Foto: Ensemble © SF/Monika Rittershaus
Die Party endet in Salzburg nicht auf der Bühne. Sie erfasst das gesamte Haus. Alle Stimmen sind mit einer Lockerheit und Elastizität ausgestattet, die die extremen musikalischen Wendungen Rossinis Komposition mühelos bewältigen. Der Spielwitz ist groß. Die Sängerinnen und Sänger lassen es aussehen und -hören als wäre es ganz leicht.
Il vaggio a Reims (1825)
Dramma giocoso in einem Akt
Komponist Gioachino Rossini
Libretto von Luigi Balochi, teilweise basierend auf dem Roman Corinne, ou L’Italie von Madame de Staël
Musikalische Leitung Gianluca Capuano
Regie Barrie Kosky
Bühne Rufus Didwiszus
Kostüme Victoria Behr
Corinna Cecilia Bartoli
Marchesa Melibea Marina Viotti
Contessa di Folleville Mélissa Petit
Madama Cortese Tara Erraught
Cavalier Belfiore Edgardo Rocha
Conte di Libenskof Dmitry Korchak
Lord Sidney Ildebrando D’Arcangelo
Don Profondo Florian Sempey
Barone di Trombonok Misha Kiria
Don Alvaro Peter Kellner
Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo
Les Musiciens du Prince — Monaco
Haus für Mozart, Salzburg, 25. Mai 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend wird bei den Pfingstfestspielen in Salzburg im Haus für Mozart Gioachinos Rossinis Il vaggio a Reims zum zweiten Mal aufgeführt.
Reisende vieler Länder stranden in den Vogesen, da es keine frischen Pferde gibt. Die bräuchte die Gesellschaft, um weiter nach Reims mit der Kutsche zur Krönung Charles X zu reisen. Was alles im Hotel „Zur goldenen Lilie“ passiert, ist Inhalt der Oper. Eine tiefere Geschichte steckt nicht dahinter. Es sind Aufregungen, erotische Anbahnungsversuche und: Party. Für zehn Hauptrollen im längsten Akt der Operngeschichte (länger als die längsten von Wagner) dennoch eine musikalische Herausforderung, zehn Stimmen genügend Raum zu geben.
Rossini bekam im Juli 1824 drei Aufträge, für die er mit 40.000 Francs fürstlich entlohnt wurde: in den folgenden zwölf Monaten in und für Pariser Häuser eine französische, eine italienische Oper neu komponieren und eine seiner in Paris noch ungespielten Opern inszenieren. So band man den wichtigsten Opernkomponisten der Zeit in Paris. Il vaggio a Reims ist der italienische Auftrag. Eine nachgezügelte opera buffa. Rossini hatte mit dieser Art Oper 1817 für sich abgeschlossen. Er komponierte das Stück für die in der Oper angesprochene Krönung. Das Starensemble der Uraufführung stand fest: zehn berühmte Stimmen, für die Rossini Singfutter liefern sollte. Rossini hat unnatürlich lange daran komponiert: ganze zwei Monate. Er konnte Opern auch in zwei Wochen fertig komponieren. Allerdings verzichtete Rossini bei Il vaggio auf seine sonst übliche Praxis der Übernahme von Nummern aus früheren Opern. Zwei Nummern der Krönungsoper übernahm er in seinen Le comte Ory.

Alle Stimmen sind mit einer stimmlichen Lockerheit und Elastizität ausgestattet, die die extremen musikalischen Wendungen Rossinis Komposition mühelos bewältigen. Der Spielwitz ist groß. Sie lassen es aussehen und -hören, als wäre es ganz leicht.
Cecilia Bartoli singt die Corinna und hat zwei Soli jeweils nur mit Harfe begleitet. Vollmundig rund betörend. Die Harfe ist ein running gag. Der Spieler auf der Bühne playbackt mit Gummisträngen, Corinna steckt in der ersten Arie auch mal den Kopf durch. Im Finale dann die italienische Grußfraktion. Eigentlich. Denn aus Viva la Francia wird viva la musica. Party on!

Mezzo Marina Viotti singt die Alt Partie der Marchesa Melibea. Anfangs Zankapfel von den Eifersuchtsgockeln Conte di Libenskof und Don Alfonso. Sie bekommt die Zügel, in diesem Fall in Form einer Peitsche in die Hand. Libenskof wird damit gezähmt und bekommt den Zuschlag. Warm golden.
Sopran Mélissa Petit singt und spielt die Contessa di Folleville. Die Kleiderkutsche ist verunfallt. Arg! Zur Krönung ohne neue Klamotten? AUF GAR KEINEN FALL. So ungefähr jedenfalls offenbart sie ihr inneres Drama. Ein Hut konnte gerettet werden. Ihre Stimmung steigt. Party geht ja auch in Paris anstatt Reims. Strahlt stimmlich und ist spielerisch eine nervenaufreibende insofern wunderbar zu guttierende Drama Queen.
Sopran Tara Erraught singt die Hotelbesitzerin Madama Cortese. Wenn Sie glauben, dass im Fernsehen bei der medizinischen Werbung „Fragen Sie ihren Arzt, ihre Ärztin…“ digital verschnellert wird: Tara Erraught singt verständlichestes Italienisch in einer atemberaubenden viel schnelleren Geschwindigkeit als alle Arzt Ansagen, die ich kenne. Wow! Energisch. Bestimmt. In die Komposition wird im Finale Jodeln als Teil des Tiroler Grußgesangs eingebracht. Da brauche ich einen Moment des Stutzens: singt sie noch oder jodelt sie schon?
Tenor Edgardo Rocha als Cavalier Belfiore steigt Corinna nach. Erfolg sieht anders aus. Auch er kann innerliche Verzweiflung wunderbar singen und spielen. Lässt Corinna ihn doch am kleinen Finger verhungern. Das entsprechende Duett zwischen der Bartoli und Rocha eine sängerische wie spielerische Pracht. Drängend. Lüstern. Kraftvoll.
Tenor Dmitry Korchak singt den Conte di Libenskof als Held. Das wäre er gern. Funktioniert nach groben Anlaufschwierigkeiten bei Marchesa Melibea. Stimmlich strahlt er wetternd.
Bassbariton Ildebrando D’Arcangelo darf als Lord Sidney die englischen Grußworte mit der Musik von Rule Britannia übermitteln. Üppig, feudal.
Bariton Florian Sempey gibt den verstrahlten nach antiquarischen Schätzen süchtigen Don Profondo. „Er ist verrückt“ meint zutreffender Weise Lord Sidney. Doch auch er kann locken und benutzen. Umgarnend.

Den teutonischen Barone di Trombonok gibt Bariton Misha Kiria. So genial, wie er jeden Sangesanfang wie „Stillgestanden!“ klingen lässt. Sonor. Militärisch zackig.
Bass Peter Kellner als Don Alvaro buhlt gegen Libenskof um Melibea. Zweiter Sieger. Toller Buhler. Tief dunkel.
Gianluca Capuano bringt mit seinen Les Musiciens du Prince — Monaco auf historischen Instrumenten Rossinis Musik zum Leuchten. Er ist der Maestro des Tempos – außer er erhält von der Bühne Kommandos. Transparent. Schillernd. Alert. Locker. Mit Zug. So mag ich Rossini hören!
Der Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo ist der Kleber. Wo immer die nur lose zusammenhängenden Nummern der Solistinnen und Solisten einer musikalischen Verbindung bedürfen, der Chor trumpft mit wuchtigem Temperament auf. Macht zusammen mit den Tänzern und Tänzerinnen Tumult und trubelt umher.

Regisseur Barry Kosky mit seinem Team braucht nur wenig szenische Bewegung, in der Musik liegt genügend Dynamik, betont wird dadurch das spielerische Temperament der Sängerinnen und Sänger. Die Kostüme Victoria Behrs sind fluffig, bunt, extravagant, üppig. Den Figuren wunderbar angemessen. Ein paar visuelle Gags wie Drehtür, Harfe, das Festbankett mit Riesenhirsch sind immer drin. Außen rum hält Rufus Didwiszus seine Bühne klug zurückhaltend kontrastierend in schwarz-weiß.
Entspannt zurückgelehnt werde ich exzellent unterhalten. Das erlebe ich nur in Salzburg: es gibt eine Zugabe! Das Finale wird nochmal gegeben, weil das Publikum frenetisch applaudiert, Hüpfing Ovations gibt. Über den Graben werden der Pfingstfestspiel-Chefin Pfingstrosen zugeworfen. Die Party endet in Salzburg nicht auf der Bühne. Sie erfasst das gesamte Haus.
Frank Heublein, 26. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gioachino Rossini, Il viaggio a Reims Salzburger Pfingstfestspiele, 22. Mai 2026
Buch-Rezension: Barrie Kosky „Und Vorhang auf, Hallo!“ klassik-begeistert.de, 2. Mai 2023
Pathys Stehplatz (23) – Einhelliger Zuspruch: Wien feiert Koskys neuen „Figaro“