DOB Siegfried © Bernd Uhlig
Überlange Unterbrechungen, eine überladene Inszenierung und ein zäher Meta-Wagner drohen diesen Siegfried zur Geduldsprobe zu machen. Donald Runnicles, ein herausragendes Sängerensemble und vor allem Ya-Chung Huang als unwahrscheinlich intensiver Mime verwandeln den Abend schließlich doch in ein nur selten erlebbares Kunstereignis.
Richard Wagner
Siegfried (1876)
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Stefan Herheim
Deutsche Oper Berlin, 23. Mai 2026
von Arthur Bertelsmann
Mit der guten Auslastung der Walküre kann der Siegfried nicht mithalten – DFB-Pokal-Entschiedspiel und Karneval der Kulturen sei Dank. Dass der dritte Teil des Festspiel zudem als der musikalisch uneingängigste gilt, tut sein Übriges, und so bleiben gute Hundert Plätze verwaist.
Und zugegeben, geht man bei traumhaftem Sommerwetter Richtung Opernhaus, kann man sich in diesem Moment doch Schöneres vorstellen, als sich fünfeinhalb Stunden mit einem ellenlangen, im Stabreim geschriebenen Mammutwerk auseinanderzusetzen.
Ach, wäre es doch „nur“ bei diesen fünfeinhalb Stunden geblieben, denn vor dem Saal findet sich ein Zettel mit beunruhigender Nachricht: aufgrund von Personalausfall in der Bühnentechnik können die Pausen länger ausfallen als gedacht. Bedeutete statt zwei dreiviertel Stunden, zwei dicke 75 minütige Unterbrechungen. Zweieinhalb Stunden Pause – da sind ja die meisten Opern kürzer!
Die strapazierte Geduld kann auch nicht die Inszenierung einfangen, der gute Einfall, Mime als Wagner auftreten zu lassen, versackt in einem unübersichtlichen Sumpf aus Meta-Spielchen, überladenen Mystizismus und krampfhafter Texttreue. Siegfried trägt tatsächlich Bärenfell und Waldhorn und Nothung wird an einem echten Amboss geschmiedet. Was damit dann von der Höhle herabhängende Wagnertuben, alberne Schattenspiele und ein als Clown geschminkter, herumirrender Alberich zu tun haben, das bleibt das Geheimnis des Herheims.
Alles ist angerichtet, um diese sechseinhalb Stunden zur quälenden Geduldsprobe werden zu lassen. Doch die Musik steuert gegen, und wie!
Dirigent Donald Runnicles und das bestens aufgestellte Opernorchester spielen sich regelrecht in einen Rausch. Fast unerhörte Tempi- und Intensitätswechsel erlaubt sich der Dirigent, bürstet dabei aber nie das Sängerensemble nieder, sondern legt den psychologischen Klangteppich über die Sänger auf der Bühne.

Der Graben überlässt den Sängern die lautmalerische Beschreibung der im Siegfried so sagenhaften und mystischen Szenerien. Hierfür müssen Textverständnis und musikalisches Handwerk perfekt übereinstimmen – bei den ewigen Litaneien von Mime, Siegfried und des Wanderers/Wotans ein echtes Risiko, was sich aber bei Weltklasse-Wagner-Sängern auszahlen kann. Und die bekommt man hier wahrhaftig geboten.
Fangen wir bei der titelgebenden Rolle an. Clay Hilley ist mit seinem klaren, herrlich unverbrauchten Tenor ein würdiger Nachfolger des angstfreien Siegmunds, mit unendlicher Ausdauer und nahezu perfekter Textsicherheit meistert der Amerikaner die unmenschliche Partie. Das herausragendste ist dabei jedoch Hilleys differenzierte Interpretation; sein Siegfried ist weder unschuldiger Jüngling noch plumper Haudrauf, sondern ein raffinierter, fast abgründiger Charakter. Mit erkennbarer Freude schlachtet er den von Tobias Kehrer urgewaltig grollend gesungen Fafner, schubst das schwerelos klingende Waldvöglein umher und nimmt die eigene Tante ungeduldig in Besitz.

Das ist allerdings auch für dieses Kraftpaket nicht gerade leicht, denn Elisabeth Teige versteht Brünnhilde – zurecht – nicht als Sidekick und Cheerleaderin für den strahlenden Held, sondern das Auftreten Siegfrieds als furchtbaren Einschnitt in ihre Freiheit.
Die nie enden wollenden Dialoge zwischen dem kraftvollen Paar werden so zu spannenden Rededuellen, in denen es um nicht weniger als die lebenslange Freiheit eines Menschen geht.
Mindestens genauso intensiv ist es auch bei Iain Petersons Wanderer/Wotan und Lauren Deckers Erda. Während Herheim den Mystizismus stets behauptet und mit großen Gesten herbeibeschwört, löst ihn dieses uralte, allwissende Paar tatsächlich ein, dröhnend, fast extraterrestrisch beschwört Decker das Ende der Welt und der Götter, verzweifelt, doch wild entschlossen, die Tragödie noch aufzuhalten, stellt sich Peterson dem egoistischen Siegfried in den Weg und kann ihn in tatsächlich für kurze Zeit an die Wand singen.
Und dann ist da noch Ya-Chung Huang als Mime. Schon der von Michael Samuel verkörperte große Bruder Alberich liefert hier eine bemerkenswerte Studie in Verkommenheit und Neid. Was der Südkoreaner aus dem Zwerg herausholt, kann sich jedoch mit den Giganten Kuën, Stolze und Zednik messen.

Es ist atemberaubend, was Huang hier zeigt, wie er am Schmieden Nothungs verzweifelt, vor Todesangst zittert, den Zögling verachtet und doch auf verquere Weise liebt. Er zetert, und schreit, wagt Sprechgesang an den ungewöhnlichsten Stellen, die Rechnung geht allerdings immer auf, Huang wird – ohne sich in den Vordergrund zu spielen – zum gequälten Star des Abends, der selbst unorganisierte, mäßig klimatisierte Sechseinhalbstunden zum unvergesslichen Kunsterlebnis macht.
Arthur Bertelsmann, 24. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Siegfried Clay Hilley
Mime Ya-Chung Huang
Der Wanderer Iain Peterson
Alberich Michael Samuel
Fafner Tobias Kehrer
Erda Lauren Decker
Brünnhilde Elisabeth Teige
Waldvogel Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund
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