Buchbesprechung:
Man hält nun ein Buch in Händen, das bei allem Reichtum des Inhaltes aber auch nur ein weiterer Baustein in der schier unerschöpflichen Geschichte dieser Festspiele ist.
Vielleicht muss man den Untertitel auch so verstehen, und es ist sicher kein Zufall, dass das Buch mit einem Fragezeichen endet.
Stephan Mösch
Bayreuth als Theater
Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte
Bärenreiter Metzler
von Peter Sommeregger
Punktgenau zum 150-Jahre-Jubiläum der Bayreuther Festspiele legt der Musikwissenschaftler und Publizist Stephan Mösch eine nicht nur vom Umfang gewichtige Geschichte derselben vor, deren Untertitel „Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte“ man dem Autor fast schon als Koketterie auslegen könnte.
Ursprünglich als auf das sogenannte „Neu-Bayreuth“ ab 1951 fokussierende Publikation gedacht, erwies sich schnell die Unmöglichkeit einer Trennung des neuen Bayreuth von seiner, sei es noch so belasteten Geschichte, die vom Autor keineswegs ausgespart wird.
In 25 Kapiteln , die keineswegs eine durchgängige Chronologie sein wollen, werden zahlreiche ästhetische, historische, interpretatorische Ansätze untersucht, wobei tief auf einzelne Aspekte eingegangen wird.
So werden etwa handschriftliche Eintragungen in Partituren des „Tristan“ von Felix Mottl, Wilhelm Furtwängler, und der Sopranistin Frida Leider ausgewertet, um Rückschlüsse auf deren Interpretationen zu ermöglichen, und gleichzeitig den Wandel des Wagner-Gesanges und der musikalischen Interpretation zu untersuchen.
Der Schwerpunkt des Buches liegt dann aber doch auf der Ära der Brüder Wieland und Wolfgang Wagner, die, jeder auf seine Art, die prägenden Figuren der Festspiele ab 1951 waren. Hier greift Mösch wohl erstmalig auf Quellen zurück, wie die Korrespondenzen Wieland- und später Wolfgang Wagners- mit potentiellen und tatsächlichen Mitwirkenden der Festspiele.
Faszinierend schälen sich dabei in Aussicht genommene Besetzungen heraus, es tauchen Namen auf, die man so noch nie mit Bayreuth in Verbindung brachte. Großen Raum nimmt die Erörterung der Dirigentenfrage ein, es konnten keineswegs alle erwünschten Künstler für ein Engagement gewonnen werden. Namen wie Otto Klemperer, Leonard Bernstein, Carlo Maria Giulini, Regisseure wie Giorgio Strehler und Rudolf Noelte waren jeweils im Gespräch, ohne dass es zu Engagements kam. Die prägenden Dirigenten der frühen Jahre, wie Knappertsbusch, Cluytens, Keilberth werden umfangreich in ihrer Bedeutung, aber auch durchaus kritisch beleuchtet.
Die kontroverse Figur Wieland Wagners erfährt hier, durch die wohl erstmalig veröffentlichten Teile seiner Korrespondenz, neue Aspekte. Manche Zusammenhänge zeichnen sich nun klarer ab, man beginnt die Chronologie der Bayreuther Besetzungen neu zu lesen.
Vereinzelt werden auch scheinbar nebensächliche Details, wie die Charakteristik von Nebenrollen behandelt, aber was ist bei Wagner schon Nebenrolle? Interessant der Exkurs über die Rolle des Melot im Tristan, auf dessen dramaturgische Wichtigkeit seinerzeit schon Lilli Lehmann in ihrer Tristan-Studie hingewiesen hatte.
Es ist dies eine ungewöhnliche Art von Geschichtsschreibung über die 150 Jahre des Bestehens der Bayreuther Festspiele hinweg. Es gelingt dem Autor aber, die kausalen Zusammenhänge einzelner Entwicklungen in sachkundigen Analysen nachzuweisen, und aus immer neuen Perspektiven zu betrachten.
Das Buch kann aber auch als höchst informatives Lesebuch verstanden werden, das vom profunden Wissen des Autors profitiert.
Man kann Möschs Arbeit als willkommene Ergänzung und Vertiefung von Oswald Georg Bauers monumentalem, zweibändigem Werk betrachten, das 2016 erschien, aber durch das Fehlen eines Sach- und Personenregisters sowie einem Gewicht von über 10kg nicht gerade benutzerfreundlich ist.
Hier ist dagegen den 540 Seiten Text noch ein vorbildlicher Anhang von gut 130 Seiten angefügt, der das Buch optimal erschließt.
Man hält nun ein Buch in Händen, das bei allem Reichtum des Inhaltes aber auch nur ein weiterer Baustein in der schier unerschöpflichen Geschichte dieser Festspiele ist. Vielleicht muss man den Untertitel auch so verstehen, und es ist sicher kein Zufall, dass das Buch mit einem Fragezeichen endet.
Peter Sommeregger, 16. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at