Das Programm der Deutschen Oper Berlin ist für die kommende Saison mit Herzchen nur so gespickt. Damit niemand übersieht, dass dem Spielplan das Motto „Make Love“ vorangestellt wurde. Zur Illustration des Spielzeitthemas nutzt man also einerseits, anders als in Hamburg, keinen sich an ein Bäumchen klammernden Nackten. Andererseits sind sowohl das Motto wie auch die Herzchen-Illustration für ein Opernhaus von, sagen wir, überschaubarer Originalität.
von Sandra Grohmann
Jedoch die Premierenübersicht überrascht durchaus. Insbesondere in der ersten Hälfte der Spielzeit stehen durchaus unbekannte, teils sogar brandneue Werke auf dem Programm, wenn sie auch nicht durchgehend primär vom Love Making sprechen. Zwar schon die erste Neuproduktion, „Mittwoch aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen, unter anderem die Liebe thematisieren. Für den Vorabend der Berliner Abgeordnetenhauswahl geht das durch, dürfte indes spektakulär vom Helikopter-Streichquartett überstrahlt werden, das von den Quartettmitgliedern in vier über der Stadt kreisenden Hubschraubern produziert werden wird. Auf den musikalischen Mehrwert darf man gespannt sein. Möglicherweise muss man dem Stück sehr liebevoll lauschen, was wir durchaus versuchen wollen.
Thematisch in jeder Hinsicht, nämlich sowohl flug- wie auch liebestechnisch, einleuchtend fortgesetzt wird die Premierenreihe am Großen Haus vom ersten Klassiker der Saison, Wagners „Der Fliegende Holländer“, neu eingerichtet von Milo Rau (14.10.2026).
Besonderes Highlight ist die Besetzung der Titelpartie mit dem bewunderungswürdigen Tomasz Konieczny, der nicht nur stimmlich und darstellerisch immer ein Ereignis ist und deshalb als Star gilt (ein Attribut, das nicht recht zu ihm passen will), sondern als Gründer und Intendant auch für das Baltic Opera Festival verantwortlich zeichnet, mit dem er die Zoppoter Waldoper als Aufführungsort für Wagneropern wieder etabliert hat. Auch auf Ensemblemitglied Attilio Glaser, der längst internationale Erfolge feiert, in der Rolle des Erik kann man sich nur freuen. Aušrine Stundytė wird beiden als Senta gegenüberstehen.
Auch mit der dritten Premiere, die noch 2026 – nämlich am 15. November – auf die Bretter des Großen Hauses kommt, bleiben wir zumindest zeitweise in der Luft, wenn wir im Kinder- und Jugendprogramm „In 80 Tagen um die Welt“ reisen. Das mit bewährten und jüngeren Ensemblemitgliedern besetzte Werk von Jonathan Dove wird von Peter Lund in Szene gesetzt, der durch sein Gespür für zeitgenössisches Musiktheater viele Jahre lang die Neuköllner Oper in Berlin durch seine Werke ebenso wie durch sein Leitungsgeschick geprägt hat. Es ist besonders zu begrüßen, dass die Deutsche Oper durch seine Verpflichtung die Verbindung zum vierten Opernhaus der Stadt hält – auch wenn es als Off-Bühne einen deutlich anderen Charakter hat als die anderen drei.
Bleiben wir noch etwas bei den Zeitgenossen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Werke von Komponistinnen in der Tischlerei und im Großen Haus. Den dezent unscharfen Beschreibungen auf der Homepage der Deutschen Oper Berlin schreiben wir dabei keine hohe Bedeutung zu und sind vielmehr gespannt darauf, was die Werke abseits der verbalen Ankündigungen zu erzählen haben.
Inhaltlich lässt sich für das als „afrofuturistisch“ titulierte „Sunville“ von Sofia Jernberg, das am 25. September 2026 erstmals auf die Bühne der Tischlerei kommt, vielleicht das Stichwort Gesellschaftsvertrag setzen, musikalisch ist angekündigt, zeitgenössische Komposition werde auf spirituellen Jazz, Improvisation auf Griyo-Tradition treffen. Was Letzteres ist, mag nicht Jedem und Jeder bekannt sein. Laut KI setzt sie sich aus den oral weitergegebenen Erzählungen, Erfahrungen und Erkenntnissen des westafrikanischen Griot und einer haitianischen kulinarischen Griyo-Kultur zusammen. Wie sich das auf der Bühne auflöst, darf mit Interesse erwartet werden.
„The Alonetimes“, ein Gastspiel von Jennifer Walshe und Philip Venables, lässt wiederum am 14. Oktober 2026 ebenfalls in der Tischlerei eine Collage persönlicher Geschichten erwarten. Demgegenüber hat die Composer in Residence Bára Gísladóttir mit „Good Vibes Only“ eine hoch technikaffine erste abendfüllende Oper geschrieben, in die sie Elemente von Heavy- und Doom-Metal, von Noise und Experimentellem Jazz aufgenommen haben soll. Wir halten unsere für Neues immer offenen Ohren am 22. Januar 2027 zur Uraufführung bereit.
Damit folgen wir John Cages Wort «I can’t understand why people are frightened of new ideas. I’m frightened of the old ones», das die Deutsche Oper Berlin einem mit „Music of Changes“ überschriebenen Abend nach Kompositionen dieses klasischen Modernen vorangestellt hat. Wir erwarten am 5. März 2027 ein vom Theaterkünstler Thom Luzuntermaltes Medley, das uns in eine nicht allzu weit entfernte Vergangenheit entführt.
Neugierig sind wir schließlich auf die externen Veranstaltungen im Haus der Berliner Festspiele und im Delphi Lux, die ebenfalls die Zeitgenossenschaft adressieren. Es lohnt sich, auf der Homepage der Deutschen Oper Berlin zu stöbern.
Nach diesem Feuerwerk der Moderne landet die Saison bei bewährten Klassikern. Mit besonderer Spannung ist Elsa Dreisig, die nach ihrer Mini-Elternzeit kürzlich auf die Bühne zurückgekehrt ist, als Fiordiligi in „Così fan tutte“ zu erwarten; auch Kyle Miller wird in dem jungen Ensemble als Guglielmo eine bewährte Größe sein. Was von dem die Regie verantwortenden belgischen Kollektiv FC Bergman zu erwarten ist, das sich mit ironischem Augenzwinkern als Fußballclub oder auch als „Foute Club“ (falscher Club) bezeichnet, lässt sich nicht voraussagen. Die Gruppe gilt als äußerst phantasiereich und anpassungsfähig; 2023 ist sie mit dem Silbernen Löwen von Venedig dekoriert worden. Den Premierenabend am 28. Februar 2027 können wir kaum erwarten.
Verdis „Otello“ wird in der Neuinszenierung von Kornél Mundruczó am 16. April 2027 Premiere feiern. Der ungarische Regisseur, der vom Film kommt, ist für seine bildmächtigen Arbeiten bekannt und deutet Opernstoffe gern in die Moderne um.
Seine Tosca an der Bayerischen Staatsoper galt als verkopft und überladen, weil er den Maler Cavaradossi gegen den Filmemacher Pier Paolo Pasolini getauscht hat. Seiner Otello-Einrichtung darf man daher mit gemischten Gefühlen entgegensehen, zumal die Inszenierung von Andreas Kriegenburg am selben Haus vielen Opernfans noch in lebendiger Erinnerung sein dürfte, deren Premiere 2010 von der phänomenalen, Gänsehaut verursachenden Anja Harteros geadelt wurde, die sich leider seit Jahren von der Bühne zurückgezogen hat oder zurückziehen musste. Wir wollen an Ruzan Mantashyan, die diesmal die Desdemona übernimmt, aber keine überirdischen Anforderungen stellen und freuen uns auch auf den Tenor Najmiddin Mavlyanov, der die Titelpartie singen wird.
Alt-GMD Donald Runnicles schließlich beehrt sein früheres Haus mit Daniel Kramers szenischer Einrichtung des „War Requiem“. Die abschließende Neueinstudierung und der Höhepunkt der Saison fallen damit am 18. Juni 2027 zusammen. Die Aufführung, die bereits an der English National Oper gefeiert wurde, kehrt zu Brittens Gedanken zurück, dass die Solopartien von einer russischen Sopranistin, einem britischen Tenor und einem deutschen Bariton übernommen werden.
Make love, not war – das Motto findet damit einen passenden Abschluss. Aber was in der Welt der Oper hätte auch nicht zu diesem Saisonthema gepasst.
Wir freuen uns trotzdem auf das etwas heterogene Programm.
Sandra Grohmann, 6. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Albert Lortzing, Zar und Zimmermann Deutsche Oper Berlin, Premiere, 20. Juni 2026
Albert Lortzing, Zar und Zimmermann Deutsche Oper Berlin, Premiere, 20. Juni 2026

