Vilde Frang – Copyright by hr/Marco Borggreve
Alain Altinoglu saniert den alten Brahms
Béla Bartók Violinkonzert Nr. 2 H-Dur
Johannes Brahms Sinfonie Nr. 4 e-moll op. 98
Vilde Frang, Violine
hr-Sinfonieorchester
Alain Altinoglu, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 12. Juni 2026
von Dirk Schauß
Béla Bartóks zweites Violinkonzert verzeiht keine Unentschlossenheit. Es fordert den ganzen Menschen. Vilde Frang warf sich mit einer Noblesse in diese Partitur, die das Publikum im Saal augenblicklich das Atmen vergessen ließ. Manche nennen das Werk ein Monument der Moderne, andere reiben sich bis heute an seiner herben, bisweilen unbarmherzigen Rhythmik. Frang aber suchte nicht den groben Effekt. Sie sezierte die Architektur mit dem Skalpell und strich doch mit einer Wärme, die man diesem sperrigen Werk selten zutraut.
Ihr Ton besaß vom ersten Takt an eine eigentümliche, herbe Eleganz – eine Mischung aus Zurückhaltung und loderndem Feuer, die im heutigen Kulturbetrieb rar geworden ist. Sie begriff den Kopfsatz als großes Drama, in dem jede chromatische Wendung ein Argument war. Immer wieder trieb sie das Orchester vor sich her.
Alain Altinoglu am Pult koordinierte das Geschehen mit kühler Übersicht und straffen Zügeln, ließ den Holzbläsern aber genau jenen Raum für ihre gespenstischen Einwürfe. Das hr-Sinfonieorchester reagierte hellwach und angriffslustig. So bekam der erste Satz eine fiebrige, wunderbar nervöse Energie. Der langsame Satz bildete den denkbar schärfsten Kontrast: ein filigranes Gespinst aus Licht und Schatten, dessen lichte Melancholie fast schmerzte. Frang reduzierte ihren Ton auf einen silbernen Faden, ohne je an Substanz zu verlieren.
Diese Musik besitzt eine tiefe Einsamkeit – wie nächtliches Grübeln eines Genies, das der Welt abhandengekommen ist. Die Orchestervariationen antworteten dezent, fast zart; in den Streichern flirrte und raunte es, während Klarinetten und Oboen wie ferne Rufe aus einer versunkenen Zeit herübertönten. Frang fing diese Naturmystik mit stupender Bogenführung ein. Jede Phrasierung folgte einer unbedingten Logik. Das war keine schöne Oberfläche, sondern strukturierte Empfindung.
Dann brach das Finale los, dieser groteske Kehraus, der den edlen Themen des Beginns eine Fratze der Parodie vorsetzt. Hier zeigte Frang, dass sie keine ätherische Elfe ist, sondern zupacken kann. Sie attackierte die Saiten mit grimmiger Lust, ließ die Synkopen krachen und tanzte einen wilden Walzer mit dem Teufel. Altinoglu feuerte das Orchester an, die Rhythmen knallten wie Peitschenhiebe, das Blech dröhnte gefährlich. Ein rücksichtsloser Ritt, bei dem man jeden Moment das Gefühl hatte, der Wagen könnte aus der Kurve fliegen. Genau dieses Risiko braucht Bartók.
Das Publikum jubelte und feierte eine Geigerin, die bewies: Virtuosität ist kein Selbstzweck, sondern das Werkzeug, um Wahrheiten auszusprechen, die Worte nicht fassen können. Eine tänzerische Zugabe konnte die Begeisterung kaum dämpfen.
Nach der Pause folgte ein ganz anderes Kaliber. Alain Altinoglu verweigerte bei Brahms’ Vierter Sinfonie in e-Moll jede falsche Sentimentalität. Schon das Eröffnungsthema – dieses scheinbar schüchterne Auf und Ab der Terzen – stellte er in ein helles, unbarmherzig genaues Licht. Kein Brahms-Nebel, kein braun-soßiger Klangbrei, mit dem man die Konstruktion gerne versteckt.

Das hr-Sinfonieorchester folgte ihm mit einer Disziplin und Präzision, die man im heutigen Konzertbetrieb viel zu selten hört. Das Wechselspiel zwischen satt und konturiert klingenden Streichern und warm intonierenden Holzbläsern besaß die Klarheit eines Uhrwerks, ohne mechanisch zu wirken. Man hörte wirklich alles. Die Blechbläser fungierten als architektonische Pfeiler, die Pauke gab messerscharfe rhythmische Impulse. Altinoglu spannte einen weiten Bogen und legte die gesamte Architektur der Sinfonie frei, ohne sie in Einzelteile zerfallen zu lassen. So entstand eine unkonventionelle Balance zwischen herber Sprödigkeit und einer fast mediterranen Helligkeit. Diese Deutung verweigerte sich dem Klischee des griesgrämigen Melancholikers. Stattdessen atmete die Musik eine Frische, die manchen Hörer sichtlich verblüffte.
Der dritte Satz geriet zum reinen Freudenfest des Rhythmus. Der knallige Auftakt mit pointierter Pauke eröffnete ein heiteres, unbeschwertes Allegro giocoso, das dennoch das Grummeln im Untergrund nie verleugnete – Champagner für die Ohren.
Das Finale, diese monumentale Passacaglia mit ihren zweiunddreißig Variationen über einen Bach-Choral, wurde zum interpretatorischen Triumph. Düster und apokalyptisch in der Zuspitzung, mit zarten Hoffnungsschimmern in den Holzbläsern, baute Altinoglu eine unaufhaltsame Dynamik auf, die sich in den letzten Takten wie ein reinigendes Gewitter entlud. Man begriff wieder, warum dieses Werk bei seiner Uraufführung selbst enge Freunde des Komponisten ratlos zurückließ. Das ist keine sanfte Musik, das ist eine radikale, kompromisslose Auseinandersetzung mit der Form.
Das Frankfurter Publikum reagierte entsprechend enthusiastisch. Altinoglu hat an diesem Abend gezeigt, dass Brahms kein Fall für die Antiquitätensammlung ist, sondern ein Zeitgenosse, dessen Fragen uns auch heute noch angehen. Eine Interpretation von stolzer, unnahbarer Schönheit.
Am Ende wurde es emotional. Vier verdiente Orchestermitglieder wurden unter großem Applaus in den Ruhestand verabschiedet: die Geiger Sorin Ionescu und Thomas Mehlin, der feinsinnige Klarinettist Sven van der Kulp und der Bassklarinettist Ulrich Büsing. Ihr Abschied markiert das Ende einer Ära. Doch an diesem Abend haben sie gemeinsam mit ihren jüngeren Kollegen bewiesen, dass der Geist des Orchesters lebendig bleibt. Ein wehmütiger, aber würdiger Schlusspunkt unter ein Konzert, das Maßstäbe setzte.
Dirk Schauß, 13. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at