart. „All Our Yesterdays,
Hamburgische Staatsoper, 16. November 2019“
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Rolando Villazón und Anna Prohaska verzaubern in Hamburg als Pelléas und Mélisande

Foto: Rolando Villazón und Anna Prohaska. © Jörn Kipping

Staatsoper Hamburg, 15. November 2019
Claude Debussy, Pelléas et Mélisande

von Iris Röckrath

Seit der damals noch relativ unbekannte mexikanische Tenor Rolando Villazón mit Anna Netrebko in der Salzburger Traviata im Jahr 2005 auf der roten Couch herumturtelte, neckte, flirtete und alberte, wünsche ich mir, diesen Tenor einmal live erleben zu dürfen. Vierzehn Jahre später geht mein Wunsch endlich in meiner Heimatstadt in Erfüllung.

Rolando Villazón debütiert an der Staatsoper Hamburg als Pelléas in der zeitlosen, stimmungsvollen, intensiven Inszenierung des Regie-Teams Willy Decker (Regie) und Wolfgang Gussmann (Bühnenbilder und Kostüme), dem gleichen Team, das sich auch für die Salzburger Traviata verantwortlich zeichnete. „Claude Debussy, Pelléas et Mélisande,
Staatsoper Hamburg, 15. November 2019“
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"Ichundich" – Begeisterung pur in der Staatsoper Hamburg, ein Stück für jung und alt

Uraufführung, 3. November 2019, Auftragswerk der Staatsoper Hamburg auf der Probebühne 1
Johannes Harneit, IchundIch

nach dem gleichnamigen Schauspiel von Else Lasker-Schüler

von Iris Böhm

Sie möchten eine Oper mit zeitgenössischer Musik erleben, die sowohl das junge Publikum als auch die älteren Opernhasen begeistert? Dann ist Eile geboten. Es gibt noch vier Aufführungen im November mit jeweils nur ungefähr 200 verfügbaren Tickets. Dabei nehmen Sie nicht wie gewohnt in den frontal ausgerichteten, gemütlichen Samtsesseln des Großen Hauses der Staatsoper Hamburg Platz. Stattdessen sitzen Sie während der rund zweistündigen Spieldauer auf kreisförmig angeordneten, nur leicht abgepolsterten Hockern der Probebühne 1.

Das Verrückte daran ist, dass Sie sich an diesem rustikalen Aufbau nicht im Geringsten stören werden. Im Gegenteil: das muntere Geschehen vor Ihnen, hinter Ihnen und ja sogar unmittelbar um Sie herum zieht Sie bereits nach Sekunden in seinen Bann. Die großartigen sängerischen und schauspielerischen Leistungen der Mitwirkenden, die Videoprojektionen und die bezaubernden Klänge lassen Sie tief in das Gesamtkunstwerk eintauchen und geben Ihnen das Gefühl, selbst ein Teil des Stückes zu sein. „Johannes Harneit, IchundIch,
Staatsoper Hamburg, Uraufführung, 3. November 2019“
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Bei diesem Don Giovanni glänzt vor allem das Kostüm – unentschlossene Mozart-Neuinszenierung an der Hamburgischen Staatsoper

Fotos:  © Brinkhoff/Mögenburg
Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni (Premiere)
Hamburgische Staatsoper, 20. Oktober 2019

von Guido Marquardt

Jan Bosses Inszenierung zeigt einige interessante Ideen, aber kein durchweg überzeugendes Konzept. Musikalisch ragt vor allem die Orchesterleistung heraus, auch sängerisch ist Erfreuliches zu erleben. Leider bleibt ausgerechnet der Titelpart etwas blass. So wird es nur ein guter Opernabend, aber nichts von wirklich nachhaltigem Eindruck.   „Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni (Premiere), Hamburgische Staatsoper, 20. Oktober 2019“ weiterlesen

Verdis „Otello“ in Hamburg: Calixto Bieito seziert schonungslos die Abgründe des Menschen

Foto: © 2017 / Hans Jörg Michel
Giuseppe Verdi, Otello
Hamburgische Staatsoper, 15. Oktober 2019

Von Dr. Holger Voigt

Wie ähnlich sich doch die Namen sind: Bieito – Boito! Ohne Bieito gäbe es diese „Otello“-Inszenierung nicht, aber ohne Boito gäbe es nicht einmal Verdis zugrunde liegende Oper. Gelegenheit also, einmal die Bedeutung Boitos beim Zustandekommen dieses Werkes zu würdigen.

Arrigo Boito, einst ein scharfzüngiger Kritiker der damaligen zeitgenössischen Oper und damit auch ein Gegner Verdis, später aber dessen loyalster Wegbegleiter bis zu dessen Tod 1901, war bestens präpariert, in die dunkelsten Abgründe des menschlichen Charakters abzutauchen. Er hatte als Komponist und Librettist 1868 (Revision 1875) mit „Mefistofele“ einen (einzigen) Riesenerfolg erzielt. So war er auch als Librettist für Verdi geradezu dazu prädestiniert, der Figur des Jago die dämonischen Züge eines Mephisto zu verleihen, was Verdi in hinreißende Musik umsetzten konnte. War eigentlich Verdi oder Boito hier die treibende Kraft gewesen? Zwischenzeitlich kam ja sogar die Idee auf, die Oper nicht „Otello“ (nach Shakespeares Tragödie „Othello“), sondern „Jago“ zu nennen. „Giuseppe Verdi, Otello, Hamburgische Staatsoper, 15. Oktober 2019“ weiterlesen

Kirill Serebrennikovs Hamburger "Nabucco"-Inszenierung irritiert und begeistert

Foto: © Brinkhoff/Mögenburg

Giuseppe Verdi, Nabucco
Hamburgische Staatsoper, 5. Oktober 2019

von Dr. Holger Voigt

Manchmal könnte man meinen, im Hintergrund eine Stimme zu vernehmen, die in breitem Sächsisch den Satz „Kinder, schafft Neues!“ raunt. In der Tat, der Wagnersche Imperativ hat Zug um Zug in der Opernwelt Fuß gefasst und vielen Werken der Opernliteratur ein neues Gesicht gegeben. Manchmal zum Guten, manchmal aber auch nicht.

Das moderne Regietheater hat aber das konventionelle Musiktheater nicht ersetzt, sondern erweitert. Erweitert, um zusätzliche Dimensionen aufzuzeigen, dem Werk sich in vielfältiger Weise nähern zu können. Dabei darf es sich nicht vor die Musik drängen, denn diese ist und bleibt nun einmal der Wesenskern des Werkes. Dort, wo das nicht beachtet wurde, gingen Produktionen oft rasch unter viel Theaterdonner den Bach hinunter. „Giuseppe Verdi, Nabucco,
Hamburgische Staatsoper, 5. Oktober 2019“
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Scharf konturiert in den Untergang: "Otello" an der Hamburgischen Staatsoper

Foto: © Westermann, Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019
Giuseppe Verdi, Otello (11. Vorstellung seit der Premiere am 8. Januar 2017)

von Guido Marquardt

Dieser „Otello“ lebt vom Wechselspiel zwischen der inneren Verrohtheit seiner Hauptfiguren und der äußeren Gewalt, mit der sie im isolierten Umfeld auf Zypern agieren. Bieitos Regie ist trotz aller Drastik fokussiert und musikdienlich. Carignani führt musikalisch souverän durch den Abend, während auf der solistischen Seite bisweilen etwas Differenziertheit fehlt. „Giuseppe Verdi, Otello,
Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019“
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