Wagners Götterdämmerung „in historisch informierter  Aufführungspraxis“ hinterlässt in der Elphi einen zwiespältigen Eindruck

 Richard Wagner, Götterdämmerung, „The Wagner Cycles“  Elbphilharmonie, 26. Mai 2026

Das Dresdner Festspielorchester mit Olivia Vermeulen (Waltraute), Sophia Brommer (Gutrune), Patrick Zielke (Hagen), Young Woo Kim (Siegfried), Åsa Jäger (Brünnhilde), Marie-Luise Dressen (zweite Norn), Valentina Farcas (dritte Norn), Jasmin Etminan (erste Norn), Kent Nagano (musikalische Leitung) (Foto: RW)

Dem wohl intendierten Stil des schönen Singens kamen vor allem die Rheintöchter Ania Vegri, Ida Aldrian und Eva Vogel sowie der Bariton Johannes Kammler als Gunther nach. Young Woo Kim (Siegfried) und Åsa Jäger (Brünnhilde) verließen sich dagegen zu sehr auf ihre außerordentliche Schallkraft.

 Richard Wagner    Götterdämmerung „The Wagner Cycles“

Ein Projekt der Dresdner Musikfestspiele zur historisch informierten Aufführungspraxis

Dresdner Festspielorchester, Concerto Köln, Leitung Kent Nagano

Dresdner Festspielchor der Richard-Wagner-Akademie und Chor der Klangverwaltung

Internationales Musikfest Hamburg

Elbphilharmonie, 26. Mai 2026

von Dr. Ralf Wegner

Lang, lang ist es her: Die letzte Götterdämmerung wurde 2018 an der Hamburgischen Staatsoper gespielt, unter Kent Nagano mit einem herausragenden Andreas Schager als Siegfried. Seitdem besteht Ringabstinenz in Hamburg. Jetzt stand dieses riesige Werk in annähernd halbkonzertanter Fassung erneut auf dem Programm, wieder unter Kent Nagano, aber nicht in der Oper, sondern in der Elbphilharmonie. Das besondere sollte eine „historisch informierte Aufführungspraxis“ sein, also eine Aufführung, welche instrumentale und gesangliche Aspekte der Wagnerzeit in den Vordergrund stellt.

Kent Nagano hatte dafür zusammen mit dem Intendanten der Dresdner Musikfestspiele Jan Vogler ein Wagner-Projekt namens The Wagner Cycles initiiert, welches nach den Premieren in Dresden auch in anderen Städten zur Aufführung gelangt. Die Kritiken waren bisher eher überschwänglich. Vor allem wurden die Sprachverständlichkeit der Sängerinnen und Sänger sowie die mehr zum schauspielhaft-deklamatorischen hin verschobenen Gesangsleistungen gelobt.

Mein Eindruck wich hiervon doch etwas ab. Das mag auch an der speziellen Akustik in der Elbphilharmonie gelegen haben. Die Durchsichtigkeit und Klarheit der einzelnen Orchestergruppen sowie die Stereophonie des Orchesterklangs waren schon beeindruckend und überhaupt nicht vergleichbar mit dem dunkleren, wärmeren Mischklang in der Hamburgischen Staatsoper. Insoweit ist ein Abwägen der orchestralen Leistung des Dresdner Festspielorchesters mit den bisher in Opernhäusern gehörten Aufführungen der Götterdämmerung schwierig.

Johannes Kammler (Gunther), Olivia Vermeulen (Waltraute) und die Nornen Marie-Luise Dressen, Valentina Farcas sowie Jasmin Etminan (Foto: RW)

In dem Programmheft zur Aufführung in der Elbphilharmonie wird Richard Wagner zitiert, der schönen Gesang (Belcanto) bevorzugt hätte, im Gegensatz zum später üblichen „Bayreuther Bellen“ mit mehr oder weniger kontinuierlichem Vibrato, welches damals bereits als Tremolo aufgefasst worden sei. So hätten Aufnahmen von Lilly Lehmann, der Bayreuther Brünnhilde des Jahres 1896, die Merkmale des Belcanto mit vielfältigem Portamento-Einsatz („Anschwellen und Abschwellen der Stimme, im sanften Übergang und Verschmelzen einer Note in die nächste, voller Finesse und Ausdruck“) gezeigt.

Diesem Stil des schönen Singens kamen vor allem die Rheintöchter (Ania Vegri, Ida Aldrian, Eva Vogel) sowie der Bariton Johannes Kammler als Gunther nach. Young Woo Kim (Siegfried) und Åsa Jäger(Brünnhilde) sangen erfreulicherweise ohne störendes Vibrato, verließen sich aber zu sehr auf ihre außerordentliche Schallkraft, während sie dynamisch abgestufte Zwischentöne vermissen ließen.

Als Hagen war der Bass Patrick Zielke besetzt. Wenn man nicht wüsste, dass es sich bei dieser Rolle um eine Basspartie handelt, hätte man ihn im Vergleich mit dem volltönenderen Gunther ebenfalls für einen Bariton halten können. Zielkes Stimme mangelte es an klangvoller Breite, vor allem in der Tiefe, also auch an einer Art Orgelton mit der nötigen Bass-Schwärze. Deswegen war er als Hagen allerdings nicht weniger überzeugend. Statt mit stimmlicher Modulation gestaltete er den düsteren Charakter dieses eiskalten Nibelungensohns überzeugend mit deklamatorischen Mitteln, ganz im Sinne eines singenden Schauspielers.

Eva Vogel (Floßhilde), Ida Aldrian (Wellgunde), Ania Vegri (Woglinde), Kent Nagano und Daniel Schmutzhard (Alberich) (Foto: RW)

Daniel Schmutzhard oblag die kleine Partie des Alberich, Gutrune und Waltraute wurden mit schlanken Stimmen von Sophia Brommer und Olivia Vermeulen gesungen. Rollendeckend waren die drei Nornen besetzt (Jasmin Etminan, Marie-Luise Dressen, Valentina Farcas).

Im Vordergrund der Aufführung stand natürlich das Dresdner Festspielorchester unter der Leitung von Kent Nagano. Wer kann sich schon dem differenzierten Klangrausch, den der Saal in der Elbphilharmonie ermöglicht, entziehen. Wie auch sonst bei seinen früheren Hamburger Wagnerdirigaten waren es weniger die zum Teil auch harten dynamischen, die Orchesterleitung seiner Vorgängerin Simone Young kennzeichnenden Kontraste, sondern eher der weiche, sanfte Orchesterklang, mit dem er die Zuhörer betörte.

Trotz der hohen Außentemperaturen von ca. 30 Grad Celsius und dem frühen Beginn an einem Wochentag um 17 Uhr blieben in der Elbphilharmonie nur wenige Plätze unbesetzt. Nach der ersten Pause leerte sich das Haus etwas. Gemessen an der Dauer der Gesamtaufführung von knapp 6 Stunden (inklusive Pausen) und entgegen der Vermutung, dass sich zahlreiche, mehr an der Architektur des Innenraums interessierte Touristen als Wagnerianer im Hause befänden, waren am Ende immer noch ca. 80% der Plätze besetzt.

Großer Jubel und stehende Ovationen galten dem Orchester, dem blendenden Chor und den Protagonisten.

Geradezu zum Orkan schwoll der Jubel bei Auftreten von Patrick Zielke, Young Woo Kim und der darob emotional berührten Åsa Jäger an.

Dr. Ralf Wegner, 27. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner „Siegfried“ / Konzertant Cēsis Art Festival 2023

Siegfried, WWV 86C, konzertante Aufführung Musik und Libretto Richard Wagner Isarphilharmonie München, 03. Februar 2023

Richard Wagner, Die Walküre, Götterdämmerung, Christian Thielemann, Sächsische Staatskapelle Dresden, Anja Kampe, Stephen Gould, Georg Zeppenfeld, Elbphilharmonie Hamburg

RICHARD WAGNER, SIEGFRIED, Andreas Schager, Kent Nagano, Staatsoper Hamburg

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