Premiere: Auch ein gedoppelter Holländer kann diese Aufführung nicht retten

PREMIERE +++ Der fliegende Holländer  Deutsche Oper Berlin, 24. Oktober 2026

Foto: Der Fliegende Hollaender (c) Matthias Horn

PREMIERE +++ Der fliegende Holländer +++ Deutsche Oper Berlin, 24. Oktober 2026

Der umtriebige Autor und Theatermann Milo Rau wurde für diese Neuinszenierung als Regisseur gewonnen, und scheiterte damit auf der ganzen Linie.

Richard Wagner
Der fliegende Holländer

Der Holländer  Tomasz Konieczny/Derek Welton
Senta  Aušriné Stundyté
Daland  Tareq Nazmi
Erik  Attilio  Glaser
Mary  Kai Rüütel-Pajula
Steuermann  Omar Mancini

Inszenierung  Milo Rau

Dirigentin  Giedré Šlekyté

Deutsche Oper Berlin, 24. Oktober 2026, Premiere

von Peter Sommeregger

Seine Idee, Wagners Drama um den fluchbeladenen Seefahrer mit der deutsch-israelischen Geschichte inhaltlich zu koppeln, war weder überzeugend, noch gut. In vorauseilender Vorsicht gab es schon am Eingang zum Opernhaus Taschenkontrollen.

Dem ersten und dritten Akt sind dann gesprochene Texte vorangestellt, die hier eigentlich nichts zu suchen haben. Als dann endlich die Musik beginnt, bleibt sie wegen der ständigen Reizüberflutung durch in Israel gedrehte Videos seltsam nebensächlich. Man wurde eingangs belehrt, dass der Holländer für die deutsche Schuld steht- deshalb hat man ihm eine Nazi-Uniform verpasst. Daland ist der Staatsgründer Israels- aus Respekt wird auf die Nennung des Namens Ben Gurion verzichtet. Senta ist der Staat Israel, und Erik steht für die Palästinenser. Wie schlecht diese Zuordnung funktioniert, zeigt sich im Verlauf der Handlung. Völlig unmotiviert wird Erik (der böse Palästinenser also) vor seiner zweiten Arie von Mary erschossen, muss sie dann sterbend singen. Senta erschießt sich am Ende selbst. Der Staat Israel opfert sich also für den schuldigen Deutschen?

Der Fliegende Hollaender (c) Matthias Horn

Viele Szenen sind peinlich bis zum Fremdschämen, einen Höhepunkt stellt der Chor der Spinnerinnen am Beginn des zweiten Aktes dar: diese sind als israelische Mannschaft der Olympiade 1972 kostümiert, Frau Mary schwenkt eine überdimensionale Israel-Flagge. Dieser ist es wohl geschuldet, dass das Publikum an dieser Stelle auf Missfallenskundgebungen verzichtet. Geschickt kalkuliert, Herr Rau!

Eine Personenregie findet nicht statt, die Sänger drängen ebenso wie der Chor beständig an die Rampe (Die Bühnentiefe wird ja für die ständigen Videoeinspielungen benötigt) und scheinen sich selbst überlassen. Einziger Lichtblick des Abends ist der kraftvolle Chor der Deutschen Oper, das konzentriert aufspielende Orchester unter der Leitung der Debütantin Giedré Šlekyté, die einen sehr guten Eindruck hinterlässt, aber am Ende schwer verständliche Buhs erhält.

Vokal ist der Abend ein Desaster. Bereits bei seinem Monolog im ersten Akt wird klar, dass Tomasz Konieczny indisponiert ist. Er rettet sich bis in das Duett im zweiten Akt, wo es einen fliegenden Wechsel zu Derek Welton in der Titelrolle gibt, der den weiter agierenden Konieczny von der Seite singend ersetzt.

Der Fliegende Hollaender (c) Matthias Horn

Tareq Nazmi kann als Daland weder stimmlich noch als Figur überzeugen, der Steuermann Omar Mancinis bringt für seine Rolle eine viel zu enge Höhe mit, passabel die Leistung von Kai Rüütel-Pajula als Mary. Das Ärgernis des Abends ist neben der Inszenierung die Senta von  Aušriné Stundyté. Ihr aufgerauter, schartiger Sopran hat erhebliche Intonationsprobleme, die hörbar hart erkämpften Spitzentöne sind kurz und schrill. Attilio Glaser singt einen engagierten Erik, sein Tenor bewegt sich in Richtung heldisches Fach, aber an der Phrasierung sollte er noch arbeiten.

Der Fliegende Hollaender (c) Matthias Horn

Was verärgert am Ende mehr? Die sachlich unscharfe Geschichtslektion, oder der Dilettantismus ihrer Umsetzung? Wahrscheinlich wusste das Publikum am Ende nicht, welchen Aspekt man ausbuhen sollte, und ließ es deshalb beinahe ganz bleiben. Oder war man durch das permanente Schwenken von Israel-Fahnen eingeschüchtert? Egal, diese Produktion gehört in den Abfallcontainer! Aber, Moment mal: es gab ja weder Kulissen noch Versatzstücke. Also sollte man wenigstens die nervigen Videos löschen.

Aviel Cahns Intendanz steht bisher unter keinem glücklichen Stern. Weder Stockhausens Monumentalwerk, noch dieser vergeigte Holländer können auf der Habenseite verbucht werden. Da sind auch die unkleidsamen „Blaumänner“ für das Hauspersonal, und ein neues, unübersichtliches Webdesign wenig hilfreich.

Peter Sommeregger, 25. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Inszenierung Philipp Stölzl MusikTheater an der Wien, 20. Oktober 2026

Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Oksana Lyniv Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026

CD-Besprechung: Richard Wagner, Der fliegende Holländer klassik-begeistert.de, 31. Juli 2025

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