Dvořák und Strauss in der Elphi: Ein bayerischer Gipfelsturm folgt auf böhmisches Heimweh

Richard Strauss, Eine Alpensymphonie, Bertrand de Billy, Dirigent  Elbphilharmonie, Hamburg, 27. September 2026

Foto: Bertrand de Billy und Orchester © Andreas Ströbl

Zwei Liebeserklärungen an die eigene Heimat, von einem Böhmen und einem Bayern, erklangen am 27. September 2026 im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Aufgeführt von einem Schweizer Dirigenten, einem norwegischen Cellisten und einem norddeutschen Orchester – gesamteuropäischer ging es wohl kaum. Was den emotionalen Ausdruck anging, war das Ergebnis ausgesprochen unterschiedlich.

Elbphilharmonie, Hamburg, 27. September 2026

Antonín Dvořák, Cellokonzert h-Moll op. 104
Richard Strauss, Eine Alpensymphonie op. 64

Bertrand de Billy, Dirigent

Truls Mørk, Violoncello
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

von Dr. Andreas Ströbl

Ein sehr nachdenklicher Dvořák

Bekanntlich schrieb Antonín Dvořák sein Cellokonzert op. 104 im Winter 1894/95 mit massivem Heimweh im Herzen. Nach fast drei Jahren Aufenthalt in Nordamerika war die Sehnsucht nach der Heimat und seinen Kindern so überwältigend geworden, dass er seine Stelle am New Yorker Konservatorium aufgab und nach Prag zurückkehrte.

Die Interpretation von Truls Mørk unter der Leitung von Bertrand de Billy mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg hebt an diesem Sonntagvormittag ganz auf die melancholische Grundstimmung ab, die das Konzert zwar prägt, aber nicht unbedingt dominieren muss. Hat man beispielsweise das lyrisch-seelenvolle Spiel von Sheku Kanneh-Mason, in der Erinnerung, der vor zwei Jahren dieses Konzert ebenfalls in der Elbphilharmonie spielte, oder denkt man an Anastasia Kobekina, die das SHMF-Eröffnungs-Publikum vor drei Monaten in Lübeck mit einer vor Energie strotzenden, mitreißenden Interpretation begeisterte, dann erscheint im Vergleich die Wiedergabe des Norwegers ausgesprochen introvertiert und grüblerisch.

Zwar bricht sich der heroische Duktus des ersten Satzes gerade durch die kraftvollen Tutti-Passagen immer wieder Bahn, aber Mørks Cello bringt vor allem eine wehmütige Innerlichkeit zum Ausdruck. Die Flageolett-Töne klingen zwar rauh, aber eher wie harte Seufzer. Nach den rhythmisch angezogenen Stellen schlägt der Solist immer wieder einen ernsthaft-zurückgenommenen Ton an. Seidensamtig gestaltet er die zarten Aspekte, mit feinem Legato.

Dem entspricht das sensible Dirigat de Billys, das, bei aller fließender Geschmeidigkeit, im Tempo sehr gemessen ist. So entsteht das heimelig-versonnene Bild eines in der Fremde Sehnenden. Freundliche Blicke huschen zwischen Leiter, Orchestermitgliedern und dem Cellisten hin und her.

Zwar ist der Folgesatz durch eine deutliche Kantabilität bestimmt, aber hier wird dieser Gesang meist zu einem beschaulichen, zeitweise behäbigen Zwiegespräch mit sich selbst. Feinnervig gestaltet ist der Dialog zwischen Cello und Flöte. Nach zwischenzeitlichen dramatischen Passagen finden die Mitwirkenden schnell wieder zu einem würdevollen, zuweilen etwas altväterlichen Duktus zurück.

In leidenschaftlicher Entschiedenheit macht sich die Freude auf die lockende Heimat im Finalsatz Luft; die immer noch spürbare Wehmut ist nun stärker durchzogen von freudig-melodiösem Leuchten. Gerade die Triller wirken lebhaft und von der inneren Haltung her optimistisch-bewegt. Für die rhythmisch anspruchsvolle Melodieführung nehmen sich alle Mitwirkenden viel Zeit, das Finale strahlt dann in zuversichtlicher Freude.

Für den begeisterten Applaus mit vielen „Bravo“-Rufen bedankt sich Mørk mit der Sarabande aus Bachs 5. Cellosuite.

So kann es nicht weitergehen!

Leider ist dieser Einschub nötig, denn auch dieses Konzert wurde gerade in zwei Piano-Passagen empfindlich durch bimmelnde Mobiltelephone gestört. Von all den bellenden Hustern abgesehen (Hustenbonbons gibt es seit Jahren kostenlos an der Garderobe!), dem sofortigen Aufstehen mancher Konzertbesucher noch während der letzten Töne und einem langanhaltenden Störgeräusch durch die Lüftungsanlage oder ein anderes Gerät, war dieses Klingeln in höchstem Maße erneut respektlos gegenüber den Ausführenden und all denen, die diese Musik genießen wollten.

Offenbar hält nach wie vor ein Teil des „Elphi“-Publikums einen der wichtigsten Konzertsäle der Welt für so etwas wie einen erweiterten Freizeitpark. Die Ansage während des lauten Geraunes vor dem Konzert wirkt halbherzig, niemand hört mehr hin oder nimmt das ernst. Sinnvoller wäre eine neue, klare und vernehmbare Ansage nach dem Stimmen der Instrumente. Da sind alle still und können nochmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass spätestens jetzt die Telephone ausgestellt sein müssen. So jedenfalls kann und darf es nicht weitergehen.

Richard Strauss mit strahlendem Höhenerlebnis

„Gut, dass hier niemand zwischenklatschen kann!“, entfuhr es einer Konzertbesucherin vor dem zweiten Teil mit Richard Strauss´ „Alpensymphonie“. In der Tat wurde bei Dvořáks Cellokonzert wieder mal nach jedem Satz geklatscht, was dem Cellisten sichtlich Unbehagen bereitete, wenngleich er versuchte, stoisch zu bleiben. Auch das ließe sich durch eine Ansage regeln.

Dass dieses wie ein Gebirgsmassiv aufragende Werk mehr als die erhabene Beschreibung einer Bergwanderung ist, wird im gut gemachten Programmheft unterstrichen. „Wie du anfingst, wirst du enden“, hört man den Komponisten im Inneren aussprechen, und ja, die symphonische Wanderung beginnt in der geheimnisvollen moosgrünen Dunkelheit eines Tales und findet dort, gleichsam einer Rückkehr in den Schoß von Mutter Erde, ein sehr unspektakuläres Ende, im selben dunklen Tal mit einem lebensspendenden Bächlein zwischen uralten Steinen.

De Billys schweizerische Herkunft färbt diese Symphonie von Beginn an strahlend und majestätisch-hell; er kennt genau die großartigen Anblicke, die Strauss, um mit Mahler zu sprechen, da von den Bergen „wegkomponiert“ hat. Da geht nicht einfach die Sonne auf, sondern sie erblüht in leuchtendem Glanz. Stichwort Mahler: Der Musikkritiker Tim Ashley sieht in dem Werk eine deutliche Nähe des Münchners zu dem böhmischen Kollegen. Das Blechthema „Auf dem Gipfel“, das auch an „Also sprach Zarathustra“ erinnert, wird begleitet durch eine Art Sehnsuchtslied, das die Violinen anstimmen. Ein kleines Fünf-Ton-Motiv (zwei Schritte aufwärts, ein kleiner Sprung, und dann wieder ein Schritt hinab) lässt laut Ashley an das „Alma“-Thema aus Mahlers „Sechster“ denken. Beide Komponisten eint das Naturerlebnis, dessen tönende Umsetzung, und natürlich die Verbindung der äußeren Welt mit der Inneren. Mahlers sanfte Streicher und Strauss in jeder Hinsicht goldglänzendes Blech – das ist wie das Bild der beiden auf einer Wanderung in die Berge, die für beide so inspirierend waren, wohl auch im Blick auf ein Leben mit Höhepunkten, Abstürzen und ungewissem Ende.

Dirigent und Orchester schaffen es, Strauss´ Genie in der kompositorischen Malerei wirken zu lassen, etwa, wenn die Blumen in buntesten Farben auf den grünen Matten vom Sonnenlicht bestrahlt werden. Das satte Blech erzeugt stellenweise sogar Obertöne, die den Raumklang faszinierend erweitern. Lyrisch zeichnet die Klarinette ihre feinen Linien, und wundervoll gelingt die Übernahme des fallenden Themas von den Flöten zu den tieferen Holzbläsern.

Enthusiastischer Beifall beendet das Konzert mit seinen beiden so unterschiedlichen Gesichtern.

Dr. Andreas Ströbl, 28. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 9 Elbphilharmonie, 18. September 2026

SHM Festival, Kungliga Hovkapellet Stockholm, Alan Gilbert, Catherine Foster Elbphilharmonie, Hamburg, 18. August 2026

Wiener Symphoniker, Dirigent Petr Popelka, Strauss, Alpensinfonie Musikverein Wien, 26. Februar 2026      

https://klassik-begeistert.de/?s=Alpensinfonie

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