Tosca in Berlin: Benjamin Bernheim brilliert als Cavaradossi

Giacomo Puccini, Tosca, Benjamin Bernheim  Berlin, Staatsoper Unter den Linden, 25. Oktober 2026

Benjamin Bernheim © Manon Leprévost

Berlin gönnt sich eine zweite Tosca. Nachdem die Deutsche Oper das Meisterwerk von Puccini wieder ins Programm genommen hat, zieht die Staatsoper nun nach. Die Wiederaufnahme der Inszenierung von 2014 wird in eine Familienvorstellung am Sonntagnachmittag gepackt.

So ziehe ich mit Ehefrau und 86-jähriger Mutter ins Parkett. Und wir fragen: Kann uns Tosca noch so sehr begeistern, dass sie zu einem Opern-Event wird, einem Fest der Sinne, das die Strahlkraft hat, der Tristesse des Berliner Herbstes die Stirn zu bieten?

TOSCA
Oper von Giacomo Puccini

Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica
nach dem Schauspiel „La Tosca“ von Victorien Sardou

Wiederaufnahme einer Inszenierung von Alvis Hermanis aus dem Jahre 2014

Tosca:  Aleksandra Kurzak
Cavaradossi:  Benjamin Bernheim
Scarpia:  Davide Luciano

Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung:  Alexander Soddy

Staatsoper Unter den Linden Berlin, 25. Oktober 2026

von Ralf Krüger

Irgendwann während des ersten Aktes hörte ich auf, die Übertitel mitzulesen. Außer einem kurzen Wer ist Wer zu Beginn, als ich auf Grund seiner Kleidung den Mesner mit dem Maler verwechselte, lag die Handlung wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir. Das Programmheft kündigte vier Todesfälle an. Drei davon würden wir live erleben, der vierte würde nur eine gesungene Nachricht wert sein. Die Handlung versprach ein Auf und Ab grenzenloser Eifersucht und unbändiger Liebe. Sie gipfelt in sexueller Gewalt im Verbund mit Folter und Erpressung. Klingt hart, aber wirkt banal und kann heute im Zeitalter des Internets niemanden mehr schocken.

Gäbe es da nicht diesen Tonsetzer aus Italien, der den Plot in Gewänder vollkommener, musikalischer Schönheit hüllte und gäbe es da nicht diesen lettischen Schauspielregisseur, der das Triviale der Geschichte ins Geniale zauberte, dann hätten wir in Berlin nicht diese Tosca.

Giacomo Puccini „traf“ Alvis Hermanis. Daniel Barenboim richtete die Musik ein. Das war vor 12 Jahren im Ausweichquartier der Staatsoper im Schillertheater. Gut 70 Vorstellungen später macht diese Inszenierung das Publikum im Stammhaus immer noch rasend vor Begeisterung. Schon aus Respekt vor den Sängern bin ich kein Freund davon, mitten in einem Opern-Akt zu klatschen. Aber auch ich wollte mich nicht zurückhalten und jubelte hemmungslos nach den Arien des Cavaradossi im ersten und dritten Akt und nach Toscas Lied bei Scarpia im zweiten Akt. Und vor der Pause, nach diesem wunderschönen Bild mit dem Chor, dem Kinderchor, alle in kirchliche Gewänder gehüllt und festliche Musik singend, war das Publikum sowieso komplett aus dem Häuschen. Die Frage war jetzt nicht, was holen wir zu trinken oder wo sind die kürzesten Schlangen vor den Toiletten, sondern: Wie geht es weiter? Und wird es in diesem Wahnsinns-Tempo und auf diesem hohen Niveau so weitergehen?

Wenn Eifersucht, diese „schmerzhafte Emotion“, wie sie Wikipedia nennt, einen Namen hat, dann lautet der: Floria Tosca! Die polnischen Sopranistin Aleksandra Kurzak singt und spielt die einzige Frauenrolle in dieser Oper und ihre Eifersucht glüht bis in die Haarspitzen. Als sie bemerkt, dass ihr Geliebter, der Maler Mario Cavaradossi, die Augenfarbe seines zu vollendenden Bildnisses der Maria Magdalena in blau getuscht hat und nicht im schwarzen Ton ihrer eigenen Iris, bekommt das Melodrama kurz einen komödiantischen Touch.

Aleksandra Kurzac © Slawek Przerwa

Der französische Tenor Benjamin Bernheim als Cavaradossi stielt im Sängerischen seiner Kollegin jedoch die Show. Wie er in seinen Liedern immer wieder die Stimme von unten nach oben schraubt, sie anhebt und damit des Publikums Emotionen in Schüben beeinflusst, ist für mich – mit Abstand – das Brillanteste an diesem Abend.

Die Inszenierung von Alvis Hermanis ist eingebettet in eine üppige Kulissenwelt mit analogem Grundgerüst und digitalem Bildnis oben drauf. So wie diese Dekoration dem Theaterbesucher ein behagliches Gefühl vermittelt (denn alles ist besser, als ein einziger Stuhl auf einer leeren Bühne), so sorgt der Regisseur dafür, dass die Handlung verständlich und die Charaktere klar gezeichnet sind. Die Personenführung ist so wunderbar gelungen, dass der Gast des Hauses sich ohne Ablenkung dem widmen kann, wofür er sein Ticket erworben hat, für eine Musik ohnegleichen.

Alexander Soddy, der britische Dirigent, deutet beim Schlussapplaus mit seinem Taktstock noch ein Zack-Zack-Zack an, soll heißen: Tempo und Dynamik bestimmten die Partitur – und sie ist bestimmt nichts für empfindliche Ohren.

Diese Tosca an der Berliner Staatsoper hat alles richtig gemacht. Gehe ich zu weit, wenn ich behaupte, wir alle haben sie im Freudentaumel verlassen?! Glücklich darüber, bei einem Opern-Event der besonderen Art dabei gewesen zu sein!

Ralf Krüger, 28. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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