Elina Garanca glänzt in der Wiener Staatsoper

Foto: Michael Pöhn (c)
SAMSON ET DALILA – PREMIERE
WIENER STAATSOPER, 12. Mai 2018

von Heinrich Schramm-Schiessl (www.onlinemerker.com)

Camille Saint-Saens Oper ist ein absolutes Stiefkind in der Wiener Operngeschichte. Im Gegensatz zu vielen anderen Opern tauchte sie erst 30 Jahre nach der Uraufführung (1877), nämlich 1907 erstmals im Spielplan der damaligen Hofoper auf. Besonders gefragt war das Werk allerdings nicht, denn bis 1936 gab es gerade einmal 30 Aufführungen. Dann verschwand die Oper vom Spielplan und – sieht man von einer konzertanten Aufführung 1972 im Konzerthaus (mit Christa Ludwig und Ludovic Spiess) ab – gab es erst in der Direktion von Claus Helmut Drese im Dezember 1990 eine Neuinszenierung durch Götz Friedrich unter Georges Pretre mit Agnes Baltsa und Placido Domingo. Diese Produktion stand dann bis 1994 am Spielplan und brachte es gerade einmal auf 14 Vorstellungen. Danach wurde die Produktion von Direktor Holender, dem grossen Einsparer, mit der Begründung, der Auf- und Abbau sei zu kompliziert und zeitaufwendig, vom Spielplan genommen.

Dabei ist das eigentlich unverständlich, denn das Werk ist das, was man eine „Sängeroper“ nennt. Damit meine ich, dass es zwei ungemein attraktive Partien hat und man es so über einen längeren Zeitraum mit verschiedenen Sängern immer wieder präsentieren kann. Manche mag eine gewisse Oratorienhaftigkeit, speziell im ersten Akt, stören, aber dafür wird man mit wunderbar schwelgerischen, teilweise orientalisch angehauchten Melodien, effektvollen Chören, herrlichen Arien und der ungemein berührenden Soloszene des Samson im ersten Bild des dritten Aktes entschädigt. Inhaltlich ist das Werk duchaus aktuell, denn es spielt, zumindest laut Libretto, in einer Gegend – nämlich Gaza – die heute als einer der Hotspots der intenationalen Konflikte gilt und erzählt vom Freiheitskampf des Volkes Israel.

Nun gibt es also nach fast einem Viertejahrhundert wieder einen „Samson“ an der Staatsoper und musikalisch kann man mit dieser Produktion nahezu voll zufrieden sein, auch wenn es natürlich in erster Linie der Abend der Elina Garanca war. Ich gebe ehrlich zu, dass ich diése Sängerin seit meiner ersten Begegnung mit ihr am Beginn ihrer Karriere ungemein schätze und sehr froh darüber bin, dass der nunmehr vollzogene Fachwechsel so gut gelungen ist. Ihr Timbre wird immer samtener und dessen unbeschadet hat sie mittlerweile auch eine ansehnliche Durchschlagskraft entwickelt. Dank ihrer hervorragenden Technik singt sie alle Passagen nahezu mühelos und gestaltet dabei die Rolle ungemein überzeugend. Ihre drei Solostellen waren unzweifelhaft der Höhepunkt des Abends. Ihre von manchen immer etwas kühl empfundene Ausstrahlung passt zu dieser Rolle. Vielleicht begehrt sie Samson, aber lieben tut sie ihn sicher nicht, denn all ihre Verführung ist in erster Linie Mittel zum Zweck.

Der Samson Roberto Alagna ist – wie schon die „Otello“-Serie vor einigen Wochen gezeigt hat – derzeit in einer äußerst guten Verfassung. Natürlich ist die Stimme nicht schöner geworden, aber in diesen dramatischen Rollen kann er sie gekonnt einsetzen und tut dies stellenweise sehr effektvoll. Die extremen Höhen sind zwar immer eine gewisse Zitterpartie, aber mit Ausnahme des Schlusstons im Finale gelingen sie doch recht gut. Ansonsten gestaltet er die Rolle ungemein intensiv und zeigt gute Bühnenpräsenz. Dritter im Bundes ist Carlos Alvarez als Oberpriester. Alvarez gehört heute zu jenen Sängern, die eine sichere Bank sind. Er verfügt zwar über keine aussergewöhnliche Stimme aber er singt immer sicher und verlässlich. Darstellerisch würde man ihm etwas mehr Intensität wünschen. Dan Paul Dumitrescu singt die Tröstungen und Mahnungen des alten Hebräers mit angenehm sonorer Stimme.

Marco Armiliato hat das Orchester wieder hervorragend einstudiert, allerdings klang vieles etwas zu sehr zupackend, da fehlte mir etwas der französische Klang. Der von Thomas Lang einstudierte Chor, der in diesem Werk ja eine relativ große Aufgabe hat, klang ausgezeichnet.

Kommen wir nun zum weniger erfreulichen Teil des Abends, der Inszenierung. Alexandra Liedtke hat im Interview mit dem Online-Merker viel Gescheites gesagt, aber nicht wirklich viel davon umgesetzt. Eine wirkliche Personenführung war weder bei den Solisten und schon gar nicht beim Chor zu erkennen. Allerdings gab es auch keine besonders auffallenden Merkwürdigkeiten, obwohl der Kanon der zeitaktuellen Regie, speziell im Bühnenbild von Raimund Orfeo Vogt, teilweise heruntergebetet wurde, besonders im zweiten Akt. Da bestand das Bühnenbild – ach wie originell – aus einem schon sattsam bekannten schwarzen Kubus, der am Beginn bei der Soloszene der Dalila und ihrer Szene mit dem Oberpriester nur kleine Öffnungen freigab, ehe er sich dann zu einem über die Achse aufgerissenen Raum mit grauen Wänden und hohen Türen – auch nicht gerade neu – öffnet. Inmitten dieses Raumes, der gar nicht den Eindruck eines Badezimmers macht, steht dann eine Badewanne und ich werde das Gefühl nicht los, dass Badewannen in Zukunft die unseligen Spitalsbetten ersetzen werden. Das Bühnenbild des ersten und dritten Aktes ist dann, sieht man einmal von den Plastik-Stahlrohrsesseln ab, durchaus akzeptabel, auch wenn man den schwarzen Rundhorizont mit Projektionen etwas lebendiger hätte machen können. Ärgerlich allerdings die erste Szene des dritten Aktes, in der Samson nur orientierungslos umherläuft und nicht das Mühlrad betätigt, obwohl diese Tätigkeit klar aus der Musik zu erkennen ist. Die beiden Ballette (Choreographie: Lukas Gaudernak) waren eher gymnastische Freiübungen. Die Kostüme von Su Bühler waren mehr oder weniger heutig und daher fad.

Am Ende wusste das Publikum nicht wirklich, was es mit dieser Aufführung anfangen soll, denn erst bei den Einzelverbeugungen kam Jubel auf, wobei das Regieteam massive Buh-Rufe einstecken musste.

klassik-begeistert.de, 13. Mai 2018

„SAMSON ET DALILA, Elina Garanca, Roberto Alagna
WIENER STAATSOPER“
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ANDREA CHÉNIER an der Wiener Staatsoper: Den Jubel des Publikums hart errungen

Foto: Michael Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 
26. April 2018
Umberto Giordano, Andrea Chénier

I. Andrea Chénier — nach Dantons Tod ein weiterer wichtiger Abend im Haus am Ring mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann als Maddalena di Coigny und Chénier. Und Roberto Frontali, der als Carlo Gérard den stärksten Eindruck hinterläßt.
II. Mit dem Libretto von Andrea Chénier bewies Luigi Illica erneut seine Größe. Die Bestürzung der Gäste im Haus di Coigny über die Nachricht vom Fall der Statue Henri IIII. — knapper läßt sich die Absurdität der Zeit kaum beschreiben. Der Kunstgriff des Librettisten, Chéniers letztes Gedicht »Comme un dernier rayon« (in der Oper »Come un bel dì di maggio«) dem Tenor als Abschied von der Welt in die Kehle zu legen: genial. Giordanos Idee, im zweiten Akt in die große Scene Gérard — Incroyable — Chor (»Ecco laggiù Gérard!«) die Marseillaise einzuweben, ohne daß diese Melodie sich zu stark in den Vordergrund drängt: ebenfalls genial.

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WIEN/ Staatsoper: ANDREA CHÉNIER

Anna Netrebko und Elina Garanca singen 2019 in der Wiener Staatsoper

Foto: Wiener Staatsoper / M. Pöhn (c)
Wiener Staatsoper,
19. April 2018
Programmpräsentation zur Spielzeit 2018/19

Von Jürgen Pathy

Die gesamte Spielzeit wird überstrahlt von den Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der Eröffnung des traditionsreichen Hauses am Ring. An diesem denkwürdigen Jubiläumstag, am 25. Mai 2019, erstrahlt die Wiener Staatsoper im neuen Glanz der „Frau ohne Schatten“ (Richard Strauss). In dieser von Vincent Huguet inszenierten Premiere versammeln sich klingende Namen: Kammersänger Stephen Gould (Der Kaiser), Camilla Nylund (Kaiserin), Evelyn Herlitzius (Amne) und Kammersängerin Nina Stemme (Färberin) – am Pult stehen wird kein Geringerer als Kapellmeister Christian Thielemann, 59. „Wiener Staatsoper, Programmpräsentation zur Spielzeit 2018/19,
Wiener Staatsoper“
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Trotz fehlender Orchesterproben ist Ádám Fischer ein eindrucksvoller „Ring" zu verdanken

Foto: M. Pöhn (c)
Wiener Staatsoper,
15. April 2018
Richard Wagner, Die Götterdämmerung

Ádám Fischer, Dirigent
Sven-Eric Bechtolf, Regie

Stephen Gould, Siegfried
Albert Pesendorfer, Hagen
Iréne Theorin, Brünnhilde
Tomasz Konieczny, Gunther
Martin Winkler, Alberich
Anna Gabler, Gutrune
Nora Gubisch, Waltraute
Monika Bohinec, Erste Norn
Stephanie Houtzeel, Zweite Norn
Caroline Wenborne, Dritte Norn
Ileana Tonca, Woglinde
Stephanie Houtzeel, Wellgunde
Bongiwe Nakani, Flosshilde

von Jürgen Pathy

„Dein Brief, mein herrlicher Freund, hat mich hocherfreut. Du bist auf einem außerordentlichen Wege zu einem außerordentlich großen Ziele gelangt… mache Dich nur heran und arbeite ganz rücksichtslos an Deinem Werke“!

Mit diesen vitalisierenden Worten seines Freundes, Gönners und späteren Schwiegervaters Franz Liszt empfängt der im Schweizer Exil lebende, steckbrieflich gesuchte, von Geldnöten geplagte Richard Wagner Ende des Jahres 1851 den nötigen Zuspruch, um sich mit voller Schaffenskraft in sein epochales Meisterwerk zu stürzen: den Ring des Nibelungen. „Richard Wagner, Die Götterdämmerung,
Wiener Staatsoper“
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Wiener Staatsoper: Brünnhilde kreischt, Siegfried strahlt und das Orchester spielt ohne Probe

Foto: Michael Pöhn (c)
Wiener Staatsoper,
11. April 2018
Richard Wagner, Siegfried

Ádám Fischer, Dirigent
Sven-Eric Bechtolf, Regie
Stephen Gould, Siegfried
Herwig Pecoraro, Mime
Tomasz Konieczny, Der Wanderer
Iréne Theorin, Brünnhilde
Martin Winkler, Alberich
Jongmin Park, Fafner
Monika Bohinec, Erda
Hila Fahima, Stimme des Waldvogels

von Jürgen Pathy

Im komödiantischen Teil der Ring-Tetralogie nimmt Richard Wagner das Publikum mit auf die Entwicklungsreise des jungen, verwegenen Siegfried: Von der Selbstfindung (Schwertschmiedung) über das Durchsetzungsvermögen (Drachentötung) bis zum schwierigsten Teil im Leben eines naiven Junggesellen: der Liebe. „Richard Wagner, Siegfried,
Wiener Staatsoper“
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"Meine Stimme ist wie das Meer, auf jeden Fall nicht langweilig"

Foto:  Alexander Zaforek (c)
Der rumänische Bass und Bassbariton Sorin Coliban ist seit neun Jahren als Ensemblemitglied eine feste Größe an der Wiener Staatsoper. Gerade brillierte er als Riese Fafner in „Das Rheingold“ von Richard Wagner. Coliban betrachtet das Haus am Ring als sein Zuhause und freut sich im großen Interview mit klassik-begeistert.de auf Rollen wie Boris Godunow und Hagen.
„Großes Interview mit Sorin Coliban,
Wiener Staatsoper“
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"Die Walküre" in Wien: Tomasz Koniecnzy singt als Wotan Weltklasse

Foto: Michael Pöhn (c)
Wiener Staatsoper,
8. April 2018
Richard Wagner, Die Walküre

Adam Fischer, Dirigent
Sven-Eric Bechtolf, Regie
Tomasz Konieczny, Wotan
Iréne Theorin, Brünnhilde
Christopher Ventris, Siegmund
Simone Schneider, Sieglinde
Jongmin Park, Hunding
Michaela Schuster, Fricka
Donna Ellen, Helmwige
Caroline Wenbore, Gerhilde
Anna Gabler, Ortlinde
Stephanie Houtzeel, Waltraute
Ulrike Helzel, Siegrune
Zsuzsanna Szabó, Grimgerde
Bongiwe Nakani, Schwertleite
Miriam Albano, Roßweiße

von Jürgen Pathy

Der Ritt der Walküren begeistert nicht nur eingefleischte Wagnerianer in der Wiener Staatsoper, sondern, seit Hollywood die fanfarenartige Musik im Vietnam-Drama „Apocalypse Now“ monumental in Szene gesetzt hat, auch viele Menschen, die noch nie ein Opernhaus von innen erblickt haben.

Mit dem mittellosen, rastlos durch den Wald irrenden Flüchtling Siegmund hat Richard Wagner eine Figur in die Welt gesetzt, mit der sich der zu dieser Zeit im Schweizer Exil lebende Komponist selbst identifiziert haben dürfte. Der Brite Christopher Ventris, 57, gibt einen soliden Siegmund, mit einem schönen tiefen und mittleren Register, jedoch mit Schwächen in den Höhen, vor allem im Forte-Bereich.

Das sich entfachende inzestuöse Liebesdrama der beiden Halbgötter Siegmund und seiner Zwillingsschwester Sieglinde will keinen besonderen Herzschmerz erzeugen. Trotz einer guten stimmlichen Darbietung der deutschen Sängerin Simone Schneider will man dem unharmonisch wirkenden Bühnenpaar die Leidenschaft nicht so wirklich abkaufen. Das von einem mysteriösen Fremden in die Esche gerammte Schwert Notung wurde auch schon theatralischer entrissen.

Das Pathos steckt viel mehr im wieder einmal großartigen Wotan des Tomasz Koniecnzy, 46, dessen Lieblingswotan „jener aus der Walküre“ ist. Nicht nur der polnische Bassbariton, sondern das ganze Wiener Publikum leidet mit dem alle Höhen und Tiefen durchlebenden Walkürenvater mit, dessen unmenschliche Gesangpartie selbst diesen Götter-Bariton zum Ende hin an die Grenzen des Machbaren treiben: zwei Huster im dritten Aufzug schmälern nicht die Ausnahmeleistung des Parade-Wotans.

Das Gesamtpaket aus Schauspiel, Gesang und charismatischer Bühnenpräsenz des Speer schwingenden Gottes mit überwiegend klarer, Raum erfüllender Stimme hält dem Prädikat WELTKLASSE weiterhin stand. Auch sein unglückliches Weib Fricka findet an diesem Abend in der deutschen Mezzosopranistin Michaela Schuster eine große tragende Stimme.

Alle glücklichen Kartenbesitzer des „Siegfried“ und der „Götterdämmerung“ werden in den Genuss kommen Konieczny noch als Wanderer und als Gunther erleben zu dürfen – „Heil dir, Gunther“!

Der Hunding des jungen Südkoreaners Jongmin Park, 31, ist erfüllt von einem mächtigen, sonoren Bass, dem es nur ein wenig an der deutlichen Aussprache mangelt.

Die Vater-Tochter Beziehung zwischen Wotan und dessen Lieblingstochter Brünnhilde nimmt mit der tragischen Abschiedsszene Leb‘ wohl, du kühnes, herrliches Kind! ihren Lauf. Rührend dargeboten sowohl von Konieczny als auch von der tapferen, dem Göttervater widerspenstigen Walküre Iréne Theorin, 54, die bei ihrem Rollendebüt an der Wiener Staatsoper zu überzeugen weiß.

Die schwedische Diva, die ihre Ausbildung in der Meisterklasse der großen Wagner-Interpretin Birgit Nilsson genoss, schmeichelt in den tieferen Lagen – vor allem bei den Pianissimi. Aufgrund der langen Zusammenarbeit mit Maestro Adam Fischer, 68, bei dessen Wagner-Festspielen in Budapest sie regelmäßig die Brünnhilde singt, stimmt die Harmonie zwischen der dramatischen Sopranistin und dem Orchestergraben.

Aus diesem entweichen mal kammermusikalisch zärtliche Liebesgeständnisse, dann gewaltige Tutti-Ausbrüche oder ein melancholisch, bezauberndes Cello-Solo. Nur drei junge Hornisten, die sich während des Abends auch immer wieder ungeniert unterhalten, anstatt sich mit Haut und Haar den Walküren zu opfern, hauen – nicht ganz so schmerzhaft wie am „Vorabend“ – öfter daneben.

Nachdem das von Sven-Eric Bechtholf inszenierte gigantische Musikdrama mit einem imposanten, die ganze Bühne erfassenden multimedialen Feuerzauber vorerst sein Ende nimmt, strahlt der schicksalsträchtige Ring weiterhin über der Hauptstadt Wien, die sich nach einem wagemutigen Helden sehnt…

Sichtlich erleichtert diesen dramaturgischen Koloss erfolgreich über die Bühne gebracht zu haben, genießen die Sänger, Sängerinnen und der Wagner-Spezialist Adam Fischer den langanhaltenden, frenetischen Schluss-Applaus samt zahlreicher begeisterter Bravi.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 9. April 2018, für
klassik-begeistert.at

Foto: Michael Pöhn

"Das Rheingold": Man muss dieses alle Sinne erfassende Kunstwerk einfach live erleben!

Foto: Michael Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 4. April 2018
Richard Wagner, Das Rheingold

Adam Fischer, Dirigent
Sven-Eric Bechtolf, Regie
Tomasz Konieczny, Wotan
Norbert Ernst, Loge
Michaela Schuster, Fricka
Ryan Speedo Green, Fasolt
Sorin Coliban, Fafner
Monika Bohinec, Erda
Martin Winkler, Alberich
Herwig Pecoraro, Mime
Clemens Unterreiner, Donner
Jörg Schneider, Froh
Anna Gabler, Freia
Daniela Fally, Woglinde
Stephanie Houtzeel, Wellgunde
Bongiwe Nakani, Flosshilde

von Jürgen Pathy

Am Nachmittag des 5. September 1853 versinkt Richard Wagner in der italienischen Kleinstadt La Spezia im harten Ruhebett einer Gaststätte. Anstatt den ersehnten Schlaf zu finden, versinkt er in eine Art „somnambulen“ Zustand, in dem sich ihm eine der genialsten Eingebungen der Musikgeschichte offenbart: das Orchester-Vorspiel zum „Rheingold“.

Das Brummen der Kontrabässe in Es-Dur ist der Beginn eines gewaltigen Spektakels. Der ungarische Maestro Adam Fischer, 68, der den Ring schon einige Male am Hause geleitet hat, gibt ohne jegliche Atempause den Einsatz und entführt das Wiener Publikum in die Tiefen des Rheins – Hörner setzen mit Fehlern ein, das unruhige Publikum hätte noch einige Momente der Stille vertragen. „Richard Wagner, Das Rheingold,
Wiener Staatsoper“
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Parsifal: Achtung Kitschalarm

Foto: Michael Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 29. März 2018

Richard Wagner, PARSIFAL

Von Peter Skorepa (onlinemerker.com)

Keine Frage, wenn im letzten Aufzug die Entourage des obersten Gralshüters die goldschimmernde U-Bahnstation Montsalvat von Otto Wagner betritt, behelmt mit goldglänzenden Flügelhelmen und das zu enorm aufbrausender Bombastik Wagnerscher Klänge, dann ist totaler Kitschalarm angesagt, und wenn Semyon Bychkov die Wiener Philharmoniker zur Höchstleistung an Dynamik anspornt und Pauken und Blech ein – nur für Wagnerfans wohl wohliges – Wonnebad an Klangmassen im Hause verbreiten, dann ist wieder Ostern im Musentempel angesagt.

Ich hätte mir nicht gedacht, je einer der Inszenierungen von Frau Militz nachzuweinen – jetzt ist es geschehen. Mit einer ernsthafteren Herangehensweise hätte die Verlegung der Handlung in medizinische Versorgungseinrichtungen der Stadt Wien einiges an Wirkung ergeben, so aber hat sich Alvis Hermanis lediglich auf die äußere Wirkung des Wiener Jugendstils, im speziellen jenes des Otto Wagner, verlassen und ist damit – vermutlich völlig unbewusst – in dessen heurigem Gedenkjahr gelandet. Mehr aber schon nicht. Und so müssen sich jetzt die Protagonisten unter der erdrückenden Last des Goldzierrates behaupten, einer Last, die völlig beziehungslos über der Parsifal-Handlung schwebt, darunter zwei Antipoden der Historie: Die Rittergesellschaft aus dem 13. Jahrhundert und dagegen die Vertreter der Moderne in Wien um 1900. Diese in Beziehung zu setzen hätte anderer Ideen bedurft, das ganze sieht hier aber nur einem Schauraum in einem Museumsshop ähnlich.

Jochen Schmeckenbecher debütierte als Amfortas, gesanglich wohl einwandfrei aber ohne die Größe dieser Figur in Gestaltung und Gesang bzw. Stimme zeigen zu können, so wie sie Wagner erdacht hat. Aber hier: Ein kleiner Schmerzensmann nur statt ein großer Leidender, wobei Herrn Schmeckenbecher die Regie kaum Raum und Format dazu gibt, das wenigstens auch darzustellen zu versuchen. Und der Gurnemanz des Kwangchul Youn klang diesmal als Gralshüter schon im ersten Aufzug müder als sonst, der Koreaner singt aber mit einem hörbar großen Wagnerbezug.

Ryan Speedo Green kann aus der kurzen Partie des Titurel nicht viel holen, Boaz Daniel bietet immerhin baritonalen Wohlklang, aber lehrt als Klingsor auch niemanden so leicht das Fürchten.

So bleiben zwei Sänger, die in ihren Rollen diesem Bühnenweihfestspiel am ehesten gerecht wurden: Anja Kampe in ihrem Debüt in der Staatsoper als Kundry mit intensiver und den gesanglichen Hürden des zweiten Aufzuges gerecht werdender Gestaltung ohne allerdings schon große Kundrys vergessen zu machen. Und ein Titelheld mit Würde, Christopher Ventris mit einem wohltuend ruhigem Fluss der Gesangslinie und noch immer jugendlichem Tenor.

Der riesigen Schar an Rittern, Knappen, der Stimme von oben und den Blumenmädchen sei aus Arbeitsökonomie pauschal gedankt, vor allem den letzteren, welche alle neben ihrem hervorragenden musikalischen Einsatz verführerisch in ihren reizenden Negligés  aussahen. Das darf ja wohl noch gesagt und bedankt werden.

Wie schon erwähnt gibt Semyon Bychkov mit den Wiener Philharmonikern der Breitenwirkung der Partitur fast übergroßen dynamischen Raum und entsprechende Ausdehnung, vor allem in den großen Chorszenen, überrascht aber im zweiten Aufzug wieder durch partiturgerechte und die behandelte Dramatik des Inhaltes fördernde flottere Tempi. Ein Lob dem Staatsopernchor für dessen Intensität.

Peter Skorepa, 30. März 2018

Foto: M. Pöhn

„Richard Wagner, PARSIFAL,
Wiener Staatsoper“
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Christa Ludwig: "Ich feiere meinen 90. Geburtstag in der Wiener Staatsoper"

Interview: Kirsten Liese

Frau Ludwig, Ihr Bühnenabschied liegt mittlerweile 24 Jahre zurück. Er ist Ihnen damals nicht so schwer gefallen wie vielen anderen Kollegen ihrer Generation und insbesondere Dietrich Fischer-Dieskau, der sagte, ein Sänger sterbe immer zweimal. Welche Bedeutung hatte Ihr Beruf für Sie?

Ludwig: Als ich 17 war, ging es einfach nur darum, meine Eltern und mich über Wasser zu halten. Im Krieg hatten wir alles verloren und da habe ich zugesehen, dass ich Geld verdiene.

Meine Mutter, die auch meine Lehrerin und Lebensberaterin war, sagte dann immer zu mir: „Christa bedenke, es ist nur Theater!“

Ich habe gern gesungen, wenn ich gut bei Stimme war, hatte das Glück, mit den besten Dirigenten und Regisseuren zusammenzuarbeiten. Aber ich habe immer mit Texten gelebt, die 100 Jahre alt waren oder älter. Zur Realität hatte ich gar einen Bezug. Erst wenn man dann nicht mehr im Beruf steht, hat man die Möglichkeit, nachzudenken, was das überhaupt ist: das Leben. Insofern war ich froh, als ich mit dem Singen aufgehört habe. „Interview mit Christa Ludwig zum 90. Geburtstag am 16. März 2018“ weiterlesen