Der Stoff, aus dem Musik gemacht ist

Matinée des Jeunes Etoiles: Nicolas Namoradze,  Gstaad Menuhin Festival & Academy, 28. August 2021

Der junge Pianist und Komponist Nicolas Namoradze begeisterte im Matinée-Konzert beim Gstaad Menuhin Festival. Foto: © Nathan Elson

„Er nimmt sich die Freiheiten, die er benötigt, die die Musik ihm gestattet. So entspinnt sich ein Dialog zwischen Interpret und Werk, wird der künstlerische Prozess nachvollziehbar. Das macht Nicolas Namoradzes Bach-Interpretation so ungemein fesselnd.“

Gstaad Menuhin Festival & Academy
Kapelle Gstaad, 28. August 2021

Matinée des Jeunes Etoiles: Nicolas Namoradze, Klavier

von Leon Battran

Nachdem die portugiesische Pianistin Maria João Pires am Vorabend ein klassisch-romantisches Rezital in der Kirche Saanen gespielt hatte, stand auch der kommende Vormittag beim Gstaad Menuhin Festival wieder ganz im Zeichen pianistischer Klangkunst. Im Rahmen der Konzertreihe „Jeunes Etoiles“ gab es ein Stelldichein mit dem jungen Pianisten Nicolas Namoradze. Dieser spannte den Bogen weiter, von der Barockmusik Johann Sebastian Bachs hin zur musikalischen Moderne, die sich schon bei Liszt andeutet und heute eindrucksvoll in Gestalt eines Zyklus von Etüden repräsentiert ist, den Nicolas Namoradze an diesem Vormittag nicht nur am Klavier interpretiert, sondern auch selbst komponiert hat.

Der erste Konzertteil widmet sich aber zunächst dem klassischen Werkekanon. Die Art und Weise, wie Nicolas Namoradze die Allemande aus Bachs „Französischer Suite d-Moll“ spielt, ähnelt dem Umgang mit einer langjährigen Freundin, deren Befindlichkeiten, Launen und Eigenarten er genau kennt und schätzt. Bachs Musik lässt er fließen, arbeitet sorgsam die vielen reizvollen Details heraus und sorgt so immer wieder für spannende Momente: wenn er in der Sarabande auf den spannungsvollen Zusammenklängen einen Moment verweilt, wenn er die Bassstimme im Menuet I aufmüpfig hervortreten lässt oder wenn er hier und dort eine passende Verzierung hinzufügt.

Aus Nicolas Namoradzes Spiel sprechen große Liebe und Respekt für Bachs Musik, deren kontrapunktische Struktur er wissend transparent und hörbar macht – glücklicherweise, ohne vor ihr zu buckeln. Er nimmt sich die Freiheiten, die er benötigt, die die Musik ihm gestattet. So entspinnt sich ein Dialog zwischen Interpret und Werk, wird der künstlerische Prozess nachvollziehbar. Das macht Nicolas Namoradzes Bach-Interpretation so ungemein fesselnd. Nicht mehr und nicht weniger als die reine Musik steht hier im Mittelpunkt.

Der Pianist und Komponist Nicolas Namoradze wurde 1992 im georgischen Tiflis geboren. Aufgewachsen ist er in Budapest, wo er auch seine musikalische Ausbildung begann. Es zog ihn nach Wien, Florenz und schließlich an die renommierte Juilliard School in New York, wo er bei dem Pianisten Emanuel Ax und dem Komponisten John Corigliano studierte.

An Selbstbewusstsein scheint es Nicolas Namoradze jedenfalls nicht zu mangeln, wenn er sein eigenes kompositorisches Schaffen direkt in die Tradition Johann Sebastian Bachs stellt. So nutzt er Bachs „Kunst der Fuge“ geschickt als Übergang: Den Schlussklang des Contrapunctus VII blendet er lückenlos in seine Etüde V über, die den Titel „Entwined Threads“ („Verflochtene Fäden“) trägt.

Was in Bachs Musik an Theorie und Abstraktion steckt, nimmt Nicolas Namoradze zum Anlass, sein Augenmerk auf das Tonsystem an sich, auf den Stoff, aus dem Musik gemacht ist, zu richten. Klanggewordene Erkenntnis präsentieren die sechs präzisen kleinen Stücke. Dabei widmet sich jede Etüde einem bestimmten musikalischen Aspekt: Es geht um gebrochene Akkorde, um Durskalen, um Spiegelungen – anders als in Bachs Musik gehen Nicolas Namoradzes Etüden aber klanglich auf Abstand zur klassisch-harmonischen Tonalität.

Rund 60 Personen sind an diesem Vormittag in der Kapelle Gstaad versammelt (mehr dürfen gemäß dem Hygienekonzept des Festivals nicht hinein). Nicolas Namoradze lässt seine Zuhörerinnen und Zuhörer bereitwillig an seinem musikalischen Gedankenspiel teilhaben, lässt sie zu Ohrenzeugen werden: So klingt es, wenn Nicolas Namoradze über das Wesen der Musik sinniert.

Bei Ferruccio Busonis Bearbeitung von Bachs „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ lässt sich anschließend ein wenig entspannen, bei Franz Liszts „Totentanz“ ob virtuoser Variationskunst staunen.

Eine ereignisreiche Matinée, die wie alle Konzerte der Reihe „Jeunes Etoiles“ unter Gstaad Digital Festival allen Neugierigen zum Nachhören kostenfrei zur Verfügung steht.

Leon Battran, 31. August 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Maria João Pires, Rezital, Gstaad Menuhin Festival & Academy, 27. August 2021

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