Schweitzers Klassikwelt 170: Wir laden zu einem Reigen um „Così fan tutte“ ein

Schweitzers Klassikwelt 170: Ein Reigen um „Così fan tutte“ klassik-begeistert.de, 18. August 2026

„Così fan tutte“ Theater an der Wien / Teatro Real de Madrid © Javier del Real

Inszenierung   Michael Haneke

Zwei Schwestern haben die passenden Bräutigame gefunden. Das eine Paar ist heiter und gesellig, das andere ernst und in sich gekehrt. Eine solche schematische Zuordnung wird von einem Philosophen mit übersinnlichen Kräften unterlaufen. Die Damen werden ins gegenteilige Temperament verkehrt. Schlussendlich wird alles wieder ins Lot gebracht. Wenn wir diese Kurzfassung einer Aufführung läsen, würden wir glauben, hier lässt eine Regisseurin oder ein Regisseur seine Fantasie an Mozarts „Così fan tutte“ aus.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Aber im Stück kommt wiederholt eine geheimnisvolle Höhle vor und die Oper ist von Antonio Salieri und heißt „La grotta di Trofonio“ (Trofonio ist der Name des obskuren Philosophen und Drahtziehers). Salieri ist im Feuilleton in Verruf geraten, aber sein Werk ist nicht ein Abglanz von Mozarts Oper und hatte bereits 1785 fünf Jahre vorher Erfolg. Ein Novum im Opernrepertoire der damaligen Zeit war, dass Gelegenheit gegeben wurde, in einem einzigen Bühnenstück Arien komischer und seriöser Natur zu singen.

Bereits 1778 kam Salieris „La scuola de’ gelosi“ in Venedig zur Uraufführung. Auch hier schon das Schema: zwei Paare und – modern ausgedrückt – ein Mediator, in dem Fall Cousin bzw. Freund der Ehemänner. Die „Moral“ dieser Geschichte:

Verlässliche Treue führt zu Langeweile und zum Erkalten der Gefühle.

Wie wirken solche Werke – gedacht für die freizügige Adelsgesellschaft des Rokoko – heute auf uns? Als ich in meiner Studentenzeit Karten für eine Così fan tutte-Aufführung im Redoutensaal der Wiener Hofburg besorgte, traf ich einen ehemaligen Schulkameraden, der sich mir gegenüber äußerte, diese Mozart-Oper sei frivol. Auf meine Frage, wofür er sich anstelle, antwortete er: „La Bohème.“

Das sogenannte aufgeklärte Zeitalter wurde von der Romantik überwunden. Das Vorbild für Beethovens „Fidelio“ war „Léonore ou L’amour conjugal“. Siehe auch die abwertenden Bemerkungen Ludwig van Beethovens und Richard Wagners über „Così fan tutte“.

Theaterzettel Uraufführung 1790 Burgtheater am Michaelerplatz Wien

Unsere Leser kennen unsere misstrauische Ansicht bezüglich Werktreue. Der Dirigent Christoph Ulrich Meier macht bei seinen Forschungen über „Così fan tutte“ eine interessante Entdeckung im Autograph. Im zweiten Akt unterläuft Mozart ein Schreibfehler, wenn Ferrando merkt, dass Fiordiligis Treue ins Wanken gerät. Er schreibt irrtümlich „mia costanza“ (meine Treue), streicht „mia“ durch und ersetzt gemäß dem Libretto durch „sua“. Dann streicht er „sua“ durch und ersetzt wieder durch „mia“.

Ist der heute frauenfeindlich gesehene Titel „So machen es alle Frauen“ (tutte) noch tragbar? Akzeptieren wir noch das verharmlosende Lieto fine? Meine Frau und ich bevorzugen eine „Così fan tutte“, in der durch Selbstfindung im Spiel wider Erwarten Klarheit für den eigenen Lebensweg gefunden wird und ein Partnerwechsel stattfindet. Eine Variation des Happy End. Eine Herausforderung für die Regie, das spannende Gefühl zu vermitteln, aus dem Vorgetäuschten könnte Ernst werden.

Das würde sogar der in der Mozartzeit gängigen Temperamentenlehre entsprechen, dass Fiordiligi und Ferrando als ernstere Wesen besser zusammenpassen. Oder ziehen sich Gegensätze an?

Barrie Kosky hatte in der gegenwärtigen Produktion der Wiener Staatsoper den Mut, die junge Generation (Fiordiligi, Dorabella, Ferrando und Guglielmo) gegen den kalten Verstandesmenschen Don Alfonso am Ende revoltieren zu lassen.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 18. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Wolfgang Amadeus Mozart, Le nozze di Figaro / Don Giovanni / Così fan tutte klassik-begeistert.de, 7. Juni 2026

Wolfang Amadeus Mozart, Così fan tutte Opernhaus Zürich, Wiederaufnahme, 3. Juli 2026

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