„Tosca“ in der Staatsoper Unter den Linden: Sonja Yoncheva auf der Höhe ihrer Kunst

Giacomo Puccini, Tosca,  Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 3. Mai 2019

© Julian Hargreaves / SonyClassical, Sonya Yoncheva.
Staatsoper Unter den Linden, Berlin
, 3. Mai 2019
Giacomo Puccini, Tosca

 ”Tosca” in Berlin: In einem der schönsten Opernhäuser Deutschlands mit einer wunderbaren, fesselndenden Akustik – in der Staatsoper Unter den Linden. klassik-begeistert.de verfolgte eine Weltklasseaufführung mit drei hervorragend aufgelegten Hauptdarstellern. Diese ”Tosca” mit dieser Sonya Yoncheva (Tosca), diesem Teodor Ilincăi  (Cavaradossi) – was für eine gigantische Strahlkraft – und diesem Andrzej Dobber (Scarpia) ist eine Reise nach Berlin wert!

Der Berliner Blogger Anton Schlatz hat einige ganz hervorragende Beobachtungen gemacht. Wir erlauben uns ausführlich zu zitieren:

Tosca Yoncheva an der Staatsoper Berlin

”Nun singt Sonja Yoncheva auch so gut wie erwartet, und sie sieht jung und verführerisch aus. Die Yoncheva hat vieles: Farbe, pastose, cremige Mittellage, lyrische Üppigkeit. Von fehlender psychologischer Einfühlung, wie verschiedentlich bemängelt, höre ich nicht die leiseste Spur. Sie singt ohne jede aufgesetzte Theatralik (wie das Angela Gheorghiu gerne macht). Ja, in ausladenden großen vokalen Gesten klingt die Stimme nicht so natürlich, das gilt auch für die Spitzentöne in Vissi d’arte. Yoncheva ist eben kein geborener Spinto. Auch nicht vom Temperament her: im Hass auf Scarpia überzeugt sie nicht ganz. Dennoch: So sattschön in den beiden großen Duetten habe ich schon lange keine Tosca mehr gehört. Eifersüchtig im Andrea-della-Valle-Akt, zart im leidenden Piano im Farnese-Akt, freiströmend im trügerischen Traum von der Freiheit im Engelsburg-Akt. Einiges Lyrische habe ich nie gelungener gehört: sempre, con fe sincera, das ist dunkel und üppig abgetönt, mit verletzlichem Herzen gesungen. Yoncheva findet die richtigen Farben für Toscas Tragödie. Sie phrasiert mit Instinkt. Sie hat den tiefen, von innen leuchtenden Glanz. Kleine Anmerkung, die ihre Leistung nicht schmälert: Im 1. Akt ist sie oft ein Ticken langsamer als das Orchester.”

”Um Präsenz braucht Andrzej Dobber nicht zu fürchten, der ist mit allem ausgestattet, was ein Bösewicht braucht: Gefährlichkeit in der Stimme, bedrohliche Klangkraft, fieses Timbre. Darstellerisch freilich ist Dobber nicht so bissig wie vormals Michael Volle. Intrigant lauernd sein Singen im 1. Akt mit Tosca, fulminant ausdrucksstark in den zwei großen Ausbrüchen des 2. Akts.”

AutorInnen von klassik-begeistert.de haben haben den Star des Abends, die Bulgarin Sonya Yoncheva in der letzten Zeit mehrfach gehört – hier ihr Eindruck. Jedem Klassik-Liebhaber sei es empfohlen, diese Ausnahmesängerin baldmöglichst zu hören, da sie für eine gewisse Zeit von der Bühne verschwinden könnte: Sie ist erneut schwanger. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Dirigenten des Abends, Domingo Hindoyan, erwartet sie ihr zweites Kind. Im Herbst soll es zur Welt kommen, so die Operndiva.

Dr. Holger Voigt:„Für Sonya Yoncheva war es eine Zelebration ihres derzeitigen Stimmvermögens, eine Demonstration höchster Gesangskunst. Verblüffend, wie leicht ihr die hellen, hoch und beweglich angelegten Partien gelangen, wo doch ihre wahre Stärke in den „tiefer gelegten“ dramatischen Partien zu liegen scheint, deren Forte und Fortissimo-Anteile unvergleichlich kraftvoll von ihr gesungen werden können – hier scheidet sich ja oft die Spreu vom Weizen, und vielen anderen Sängerinnen geht dort die Luft aus.

Was Sonya Yoncheva hier erklingen ließ, hat eine nicht zu übertreffende Präsenz, Eindringlichkeit und Dramatik, wie man es früher nur bei einer Maria Callas hören konnte. Vergleiche mit früheren oder kontemporären Sängern und Sängerinnen sind immer arbiträr oder gar unfair, doch hier erinnert tatsächlich vieles an die große Callas.

Das Spannende wird sein, zu sehen, wie sich Sonya Yonchevas Stimme weiterentwickeln wird. Sie ist kein definitiver Mezzo, aber kann nach oben und unten eigentlich alles mit einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. Es ist unmöglich von dieser Stimme nicht gefesselt zu werden. Bravissima, Sonya!“

Peter Sommeregger: „Sonya Yoncheva gibt mit der Medea ein Rollendebüt und setzt damit einen weiteren Fuß ins dramatische Fach. Die Stimme ist hörbar groß geworden, erinnert in manchen Augenblicken sogar an das Timbre von Maria Callas, allerdings eher an die späte, bereits sehr gefährdete Callas. Yoncheva fehlt es nicht an der Kraft für die großen Bögen und Ausbrüche dieser Partie, aber in den exponierten Lagen gerät die Stimme doch etwas aus dem Fokus, da macht sich  ein gefährlich starkes Vibrato bemerkbar, einzelne Töne geraten dann eher unschön. Rollen dieses Kalibers sollte die Sängerin vielleicht nur in sparsamen Dosen singen.“

„Sonya Yoncheva als Desdemona ist für den lyrischen Part zuständig und erledigt ihre Aufgabe mit Bravour. Die Stimme klingt frei, gut fokussiert und auch in den heikelsten Passagen bombensicher. Ihr Sopran blüht im Lied von der Weide förmlich auf und setzt einen weiteren Höhepunkt des Abends. Yoncheva, die offensichtlich erneut Mutterfreuden entgegensieht, ist auf der Höhe ihrer Kunst.“

Yehya Alazem: „Wer könnte es glauben, dass man nach Maria Callas, die das Interesse für diese (leider vergessene) großartige Oper von Luigi Cherubini Mitte des 20. Jahrhunderts erweckte, etwas auf dem gleichen Niveau 60 Jahre später erleben könnte? Doch gibt es eine: Vom ersten bis zum letzten Ton verleiht die bulgarische Star-Sopranistin Sonya Yoncheva dieser Welt etwas PHÄNOMENALES. Ihre Darstellung der verrückten Frauenfigur Medea (Médée) ist sowohl gesanglich als auch darstellerisch wirklich kaum zu glauben.

Yoncheva hat ihr eigenes, persönliches Timbre, das dunkel, warm und rund ist, dazu kommt eine solide Höhe mit perfektem Vibrato. Die Stimme besitzt eine unglaubliche Intensität, Ausdruckskraft, Einfühlungsvermögen und klingt total unerschöpflich. Jeder Ton und jede Phrasierung ist im kleinsten Detail durchdacht, und alles kommt gerade vom Herzen heraus. Wie sie die mütterliche Leidenschaft, die Liebe und die glühende Rache sowohl musikalisch als auch dramatisch authentisch darstellt, ist unfassbar. Besser geht es einfach nicht: Sonya Yoncheva IST Medea.“

Maria Steinhilber: „La traviata, ‚die vom Wege abgekommene’ Violetta, singt die Bulgarin Sonya Yoncheva. Sie hat ein solches Volumen, dass sie gefühlt das ganze Orchester zusammen singen könnte. Der dramatische Koloratursopran steht ihr vorzüglich. Oft musste sie schon für Anna Netrebko einspringen und hat sich auch dadurch einen Namen auf den Bühnen der Welt gemacht. Ein starkes Vibrato schmückt ihre Stimme, und in den hohen Lagen hat sie eine wahnsinnige Ausdruckskraft.“

„Sonya Yoncheva zielt auf den Wesenskern einer Phrase. Sie hat eine weiche und füllige Mittellage, kräftig und dramatisch singt sie die tieferen Töne. Ihre Höhe ist intonatorisch perfekt und verfügt über eine große Strahlkraft – hier steht ein Weltstar auf der Bühne. „Meine Stimme ist eine mächtige Waffe“, sagt die Bulgarin, doch viel wichtiger ist ihr noch, die Geschichte ihrer Figur darzustellen. Und diese Violetta stellt sie wunderbar dar. Starke Frauen sind genau ihre Rollen! Violetta will eine tadellose Frau sein; auch wenn sie in der Gesellschaft eine „Halbwertdame“ ist, ist sie durchaus zu bewundern. Für ihre Liebe zu Alfredo verzichtet sie auf ihr bequemes Leben. Dieses Leistungsbewusstsein und sogleich die Leichtigkeit der Violetta singt und spielt Sonya an diesem Abend fantastisch – sie verdient durchaus die Bezeichnung ‚kleine Schwester der Netrebko’.“

Andreas Schmidt, 5. Mai 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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