Bei diesem Don Giovanni glänzt vor allem das Kostüm – unentschlossene Mozart-Neuinszenierung an der Hamburgischen Staatsoper

Fotos:  © Brinkhoff/Mögenburg
Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni (Premiere)
Hamburgische Staatsoper, 20. Oktober 2019

von Guido Marquardt

Jan Bosses Inszenierung zeigt einige interessante Ideen, aber kein durchweg überzeugendes Konzept. Musikalisch ragt vor allem die Orchesterleistung heraus, auch sängerisch ist Erfreuliches zu erleben. Leider bleibt ausgerechnet der Titelpart etwas blass. So wird es nur ein guter Opernabend, aber nichts von wirklich nachhaltigem Eindruck.   „Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni (Premiere), Hamburgische Staatsoper, 20. Oktober 2019“ weiterlesen

Verdis „Otello“ in Hamburg: Calixto Bieito seziert schonungslos die Abgründe des Menschen

Foto: © 2017 / Hans Jörg Michel
Giuseppe Verdi, Otello
Hamburgische Staatsoper, 15. Oktober 2019

Von Dr. Holger Voigt

Wie ähnlich sich doch die Namen sind: Bieito – Boito! Ohne Bieito gäbe es diese „Otello“-Inszenierung nicht, aber ohne Boito gäbe es nicht einmal Verdis zugrunde liegende Oper. Gelegenheit also, einmal die Bedeutung Boitos beim Zustandekommen dieses Werkes zu würdigen.

Arrigo Boito, einst ein scharfzüngiger Kritiker der damaligen zeitgenössischen Oper und damit auch ein Gegner Verdis, später aber dessen loyalster Wegbegleiter bis zu dessen Tod 1901, war bestens präpariert, in die dunkelsten Abgründe des menschlichen Charakters abzutauchen. Er hatte als Komponist und Librettist 1868 (Revision 1875) mit „Mefistofele“ einen (einzigen) Riesenerfolg erzielt. So war er auch als Librettist für Verdi geradezu dazu prädestiniert, der Figur des Jago die dämonischen Züge eines Mephisto zu verleihen, was Verdi in hinreißende Musik umsetzten konnte. War eigentlich Verdi oder Boito hier die treibende Kraft gewesen? Zwischenzeitlich kam ja sogar die Idee auf, die Oper nicht „Otello“ (nach Shakespeares Tragödie „Othello“), sondern „Jago“ zu nennen. „Giuseppe Verdi, Otello, Hamburgische Staatsoper, 15. Oktober 2019“ weiterlesen

Kirill Serebrennikovs Hamburger "Nabucco"-Inszenierung irritiert und begeistert

Foto: © Brinkhoff/Mögenburg

Giuseppe Verdi, Nabucco
Hamburgische Staatsoper, 5. Oktober 2019

von Dr. Holger Voigt

Manchmal könnte man meinen, im Hintergrund eine Stimme zu vernehmen, die in breitem Sächsisch den Satz „Kinder, schafft Neues!“ raunt. In der Tat, der Wagnersche Imperativ hat Zug um Zug in der Opernwelt Fuß gefasst und vielen Werken der Opernliteratur ein neues Gesicht gegeben. Manchmal zum Guten, manchmal aber auch nicht.

Das moderne Regietheater hat aber das konventionelle Musiktheater nicht ersetzt, sondern erweitert. Erweitert, um zusätzliche Dimensionen aufzuzeigen, dem Werk sich in vielfältiger Weise nähern zu können. Dabei darf es sich nicht vor die Musik drängen, denn diese ist und bleibt nun einmal der Wesenskern des Werkes. Dort, wo das nicht beachtet wurde, gingen Produktionen oft rasch unter viel Theaterdonner den Bach hinunter. „Giuseppe Verdi, Nabucco,
Hamburgische Staatsoper, 5. Oktober 2019“
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Scharf konturiert in den Untergang: "Otello" an der Hamburgischen Staatsoper

Foto: © Westermann, Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019
Giuseppe Verdi, Otello (11. Vorstellung seit der Premiere am 8. Januar 2017)

von Guido Marquardt

Dieser „Otello“ lebt vom Wechselspiel zwischen der inneren Verrohtheit seiner Hauptfiguren und der äußeren Gewalt, mit der sie im isolierten Umfeld auf Zypern agieren. Bieitos Regie ist trotz aller Drastik fokussiert und musikdienlich. Carignani führt musikalisch souverän durch den Abend, während auf der solistischen Seite bisweilen etwas Differenziertheit fehlt. „Giuseppe Verdi, Otello,
Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019“
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Das war Opernzauber! Verdis "Otello" als fulminante Two-Men-Show in Hamburg

Foto: © 2017 / Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019
Giuseppe Verdi, Otello

von Ulrich Poser

Was für eine fulminante Aufführung! Die lebensbejahende Handlung der Oper mit der wohl besten Musik Verdis ist hinlänglich bekannt: Der Schwarzafrikaner Otello wird zum Opfer einer bösen Intrige seines Weggefährten Jago und erwürgt am Ende kurz vor seinem Selbstmord seine geliebte Desdemona in rasender, unbegründeter Eifersucht. Eigentlich verspricht das keinen schönen Abend. „Giuseppe Verdi, Otello,
Staatsoper Hamburg, 3. Oktober 2019“
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Hamburg ist zurück an der Spitze!

Foto: © Monika Rittershaus

Hamburgische Staatsoper
25. September 2019

Richard Strauss, Ariadne auf Naxos

von Ulrich Poser

Dieser Abend war rundherum ein Hochgenuss!

Schon mit den ersten Orchestertönen dieser Oper in einem Aufzug ließ Kent Nagano absolute Präzision, höchste Dynamik und jede Menge des notwendigen Wiener Streicherklangs aus dem Orchester in das gut besetzte Haus an der Dammtorstraße verströmen. Dank des sehr gut disponierten (kleinen) Orchesters wurde so orchestrale Magie geschaffen. „Richard Strauss, Ariadne auf Naxos,
Hamburgische Staatsoper, 25. September 2019“
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Ergriffenheit macht sich breit bei Janáceks "Katja Kabanova" in der Hamburgischen Staatsoper

Foto: © Forster

Hamburgische Staatsoper
24. September 2019

Leoš Janácek, Katja Kabanova

von Iris Böhm

Vor genau 100 Jahren, mit 65, begann Leos Janacek damit, diese wunderbare Oper zu komponieren. Als Vorlage diente ihm das russische Schauspiel „Das Gewitter“ von Alexander Ostrowski. Janacek war sein eigener Librettist, hat sich trotz Kürzungen weitgehend an die Vorlage gehalten. Es war ihm ein besonderes Anliegen, das russische Volk darzustellen, da er eine tiefe Verbundenheit zu Russland verspürte.  

Meine letzte Katja-Aufführung liegt ungefähr 30 Jahre zurück. Damals hat sich Karita Mattila in mein Herz gesungen. In dieser Vorstellung ist es Olesya Golovneva. Sie geht die Partie ganz anders an als damals Karita Mattila in der Inszenierung von Peter Ustinov. Olesya Golovneva ist eine grazile, zerbrechliche Katja, die mit dem Leben nicht zurechtkommt, deren Seele restlos zerstört wird in dieser eiskalten erstarrten von Gefühllosigkeit geprägten Familie. Ihre Seele will davonfliegen. „Leoš Janácek, Katja Kabanova,
Hamburgische Staatsoper, 24. September 2019“
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"Nabucco" in Hamburg: Nadja Karyazina verleiht der Verdi-Oper mit einer Nebenrolle Glanz

Viele Beobachter ahnen seit längerem: Wenn die Staatsoper Hamburg dieser Ausnahmesängerin nicht einen guten, langfristigen Vertrag mit angemessener Dotierung, Freiheiten und schönen Hauptrollen gibt, wird sie an der Dammtorstraße nicht zu halten sein – so sehr sie HH liebt. Georges Delnon und Kent Nagano haben diese Personalie hoffentlich im Blick. Sollte es eng werden, empfehlen sich Anrufe bei den drei Hamburger Milliardären, die das Haus auch freundlich unterstützen.

Fotos: © Brinkhoff/Mögenburg
Staatsoper Hamburg
, 19. September 2019
Giuseppe Verdi, Nabucco (8. Vorstellung seit der Premiere am 10. März 2019)

von Andreas Schmidt

Es gibt Opernabende, die werden erst nach einer gewissen Anlaufzeit so richtig gut. Sie brauchen ein Schlüsselmoment. Danach ist alles anders.

Der erste Einsatz der russischen Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina im ersten Akt der Verdi-Oper Nabucco war so ein Schlüsselmoment. Bis dahin war alles ordentlich bis gut. Orchester, Chor, Solisten. Doch als das Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg das erste Mal in ihrem Leben – vor ausverkauftem Hause (1690 Plätze) – die Partie der Fenena zu singen anfängt, ist zu spüren, was der Unterschied zwischen gut, sehr gut … und außerordentlich, beseelt, hingabevoll ist. „Giuseppe Verdi, Nabucco,
Staatsoper Hamburg, 19. September 2019“
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Keine groben Fehler, keine wirklichen Highlights – nur Bo Skovhus überzeugt in „Die Nase“ an der Staatsoper Hamburg

Eine Inszenierung, die nichts falsch macht und vielleicht gerade deshalb auch kein großer Wurf ist. Ein Stück, das eher akademisches Interesse als echte Begeisterung weckt. Und musikalische Leistungen, die man bald wieder vergessen haben wird – vielleicht mit einer Ausnahme. „Die Nase“ sorgt nicht für Verschnupftheit, aber man wittert auch keine Sensation.

Staatsoper Hamburg, 13. September 2019
Dmitri Schostakowitsch, Die Nase (3. Vorstellung seit der Premiere am 7. September 2019)
Fotos: Arno Declair (c)

von Guido Marquardt

Operninszenierungen werden normalerweise dann zum Politikum oder wenigstens zum Stadtgespräch, wenn sie provozieren – sei es durch pointierte Regieaussagen oder künstlerisch gewagte Interpretationen. Auch musikalisch überragende oder aber hundsmiserable Leistungen bleiben hängen. Nichts davon trifft auf „Die Nase“ zu, die als erste Premiere in der Spielzeit 2019/20 auf der Hamburger Opernbühne zu sehen und zu hören war. In der Breite reagierte das Feuilleton wohlwollend und durchaus angetan. Vielleicht ein wenig so, wie man in den 1990er-Jahren auf Jürgen Flimms Inszenierungen am Thalia-Theater reagierte: Schöner Abend, in der Regie alles richtig gemacht, in der Ausführung handwerklich sauber, danke – was machen wir morgen?

Doch der Unterschied ist: Flimm hatte ein gutes Gespür für den Publikumsgeschmack des erweiterten Bildungsbürgertums und erreichte stets sehr gute Besucherzahlen. „Dmitri Schostakowitsch, Die Nase,
Staatsoper Hamburg, 13. September 2019 (3. Vorstellung seit der Premiere am 7. September 2019)“
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"Ein Sommernachtstraum" des großen John Neumeier in HH: ein festlicher und gelungener Auftakt, der Freude auf die Ballettsaison bereitet

Die Bühne ist voll von grandiosen jungen Tänzerinnen und Tänzern, die ihr makellos einstudiertes Können zeigen und das Füllhorn von Liebesfest und Tanz über dem Publikum ausschütten.

Hamburgische Staatsoper, Großes Haus, 8. September 2019

Hamburg Ballett, „Ein Sommernachtstraum“
Ballett von John Neumeier nach William Shakespeare

Fotos © Kiran West 

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, György Ligeti und traditionelle mechanische Musik
Choreografie und Inszenierung: John Neumeier
Bühnenbild und Kostüme: Jürgen Rose

von Eva Stratmann  

Ein Sommernachtstraum – die legendäre Trias aus Mendelssohn, Shakespeare und John Neumeier hat die neue Ballett-Saison an der Staatsoper Hamburg eröffnet. Knapp 300 Mal wurde diese Inszenierung seit ihrer Uraufführung 1977 allein in Hamburg dargeboten und gilt bis heute als einer der absoluten Publikumslieblinge unter Neumeiers Inszenierungen. In zweieinhalb Stunden führt der Abend durch die Wirrungen der Liebe und nutzt dabei kontrastreiche Stilmittel des Balletts.

Angefangen beim konservativ inszenierten „Vorabend der Hochzeit“, an dem Hippolyta auf einer Reklamiere ruhend ihre Hochzeit herbeiträumt. Um Hippolyta und Theseus (Alina Cojocaru und Christopher Evans), die meisterhaft leicht und elegant zeigen, was Ballett alles kann, dreht sich das Spektakel des Abends. „Hamburg Ballett, John Neumeier, „Ein Sommernachtstraum“,
Staatsoper Hamburg, 8. September 2019“
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