Foto: Benjamin Bruns © Andreas Ströbl
Der Tenor Benjamin Bruns (Jahrgang 1980) begann seine Laufbahn als Alt-Solist im Knabenchor Hannover, seiner Heimatstadt. Er absolvierte eine private Gesangsausbildung bei Peter Sefcik und studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg bei Renate Behle. Bruns sang zunächst lyrische Partien, wie Mozart-Rollen, und wechselte erfolgreich zu heldischen Partien wie Max (Der Freischütz), Florestan (Fidelio) oder Lohengrin. Der Sänger tritt weltweit an großen Häusern auf, darunter an der Bayerischen Staatsoper, der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin, der Metropolitan Opera in New York sowie bei den Bayreuther Festspielen. Benjamin Bruns ist ebenso als gefragter Oratorien- und Liedsänger in bedeutenden Konzertsälen aktiv und arbeitete mit renommierten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern zusammen.
Das Gespräch führten Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl
„…ich habe alle Kontinente durch bis auf die Antarktis“
klassik-begeistert: Lieber Benjamin, vor 20 Jahren haben wir in der Küche einer gemeinsamen Freundin in Bremen Bach-Kantaten gesungen. Vor kurzem trafen wir uns in Bayreuth. Was ist zwischendrin passiert?
Benjamin Bruns: Damals war ich in Bremen fest engagiert, dann ging ich nach Köln und Dresden, jeweils für eine Spielzeit. Von da bin ich direkt nach Wien gegangen, wo ich zehn Jahre bis 2020 Ensemblemitglied war. Als freischaffender Sänger komme ich ziemlich herum. Ich war oft in Japan, auch in Amerika, Australien; ich habe alle Kontinente durch bis auf die Antarktis.
klassik-begeistert: Aber das kommt noch.
Benjamin Bruns: Wenn die da ein Opern- oder Konzerthaus hinbauen, dann gerne auch.
klassik-begeistert: Und wie ist es in Bayreuth?
Benjamin Bruns: Da ist es sehr bodenständig und das macht das auch so angenehm. Es ist eine sehr familiäre Atmosphäre, weil allen klar ist, wir sind hier im Urlaub. Das will man sich angenehm gestalten. Stress haben wir während der laufenden Spielzeit eh genug. Ich denke, das ist ein Punkt, den die Festspielleitung immer verstanden hat, dass niemand gezwungen ist, hierherzukommen. Man lebt nicht von der Hand in den Mund, aber reich wird man dort auch nicht. Das macht man wirklich, weil einem was an der Sache liegt und weil man gerne hier ist.
klassik-begeistert: Hast du denn auch mit Katharina Wagner zu tun?
Benjamin Bruns: Natürlich, man trifft sie immer, weil sie quasi omnipräsent ist. Absolut unkompliziert im Umgang. Wenn man sie irgendwo in der Kantine trifft oder wo auch immer, ein kurzer Klönschnack ist immer drin.

klassik-begeistert: Es ist ja auch dein zweites Mal in Bayreuth, wieder der Holländer. Du bist aufgestiegen vom Steuermann zum Erik. Weitere Perspektive?
Benjamin Bruns: Wenn es sie gäbe, dürfte ich nicht darüber sprechen.
klassik-begeistert: Was sagst du zu Tchnerniakovs psychoanalytischem Ansatz im Bayreuther „Holländer“?
Benjamin Bruns: Das Psychogramm, was Tschernjakow da auf die Bühne bringt, ist wirklich hochinteressant, weil es tatsächlich mal was Neues ist. Diese Schwedenkrimistil ist zwar nicht so mein Ding, aber er passt mit dem Psychogramm zusammen; das ist schon ein geschlossenes System und damit ein Gesamtkunstwerk. Es ist zwar schwierig, sich selber darin zu finden, wenn es ein anderer Kollege angelegt hat. Aber da hatten wir eine tolle Arbeit mit unserem Regieassistenten, sodass da auch ein Stück Benni Bruns drin ist.
klassik-begeistert: Und die Zusammenarbeit mit Elisabeth Teige?
Benjamin Bruns: Wir haben vorher schon zusammen gesungen, das macht die Sache deutlich einfacher. Was für mich schwer war, ist, dass der Ansatz dieser Partie bei Tcherniakov ein anderer ist, als ich den mir so immer vorgestellt und sonst gespielt habe. Er ist bei ihm viel defensiver. Ich spiele ungerne Waschlappen. Ich finde, die Figuren müssen sich aneinander reiben. Und das war ein spannender Prozess bei den Proben, dass wir dahin kamen, dass das für beide Seiten funktioniert. Denn ich möchte natürlich auch der Regie Genüge tun. Das war eine gute Arbeit.
klassik-begeistert: Man hatte ja den Eindruck, dass du Senta gleich eine langst. Und dann verpasst sie dir eine Ohrfeige, und zwar hörbar.
Benjamin Bruns: Darauf hat Tcherniakov bestanden. Aber ganz im Ernst, darauf würde ich auch bestehen. Eine Bühnenohrfeige gibt´s nicht. Entweder man macht´s, oder man macht´s nicht. Elisabeth hat sich auch jedes Mal fünfmal entschuldigt. Nein, das ist schon in Ordnung.
klassik-begeistert: Beim Open-Air-Konzert hast du auch Stolzing, Lohengrin und Tristan gesungen. Wäre der Tristan eine Option für dich?
Benjamin Bruns: Für den würde ich mir gerne noch Zeit lassen. Den Stolzing singe ich allerdings im kommenden März in Stuttgart. Lohengrin habe ich in Salzburg, München und Berlin gemacht, Parsifal in Hamburg. Aber jetzt konzentriere mich jetzt erstmal auf den Münchner Siegfried im „Ring“ von Tobias Kratzer, der jetzt ansteht, auf den Stolzing, und schließlich auf den Götterdämmerungs-Siegfried. Dann kommen auch noch so ein paar andere schicke Partien, die nicht von Wagner sind, aber auch ins dramatische Fach gehören. Da würde ich mich gerne erst mal ein paar Jahre umtun, bevor ich mich dann an den Schluss-Strich dieses Repertoires begebe, weil ich glaube, nach Tristan kann eigentlich nicht mehr viel kommen. Wenn der Münchner Siegfried vorbei ist, gibt es ein bisschen Mendelssohn und danach ein Weihnachtsoratorium.
klassik-begeistert: Du bist sehr gefragt.
Benjamin Bruns: Ich kann mich nicht beschweren, der Kalender ist gut gefüllt. In dem Fach muss man aber aufpassen, dass es nicht zu viel wird, man braucht längere Erholungsphasen. Der stimmliche Anspruch, den das so rein physisch hat, an die Stimmbänder selbst, ist nicht zu unterschätzen. Das kann man gar nicht früh genug lernen.
klassik-begeistert: Stimmt es, dass Bach und Mozart die Stimme gesundhalten?

Benjamin Bruns: Ja, das ist schon so. Vor allem hält es eine Stimme flexibel und gesund, weil du den Bach einfach ganz anders singen musst, nämlich viel fokussierter. Da kannst du auch viel kleiner und feiner arbeiten, was auf der Opernbühne oft gar nicht geht, weil du 100 Mann im Graben sitzen hast, die ordentlich Lärm machen. Und bei Bach sitzen im Zweifel halt nur drei Mann hinter dir, das ist ein ganz anderer Zugang zur Musik.
klassik-begeistert: Das verzeiht nichts!
Benjamin Bruns: Richtig. Es zeigt dir sofort, siehst du, da hättest du vorgestern beim Siegfried mal ein bisschen aufpassen sollen, dann wäre dir der Ton jetzt besser gelungen. Und deswegen kämpfe ich dafür, dass ich auch weiter noch den Bach singen darf.
„Man kann nur nach Perfektion streben…“
klassik-begeistert: Siehst du dich selbst sehr kritisch?
Benjamin Bruns: Ich weiß schon, wenn was nicht gut war, aber das muss man als Momentaufnahme akzeptieren. Man kann nur nach Perfektion streben; sie wirklich zu erreichen in der Oper, das ist ganz selten. Das alles lebt ja auch davon, dass das immer so ein bisschen imperfekt ist. Deswegen stört mich, dass heutzutage quasi alles mitgeschnitten wird, es wird gestreamt, es wird gesendet. Man ist nicht mehr so frei. Früher konntest du einfach mal Dinge auf der Bühne ausprobieren, in dem vollen Bewusstsein, dass das jetzt auch mal nicht so gut sein kann. Das hat vielleicht im Publikum niemand gemerkt. Aber auf einem Mitschnitt kriegt es natürlich auch Lieschen Müller mit. Man singt dann eher auf Sicherheit und riskiert nichts.
klassik-begeistert: Und wenn dir dann noch die Regie aufdrückt, irgendwas zu machen, was eigentlich gar nicht geht…
Benjamin Bruns: Ein bisschen Werktreue wäre schön, Interpretation hin und her. Aber es gibt gewisse Dinge, die müssen einfach stimmen. Das hat mich mal bei einer Produktion gestört, dass mir quasi verboten war, irgendeine Form von Beziehung zu den anderen handelnden Personen auf der Bühne aufzubauen. Ich sollte einfach nur still da in der Ecke sitzen, alles im Sitzen oder im Knien singen und bloß nicht die Leute angucken, mit denen ich zu tun habe. So funktioniert Oper nicht. Dann muss ich sagen: „Thema verfehlt, setzen, sechs!“
Dass wir neben allem, was wir sonst noch leisten müssen, auch noch über eine Interpretation nachdenken müssen, das soll uns die Regie eigentlich abnehmen. Nur pfropfen sie uns oft völlig fachfremde Dinge auf, die wir dann tun müssen, die aber mit dem Stück gar nichts zu tun haben, die zum Teil ja das Singen fast unmöglich machen. Also, Kopfstände oder Purzelbaumschlagen beim Singen. Und da ist es an der Zeit, dass wir wieder eine Kaste von Regisseuren heranziehen, die verstehen, dass das, was wir da machen, Hochleistungssport ist. Da kann ich nicht noch rumkraxeln.
Was mich auch stört, ist die oft fehlende Ästhetik. Wir haben in der Oper die schönste Musik. Und dann die hässlichsten Bühnenbilder in 450 Jahren Oper! Ausgerechnet heute mit den modernen Materialien können wir alles auf die Bühne bringen. Und was fällt ihnen ein? Waschbeton und anthrazitfarbener Anzug.
Dazu kommt, dass heute der Sänger überhaupt nicht mehr im Mittelpunkt steht. Da werden einfach irgendwelche Kostüme entworfen, in die wird man reingestopft, egal, ob du gut da drin aussiehst oder nicht. Mein Verständnis ist, dass ein Kostümbildner eigentlich dafür sorgen soll, dass wir halbwegs anständig aussehen. Heute ist es oft so, dass sie dich so hässlich wie möglich machen.
klassik-begeistert: Oder, beim diesjährigen Bayreuther „Ring“, ohne jegliche Individualität.
Benjamin Bruns: Auch das! Einmal war eine Kostümbildnerin völlig entgeistert, als ich auf ihre Frage, was ich denn zum Kostüm sage, meinte: „Entschuldige bitte, der Name meiner Partie ist der Kaiser. Und ich sehe aus wie ein Müllmann.“ Das macht uns den Beruf nicht einfacher. Denn natürlich sind wir zum Teil auch wegen der hübschen Barockfummel ans Theater gegangen. Wir wollen das alle mal anziehen. Ich kenne keinen Menschen, der im Theater arbeitet, der so was nicht gerne anhätte. Wir machen doch Theater fürs Publikum, nicht für uns und vor allen Dingen nicht als Katharsis oder als Therapie-Ersatz für einen durchgeknallten Regisseur.
klassik-begeistert: Aber es gibt doch auch gutes Regietheater!
Benjamin Bruns: Ja, unbedingt. Wir haben in Bremen damals einen „Zar und Zimmermann“ auf die Bühne gebracht. Modernes Regietheater, aber richtig gut. Holzschuhtanz mit einem einzigen Paar Holzschuhe! Herrlich, die Inszenierung gehört mit zu dem Besten, was ich in meiner ganzen Karriere miterleben durfte! Der Regisseur hat das das Stück und die Musik wirklich verstanden. Mir rennen aktuell viel zu viele Regisseure durch die Gegend, die keine Musik lesen können. Wie kann ich denn eine Oper inszenieren, wenn ich den großen Teil dessen, was da vor sich geht, nicht nachvollziehen kann? Denn das meiste passiert innerhalb der Musik, nicht im Text. Da haben wir ja schon eine Interpretation drin.
klassik-begeistert: Und dann kann man eben auch den Sängerinnen und Sängern etwas zutrauen. Ich zitiere Wieland Wagner: „Was brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich eine Astrid Varnay habe!“.
Benjamin Bruns: Ja, genau. Manchmal reicht die Präsenz einer Person auf der Bühne aus. Dann leuchtet man noch hübsch aus und mehr braucht man nicht. Wir sind natürlich auch verdorben durch die modernen Medien, also Kino und Fernsehen. Es muss immer was passieren, es muss sich immer irgendwas bewegen auf der Bühne. Aber moderne Regisseure kriegen das so oft nicht hin, und du darfst nicht ein einziges Mal einen retardierenden Moment haben, das finde ich ganz schwierig. Ich kann mich an alte Inszenierungen erinnern, da durfte auch mal Stillstand sein. Wenn da einfach jemand in der Mitte steht und seine Arie gut singt, dann spricht die Musik, das muss nicht bebildert werden.
klassik-begeistert: In diesem Sinne, lieber Benjamin, vertrauen wir auf die Kraft der Musik – und derer, die sie so plastisch erlebbar machen, wie du!
Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl, 25. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Interview mit Benjamin Bruns, Wiener Staatsoper, 20. Januar 2020
Auf den Punkt 99: Der fliegende Holländer Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026
Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Oksana Lyniv Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026
Das ist ein wirklich lesenswertes Interview mit einem Sänger, der die Probleme vieler Inszenierungen zusammenfasst. Ich fühlte mich bei den Zitaten an den gerade gesehenen Hamburger Don Giovanni erinnert: Hässliches Bühnenbild, hässliche, unkleidsame Kostüme. Und es musste immer etwas passieren, es musste sich immer etwas bewegen auf der Bühne. Und wenn jemand in der Mitte stand und seine Arie gut singt, dann spricht die Musik, und man muss als Publikum dabei nicht von Scheinwerfern geblendet werden. Benjamin Bruns hat Recht, Oper passiert innerhalb der Musik, nicht im Text.
Ralf Wegner
Sehr schönes Interview mit einem offenbar ausgesprochen sympathischen und bodenständigen Künstler. Und so viel Wahres über den Opern(Regie-)alltag, das ich aus eigener Erfahrung heraus nur unterschreiben kann!
Sibylle Eichhorn