Foto: Daniel Behle (c) Simon Pauly
Daniel Behle bringt Schuberts „Winterreise“ gemeinsam mit dem Oliver Schnyder Trio nach Zweisimmen. Dabei verschieben sich die Gewichte zwischen Dunkelheit und lyrischer Leichtigkeit – manches klingt plötzlich ganz anders, als man es gewohnt ist.
Gstaad Menuhin Festival 2026
16. Juli bis 5.September 2026
Kirche Zweisimmen, 14. August 2026
Daniel Behle, Tenor
Oliver Schnyder Trio
Andreas Janke, Violine
Benjamin Nyffenegger, Violoncello
Oliver Schnyder, Klavier
Franz Schubert, Die Winterreise, (Fassung mit Klaviertrio-Begleitung von Daniel Behle)
von Jürgen Pathy
Mittendrin statt nur dabei. Wenn man in Reihe 1 der Kirche in Zweisimmen sitzt, ist die Erfahrung eine andere. Das Cello klingt nicht nur, gefühlt spritzt einem das Kolophonium entgegen. Man sieht jede Furche, jede Unebenheit des edlen Instruments. Daniel Behle daneben steht die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Die Schweißperlen rinnen im Gesicht herunter, während er Schuberts „Winterreise“ durchlebt, statt nur zu singen. Das Arrangement stammt ebenfalls aus seiner Feder. Neben dem Cello verdeutlicht eine Geige den Fluss, der an einigen Stellen sonst zum Stillstand käme, wie er dazu erzählt. Daniel Hope, seit November 2025 neuer Intendant des Gstaad Menuhin Festivals, hatte ihn um ein paar Worte gebeten.
Im Vergleich zu den letzten zwei Winterreisen, die ich live erleben durfte, gibt es eine Konstante: Keine Interpretation entsprach der Norm, Sänger und Klavier also, wie es von Schubert auf Texte von Wilhelm Müller zu Blatt gebracht wurde. Florian Boesch hatte gemeinsam mit Malcolm Martineau zusätzlich eine Inszenierung hinzugefügt. Charly Hübner beim ION Musikfestival in Nürnberg hatte eine Nick-Cave-Underground-Version daraus gemacht.
Daniel Behle wäre alleine schon aufgrund dessen, dass er als Tenor diesen düsteren Zyklus interpretiert, vermeintlich gegen die Norm. Dabei hat nur die Interpretationspraxis den Bariton salonfähig gemacht. Schubert hatte die Winterreise ursprünglich für Tenor und Klavier notiert. Dass man dadurch mit einigen Herausforderungen konfrontiert sei, ist Behle klar. Für Tenor sei Schuberts „Müllerin“ besser geeignet, die tieferen Lagen einer Winterreise seien schon eine Herausforderung.

Das spürt man zum Ende des 24 Lieder fassenden Zyklus am meisten. Während „Das Wirtshaus“ und „Die Nebensonnen“ gerade bei der tieferen Stimme eines Baritons ihre volle Düsternis entfalten, lässt die tenorale Leichtigkeit wiederum andere Stellen markant in den Mittelpunkt rücken. Das „Irrlicht“ und die „Rast“ gestaltete der 52-jährige Hamburger enorm geschmeidig, dabei nie gleichförmig. Gerade Behles Gespür in der abwechslungsreichen Linienführung und die lyrische Gestaltung heben diese Lieder Nr. 9 und Nr. 10 zu ungeahnter Wirkungskraft. Ebenso sticht der Satz „Wein‘ auf meiner Hoffnung Grab“ in diesem kultivierten Ausdruck hervor. Das ist der letzte Satz aus dem Lied „Letzte Hoffnung“.
Das zeigt, dass Behle sich intensiv mit dem Text auseinandergesetzt haben muss und bewusst die Aufmerksamkeit auf bestimmte Szenen lenkt, die ich sonst nicht so auf dem Radar hatte. Mein Fokus lag bislang immer auf drei, vier Liedern: „Wirtshaus“, „Nebensonnen“, „Frühlingstraum“ und „Lindenbaum“, weil diese mitunter am schwersten auf dem Rücken lasten. Sie gießen die Sehnsucht des Wanderers nach dem Tod am nächsten in eine musikalische Stimmung. Behle sieht das hörbar anders. Weniger schwer, alles etwas hoffnungsvoller.
Dass auch noch ein Bösendorfer-Flügel mit im Spiel ist, geht manchmal in dieser Vierer-Konstellation unter. Oliver Schnyders kultivierter, flüssiger Anschlag sticht dadurch wiederum bei zwei Liedern extrem hervor: „Der greise Kopf“ und „Der Lindenbaum“, womit ich mich in meiner Vorstellung wiederfinde. Der Lindenbaum mit seinen horizontalen Ästen spiegelt eines wider: Der Wanderer spekuliert mit dem Selbstmord durch den Strang. Das muss man spüren und tut man hier zumindest auch.
In Summe eine Interpretation, die vom Gesang, vom Duktus an den Interpretationsstil der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnert. Teilweise aus der Zeit gefallen, manieristisch, aber mit Recht auch so wieder hörbar gemacht zu werden. Vor allem, weil die neue instrumentale Gangart für Abwechslung und Überraschungen sorgt.
Ein Konzept, das Alt und Neu verbindet und somit die Vielfalt der Klassik zeigt. Zum letzten Mal, wie Behle betont. In dieser Version wolle man die Winterreise nicht wieder live darbieten.
Das Publikum steht im wahrsten Sinne des Wortes dahinter: Standing Ovations und Blumen zum Schluss.
Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 15. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at